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Waldseemüller-Karten

Franz Georg Kaltwasser, ehemaliger Direktor der BSB, geht am Samstag in der FAZ (15.2., S. 38 ) unter dem Titel Taufschein in ausgesprochen drolliger Form auf die frühen kartographischen Zeugnisse für die Bezeichnung „Amerika“ ein. 2001 wurde ja die in der Waldburg-Wolfeggschen befindliche Weltkarte des oberrheinischen Geographen Martin Waldseemüller an die Library of Congress verkauft, was heftigen Protest auslöste (wir berichteten). Kaltwasser sagt, das um 1900 entdeckte Wolfegger Exemplar entstamme vermutlich nicht der Erstausgabe der „Cosmographiae Introductio“ von 1507, sondern sei ein etwas später angefertigter Probedruck – in der Tat hat E. Harris (in: Imago Mundi 1985) überzeugend dargelegt, dass es aus druckgeschichtlichen Gründen nicht vor 1515 gefertigt sein kann (Nachweis). Waldseemüller und Matthias Ringmann feierten den Florentiner Amerigo Vespucci in ihrer Cosmographia (Seitenfaksimile in einem Aufsatz The Naming of America): „Nun sind aber die Erdteile umfassender erforscht,
und ein anderer vierter Erdteil ist durch Americus Vesputius entdeckt worden. Ich wüÃ?te nicht, warum jemand mit Recht etwas dagegen einwenden könnte, diesen Erdteil nach seinem Entdecker Americus, einem Mann von Einfallsreichtum und klugem Verstand, Amerige, nämlich Land des Americus, oder America zu nennen; denn auch Europa und Asia haben ihren Namen nach Frauen genommen. Seine Lage und die Gebräuche seines Volks sind aus den zweimal zwei Reisen des Americus leicht zu erfahren.“
Kaltwasser skizziert die Geschichte der zwei erhaltenen Globensegmente, die zum Ausschneiden und Aufkleben auf einen Globus gedacht waren. Auch auf ihnen erscheint der Name America. Die eine Weltkarte gelangte über den Besitz des Fürsten von Liechtenstein in Vaduz 1954 in die James Ford Bell Collection der Universität Minnesota (sehenswerte Dokumentation mit Abbildungen). Die andere, eingebunden in eine Ulmer Ptolemäus-Ausgabe, war im 18. Jahrhundert Teil der Sammlung des Grafen Christian Ernst zu Stolberg-Wernigerode, kam über Moskau und Schlesien 1960 an Hans Peter Krauss und konnte 1990 für die Bayerische Staatsbibliothek erworben werden. Kaltwasser hätte jedoch zur Kenntnis nehmen sollen, dass in der Grimmelshausen-Bibliothek Offenburg 1992/93 ein drittes Exemplar entdeckt worden war (Nachweis 1, Nachweis 2).

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