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Mélac als chauvinistisches Feindbild

„Melac auf der Burg von EÃ?lingen“. Unter diesem Titel zeichnete 1847 ein Stuttgarter Schüler von Albert Schott d.J. aus der IX. Klasse namens Pewnitzky eine Version der von G. Grimm in den Esslinger Studien 1979 ausführlich erörterten Sage vom Esslinger Mädchen auf (WLB Stuttgart, Cod. poet. et phil. qt. 134 Bd. 1, Bl. 141-143). Aus AnlaÃ? der Bereitstellung dieser lesenswerten Abhandlung im Goethezeitportal (PDF) spendieren wir aus Klaus Graf, Sagen rund um Stuttgart, Karlsruhe 1995 (derzeit zum Sonderpreis von EUR 6.90 verramscht), S. 130f. Nr. 151 den Volltext der G. Grimm unbekannten Sagenaufzeichnung: „Als der französische General Melac mit seinen Mordbrennerschaaren die Stadt EÃ?lingen besetzt hielt, faÃ?te er zu der schönen Tochter des damaligen Bürgermeisters eine heftige Liebe, die aber von seiten des Mädchens nicht erwidert wurde. Melac drohte daher, als seine schamlosen Anerbietungen von der ehrbaren Patricier Familie beharrlich zurückgewiesen wurden, die fernere Weigerung des unschuldigen Mädchens mit der Plünderung und Einäscherung der Stadt zu bestrafen. Durch diese barbarische Drohung wurde endlich das keusche Fräulein vermocht, sich dem rauhen Krieger zur Befriedigung seiner viehischen Wollüste zu überliefern. Sie gieng deshalb eines Abends in seine Wohnung, die er zu seiner persönlichen Sicherheit in jenem über der hohen Burgmauer sich erhebenden, weithin sichtbaren Hause gewählt hatte, und als er im Begriffe stand, ihre Jungfräulichkeit zu verletzen, führte sie mit dem Dolche, den sie zu dem Behufe bei sich trug, einen kräftigen StoÃ? gegen seine Brust, die aber wegen des unter dem weiten Oberkleide befindenden Panzers nicht verletzt wurde. Hierüber bestürzt nahm das muthige Mädchen um ihre Unkeuschheit nicht zu überleben, zu dem Giftfläschchen ihre Zuflucht, welches zu ähnlichen Zwecken im Kleide versteckt worden war. In Folge dieses Gifttrankes starb das schöne Mädchen. Böse Träume und die heftigsten Gewissensbisse hatten von dieser Zeit an den besonders für die Rheingegenden so furchtbaren Mordbrenner der nächtlichen Ruhe beraubt und ihn vermocht, mit seinen ausschweifenden Schaaren abzuziehen. In Folge dieses Abzugs sey auch die Stadt EÃ?lingen von vielen Plünderungen der zügellosen Truppen verschont geblieben. Seitdem, setzt die Sage hinzu, laufe Melac mit zwei Wölfen (er besaÃ? wahrscheinlich zwei Hunde, die mit diesen Thieren einige Ã?hnlichkeit gehabt haben mögen) in der Burg, der Geist aber jenes aufopfernden Mädchens bewache von dieser hohen Warte aus die errettete Vaterstadt. (151) Die Geschichte vom „Mädchen von EÃ?lingen“ kursierte in etlichen Versionen und literarischen Gestaltungen. Aus Akten des Jahres 1689 geht hervor, daÃ? eine Pfarrerstochter tatsächlich ein uneheliches Kind von dem französischen General Mélac bekam. Mélac soll sie mit Gewalt genommen haben. Rund hundert Jahre später erscheint die älteste Fassung der Ã?berlieferung im „Schwäbischen Archiv“ von 1790: das Mädchen soll sich zum Wohl der Stadt aufgeopfert haben. In Gustav Schwabs Ballade von 1816 wird das Mädchen von dem Franzosen dagegen nicht angetastet und behält ihre Unschuld. Spätere Fassungen bevorzugten dagegen ein tragisches Ende und lassen das Mädchen sterben, sei es durch die Hand Mélacs, sei es durch die eigene Hand.

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