Seit der Wikimania-Konferenz war in den groÃ?en Medien nie so viel über die Wikipedia zu lesen wie dieser Tage. Kein Wunder: Die Wikipedia ist schon viel zu populär und zu angesehen, um auf dem umkämpften Medienmarkt nicht instinktiv als eine harte neuartige Konkurrenz betrachtet zu werden. Das führt dazu, das alle kleineren und gröÃ?eren Probleme der Wikipedia gerne und ausführlich publizistisch begleitet werden, insbesondere dann, wenn es Anzeichen dafür gibt, daÃ? die Wikipedia ihren “Fehler” endlich einsieht und berichtigt. Und dieser Fehler ist aus Sicht vieler Journalisten ihre maximale Offenheit, die aber
nun mal das Wesen der Wikipedia ist und auch ihren Erfolg erklärt.
So stützte sich ein groÃ?er Teil des Medienechos nach der Wikimania auf ein ins Englische zurückübersetztes Wales-Interview der Süddeutschen, aus der hervorging, Wales wolle der Wikipedia eine “stabile”, vor Bearbeitungszugriffen “geschützte” Version zur Seite stellen. Das beruhte zwar auf einer Fehlübersetzung, aber Reuters Korrekturmeldung war von den meisten Medien, die die offenbar langersehnte Kurskorrektur bereits vermeldet hatten, ignoriert worden. (Auch und gerade in Deutschland war die Wikipedia bereits zur Ordnung gerufen worden; ja es gibt sogar ein Weblog, das sich eigentlich ausschlieÃ?lich daran abarbeitet.) Alles in allem ist die journalistische Kritik der Wikipedia natürlich lesenwert und wichtig – wie langweilig wäre es, bestünde das Echo auf ein so avanciertes Projekt nur aus seinen Fans bei der Zeit oder beim Guardian.
Auf einer soliden Grundlage steht Bernd Graffs Artikel Unleserlicher Mist, der auf der Titelseite des heutigen Süddeutsche-Feuilletons die letzte Krise der Wikipedia und die Konsequenzen daraus diskutiert. Er zieht aus dem ganzen Vorgang den SchluÃ?: Es sei nicht auszuschlieÃ?en, daÃ? “die Krise von Wikipedia symptomatisch ist für die Grenzen der sozialen Software überhaupt”. DaÃ? Wikipedia vier Monate lang Plattform zur Verbreitung eines Rufmords war ist in der Tat ein Problem, das mit dem Prinzip der maximalen Offenheit und der GröÃ?e des Projekts zu tun hat, und insofern mittelbar auch mit der speziellen Ausprägung der Wikipedia als Social Software. Ohne das relativieren zu wollen möchte ich jedoch daran erinnern, daÃ? die Wikipedia gerade im Umgang mit den Problemen der Konstruktion eines gemeinsamen Texts Stärken und Ideen hervorgebracht hat, die in einem geschlosseneren, kontrollierten Konzept nie entstanden wären. Oder, um in den Worten von Jon Udell zu sprechen: “(Much) knowledge is (…) inevitably prone to bias and dispute. Wikipedia’s greatest innovation is arguably the framework it provides to mediate the social construction of knowledge, advocate for neutrality, accommodate dispute, and offer a path to its negotiated resolution.” Diese Stärke offenbart sich jedoch nicht nur in technischen und organisatorischen Konzepten, sondern auch in der persönlichen Erfahrung des Mitschreibens an einem gemeinsamen Text, die sich quasi als Wiki-Weisheit kondensiert, oder einer Social Literacy, wie Ulises Ali Mejias das nennt.
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8.12.2005 um 00:18 Uhr
Das ganze ist wohl doch eher der durchsichtige Versuch einiger mit der Schere im Kopf geborener Mainstream-Journalisten, die lästige Graswurzel-Konkurrenz zu diskreditieren. Vielleicht spekulieren sie ja auch auf neue Jobs für Ihre gefährdete Zunft, etwa als âprofessionelleâ, âunabhängigeâ, âneutraleâ âEditorenâ der ach so tendenziösen Wikipedia?
Bei Wikipedia wird jedenfalls endlich deutlich, was Profi-Journalisten immer zu verstecken versuchen: neutrale Berichterstattung ist an sich eine Illusion. Im Wiki werden die Auseinandersetzungen um die ârichtigeâ Darstellung, also die soziale Konstruktion der Wirklichkeit, wenigstens öffentlich ausgetragen.
In Mainstream-Publikationen wie der Süddeutschen Zeitung – auch wenn sie unter diesen noch eine meiner liebsten ist – findet diese Konstruktion verdeckt und lange im Vorfeld statt, nämlich systemimmanent in der Ausbildung und bei der späteren Auswahl der Journalisten für das jeweilige Blatt und dessen Kundschaft, der Werbebranche.
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8.12.2005 um 20:16 Uhr
Es ist wirklich unglaublich, was mancherorts über die Wikipedia geschrieben wird, ich kanns kaum fassen. Bisheriges Highlight (ohne daß ich jetzt systematisch alles zu dem Thema gelesen hätte): Giga. In der US-Wikipedia dürften, so heißt es, anonyme Nutzer keine Artikel mehr bearbeiten. Auch wenn dies “bislang nur die englische Ausgabe der Wikipedia” betreffe sei “diese Limitierung der erste Schritt der Verantwortlichen gegen fehlerhafte Informationen”… Wie sähe dann wohl der zweite Schritt aus? Nur noch “Holger” von der Giga-Redaktion Falschmeldungen schreiben zu lassen? Als einzige Quelle scheint eine Meldung im heise-newsticker verwendet worden zu sein. Wenn die wenigstens korrekt wiedergegeben worden wäre…
29.1.2006 um 14:45 Uhr
Während die Wikipedia vor 2 Jahren noch überall hoch gepriesen und promotet wurde, wird heute immer mehr Kritik an der freien Online-Enzyklopädie laut. Abgesehen von ihrer völligen Ungeeignetheit sie als Hilfe bei akademischen Arbeitne zu verwenden, lässt ihre Seriösität immer mehr nach. Während es Anfangs strikte Regeln gab, was aufgenommen wird und was nicht, werden diese jetzt immer mehr aufgeweicht.
Ich möchte dies am Beispiel der Vereinsartikel erläutern:
Ursprünglich galten nur Vereine mit eindeutig überregionaler Bedeutung als enzyklopädiewürdig und wurden aufgenommen (z.B. der 1.FC Bayern München), Artikel zu kleineren Vereinen wurden grundsätzlich gelöscht. Dann wurden Artikel über einzelne Feuerwehren angelegt, die zwar zur Löschung vorgeschlagen, dennoch behalten wurden.
Inzwischen gibt es genaue Regelungen welche Feuerwehren aufgenommen werden sollen und welche nicht, die die Vereinsregelung umlaufen. An diese Regeln hält sich aber ohnehin niemand, so dass JEDE Feuerwehr sich inzwischen mit einem Artikel in der Wikipedia verewigen kann (Tipp an alle Feuerwehren: Das ist eine gute Möglichkeit zur Öffentlichkeitsarbeit!) – diese werden wohl zwar zur Löschung vorgeschlagen, dann aber vehement verteidigt und letztlich behalten.
Dieses Beispiel lässt sich auf fast alle Sachverhalte übertragen, so dass die Wikipedia dem Titel der Enzyklopädie nicht mehr gerecht wird. Es handelt sich vielmehr um eine Sammlung von wahl- und sinnlos zusammengetragenem Wissen, bei der Quanität der Qualität und Seriösität vorangestellt wird.
29.1.2006 um 18:17 Uhr
Hallo!
1. Das Argument, die Wikipedia enthalte zu viele Artikel, hat mir ehrlich gesagt nie so ganz eingeleuchtet. Mit zunehmendem Umfang mag das Qualitätsgefälle zwischen den Artikeln zunehmen; es wird vermutlich auch schwieriger, stets alle relevanten Querbezüge zwischen den Artikeln zu berücksichtigen etc. Aber grundsätzlich: Ist es nicht sogar wünschenswert, wenn eine Enzyklopädie möglichst umfangreich ist? Und ist das nicht gerade ein besonders schöner Aspekt des Webs, daß es die materiellen Grenzen gedruckter Werke überwinden hilft?
2. Mir ist nicht klar, warum das quantitative Wachstum der Wikipedia dazu führt, daß die Qualität der Wikipedia “immer mehr abläßt” (?). Was ist das Argument, wo soll da der Zusammenhang bestehen?
29.1.2006 um 19:07 Uhr
Die Problematik besteht (in diesem Zusammenhang) in zwei Punkten:
1. Die Zahl von extrem kurzen und qualitativ schwachen Artikeln steigt überproportional zu der interessanter, guter Artikel. Sie wirken sozusagen “verdünnend”, d.h. die Qualität nimmt verhältnismäßig ab.
2. Das viel größere Problem besteht darin, dass die Autoren der Wikipedia immer mehr Details ihrer Hobbys einbauen (d.h. Artikel über ihre Straße, ihren noch so kleinen Wohnort, ihr Sportverein, ihre Schule, ihre Feuerwehr anlegen und ausschmücken). Dadurch entstehen in diesen Bereichen zwar gute Artikel, deren Detailvielfalt jedoch niemand wirklich interessiert. Umgekehrt wird an wirklich interessanten, spannenden, relevanten und anspruchsvollen Theman kaum noch weiter gearbeitet. Das lässt in meinen Augen die Seriösität schwinden.
29.1.2006 um 20:07 Uhr
“Bei der lexikalischen Zusammenstellung all dessen, was in die Bereiche der Wissenschaften, der Kunst und des Handwerks gehört, muß es darum gehen, deren gegenseitige Verflechtungen sichtbar zu machen, und mit Hilfe dieser Querverbindungen die ihnen zugrunde liegenden Prinzipien genauer zu erfassen und die Konsequenzen klarer herauszustellen; es geht darum, die entfernteren und näheren Beziehungen der Dinge aufzuzeigen, aus denen die Natur besteht und die die Menschen beschäftigt haben, [...] ein allgemeines Bild der Anstrengungen des menschlichen Geistes auf allen Gebieten und in allen Jahrhunderten zu entwerfen.”
Denis Diderot (1713-1784): Encyclopédie ou dictionnaire des sciences, des arts et des metiers, par une société des gens de lettres [Enzyklopädie oder Auf Vernunftkenntnis gegründetes Lexikon der Wissenschaften, der Kunst und des Handwerks, herausgegeben von einer Gesellschaft von Gelehrten]. 17 Foliobände, ersch. zw. 1751 und 1772. Aus: “Prospectus”, 1750. Zit. nach: Kindlers Literaturlexikon, 1974; Bd. 8, S. 3096
“Personen jeden Standes werden hier etwas finden, um sich auf amüsante Weise zu bilden. Das Buch verlangt keine fortlaufende Lektüre; man kann es vielmehr aufschlagen, wo man will, und findet etwas zum Nachdenken. Die nützlichsten Bücher sind ja die, zu denen der Leser die Hälfte beiträgt: die Leser entwickeln die Gedanken, zu denen man ihnen den Keim liefert; sie berichtigen, was ihnen fehlerhaft erscheint; sie verstärken durch eigene Öberlegungen, was ihnen schwach erscheint.”
Voltaire (1664-778): Dictionnaire philosophique portatif [Philosophisches Taschenwörterbuch], 1764. Aus: Vorwort der Amsterdamer Ausgabe des “Protatif”, 1765. Zit. nach: Rolf Eigenwald: Lexikon. Stichwort im “Lexikon” der Festschrift “250 Jahre Christianeum”, 1988. S. 247
NOCH FRAGEN?
29.1.2006 um 23:50 Uhr
Der selbst ernannte Qualitätskritiker hat auch ARCHIVALIA gleichlautend zugespamt. Mir gehen die Löschungen in der Wikipedia oft zu weit, engstirnige Ignoranten hauen raus, was sie nicht kennen in der Absicht, das einbändige Handbuch des Baumschulwissens zu schreiben. Kritiker dieses Ansatzes wie der Benutzer Jeanpol (seines Zeichens deutscher Professor) werden nicht ernst genommen. Wieso das neueste Handymodell in der Wikipedia sein darf (und ganz viele Pornosternchen, soweit sie einen Preis bekommen haben), lokal bedeutsame Vereine oder Vereine mit ansprechenden Artikeln aber nicht, sehe ich nicht ein.
30.1.2006 um 00:26 Uhr
“Wenn wir von den Enzyklopädisten reden hörten, oder einen Band ihres ungeheuren Werkes aufschlugen, so war es uns zu Mute, als wenn man zwischen den unzähligen bewegten Spulen und Weberstühlen einer großen Fabrik hingeht und vor lauter Schnarren und Rasseln, vor allem Aug und Sinne verwirrenden Mechanismus, vor aller Unbegreiflichkeit einer auf mannigfaltigste in einander greifender Anstalt, in Betrachtung dessen, was alles dazu gehört, um ein Stück Tuch zu fertigen, sich den eigenen Rock verleidet fühlt, den man am Leibe trägt.”
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) im 11. Buch “Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit” (1814) zu Diderots Enzyklopädie.