Renzo Davoli, Professor an der Universität Bologna, betreibt eine Online-Bibliothek der besonderen Art, den OSZoo. Gesammelt, geordnet und zur Verfügung gestellt werden darin komplett mit Software ausgestattete und sofort lauffähige Betriebssysteme. Einzige Voraussetzung ist die Installation einer kostenlosen Emulationssoftware auf Open-Source-Basis, QEMU.
Innerhalb des laufenden eigenen Betriebssystems kann damit nahezu jedes beliebige Betriebssystem als “Gastsystem” gestartet werden. Dieser Gast lebt in einem eigenen Fenster und kann je nach Konfiguration auf Hardware- oder Netzressourcen des “Wirtssystems” zugreifen.
Die Analogie zwischen dem Betriebssystem-Zoo und einer digitalen Bibliothek ist weit hergeholt? Mag sein, aber aus mindestens fünf verschiedenen Gründen ist diese Ressource dennoch von groÃ?em Interesse für Bibliothekare:
- Emulation als Archivierungsstrategie.
Wie läÃ?t sich die Funktionsweise einer Software nachvollziehen, die für Betriebssysteme oder Computerprozessoren geschrieben wurde, die heute nicht mehr hergestellt werden? Ohne Emulatoren wie QEMU wird sich die Archivierung mancher digitaler Objekte irgendwann kaum noch sicherstellen lassen. (Siehe auch die einschlägige Quellensammlung bei nestor und den Ã?berblicksartikel bei Wikipedia.) - Förderung der E-Literacy.
Ein unverzichtbares Moment beim Verstehenlernen von Software ist die eigene praktische Erfahrung. Durch Emulation ist es heute mit vergleichsweise geringem Aufwand möglich, Betriebssysteme und fertig eingerichtete Programme auszuprobieren und gegebenenfalls sogar anschlieÃ?end dauerhaft in Gebrauch zu nehmen. - Förderung freier Software.
Es mag zunächst als Einschränkung erscheinen, daÃ? der OSZoo ein reiner Free OSZoo ist. Die Emulationssoftware läuft zwar auch unter Microsoft Windows oder auf Apple Macintosh-Rechnern, aber wenn man ein unfreies Betriebssystem wie Windows emulieren möchte (also als Gast auf dem eigenen PC laufen lassen will) wird man im OSZoo natürlich nicht fündig, sondern muÃ? das virtuelle System selbst installieren. Andererseits: Wer muÃ? dieses nahezu omnipräsente System schon noch ausprobieren? Dank Emulation ist es jetzt aber wesentlich einfacher geworden, Alternativen kennenzulernen. - Einfache, freie, sofort verfügbare E-Learning-Umgebungen.
Lassen wir hierzu einmal die OSZoo-Site selbst zu Wort kommen:The idea underlying FreeOSZoo is that every Human Being should have equal learning rights. With FreeOSZoo, in a matter of minutes, every teacher around the world is able to download a Free Operating System, together with a large number of Free Software and use them for teaching purposes on existing computers. Because of the large number of Free Software, probably more than 30.000 matures projects, FreeOSZoo suits nearly every teaching purposes, from teaching two year old children to giving University courses.
- Simulation als Experimentier- und strategisches Planungsinstrument.
An Bibliotheken und allen anderen Orten, an denen mit Computern und Software gearbeitet wird, muÃ? ausprobiert werden. Das klingt banal, aber gerade bei vernetzten Ressourcen, auf die von verschiedenen Rechnertypen, Betriebssystemen oder Browsern aus zugegriffen wird, steigt der Aufwand für dieses Ausprobieren oft sehr rasch an. Beliebige Systeme ausprobieren, bedenkenlos auch Fehlkonfigurationen machen, sogar mehrere untereinander vernetzte Systeme parallel auf einem Rechner auprobieren zu können – all das kann dabei helfen, diesen Aufwand in den Griff zu bekommen.
Habe ich einen Grund vergessen?
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