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LMU-Publikationen bei Connotea erschlossen - Modell für eine zeitgemäße Strategie

Sonntag, 30. April 2006 | Autor: Lambert Heller

Ich habe dazu bisher weder eine offizielle Presserklärung noch einen Weblog-Beitrag o.ä. gefunden, aber beim Herumstochern in den Connotea-Bookmarks fällt rasch auf, daß zwischen 10. und 21. April unter dem Benutzernamen ubm ein sehr großer Teil der Publikationen vom digitalen Hochschulschriftenserver der LMU dort gebookmarkt worden sind. Enthalten sind neben URL, Autorennamen, Titel und ggf. Reihenname und -nummer auch englischsprachige Schlagwörter, selbstverständlich in Form von Tags. Ein Tag “LMU” ist immer enthalten, das hatte mich aufmerksam gemacht. Die LMU hat auf ihrem Eprints-Server also nicht nur das Connotea-Tool installiert, sondern kümmert sich auch selbst um das Einspeisen der Dokumente.

Die universitären Dokumentenserver in München und Freiburg waren bereits bei der Einführung von RSS-Feeds durch die Belieferung mit interessanten Zusatzinformationen aufgefallen: FreiDok sortiert seine Feeds nach Kategorien, die LMU liefert einen kurzen beschreibenden Untertitel in den RSS-Items mit. Tags machen die Sache natürlich noch flexibler als starre Kategorien. So führt mich beispielsweise http://www.connotea.org/tag/economics+LMU+television unweigerlich auf eine Seite mit den wirtschaftswissenschaftlichen Dissertationen aus der LMU, die unter “television” verschlagwortet sind, und selbstverständlich kann ich diese Liste dann auch als RSS-Feed abonnieren.
Die Münchner Idee gibt insofern ein prima Beispiel ab für die vielfältigen Synergien und Effekte, die sich aus der Verzahnung zwischen “originären” Nachweissystemen und benutzer-zentrierten Bookmarkingdiensten ergeben. Neben dem “Ousourcing” an einen beweglicheren, benutzerfreundlicheren RSS-Service, dessen Inanspruchnahme den Webservern der LMU nicht zur Last fällt, erhöht sich auch allgemein die Sichtbarkeit der Publikationen.
Aber dies kann noch mehr sein als eine One-Way-Maßnahme im Sinne traditionellen Wissenschaftsmarketings. Denn Dienste wie Connotea sind ja dazu da, daß sich ihre Benutzer eigene öffentlich sichtbare Sammlungen aufbauen. Das Einspeisen der LMU-Dokumente ist insofern nur ein erster Schritt in einem konversationsartigen Geschehen. Was ist von diesem Geschehen zu erwarten?

  • Autoren der LMU-veröffentlichten Beiträge können sehen, wie oft ihre Publikation gebookmarkt wird. Ego-Feeds (nicht abwertend gemeint), Popularitätsvergleiche etc. sind möglich. Das ist sozusagen ein quantitativer Aspekt.
  • Qualitativ: Man sieht, wer die jeweiligen Dokumente zusammen mit welchen anderen Dokumenten unter welchem Tag verbucht hat. Diese Kontextuierung kann sehr aussagekräftig sein. Vielleicht wird die Dissertation des Ökonomen über das Fernsehen, Beispiel oben, in zwei Jahren überraschenderweise von Medienwissenschaftlern gebookmarkt, von denen die Arbeit unter einem neuen Aspekt entdeckt wird. (Und vielleicht wird sich dieses neue Interesse in einem Tag über Medienökomie ausdrücken, auf den die Schlagwort-Experten an der LMU oder anderswo noch gar nicht gekommen waren.)
  • Der größere Kontext ist jedoch der Übergang zwischen Archivierung und Peer-to-peer-Kommunikation. Bookmarks sind keine Publikationen, sie sind nicht mal Literaturnachweise innerhalb fertiger Publikationen. (Nicht zwingend jedenfalls; vermutlich werden wir in absehbarer Zeit auch Publikationen erleben, deren Quellenverzeichnisse wahlweise auch unter einer BibSonomy- oder Connotea-URL abgerufen werden können, aber das nur am Rande.) Sie sind vielmehr eine transitorische Kennzeichnung des Interesses an einer Quelle. Evtl. geht diese Quelle später in eine eigene Arbeit ein, vielleicht aber auch nicht - das weiß der Bookmarkende zum Zeitpunkt des Abspeicherns selber noch nicht. Genau wie jemand, der ein Weblog schreibt, archiviert er öffentlich den Gang seiner Beobachtungen; del.icio.us und Co. haben in dieser Hinsicht nur die psychologische Hürde ein wenig gesenkt. (Der Satz “Ich schreibe jetzt ein Blog” klingt existentiell-bedeutsam im Vergleich zu “Ich bookmarke jetzt”.) Bloggen und erst recht Social Bookmarking eröffnen dem recht starren Duo Autor-Rezipient den Raum für eine direkte Konversation entlang solcher transitorischer Kennzeichnungen und selbstvergebener Schlagworte (oder, im Falle der Blogs, kurzer Texte). Diese Konversation ist in der virtuellen kollaborativen Lese- und Schreibwerkstatt ein wichtiges Stück Inneneinrichtung.

Von dem “einschließenden Archivieren” der Vergangenheit haben sich viele Dokumentenserver-betreibende Hochschulen leider noch nicht ganz gelöst; die starke Präferenz für das PDF-Format beispielsweise zeugt davon. Und die Sorge um “Qualitätssicherung” macht mancherorts blind gegenüber neuen Plattformen, die das kollektive Erschließen und Weiterbearbeiten durch die Informationsbenutzer selbst ermöglichen.
Wer ahnt, daß im Web gerade eine neuartige Produktionsumgebung für Wissenschaftsinformationen entsteht, wird das Innerste seiner Archive nach Außen krempeln. Er wird die traditionelle Erschließung der Publikationen nicht etwa einstellen, sondern sie weiterführen und in die konversationsförmige Erschließung seitens der interessierten Öffentlichkeit (Stichwort “Tagging”) einfließen lassen. Er wird sich von der Sorge um das “digitale Vergessen” nicht lähmen lassen, sondern die entwickelten Instrumente nutzen, um Fertiges in genau dieser Form zu erhalten, seinen Fokus jedoch vom bloßen Erhaltenwollen abwenden und sich statt dessen darum bemühen, daß seine Schätze möglichst ungehindert in das Ökosystem der Wissenschaftsinformation zurückfließen, verändert und so produktiv gemacht werden.
Über die kulturkonservative Furcht davor, alles Erreichte den Abgründen der Un-Qualität des Internets preiszugeben oder es zu vergessen werden wir, gerade in Deutschland, sicherlich noch Jahre lang immer wieder zu diskutieren haben. Praktische Beispiele wie das der LMU-Bibliothek, die zeigen, wie wenig hier verloren geht und wie viel zu gewinnen ist, sind in diesem Zusammenhang von nicht zu unterschätzender Bedeutung.

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Thema: Bibliothek, Hochschule, WWW

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Ein Kommentar

  1. Netbib Weblog über die Connotea-Anbindung des Dokumentenservers der UB

    Lambert Heller hat im Netbib Weblog einen lesenswerten Beitrag über die Anbindung unseres Dokumentservers an Connotea veröffentlicht. Er berichtet dort recht ausführlich über die Vorteile dieser neuen Art der Beschlagwortung.

    In ei…