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Folksonomies – das Gegenteil von Datensilos

Patrick Danowski und Jason Fowler machen auf primo, eine neue Software fuer bibliothekarische Suchportale von der Firma ExLibris, aufmerksam. In der verlinkten deutschsprachigen Praesentation ist ausfuehrlich von Tagging die Rede (z.B. auf den Folien 12 und 20), u.a. lehnt man sich explizit an Dienste wie del.icio.us an. Was dann in einem primo-Screenshot auf Folie 36 dargestellt wird laesst jedoch Schlimmes befuerchten.

ExLibris beabsichtigt offenbar nicht, die Verwendung der bereits existierenden, grossen Plattformen wie del.icio.us (eine Million Benutzer) oder Connotea zu unterstuetzen, sondern regt vielmehr die Bildung zahlreicher voneinander getrennter Datensilos an. Der Benutzer soll sich offenbar damit abfinden, nur diejenigen Medien taggen zu koennen, die er in der primo-Installation seiner Bibliothek findet. Benutzer anderer Bibliotheken sollen seine Tags nicht sehen oder verwenden koennen. Das Anlegen solcher Datensilos steht im scharfen Widerspruch zum ganzen Sinn und Zweck sogenannter Folksonomies, wie ich in den beiden folgenden Absaetzen kurz erlaeutern moechte.

Der Begriff Folksonomy setzt sich zusammen aus Folks (Leute) und Taxonomy. Die beiden zentralen Strukturelemente von Folksonomy-Systemen sind Tagging und ‚Instant Feedback‘ (erstmals Udell 2004). Tagging ist bekanntlich die regellose Vergabe von Schlagworten durch jeden einzelnen Benutzer. Instant Feedback bedeutet, unmittelbar zusammen mit dem zu verschlagwortenden Item alle Tags sehen zu koennen, die bisher fuer das jeweilige Item vergeben worden sind. Diese Feedbackschleife hat zwei Wirkungen. Sie bewirkt einereits eine zusaetzliche Erleichterung des Taggens durch leicht zu uebernehmende Vorschlaege, und andererseits einen ’stillen Dialog‘ zwischen den Teilnehmern der Folksonomy. Die permant sichtbaren Tags lassen erkennen, wie populaer oder unpopulaer bestimmte Konzepte unter den Teilnehmern gerade sind, und ermoeglichen eine – mehr oder weniger bewusst vollzogene – Adaption, Ablehnung oder Veraenderung dieser Konzepte.

Inwieweit der Instant Feedback, das zweite zentrale Strukturelement von Folksonomies, tatsaechlich die oben skizzierte Wirkung entfaltet, haengt vor allem von einer einzigen kritischen Groesse ab, der Anzahl der Teilnehmer der jeweiligen Folksonomy. Eigentlich liegt es auf der Hand: Wenn ich eine etwas abseitige Informationsquelle tagge, ist die Wahrscheinlichkeit, dass bereits Tags anderer Teilnehmer vorhanden sind, in einem System mit einer Million Teilnehmern wesentlich groesser als in einem System mit tausend Teilnehmern. Hier geht es – ohne so etwas genau ausrechnen zu koennen oder zu muessen – um Unterschiede in der Groessenordnung; Metcalfe’s Law zufolge waechst der Nutzen eines Netzwerks mit der Zahl der moeglichen Beziehungen zwischen allen Teilnehmern.

(Siehe auch meine Praesentation fuer die SUB Goettingen, insbesondere Folie 8 zur Rolle des Feedbacks und Folien 13-15 zu Metcalfe’s Law.)

Man kann daher nur abwarten, ja hoffen, dass ExLibris nochmals die Funktionalitaet der Tagging-Funktion im neuen Produkt primo ueberdenkt, den drohenden Irrweg der Tagging-Datensilos meidet und den Bibliotheksbenutzern statt dessen den Zugang zu vorhandenen, teilnehmerstarken, reichhaltigen Folksonomies eroeffnet.

Uebrigens kann man sich natuerlich ein Datenaggregat wuenschen, das nur die Tags, Kommentare etc. der lokalen Benutzer enthaelt. Dies ermoeglicht separate Anwendungen wie beispielsweise eine „Tag Cloud“ fuer den eigenen Medienbestand – aber es schliesst sich keineswegs mit der Verwendung grosser offener Plattformen aus. Wir hatten in diesem Zusammenhang bereits auf Diigo hingewiesen. Diigo bietet fortgeschrittene Tagging-Anwendungen an, die Benutzer koennen ihre Diigo-Daten jedoch im Hintergrund mit ihrem del.icio.us-Account synchronisieren lassen.

Autor: Lambert Heller

Librarian 2.0, interested in knowledge management, publishing and communities on the web. Likes Open Access / Open Data. Hannover, Germany.

3 Kommentare

  1. Sehr geehrter Herr Heller, mit Interesse habe ich Ihren Beitrag gelesen. Sie haben das Ex Libris Produkt „Primo“ über die von Ihnen referenzierte Power Point von mir bewertet. Hierzu möchte ich im Moment an dieser Stelle lediglich sagen, dass zu den in der Power Point genannten Schlagworten die Erläuterungen und Einordnungen meines Vortrags fehlen und somit nur bedingt aussagekräftig ist bzw. Rückschlüsse, wie Sie sie ausführen, nur eingeschränkt zulässt. Allerdings freuen wir uns bei Ex Libris über das Feedback und die Resonanz, die Primo generell in diesen Tagen erfährt. Eine Bestätigung für uns, dass die Bibliothekswelt einen dramatischen Wandel erlebt. Ich habe Ihre sehr interessanten Anmerkungen an unser Product Management für Primo weitergeleitet. Die Antwort werde ich gerne hier posten. Viel interessanter, sinnvoller und letztlich auch fruchtbarer wäre für uns jedoch ein direkter persönlicher Gedankenaustausch/Diskussion mit Ihnen. Sehr gerne würde ich Sie persönlich dazu zu uns nach Hamburg einladen. Ich habe ebenfalls dem von Ihnen genannten Patrick Danowski ein solches Treffen vorgeschlagen. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mit mir Kontakt aufnehmen und unser Gesprächsangebot annehmen, da wir jede Anregung und Kritik sehr ernst nehmen und begrüßen, insbesondere im jetzigen Entwicklungsstadium von Primo. Die Ergebnisse unseres Treffens sollen dann natürlich ebenfalls veröffentlich werden. Viele Grüße, Jürgen Küssow

  2. Sehr geehrter Herr Kuessow, ich freue mich darueber, dass sie meine leichtfertige Aussage „Man kann daher nur abwarten, ja hoffen, dass ExLibris…“ widerlegt haben! Ich begruesse Ihren Vorschlag einer Diskussion mit Ihnen und den primo-Entwicklern sehr; die Details klaeren wir am Besten per E-Mail. Schoene Gruesse, Lambert Heller

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