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Majestätische Webangebote mit der Lizenz zum Kaizen

Zunächst mal entschuldige ich mich für die kalauernde Ã?berschrift. Hal R. Varian (ja, der Varian von Information Rules) erklärt in einem Artikel in der New York Times ausführlich die Strategie der Webentwicklung bei Amazon und Google: Kontinuierliches, geduldiges Explorieren, Experimentieren und anschlieÃ?endes Ã?bernehmen des für gut Befundenen.

Das ist, wie Varian zurecht betont, eine Strategie, die nur im Internet möglich ist. Aber sie “steckt” eben nicht schon in der Technik, sondern muÃ? bewuÃ?t gewollt und praktiziert werden. Dazu gehören dann zwangsläufig zwei weitere Tugenden, nämlich

  • die Bereitschaft, jederzeit alles über Bord zu werfen, was von den prospektiven Benutzern nicht verstanden, akzeptiert oder benutzt wird, und es durch etwas Besseres zu ersetzen und somit auch
  • die Bereitschaft, den Benutzern geduldig zuzuhören, sie in gewisser Weise sogar zu Co-Entwicklern zu machen, wie Tim O’Reilly es formuliert hat.

Varian zufolge ist diese Strategie in dem japanischen Begriff Kaizen komprimiert enthalten.

Man kann das natürlich auch Perpetual Beta nennen – ein Konzept, das in der Open-Source-Welt schon länger und demnächst evtl. sogar von Microsoft praktiziert wird, und nun für die Bibliotheks-Website 2.0 bzw. überhaupt die Bibliotheks-Dienstleistung 2.0 (“Dienstleistungen ständig überprüfen, verbessern und dazu bereit zu sein, diese jederzeit durch neue, bessere Dienstleistungen zu ersetzen”) neu entdeckt wird.

Nun könnten Varians Beispiele die Befürchtung aufkommen lassen, mit dem “Zuhören” werde der einzelne Benutzer in eine passive Rolle gedrängt, quasi als Atom eines überwachten und statistisch ausgewerteten Kunden-Aggregats behandelt. Das muÃ? allerdings nicht so sein. Open-Source-Tradition und Library-2.0-Diskussion zeigen, daÃ? dieses Zuhören auch hervorragend zu einem durchaus individuellen, gesprächsartigen Verhältnis zu Benutzern paÃ?t, wie es etwa durch Produktentwicklungs-Mailinglisten bzw. Bibliotheks-Blogs angestrebt wird. (So hebt Eric Raymond in seinen “ethnologischen” Studien über Open Source die charakteristische Rolle der Mailinglisten für diese Bewegung hervor.)
Ein anderer interessanter Teilaspekt ist in meinen Augen das explorative (also erforschende, tastende) Vorgehen. Wir sollten es als eine sehr wichtige neue Verhaltensweise beider Seiten im vernetzten, gesprächsartigen Verhältnis zwischen Informationsprofis und Informationsbenutzern anerkennen. Ob “Beispielaufgaben” und “richtige Lösungswege”, die jeweils gefunden werden sollen, noch ein zeitgemäÃ?es didaktisches Schema sind, um Informationskompetenz zu vermitteln, darf beispielsweise bezweifelt werden. Selbstgesteuertes, exploratives Lernen zu ermöglichen und zu unterstützen paÃ?t hingegen sowohl zum neuen Lerngegenstand, dem Informationsdschungel Internet, in dem es eben keine alleenartigen Königswege gibt, als auch zum Lernenden, der heute oft technikfreundlich genug ist, um geduldig tausend eigene Pfade auszuprobieren. Und der unsere professionelle Kompetenz gegebenenfalls honoriert, indem er sie im Kontext seines eigenen, explorativen Lernens “anzapft” – eines Lernens, das zeitlich und formell immer weniger von seiner “normalen Arbeit” oder seiner Freizeit getrennt ist.

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Autor: Lambert Heller

Librarian 2.0, interested in knowledge management, publishing and communities on the web. Likes Open Access / Open Data. Hannover, Germany.

Ein Kommentar

  1. Zunächst einmal danke für diesen interessanten Beitrag! Und dann würde ich deine Gedanken gerne aufgreifen und weiter formulieren: mit dem Web 2.0 haben die Bibliotheken endlich wieder die (historische) Chance, verloren geglaubtes Terrain aufzuholen. Damit meine ich, sich nicht nur als Informationsdienstleister hervorzutun, sondern auch als Wegzeiger – ständig neue Dinge ausprobieren, herumtüfteln, nicht an Dingen haften, die zwar Tradition sind, aber weder den LeserInnen noch irgendjemand sonst nützen.

    Hier wird deutlich, dass Bibliothek mehr ist als eine Informationsbox (wenn man will, kann man dies von Suchmaschinen behaupten): eine Institution, in der lernen im Mittelpunkt steht. Es ist ein anderes Lernen, als das wir aus der Schule kennen, es ist ein soziales, und wie du schreibst, ein exploratives. Was die Bibliotheken vorgeben können, ist der Rahmen (die Sandbox). Führen und coachen, aufzeigen und hinweisen, und nicht Lösungen vorgeben. In diesem Sinne habe ich auch das Web 2.0 Surf Camp gestaltet – lernen durch ausprobieren und kommunizieren. Grüße
    Mark Buzinkay