Die New York Times meldete gestern: Times to Stop Charging for Parts of Its Web Site. Aus der Meldung:
The New York Times will stop charging for access to parts of its Web site, effective at midnight Tuesday night, reflecting a growing view in the industry that subscription fees cannot outweigh the potential ad revenue from increased traffic on a free site.
The move comes two years to the day after The Times began the subscription program, TimesSelect (…)
In addition to opening the entire site to all readers, The Times will also make available its archives from 1987 to the present without charge, as well as those from 1851 to 1922, which are in the public domain.
Die Begründung dafür ist glasklar:
Die Einkünfte aus den digitalen Abonnements fielen deutlich zurück hinter das, was man heute von Anzeigen erwarten könne. Freier Informationszugang ist also kein Selbstzweck – aber einfach das bessere Geschäftsmodell!
In einem Brief an ihre Leser umschreiben die NYT-Macher pointiert, wie sich das Umfeld für das Webangebot ihrer Zeitung in den letzten zwei Jahren verändert hat:
Since we launched TimesSelect in 2005, the online landscape has altered significantly. Readers increasingly find news through search, as well as through social networks, blogs and other online sources. In light of this shift, we believe offering unfettered access to New York Times reporting and analysis best serves the interest of our readers, our brand and the long-term vitality of our journalism. We encourage everyone to read our news and opinion â?? as well as share it, link to it and comment on it.
Die Einstellung von TimesSelect muÃ? von vielen erwartet worden sein, denn als die Pläne vor einem Monat erstmals bekannt wurden löste das in der Fachöffentlichkeit zahlreiche positive Reaktionen aus.
So wagte der Journalist Scott Karp – im Dialog mit den Kommentaren zu seinem Blog-Eintrag – die Prognose, daÃ? es bezahlten Content bald nur noch in thematischen Nischen geben wird.
Und sein Kollege Felix Salmon begründete, warum es nicht besonders klug von der NYT sei, das Archiv für den Zeitraum 1923-1986 nicht ebenfalls freizustellen.
Aber die definitive polemische Zuspitzung dieser Skepsis gegenüber “paid content” unter den bloggenden Journalisten lieferte Jeff Jarvis:
Whether or not content wants to be free, it is free.
Donâ??t let anyone tell you that this is bad for the content business. Itâ??s only good sense. (…) It has taken 13 years of internet history for media companies to learn that, to give up the idea that they control something scarce they can charge consumers for, but theyâ??ve finally learned it. That is the lesson of the death of TimesSelect.
Eine merkwürdige Randnote: Der Times Reader, eine noch vor kurzem abgefeierte Windows-Software, mit der man gegen eine gesalzene Monatsgebühr die NYT-Inhalte auf dem PC abonnieren und wohl besonders komfortabel lesen kann, wird weitergeführt – in diesem besonderen Dokumentformat wird der NYT-Content also weiterhin etwas kosten.
Können wir aus der TimesSelect-Abwicklung etwas lernen?
Ich weiÃ? es, ehrlich gesagt, nicht. Aber angesichts der aktuellen heiÃ?en DRM-Debatte unter deutschen Bibliothekaren stimmt mich die TimesSelect-Abwicklung nachdenklich: Der Anbieter eines legendären “Premium-Inhalts” für ein sehr groÃ?es Publikum hat gerade entdeckt, daÃ? freie Zugänglichkeit der Informationen das Geschäftsmodell der Zukunft ist, und namhafte Journalisten klatschen Beifall. Wie kann es sein, daÃ? zeitgleich in Deutschland viele Ã?ffentliche Bibliotheken davon ausgehen, mit einem DRM-Store das Modell einer zukunftsträchtigen digitalen Bibliothek zu fahren?
Mehr zum Thema TimesSelect-Abwicklung:
In der Blogosphäre finden sich tausende weitere Kommentare (darunter auch eine Handvoll in deutscher Sprache) von Journalisten wie Nichtjournalisten.
Den Hinweis auf Felix Salmon habe ich übrigens dem einschlägigen Spiegel-Online-Artikel von Konrad Lischka zu verdanken, wobei er in dem Artikel falsch verlinkt ist.
ResourceShelf faÃ?t die Konsequenzen der TimesSelect-Abschaffung aus bibliothekarischer Sicht zusammen.
P.S. Ich liege mit einer Infektion der oberen Atemwege im Bett, schnief hüstel schnief. An etwaigen Rechtschreibfehlern sind die Viren schuld, die Verantwortung für inhaltliche Fehler übernehme ich.
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19.9.2007 um 11:26 Uhr
Die Zeitungsbranche ist nicht mit der Verlagsbranche zu vergleichen. Die Zeitung finanziert sich in erster Linie aus Werbeeinnahmen, Verkaufs- und Lizenzerlöse sind nur ein Zubrot. Bei Büchern kommen Kostendeckung und Gewinn des Verlags allein aus den Verkaufserlösen und Lizenzeinnahmen. Mehr Leser bedeutet für Zeitungen höhere Werbeeinnahmen, weil die Anzeigen teurer verkauft werden können, Verlage verdienen nur dann an mehr Lesern, wenn sie für die Nutzung Geld bekommen, also Bücher oder Lizenzen verkaufen.
Und Bibliotheken glauben nicht, mit der Onleihe “das” Modell einer zukunftsträchtigen Bibliothek zu betreiben, sondern haben sich lediglich entschieden, ein Angebot mit Schwächen anzunehmen, statt darauf zu warten, dass es einmal etwas Besseres gibt. Man hat sich damit ja nicht für alle Zeiten auf den Status quo festgelegt. Es ist im Beta-Stadium, wie der Anbieter selbst sagt und muss verbessert werden, um dauerhaft erfogreich zu sein. Bei allem Rummel darf man nicht vergessen, dass es lediglich ein Zusatzangebot ist – selbst kleine Bibliotheken haben ein Vielfaches der Onleihe-Lizenzen als physische Medien im Bestand.
Man kann die Lizensierung von Verleihangeboten durch die Verlage als ersten Schritt betrachten, dem weitere folgen, bis zum Verzicht auf DRM. Oder man kann davon ausgehen, dass die totale Ablehnung aller mit DRM versehenen Angebote zur baldigen Abschaffung führt (und es dann bessere elektronische Angebote gibt).
Was davon der bessere Weg ist, kann ohne Kristallkugel wohl keiner wissen.
19.9.2007 um 14:33 Uhr
Alles wird nicht kostenlos angeboten. “Kostenpflichtig blieben unter anderem die E-Paper-Version der NYT in einem bestimmten Software-Format und die Online-Version des Kreuzworträtsels”, meldet Börsenblatt online (http://www.boersenblatt.net/161069/). Jetzt weiß man also, was die Premium-Inhalte der NYT sind.
19.9.2007 um 15:05 Uhr
Lieber Frank, danke für deinen wichtigen Hinweis auf die unterschiedlichen Kalkulationen von Buch- und Zeitungsverlagen.
Mit den “besseren elektronischen Angeboten” der ÖBs sprichst du natürlich einen entscheidenden Punkt an. Fragt sich nur: Muß man auf die warten – oder gibt es sie schon, evtl. sogar in einer “kritischen Masse”? Ist jetzt keine rethorische Frage, ich weiß es wirklich nicht. Aber es gibt dieses Phänomen ja nicht “nur” im Zeitungsbereich. Es fällt z.B. auf, daß es populäre, aktuelle, deutschsprachige Fachliteratur teilweise heute schon frei zugänglich gibt, vgl. etwa dies hier. (Frei zugänglich hier mal nur im Sinne von kostenlos, nicht unbedingt Open Access.) Wenn es eine kritische Masse solcher Angebote tatsächlich geben sollte, wäre es doch sehr interessant, wenn die ÖBs gemeinschaftlich damit beginnen würden, solche Inhalte ihren Benutzern zu erschließen, oder? Vielleicht in einer technisch etwas zeitgemäßeren Variante der “Deutschen Internetbibliothek”? In so einem Szenario könnte die einzelne beteiligte Bibliothek ja tatsächlich DRM-Medien als “kleines Zusatzangebot” mitaufnehmen, wo es gerade paßt. Nur heute ist es ja gerade umgekehrt: Es werden digitale Bibliotheken als reine DRM-Stores aufgezogen, und der Anbieter dieses DRM-Store-Konzepts stellt es als DAS quasi alternativlose Modell der digitalen Bibliothek für den ÖB-Bereich dar.
19.9.2007 um 15:51 Uhr
Die “besseren Angebote” im Sinne von DRM-freien, womöglich kostenlosen E-Books, Audio- und Videodateien gibt es meines Wissens bisher für öffentliche Bibliotheken kaum. Im wissenschaftlichen Bereich sieht es für den Sektor E-Books besser aus, was vor allem daran liegt, dass es dort als selbstverständlich gilt, englische Texte zu lesen, und die US-Amerikaner schon weiter sind, sprich: es gibt wesentlich mehr Angebote und (wegen der positiven Erfahrungen?) auch weniger restriktive. Für die Kunden öffentlicher Bibliotheken gibt es nur wenig interessante frei zugängliche Inhalte. Im Wesentlichen sind es Klassiker, die bereits gemeinfrei sind. Bei ausländischer Literatur kann für die deutsche Öbersetzung noch Urheberrechtsschutz bestehen, während der Originaltext bereits gemeinfrei ist. Solche Werke sollten in das elektronische Angebot aufgenommen werden, Ausleihrenner werden sie aber kaum.
Eine Zusammenarbeit öffentlicher Bibliotheken über die Grenzen von Kreisen und Regionen hinweg ist rechtlich und organisatorisch schwierig, nicht vergleichbar mit Kooperationen von Hochschulbibliotheken. Auch die Infastruktur (Serer, Techniker) ist kaum vorhanden. Es braucht also in jedem Fall einen zentralen Dienstleister.
Ich sehe für öffentliche Bibliotheken momentan keinen anderen Anbieter als die DiViBib, der eine nennenswerte Masse von für deren Leser interessante elektronische Medien anbietet. Die Alternative ist also, das Angebot so wie es ist wahrzunehmen und dann auf die Weiterentwicklung zu setzen, oder abzuwarten, ohne zu wissen, wie lange es dauert, bis es Alternativen gibt.
Man hat den Eindruck, dass einige Verlage erst bei der Einrichtung der Volltextsuche durch den eigenen Branchenverband festgestellt haben, dass man diese Internetsache nicht einfach aussitzen kann. Viele haben die Erfahrungen der Musikindustrie vor Augen und betrachten rein elektronische Angebot vorrangig nicht als Chance, sondern als Gefahr. Die weitere Entwicklung ist unter anderem auch davon abhängig, was in den “dritten Korb” des neuen Urheberrechts gepackt wrid.