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Steile Thesen von vier Kulturexperten zum Kultursektor

„4000 Bibliotheken statt 8200 – wäre das die Apokalypse?“

Natürlich müssten die Mittel an die verbleibenden Institutionen umverteilt werden, so referiert das Hamburger Abendblatt die Ideen der Autoren eines Buches zum „Kulturinfarkt“. Das siebziger Jahre-Konzept einer „Kultur für alle“ (im Bibliothekswesen vor allem mit HilmarHoffmann verbunden) sei gescheitert, Kultur sei nur von wenigen genutzte Hochkultur und verdiene als solche nicht die hohen Subventionen. – Soviel ist klar: Wenn diese Vorschläge im Bibliothekswesen durchgesetzt würden, die Halbierung der Anzahl der Bibliotheken, dann würde die Fläche nicht mehr bedient und die Aussage erwiese sich als self fulfilling prophecy, als sich selbst erfüllende Vorhersage. So viel ist jedenfalls klar, dass die Umverteilung ganz andere Wege nehmen würde als zurück zu Bibliotheken, Archiven, Museen und Opern …

Einer der Autoren wird vom Deutschlandradio interviewt, ein anderer von Cicero und der Deutsche Kulturrat hat bereits scharf reagiert und fragt sich, von welcher Realität hier die Rede ist.

 

5 Kommentare

  1. Die Autoren schrieben auch im letzten „Spiegel“. Man muss vielleicht noch die ausführliche Argumentation in dem Buch abwarten. Für die öffentlichen Bibliotheken leuchtet mir das jedenfalls wenig ein, da gerade diese ja ein niedrigschwelliges Kulturangebot machen, im Unterschied zu Museum oder Theater. (Abgesehen davon ist es ein Fehler, Bibliotheken auf Kultur zu reduzieren.)
    Was mir an der Argumentation auch nicht gefällt, ist das unpräzise Vergleichen. Bei den Steigerungsraten der Kulturausgaben seit den Siebzigern kucken die Autoren auf einige Nachbarländer, aber nicht beim Anteil der Kulturausgaben am Gesamthaushalt. Man kann doch auch hohe Steigerungsraten haben, weil man etwas nachholen muss!

  2. Das ist das Nette an der Scientific Community: Sie glaubt an Argumente. Und ich hatte schon befürchtet, es ginge um Claims.

  3. @outroupistache Danke für den Link zu dem kritischen Artikel. – Ich fand heute in meinen RSS-Feeds einen kritik-kritischen Artikel, der eine andere Perspektive einnimmt und den ich für bedenkenswert halte: Der „kulturpolitische Reporter“ schreibt über „die Kaste der Untastbaren“.

  4. Die Beschwörung der „Kultur für alle“ ist das Wiegenlied für einen Toten. Ein bisschen hat „derkulturpolitischereporter“ allerdings recht, auch wenn er Wortklauberei mit Präpositionen betreibt. Man kann aber aus der gleichen Erkenntnis völlig andere Schlüsse ziehen. Irritierend an dem Spiegel-Text ist, dass die Argumente überhaupt nicht zueinander passen. Hier kann ich Welzer folgen. Ausgangspunkt der „Argumentation“ im Spiegel ist die „kopernikanische Wende“ der Finanzkrise und deren absehbaren Folgen für die Finanzierung freiwilliger Leistungen. Dass irgendjemand glaubt – egal ob Hallenbad, Theater oder Bibliothek – ohne Aufgabenkritik davonzukommen, halte ich für illusorisch auch unter der Prämisse, dass der Anteil der Kulturausgaben Flohkacke ist im Vergleich zum Elefantendünger der Steurgelder für die Banken. Einem Stadtrat hilft das nicht. Ulkigerweise ist das ein Tabu-Thema. Das haben die Autoren vielleicht im ganzen Kultursektor gemerkt und gedacht: „Jetztwollnwermalsehen“ und einen Knallfrosch neben dem Ohr eines Schläfers gezündet. Allerdings habe ich „Kultur für alle“ das letzte Mal vor 20 Jahren gehört und in den vergangenen Jahren war doch nur noch von Nachfrageorientierung, Profil, Ranking und Effizienz die Rede. Gerade wir Bibliothekare haben nachfrageorientiert viele subventionsextensive Problembären aus der Statistik fallen lassen und stattdessen die medien-affine Mittelschicht bedient – zu deutlich niedrigeren Stückkosten wohlgemerkt. Und jetzt kommt der Qualitätsdiskurs seit einigen Jahren wieder ins Spiel, weil wir merken, dass wir keine Angebotsmärkte mehr erzeugen können. Die Mittelschicht shoppt im Internet und die Hauptschüler hängen woanders ab. Oder tun uns die Hauptschüler leid? Blöde Handys. Was nun: Qualität oder Quote? Und Vorsicht, Qualität macht einsam! Strukturell wurde mit der outputorientierten Ökonomisierung im Bibliothekswesen die Voraussetzung für Konzentrationsprozesse geschaffen, allerdings andere als die, die sich unsere 4 Experten so sehr wünschen. Das Bett ist gemacht. Die Autoren postulieren Qualität durch Konzentration der Mittel UND gleichzeitig Nachfrageorientierung und Effizienz. Das heißt: Die RTL-Fans werden über das Internet unterhalten (Nachfrage) und den urbanen Eliten gleichzeitig die Subventionen für die Selbstinszenierung ihrer kulturellen Überlegenheit gegeben (Qualität). Voraussetzung ist kein ökonomischer Geniestreich, sondern eine Verdoppelung der Mittel für weniger Verteiler. Gib mir das doppelte Geld und ich schaff dir den doppelten Nutzen, Qualität und Nachfrage. Es ist die „Effizienz“, die zu reduzierten Stückkosten bei gleichzeitig erhöhtem Gesamtzuschuss durch Umsatzerhöhung geführt hat. Outputorientierung = „Kultur für alle“??? Immerhin sind unsere 4 Kulturmanager die ersten, die das öffentlich als problematisch benennen. Sie wären aber die ersten, die das uneigennützig tun und an Hauptschüler hat wahrscheinlich noch nie einer von denen einen Gedanken verschwendet. Ihre Halbierungs-Forderung ist völlig inkompatibel mit der föderalen Realität und auch deswegen „aus der Welt gefallen“. Oder wird sich der Bürgermeister darüber freuen, dass ihn 4 Politiker jetzt von der Standortpolitik befreien? Muss ich also die Argumentation ernst nehmen oder etwas anderes? Wie muss ich diesen widersprüchlichen Argumente-Mix verstehen: Lernen durch Irritation? Marketing? Ist es ein Zufall, dass die Anzeige „Vergesst Auschwitz“ neben den Spiegel-Artikel geschaltet wurde? Ein Krawall-Essay für Broder-Fans? Floh oder Elefant – Hauptsache auf die Kacke hauen? Eine taktische Waffe: Auf Zusammenhänge kommt es nicht an, die kapiert eh‘ keiner. Aber wer den Krawall dominiert, der dominiert die Diskussion? Sollte in dem Buch nicht etwas Erhellendes nachgeliefert werden, wäre das ein Indiz dafür, dass die Argumente nur ein Vorwand sind. Es ist ein theologischer Text: Wir konstruieren den Dämon (Kultur für alle), gegen den wir eine Erlösungsphantasie basteln. Das Reden vom Management sei unser Abwehrzauber. Ich sehe es wie Welzer: Die tatsächlichen Motive haben keinen pädagogischen Ursprung und zielen nicht auf ökonomische Finesse. Es geht um Hauen und Stechen, es geht um Claims.

  5. Pingback: Kultur für alle – Andreas Kemper