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2006 – Jahr der E-Book-Reader

Nach dem E-Book-Reader iRex iLiad, über den hier kürzlich berichtet wurde, kündigt nun auch Sony ein neues E-Paper-Gerät an. Zur Erinnerung: die Firma E Ink (aber auch Xerox und Fujitsu) ist seit wenigen Jahren dazu in der Lage beleuchtungslose statische Flachdisplays, sogenanntes E-Papier, zu produzieren. Zur Veränderung des angezeigten Inhalts werden hierbei Farbpartikel einmalig in eine andere Position gebracht; eine permanente zeilenweise Auffrischung oder Beleuchtung ist nicht erforderlich. Das hat einige bemerkenswerte Konsequenzen:

  1. Die Darstellung ist im Gegensatz zu beispielsweise TFT-Displays sehr stabil und unabhängig von Blickwinkel und Umgebungs-Lichtverhältnissen gut lesbar.
  2. Die Anzeigen sind wesentlich robuster und leichter, prinzipiell sogar biegsam.
  3. Der Stromverbrauch ist sehr gering; bevor der Akku den Geist aufgibt lassen sich viele Tausend virtuelle Buchseiten umblättern – wobei es naturgemäÃ? keine Rolle spielt, wie lange jede Seite betrachtet wird.
  4. E-Papier ist deutlich einfacher konstruiert daher prinzipiell auch billiger zu produzieren als TFT-Displays.

Zusammenfassend läÃ?t sich sagen, daÃ? plötzlich einerseits wesentlich „buchartigere“ Computer-Anwendungen realisierbar sind als je zuvor, und andererseits eine neue Gattung billiger und robuster Computer mit entsprechenden neuen Nutzerkreisen denkbar wird. Bisher hat man davon zwar nicht viel bemerkt, aber meine Prognose lautet: 2006 wird ein Jahr der E-Book-Reader. Ein näherer Vergleich der beiden oben genannten Produkte zeigt jedoch, daÃ? sich die Zukunft der E-Book-Reader in sehr unterschiedliche Richtungen entwickeln könnte…

Neben iRex und, im zweiten Anlauf, Sony gehören seit diesem Winter auch Billigproduzenten wie Jinke zu den E-Ink-Lizenznehmern. Daher werden die ersten E-Book-Reader anfangs zwar halb so teuer sein wie ein sparsam ausgestattetes Notebook, aber noch in diesem Jahr werden die Preise fallen. (Sonys Gerät soll auf dem US-Markt ca. 300-400$ kosten, Jinkes ähnlich ausgestatteter Hanlin kostet ca. 150$; der besser ausgestattete iLiad soll in Europa 400-450â?¬ kosten.)
Der Vergleich mit Notebook-Preisen soll nicht darüber hinwegtäuschen, daÃ? es sich hier um eine neuartige Produktgattung handelt. Das Manko des E-Papiers gegenüber TFT-Displays ist der verhältnismäÃ?ig langsame Bildwechsel, der es ungeeignet für bewegte Bilder macht. Um die buchartige Anmutung auch hinsichtlich GröÃ?e und Gewicht gewährleisten zu können muÃ? zudem gegenüber typischen Notebook-Ausstattungsmerkmalen abgespeckt werden.
Beide Geräte

  • sind ungefähr taschenbuchgroÃ? und -flach,
  • relativ leicht (der Sony Reader 250 g, der iLiad iRex 390 g),
  • besitzen ein von E Ink lizensiertes Graustufen-Display mit 170 dpi (d.h. üblicher Zeitungsdruck-Qualität),
  • einen stromsparenden, lüfterlosen Mobilprozessor mit 64 MB RAM,
  • als zusätzliches Gimmick einen MP3-Player (dessen Gebrauch den Akku natürlich sehr viel stärker beansprucht als das Blättern in den E-Books),
  • einen USB-AnschluÃ? und Flashkarten-Steckplätze und
  • natürlich keine Festplatten, Tastaturen oder Anschlüsse für externe Ein- oder Ausgabegeräte.

Interessant wird es dort, wo die Konzepte von Sony und iRex voneinander abweichen.
Sony hatte bereits für das Vorgängermodell Librie einen Online-Shop für DRM-geschützte E-Books im Sony-eigenen BBeB-Format aufgebaut. Diese müssen zunächst mit dem eigenen PC erworben werden und können dann von dort aus auf den Reader oder eine Flashkarte übertragen werden. Um mit dem Reader auch HTML-, PDF- oder andere Dokumente betrachen zu können müssen diese zunächst auf dem PC ins BBeB-Format übertragen werden. Danach lassen sie sich zwar ebenfalls auf dem Reader betrachten – Interaktivität läÃ?t dessen Display jedoch nicht zu, jedes Dokument bleibt also ein rein passiv zu betrachtender Container.
Ganz anders der Ansatz beim iLiad. Dieser verfügt im Gegensatz zum Sony Reader über

  • einen LAN- und einen WLAN-AnschluÃ? (dessen Gebrauch wiederum erheblich zu Lasten der Akkulaufzeit gehen dürfte) sowie
  • ein etwas gröÃ?eres Display mit mehr Graustufen, das jedoch vor allem zugleich als Touchpad Benutzereingaben mittels eines speziellen Griffels ermöglicht.

Die Medien sollen sich mit dem iLiad also direkt via Internet beziehen lassen, und es ist keine Zwangskonvertierung zu einem DRM-freundlichen Dokumentenformat erforderlich. Statt dessen ist es sogar möglich, eigene Notizen in den Dokumenten hinterlassen.
In den Diskussionsforen des MobileRead Networks zieht Benutzer Alexander einen passenden Vergleich: Sonys DRM-Online-Buchladen könne zum iTunes der E-Book-Industrie werden; aber ähnlich wie der iPod zugleich die frei zugänglichen Podcasts zahlreicher kleiner Anbieter nach sich zog könne der Erfolg des Sony-Readers mittelbar auch die Entwicklung einer unabhängigen E-Book-Szene begünstigen.
Und ich würde ergänzen: E-Book-Plattformen mit InternetanschluÃ? könnten bald aus jedem Wikibook ein E-Papier-Buch machen, ganz zu schweigen von Wikipedia, Weblogs und ähnlichem. So könnte das E-Papier der Social Software zu neuen Nutzerkreisen und Anwendungsbereichen verhelfen – und auf diese Weise auch daran erinnern, wie stark diese „Neuen Medien“ Textmedien sind, und wie sehr das bedruckte Papier Paradigma aller Textmedien geblieben ist.

Links zum Thema:
Sony Reader Herstellerinformationen und Sony Reader bei Google News; iLiad Herstellerinformationen und iLiad bei Google News.

Autor: Lambert Heller

Librarian 2.0, interested in knowledge management, publishing and communities on the web. Likes Open Access / Open Data. Hannover, Germany.

5 Kommentare

  1. Ein sehr interessanter Artikel, danke! Ich hatte vor ein paar Jahren mal einen E-Book-Reader zur Probe, es hat damals nichts in mir ausgeloest. Das Display war zwar prima, aber zu klein, die Akkus waren relativ schnell leer…fuer mich gibt es sicher dieses Jahr keinen Reader 😉

  2. Die Bedingungen zu denen die e-books in Japan für den sony librie verkauft werden, sind für europäische Verhältnisse undenkbar… das Gerät braucht ca. 1-2 sec zum umblättern….was ist wenn man eine Textpassage nichtchronologisch nachschlagen möchte? Die Einschränkung auf das sonyeigene Format BBeB und die DRM 60 Tage nach Kauf Buchzerstörung reglementieren den Gebrauch ja schon so eklatant, dass sich noch vor erscheinen auf dem europäischen Markt, Usergroups finden, die das Gerät gehackt haben! Das Produkt floppt wohl unweigerlich, sollte Sony es so auf den eurpäischen Markt stellen, zumal Sony mit seiner Kundenpolitik sich wenig Freunde macht.Eben hab ich noch die abgespeckte Variannte des libries entdeckt. Sie nennt sich Sony Reader… sieht sehr spartanisch aus und kann PDF und ander Dokumente lesen. Bisher nur für den amerikanischen Markt bestimmt. Mal sehen ob die niederländische Firma mit ILiad sich besser anstellt. 400-450€ halte ich persönlich für zu teuer, wenn man bedenkt, dass man für den selben Preis PDA mit Navigatoren bekommt.
    Da ich aber viele PDF und andere elektronische Texte bearbeite und lese werde ich die Entwicklung des Marktes weiter gespannt verfolgen.

  3. Hallo
    als E-Book Reader nehme ich den Gameboy Advance SP meiner Tochter
    mit den Zusatzteil Movieplayer (siehe Ebay 23 Euro und eine Speicherkarte 128 mb für ca. 15 Euro = 38,- ) .
    Die Schrift kann man in drei Größen einstellen und durch das beleuchtete Display ist das Bild schön Ruhig und Strengt die Augen nicht an .
    Einziges Manko : man muss die Dateien als TEXT speichern (wandelt Adobe 7 Gratis um , dauert ca. 1 – 3 Min pro BUCH )
    Ein Voller Akku hält ca. 6 Stunden .
    Ich hoffe einigen Verzweifelten geholfen zu haben . (ich habe lange danach gesucht ).
    Viel Spaß beim LESEN .
    Grüßle aus Nürnberg

  4. hi,

    ich benutze eine rocket ebook und bin voll begeistert. ich komme einfach nicht klar mit dem normalen papier ,-) gibt mir ne gänsehaut.
    mit dem ebook reader kann ich bis 10std lesen, hat eingebautes wörterbuch und hintergrund beleuchtung (für unter der decke lesen 😉
    hatte damals 200 Euro gekostet gibt es leider nicht mehr 🙁
    sobald das iliad raus ist kaufe ich es mir 😉

    gruss
    reinhard

  5. Spiegel Online prognostiziert heute, daß die Markteinführung des iRex iLiad den Buchhandel so treffen könnte, wie die Musikbranche durch MP3 getroffen worden war.