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Warum die Wikipedia kein Anonymitäts-Problem hat

Kryptographie-Experte Bruce Schneier hat kürzlich in seiner Kolumne bei Wired en passant begründet, warum die anonyme Editierbarkeit der Wikipedia nicht schadet. Im Internet, so Schneier, ist Anonymität ohnehin nur noch als Pseudo-Anonymität zu haben. EBay und Wikipedia funktionieren deshalb so gut „pseudo-anonym“, weil zusammen mit den verwendeten Pseudonymen stets auch die Geschichte der Handlungen ihrer Besitzer offenliegt; Schneier spricht von Informationssystemen mit verteilter Verantwortlichkeit.
Der hier – ein paar Beiträge zuvor – zitierte Telepolis-Artikel sitzt einem verbreiteten MiÃ?verständnis auf, wenn er den ‚Rückzug in die Anonymität‘ als eine von „Fünf Herausforderungen für die Wikipedia“ (so die Ã?berschrift des Artikels) bezeichnet. Richtig ist zwar, daÃ? es schade ist, wenn Wikipedianer ihre Autorschaft in dem Projekt gegenüber der ‚AuÃ?enwelt‘ hinter einem Pseudonym verbergen müssen – aber dieses Problem läÃ?t sich nur schwerlich der Wikipedia anlasten.

Autor: Lambert Heller

Librarian 2.0, interested in knowledge management, publishing and communities on the web. Likes Open Access / Open Data. Hannover, Germany.

3 Kommentare

  1. Schneiers Argument scheint mir hier nicht ganz korrekt wiedergegeben: Pseudo-Anonymität ist das Prinzip von Ebay, aber eben gerade nicht der Wikipedia. Die Pseudo-Anonymität (oder begrenzte Anonymität) bedeutet, dass zwar meinen Namen nicht preisgeben muss, aber trotzdem noch für mein Tun verantwortlich gemacht werden kann (z.B. indem man mir eine Rechnung für meine Käufe schickt). „Pseudo“ ist diese Anonymität deshalb, weil sie über einen Dritten vermittelt wird, dem ich meine wahre Identität anvertraue.

    In der Wikipedia gibt es dieses System der verteilten Verantwortlichkeit nicht, zumindest ist es nicht Teil des Konzepts. Schneier überspitzt das sogar: Selbst wenn der Name des Autors bekannt wäre, macht das keinen Unterschied. Sicher kann man mit juristischen Sanktionen drohen, aber das ist etwas anderes als die immanente Reputations- und Bewertungssystem bei Ebay, das eine klare Struktur der Verantwortlichkeiten schafft. Darin liegt laut Schneier das Problem der Wikipedia, nicht in der Anonymität oder Pseudo-Anonymität ihrer Beiträger (in der Tat gibt es ja auch einige Autoren, die unter ihrem richtigen Namen publizieren oder eindeutige Hinweise auf ihre Identität geben).

    Schneier sagt im übrigen auch mitnichten, dass es *nur*noch Pseudo-Anonymität gäbe: Im Gegenteil, in den letzten beiden Absätzen fordert er ja geradezu emphatisch eine „echten“ Anonymität: Die begrenzte Anonymität sei nur in einer perfekten Welt ausreichend – eine These, über die man sicher diskutieren kann, aber das ist nicht der Inhalt von Schneiers Artikel.

  2. Pingback: {clausmoser|com} » Anonymität und Wikipedia

  3. Ich wollte der Wikipedia kein „Anonymitäts-Problem anlasten“. Ich habe ein Phänomen beschrieben, das viele aktive Wikipedianer, mit denen ich gesprochen habe, als Problem sehen. Im Öbrigen halte ich die Transparenz bei der Entscheidungsfindung für wichtiger.

    Die Balance zwischen den beiden Polen herzustellen und zu erhalten, sehe ich durchaus als Herausforderung.