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Kooperative Neukatalogisierung, Open Review und Folksonomy

Eines der Highlights auf dem kommenden Bibliothekartag ist m.E. der Vortrag von Barbara Block vom GBV über das Projekt der Kooperativen Neukatalogisierung. Ziel dieses gemeinsamen Projekts der deutschen Bibliotheksverbünde ist

„die Entwicklung eines Konzeptes zur gegenseitigen Bereitstellung von Neukatalogisaten sowie die möglichst zeitnahe Realisierung eines täglichen Austauschs aktueller Daten zwischen den Verbünden. Im Rahmen des Projektes sollen ein verbindliches Lieferformat festgelegt werden und einheitliche Qualitätsstandards und Anwendungsrichtlinien definiert werden, die die Nachnutzung der Katalogisate sicherstellen (…).“

Abgesehen von der zu erwartenden Rationalisierung der Titelaufnahme (die ich sehr zu schätzen weiÃ?, seitdem ich einen Kurs über Titelaufnahme nach RAK absolviert habe ;-)) und der zu erwartenden unmittelbaren Qualitätssteigerung der Kataloge (die sicher den einen oder die andere BenutzerIn erfreuen dürfte) schätze ich vor allem einen mittelbaren Effekt dieses Projekts: Es wäre jetzt eine eindeutig identifizierbare Webadresse für jedes kooperativ geschaffene und genutzte Katalogisat realisierbar.

Die Katalogisate öffnen sich damit perspektivisch einer neuen Nutzungsweise: Sie werden die Ankerpunkte für eine Verlinkung durch Leserkommentare, Offene Reviews, zitierende Dokumente etc.
Durch eine rekursive Suche nach Links auf diese Adressen – oder durch eine Trackback-Funktion wie bei arXiv – lieÃ?en sich dann Bezugnahmen auf die katalogisierten Werke ermitteln und auswerten.
Noch spannender wird es, wenn man eine solche Adressierbarkeit der Katalogisate zusammenbringt mit einem Folksonomy-Konzept, wie es von LibraryThing verfolgt wird, also quasi eine ErschlieÃ?ung des Katalogs durch die Benutzer. (netbib über LibraryThing.) Freilich müÃ?te und sollte nicht versucht werden, LibraryThing nachzubauen. Interessant wird ein Folksonomy für Literatur, wenn man sie in eine sinnvolle Mischung mit automatischer Indexierung und traditioneller intellektueller SacherschlieÃ?ung einbezieht. (Diese Idee hat Daniel Zimmel hier in Kommentaren von Beiträgen zum Thema Folksonomy aufgebracht.)
Das ist alles Spekulation und hat nichts mit den unmittelbaren Zielen des Projekts kooperative Neukatalogisierung zu tun? Ganz recht, aber es wäre doch wunderbar, wenn man die Gemeinschafts-Katalogisate rechtzeitig als den Kern einer neuartigen Infrastruktur für Open Review und benutzerorientierte ErschlieÃ?ung identifizieren und weiterentwickeln würde. Eine triviale Aufgabe ist das nicht.

Autor: Lambert Heller

Librarian 2.0, interested in knowledge management, publishing and communities on the web. Likes Open Access / Open Data. Hannover, Germany.

4 Kommentare

  1. Kooperative Neukatalogisierung – echt schon jetzt und nicht erst 2300? Wie verrottet muss eigentlich eine Zunft sein, dass ihr der Steuerzahler Gelder noch und nöcher hinten reinschiebt und mindestens jeder Verbund katalogisiert jeweils selbst? Da kann ich gar nicht soviel fressen, wie ich kotzen möchte. Im übrigen sollten auch Katalogisierungsdaten frei sein und über OAI-Schnittstelle zur Verfügung stehen.

  2. Nun ja, die Aufteilung in Bibliotheksverbünde mit jeweils eigenen Katalogen war natürlich auch eine politische Entscheidung der jeweiligen Bundesländer. (Föderalismus). In der Schweiz gibt es – nur innerhalb des Informationsverbund Deutschschweiz – fünf verschiedene Verbünde, die jeweils eigenständig katalogisieren (wenn auch mit Fremddatenaustausch). Hier nennt man das „Kantönligeist“. Auch in anderen Ländern sind Verbünde und Verbundkataloge selten allumfassend und landesweit.
    Ich will es nicht kleinreden. Der bisherige Zustand ist ärgerlich. Aber Moralisieren hilft nicht (demotiviert eher). Historisch entwickelte Strukturen in der viele Instanzen mitzureden haben, sind nur langsam zu überwinden, das hat wenig mit bösem Willen oder „Verrottung“ zu tun. Letztlich wird es natürlich in diese Richtung weitergehen, immer mehr auch über nationale Grenzen hinaus.

  3. Ich finde es viel interessanter, daß in diesem Zusammenhang auch die Sacherschließungsdaten ausgetauscht werden sollen. Die reinen Katalogdaten gibt’s in der Regel eh‘ als Fremddateneinspielung in zunehmend schlechterer Qualität, und sie müssen erst mühsam „hochkatalogisiert“ werden. Ich kann mir im Moment nicht vorstellen, daß geplant ist, solche verbesserten Katalogisate gegenseitig auszutauschen. Da sind die Verbünde ja völlig mit Datenaustausch blockiert 8:( Gedacht ist hier wohl vor allem an Katalogisate, die komplett neu angelegt werden, z.B. im Rahmen von Retrokatalogisaten entstandene Aufnahmen, die keine Kennzahlen wie „Wöchchenliches Verzeichnis“, „BNB“ oder „LoC“ mit sich führen. Diese Aufnahmen dürften, je nach Bibliothek und Bestand, nicht die große Menge sein.

  4. Gerne hätte ich an der Veranstaltung teilgenommen, aber die Bibliothekartags-Organisation hat dafür einen Raum gewählt, vor dem sich bereits eine Schlange gebildet hat; eine Ausweichmöglichkeit scheint es nicht zu geben.
    Tja, ein Räume weiter ist es auch ganz interessant…