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Tagging durch Benutzer im OPAC: Einige Probleme und Ideen

Auch John Tropea regt an, daÃ? Bibliotheks-OPACs versuchen sollten, ihre Benutzer „taggen“ zu lassen. Mit dem PHP/MySQL-Tool FreeTag sei der Aufbauen einer „eigenen“ Folksonomy vermutlich einfach machbar. Tropea betont jedoch, was auch hier in Bezug auf PennTags gesagt worden war: Der interessantere Weg ist die Einbindung eines existierenden Bookmarking-Dienstes. Nur so ist ein demotivierender „Lock-In“ der Benutzer bzw. ihrer Daten zu vermeiden. Vorzugsweise sollte es sich dabei um einen medien-hybriden Bookmarking-Dienst in der Art von Connotea, CiteULike oder BibSonomy handeln.
Geschlossene Tagging-Systeme für Buchliteratur bieten übrigens nicht nur PennTags und LibraryThing, sondern seit einigen Monaten relativ unbemerkt auch US-Amazon an.
Lars Aronsson vom Projekt Runeberg berichtet in der Mailingliste Web4lib von seinen interessanten Erfahrungen mit den PennTags. Er weist darauf hin, daÃ? sich die Tags meistens auf den Inhalt der Werke beziehen. Paperback- und Harcover-Ausgabe getrennt taggen zu lassen ist demnach kaum sinnvoll, erst recht gilt das für die Ebene des physischen Exemplars. (Wobei ein Hinweis von der Art „Hat auf Seite 19 ein Eselsohr!“ natürlich auch seinen Reiz hat. ;-))

Aronsson zufolge identifiziert auch Amazon die Leser-Reviews zwar mit der ISBN des besprochenen Titels, im Hintergrund werden werkidentische Titel mit unterschiedlichen ISBNs jedoch miteinander verknüpft. Das ist sicherlich ein guter Hinweis, und was Amazon hier tut, wird per Webservice mittlerweile auch von mindestens einem Bibliotheksverbund angeboten, OCLCs xISBN. Freilich stehen die xISBN-Daten nicht frei zur Verfügung, und lösen zudem auch nicht das Probem der Titel, die keine ISBN haben. (Z.B. graue Literatur jenseits des Verlagsbuchhandels oder auch Titel, die das letzte mal vor mehr als dreiÃ?ig Jahren herausgegeben worden sind.) Natürlich läÃ?t sich durch bibliothekarische Kooperation und Vernetzung auch dieses Problem prinzipiell lösen. Etwas in dieser Art scheint mit dem DDB-Projekt MatchKey beabsichtigt zu sein. Klar ist jedenfalls: Wenn eindeutige Identifikatoren für literarische Werke aller Art frei zur Verfügung stünden, wären damit auch noch weitere, andersartige Benutzerbeiträge verknüpfbar, beispielsweise – so Aronssons Vorschlag – ein freies Buchrezensions-Wiki unter dem Dach der Wikimedia-Stiftung.
Aber es gibt noch einen weiteren Aspekt, der bei der Implementation von Social Tagging im OPAC dringend berücksichtigt werden sollte: Eine benutzerfreundliche, sich entwickelnde Folksonomy lebt vom Feedback der Tags an die Benutzer! Das heiÃ?t, der Benutzer muÃ? beim Aufrufen eines Datensatzs sofort erkennen, mit welchen Tags der jeweilige Titel ggf. bereits getaggt worden ist. Das Connotea-Tool, PennTags oder auch LibraryThing sind hier positive Beispiele, die Folksonomy der Washington Post ist leider ein negatives Beispiel. In der technischen Umsetzung sollte darauf geachtet werden, daÃ? die Tags als Pick-Liste zur Verfügung stehen, um per einfachem Mausklick in das Feld für die eigenen Tags übertragen zu werden.
Die Funktion einer Pick-Liste, die titel-spezifisch „vorgefertigte“ Tags anbietet, kann übrigens nicht positiv genug eingeschätzt werden. Viel zu oft werden in der Literatur zum Thema Folksonomy traditionelle Verschlagwortung und der neue Ansatz gegeneinander ausgespielt. Interessant am Tagging ist in meinen Augen hingegen die Offenheit und Entwicklungsfähigkeit auch gegenüber der reichen bibliothekarischen und dokumentarischen Tradition. Warum nicht auch nach allen Regeln der Kunst ausgewählte RSWK-Schlagworte den Benutzern per Pick-Liste zum Taggen anbieten? Auf beiden Seiten des OPACs dürften interessante Lerneffekte zu erwarten sein. (Ich kann an mir selbst durchaus beobachten, daÃ? ich del.icio.us anders sehe und auch anders benutze, seit ich in der Verschlagwortung nach RSWK geschult worden bin.) Auch weitere Stichworte könnten ihren Platz in einer solchen Pick-Liste finden, z.B. Kernelemente der Titelaufnahme oder auch aus einer automatischen Volltextindexierung von Inhaltsverzeichnissen oder Vorworten gewonnene Schlüsselbegriffe. (Stichwort Dandelon!)
Ã?brigens sind die Themen Tagging und Folksonomy hier bei netbib zwar schon seit einiger Zeit in zahlreichen Beiträgen verfolgt worden, haben aber keine thematische Weblog-Kategorie. Glücklicherweise lassen sie sich jedoch mit dem Schlagwort tagging gebündelt abrufen.

Autor: Lambert Heller

Librarian 2.0, interested in knowledge management, publishing and communities on the web. Likes Open Access / Open Data. Hannover, Germany.

Ein Kommentar

  1. Danke für diesen interessanten und informativen Beitrag! Damit wird man sich noch näher beschäftigen müssen…