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OA angeblich nicht allein selig machend

Rafael Ball (Leiter der Zentralbibliothek FZ Jülich) schreibt im aktuellen BIT-Online-Heft 9(2006), H. 2, S. 125-129 einen Beitrag über Open Access und die Bibliotheken. In mehreren Thesen möchte er widerlegen, dass Open Access (OA) ein Anliegen von Bibliotheken sei. Am ehesten leuchten mir noch jene Thesen ein, die Bibliotheken könnten mit Hilfe von OA die Marktmacht von Anbietern (Wissenschaftlern) und Verlagen nicht brechen. Ein neues Modell der Wissenschaftskommunikation sei auch nicht im Interesse der Wissenschaftler, welche vor allem auf das Image achten müssten, welches nur durch Publikation in Peer-reviewed Zeitschriften käme. OA koste auch und müsse durch die öffentliche Hand finanziert werden, welche wissenschaftliche Texte nicht so qualitätvoll edieren könne wie die hierin erfahrenen Verlage (hat er noch nie die Klage von Wissenschaftlern gehört, dass die Verlage im Grunde gar nichts mehr am Text tun?!). Daneben bringt er in meinen Augen ganz windige Thesen, wie z.B. jene, dass OA auch den Bildungsproblemen der Entwicklungsländer nicht helfen könne, da diese einfach zu wenig Geld in ihr Hochschulwesen steckten. Weiter würde die Industrie mit OA gewinnen, weil sie dann in Zukunft den Zugriff auf die Ergebnisse der Primärforschung habe und nicht teuer einkaufen müsse. Die Denunziation von OA als â??sozialistisches Einheitsmodellâ?? fehlt auch nicht und unterstreicht Balls völlige Kritiklosigkeit gegenüber der Marktmacht und Preisgestaltung der Verlage. – Dass OA erst am Anfang steht, dass von der Technik her (bessere Strukturierung, ErschlieÃ?ung und Reviewing) noch Entwicklungen zu erwarten sind, dass auch das scharfe Entweder-Oder durch andere Marketingmodelle (beispielsweise Zusammenspiel Volltextserver-Verlage) aufgehoben werden könnte, all das beachtet er nicht und möchte OA als ein Gebiet bewerten, welches bearbeitet und dann abgeschlossenen werden könne. Die bibliothekarische Community möge voranschreiten und sich mit neuen und wichtigeren Dingen befassen. Weiter fällt an Balls Thesen die absolute Kritiklosigkeit an der Macht der Verlage auf: Die öffentliche Hand soll zahlen, was verlangt wird, möglichst auch die Entwicklungs- und Schwellenländer.
Alles in allem: Ein â?? um sich davon abzusetzen – beachtenswertes Konvolut eines Leiters einer Spezialbibliothek, welcher vermutlich genug für seinen Erwerbungsetat bekommt, um keine Nöte spüren zu müssen und wenig Ahnung davon hat, wie es an Hochschulen aussieht. Die Schere zwischen sinkenden Etats und steigenden Zeitschriftenpreisen, welche er im Vorübergehen lässig erwähnt, sie würgt, würgt, würgt!

7 Kommentare

  1. „OA koste auch und müsse durch die öffentliche Hand finanziert werden …“

    Die Wissenschaftsverlage werden doch jetzt auch von der öffentlichen Hand finanziert …

  2. Wenn man sich Balls andere Publikationen ansieht, dann merkt man gleich, dass der gute Mann vor allem Wirtschaft im Kopf hat; kein Wunder, dass er auch deren Perspektive einnimmt. Ball findet auch, dass der Lesesaal ein „Produkt“ ist, welches keine Zukunft hat, als Beispiel. Ich stimme zu, dass seine Spezialbibliothekserfahrung womöglich den Horizont enger macht.
    Balls Argumentation mit dem Image und dem Impact Factor geht vom unveränderlichen status quo aus. Dazu zwei Dinge: Erstens muss man den nicht gut finden, zweitens ist das Image einer Zeitschrift keine gottgegebene und unveränderliche Tatsache. Eine entsprechende Politik hat also zwei Handlungsmöglichkeiten, die einander ergänzen: die Wertschätzung des Images bei den Wissen schaffenden zu verändern, und das Image von OA-Zeitschriften zu verbessern.

  3. Zustimmung. Mag sein, dass es den Bibliotheken evtl. lieber ist, ihre Abos aus ihrem Etat schön konventionell zu zahlen als das Zeitschriftenpersonal mangels Arbeit infolge OA halbieren zu müssen.

    Balls Argumentation aber, in öffentlich finanzierten OA-Modellen würden nun anstelle der Verlage „die forschungsintensive Industrie“ subventioniert, weil sie nun für den Wissenserwerb viel weniger Geld aufwenden muss, ist schon reichlich absurd. Wäre das Wissen freier zugänglich als bisher, würde im Gegensatz die bessere Verteilung und Adaption für weitaus mehr Wettbewerb sorgen als bisher. Aber ich weiß, manchen macht es Angst, wenn Wissen frei herumläuft. Wer weiß was es im Schilde führt…
    Und der Satz „never change a running system“ gilt für den von ihm zitierten Informatiker auch nur solange, bis ein Update unumgänglich wird, ohne das das ganze System instabil zu werden droht. Dass im wissenschaftlichen Publikationsprozess einiges nicht rund läuft, wurde nun zur Genüge diskutiert, solche Alltagsweisheiten machen es nicht besser. In den letzten 5 Jahren ist durch die flächendeckende Vernetzung weitaus mehr denkbar geworden als noch von 1665 bis 2000 zusammen.

  4. Pingback: medinfo weblog

  5. erst hü, und schon wieder hott:
    http://www.heise.de/newsticker/meldung/75310

  6. Nein, das „hott“ war schon im „hü“ enthalten: Auch im BITOnline-Artikel verweist Bass schon auf den Volltextserver JUWEL des FZ Jülich.