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Der kurioese Bibliotheksbote worinnen zu finden sind allerley newe Zeitungen

Himmel – Hölle – Handy

Zum Thema „Handy und Bibliothek“ fällt noch jedem etwas ein; so fördert allein eine entsprechende Suche bei netbib ca. zwei dutzend Beiträge zutage. Und schon beim ersten Ã?berfliegen der Ergebnisse wird auch die Ambivalenz des Themas klar. Einerseits: Informationen auf den Schreibtisch des Benutzers zu liefern ist heute längst nicht mehr das Optimum, weil viele Informationen durch Handy und PDA längst bis in die Hosentasche kommen, einschlieÃ?lich diverser Auskunfts-, Erinnerungs- und Alertdienste. Kundenfreundlicher und innovativer gehts nimmer. Andererseits ist kaum eine Aufgabe in der Bibliothek so undankbar wie die Durchsetzung des Handyverbots gegen die Handyverbohrtheit der Benutzer. Man kommt sich dabei ungefähr vor wie eine Mischung zwischen Sysiphos und dieser berühmten Actionfigur mit Brille und Dutt.

Michael Stephens weist nun auf einen Artikel im Library Journal und einen Blogbeitrag von Woody Evans hin, die diesen Zwiespalt aussprechen und dafür plädieren, ihn zugunsten von Handy und PDA aufzulösen. Vielleicht haben sie recht. Möglicherweise sind Handys und die damit verbundenen Störungen ein längst nicht mehr verrückbarer Teil des Bibliotheksalltags, und nur uns, den Bibliothekaren, fällt es schwer, uns das einzugestehen. Zumindest jedoch sollten wir uns eingestehen, daÃ? die entscheidende Wende im ewigen Kleinkrieg gegen die Handybenutzer (plötzlich sehen alle das Verbot ein; oder: eine neue technische Erfindung schaltet alle Telefone im Umkreis von 500 Metern stumm) wohl noch unbestimmte Zeit auf sich warten lassen dürfte.

Wie könnte demgegenüber eine „freundliche Ã?bernahme“ des Mediums aussehen? Vielleicht so: Interessante neue Dienste für Handybenutzer einführen und gleichzeitig das Handyverbot zugunsten einer dringenden Bitte um leise und zurückhaltende Benutzung lockern?

Autor: Lambert Heller

Librarian 2.0, interested in knowledge management, publishing and communities on the web. Likes Open Access / Open Data. Hannover, Germany.

9 Kommentare

  1. Ich bin für ein Handyverbot, leider ist bei uns aufgrund der Architektur keine echte Trennung zwischen „in der Bibliothek/im Lesesaal“ und „Vorraum“ vorhanden. Das führt immer wieder dazu, dass Leute laut quatschend den Lesesaal betreten…
    Grad heute wieder ein Beschwerde einer Studentin eingegangen, sie fühlt sich durch ihre Mit-StudentInnen enorm belästigt (Gespräche, Handy) und möchte gerne, dass wir für Ruhe sorgen. Wir versuchen das natürlich sowieso, allerdings ist das kaum zu leisten, man müsse kontinuierlich durch die Lesesäle laufen. Es ist immer noch so, dass viele Menschen Bibliotheken aufsuchen, um in Ruhe zu lesen oder zu arbeiten.
    Wenn man dann noch das Telefonieren tolerieren würde… ich habe ja nichts gegen Handys, aber gegen diverse Klingeltöne. Fast alle vergessen ihr Gerät aus- oder leise zu stellen (ist mir auch schon passiert in der Ratsbücherei Lüneburg, war furchtbar peinlich. Dort ist es nämlich recht ruhig)

  2. open access zu jeder bibliothek!
    immer und überall!
    barrieren abschaffen!

  3. Infantile Sprüche werden der Sache nicht gerecht. Es geht nicht darum, Barrieren auf- oder abzubauen, sondern den Menschen, die in einer Bibliothek arbeiten, die das aus verschiedenen Gründen nur dort tun können, den Rahmen zu bieten, den sie dafür benötigen. Und dazu gehört vor allem Ruhe! Deshalb dürfen in Lesesälen u.a. keine Mobiltelefone klingeln. Wer es für sein Recht hält, wo immer er sich gerade aufhält, anrufen oder angerufen werden zu dürfen, hat nicht begriffen, dass auch Andere Reche haben.

  4. Es gibt Bibliotheken, die erlauben alles überall. Die haben aber einen Glaskasten, der „Reflection Zone“ heißt und wo alles tabu ist.
    Bei uns müßte es eher umgekehrt sein, da sich nach der letzten Umfrage jeder Zweite ruhige Arbeitsplätze wünscht, aber nur jeder Fünfte Arbeitsplätze mit Lärmbelästigung (vulgo Gruppenarbeitsplätze).

  5. ja die Ruhe…

    wenn ich heute in den lesesaal einer hochschulbib. schaue,
    dann sehe ich etwa 60% der studenten die sich mithilfe ihres mp3-players ihre eigene ruhe-oase aufbauen….

    also ruhe ist immer relativ…

    vielleicht sollte man da öb und wb auseinanderhalten…

    wenn sich eine öb als sozialer ort definiert oder als treffpunkt der gemeinde usw. dann bitte ohne handy-verbot…

    das im lesesaal einer wb nicht telefoniert werden sollte – ok.

  6. Dann auch Internetverbot (besteht ja vielerorts praktisch schon), denn ein Handy ist zunehmend ein Mittel, z.B. den Katalog zu benutzen. Vielleicht kann man auch mal mit Fotohandys ordentliche Repros anfertigen. UB Freiburg sagt: bei Handybenutzung Hausverbot, das halte ich für sowohl überzogen als auch rechtswidrig.

  7. Die Forderung dann auch nach einem Internetverbot ist bewusst überzogen, ebenso die Behauptung, ein Nutzungsverbot für Mobiltelefone käme einem solchen gleich. Dass im Lesesaal einer wissenschaftlichen Bibliothek nicht Telefone klingeln und Telefongespräche geführt werden dürfen, halte ich nicht für diskutierbar. Es wäre schlicht rücksichtslos.

  8. @ Rainer

    nein, ich finde dem punkt internetverbot von kg nicht überzogen.

    das heutige handy bietet die funktion telefonieren [= laut sprechen = störung] als nur eine von vielen funktionen an.

    bibliotheken müssen sich diesem thema stellen, also:
    telefonier verbot im wb lesesaal ja, aber kein handy verbot, da z.B. sms, notizfunktion, kalender…

    stichwort e-science: auch hier wird das handy, dann als palm, pda usw. ein arbeitsgertät das zur virtuellen handwerkszeug des wissenschaftlers gehört und kann nicht einfach unter ein verbot fallen.

  9. Wenn man eine „Ruhezone“ anbietet kann man das Verbleiben einer „unruhigen“ Zone auch als besonderen Service für die Benutzer verkaufen. Das scheint ungefähr der Gedanke der Dunbar Library gewesen zu sein, als sie dieses Schild aufgestellt hat. Finde ich gar nicht übel, diese Idee.
    [via Michael Stephens]