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Die sieben bis acht Attribute von Tagging-Systemen

Ein neues Papier (PDF) von Cameron Marlow, Mor Naaman, danah boyd und Marc Davis nennt sehr treffend die wichtigsten Attribute von Tagging-Systemen (ebd., Punkt 4.1), also Datenbanken, in denen durch nicht-kontrollierte, gemeinschaftliche Verschlagwortung eine Folksonomy entsteht. Ich fasse zusammen, verwende, wo es paÃ?t, die beiden vielleicht bekanntesten Folksomies del.icio.us und Flickr jeweils als Beispiele, und komme abschlieÃ?end auf ein m.E. fehlendes Attribut zu sprechen:

Tagging Rights – Dürfen prinzipiell alle alles taggen (del.icio.us), oder nur der Urheber des zu taggenden Objekts (Technorati – ein Tagging-System, in dem keine Folksonomy entsteht), oder brauchen andere die Erlaubnis des Objekt-Urhebers (Flickr), oder funktioniert es noch anders?

Tagging Support – Erhält der Benutzer beim Taggen als direktes Feedback Vorschläge für mögliche Tags? – Wenn ja, auf Grundlage seiner eigenen Tags, denen anderer Benutzer oder denen einer definierten Informationsquelle auÃ?erhalb des Tagging-Systems (wie in Bibliothekskatalogen naheliegend – vgl. hier, vorletzter Absatz)? Oder auf Grundlage einer automatisierten Auswertung des Objekts oder der vorhandenen Tags?

Aggregation – Unterhält jeder Benutzer zusammen mit einer eigenen Objekt-Sammlung auch eine Sammlung der von ihm vergebenen Tags, die dann gewichtet als Tag Cloud dargestellt werden und zur Ermittlung von Ã?hnlichkeitsbeziehungen zwischen Benutzern etc. ausgewertet werden können (del.icio.us), oder besitzt jedes Objekt nur einen kollektiv erstellten Haufen ununterscheidbarer Tags (Flickr)?

Type of object – Alles, was in einer Datenbank eindeutig repräsentiert werden kann, kann auch getaggt werden – seien es URLs (del.icio.us), Bilddateien (Flickr), Dokumente anhand eines registrierten DOI (Connotea), Ausstellungsobjekte etc.

Source of material – Woher kommen die Objekte, die getaggt werden können? Von irgendwoher (bei del.icio.us selbst aus dem Intranet, Hauptsache per HTTP), aus einer kontrollierten Objektdatenbank (Flickr), oder etwas dazwischen?

Ressource Connectivity – Können Objekte aufgrund von Relationen jenseits des Taggens zu Sammlungen oder Teilansichten gruppiert werden?

Social Connectivity – Können sich die Benutzer (unabhängig von ihren Objektsammlungen und ihrem Taggen) selbst untereinander vernetzen, sichtbare Gruppen bilden etc.? (Das ist sowohl bei del.icio.us als auch bei Flickr der Fall.)

Soweit also Marlow et al. Mir fehlt noch ein Attribut, wenngleich es vielleicht ein biÃ?chen quer zu den sieben genannten liegt. Ich nenne es mal Metcalfe-Reflexion. Wird berücksichtigt, daÃ? der Nutzen des real verwendeten Systems – ganz grob betrachtet, es geht nur um die GröÃ?enordnung – mit dem Quadrat der Anzahl seiner Benutzer wächst? (Vgl. Metcalfe’s law.)

Metcalfe-Reflexion heiÃ?t für Tagging-Systeme, die eine kritische GröÃ?enordnung erreicht haben: Werden die vorhandenen Daten unter technischen und rechtlichen Bedingungen zur Verfügung gestellt, die eine Benutzung und Erweiterung der Folksonomy mit Hilfe „fremder“ Systeme ermöglicht? (Bei del.icio.us ist durch offengelegete Diensteschnittstellen, sog. APIs, das Hinzufügen und Taggen von Objekten durch einzelne Benutzer mithilfe von selbstgestrickten Systemen oder Systeme Dritter möglich. Das vollständige Aggregat aller öffentlich gebookmarkten Objekte und aller Tags aus del.icio.us‘ Datenbank ist hingegen nicht ohne weiteres erhältlich.)

Für Tagging-Systeme, die wesentliche Attribute (vor allem Type of object und Source of material) mit bereits vorhandenen Systemen kritischer GröÃ?enordnung teilen, könnte Metcalfe-Reflexion beispielsweise heiÃ?en: Wird den Nutzern ohne Mehraufwand der Nutzen ermöglicht, der sich aus der zusätzlichen Benutzung des gröÃ?eren Systems ergibt? (Positives Beispiel Diigo, negatives Mister Wong.)

Autor: Lambert Heller

Librarian 2.0, interested in knowledge management, publishing and communities on the web. Likes Open Access / Open Data. Hannover, Germany.

2 Kommentare

  1. Habe die Autoren das Paper nicht schon auf dem Collaborative Tagging Workshop im Mai diesen Jahres vorgestellt, oder gibt es signifikante Änderungen?

  2. „it’s a new and improved version of our WWW position paper“, schreibt danah ja in ihrem oben verlinkten Blogposting. Groß hat sich das Papier offenbar nicht verändert, aber meines Erachtens ist es allein wegen der von mir wiedergegebenen Punkte einen Hinweis wert. Auch die Beschreibung dieser Tagging-System-Attribute ist in der überarbeiteten Fassung noch ein wenig differenzierter.