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Habib und Library Journal über die Bibliothek der Zukunft

Michael Habib versucht sich in seinem neuen Blog an einer Visualisierung des Konzepts Library 2.0. Seine Grundidee war zunächst: In der Hochschule sind allen Räumen bestimmte Funktionen zugewiesen (Geschäftszimmer, Vorlesungssaal etc.), und daneben existieren die zahlreichen Räume (Kneipe, Wohnheim etc.), die für Studenten von sozialer Bedeutung sind. Diese Unterscheidung verdoppele sich nun in den virtuellen Raum: Da gibt es auf einmal Kurs- und Lernmanagementsysteme, und daneben studentische Blogs, Instant Messaging etc. Habib betrachtet die Bibliothek interessanterweise als die Schnittmenge zwischen den „offiziell vorgesehenen“ Orten und jenen, deren Bedeutung von den Studenten geprägt wird. DaÃ? innerhalb dieser Schnittmenge wiederum physische und virtuelle Orte entstehen können (aber nicht müssen), dürfte klar sein. Nun läÃ?t uns Habib auch am Fortgang seiner Ideen teilhaben, die – teils im Blog, teils in seinem Wiki entwickelt – demnächst in seine Masterarbeit münden sollen. Demnach lautet ein Zwischenergebnis, daÃ? die Unterscheidung zwischen virtuellen und physischen Räumen nicht ergiebig genug ist, und eher zwischen maschinenvermittelter und Face-to-face-Kommunikation unterschieden werden sollte, und andererseits zwischen Interaktionen und Räumen. (Das klingt unübersichtlicher als es ist; die so entstehende dritte Dimension ist in seiner Grafik recht anschaulich dargestellt.)

Letztlich will Habib auf etwa hinaus, was sich in der Diskussion um Library 2.0 hier und da bereits angedeutet hat, aber m.E. bislang nirgends klar formuliert worden war.

Den Bibliotheken ist – trotz all ihrer Probleme – eine Konjunktur in den SchoÃ? gefallen, nämlich ihr Aufschwung als Orte des Lernens und geistigen Arbeitens. Das gilt in Bezug auf die Einzelnen, denen die Lesesäle zum zeitweiligen Zufluchtsort vor Alltagshektik und verrottenden Hochschulgebäuden geworden sind, und es gilt natürlich auch für die virtuellen und realen Gemeinschaften dieser „Flüchtlingsgeneration“. Die Idee der „Library 2.0“ paÃ?t zu dieser Entwicklung. Sie stellt nämlich nicht die Objekte, die Informationsressourcen, in den Vordergrund. Sie handelt vielmehr davon, die Bedürfnisse einer neuen Benutzergeneration nicht mehr zu ignorieren oder zu verneinen, sondern zum Ausgangspunkt einer Veränderung der Bibliothek zu machen.

In den Worten Habibs:

This model presents a view of how students might view the library as place in relation to their academic and social lives. It is at this intersection that I propose Library 2.0 has begun to materialize. The primary goal of the model is to encourage brainstorming over how we can develop virtual environments that will fit into students‘ lives.

Damit wird die alte Idee auf den Kopf gestellt, man müsse den Benutzer zur „richtigen“ Benutzung der Bibliothek erziehen. Habib geht es anders herum an: Er unterstellt den Benutzern eine hohe Kompetenz im Umgang mit Informationen, einschlieÃ?lich bestimmter Funktionen, die sie den Bibliotheken dabei zuweisen. Oder die nach Habibs Einschätzung in den Bibliotheken gut untergebracht wären. Er will genau hinhören und hinschauen, um dann die Informationsressourcen dorthin zu bringen, wo die Leute sie benutzen können und wollen, und um letztlich Räume zu schaffen, die eine derartige Benutzung erlauben.

Das entspricht dem Bild der virtuell allgegenwärtigen, im starken Sinne barrierefreien, technisch modularen, menschlich sprechenden und zuhörenden Bibliothek 2.0, das Jenny Levine, Michael Stephens und andere bereits im Winter 2005/2006 entworfen hatten. (Beispielhaft hier und natürlich generell bei ALA TechSource, dem Auge im Orkan der ganzen Library-2.0-Diskussion.)

Und es ist erfreulich festzustellen, daÃ? auch ein etwas traditionelleres Fachmedium wie das Library Journal in seiner aktuellen Ausgabe nicht nur das Stichwort Library 2.0 aufnimmt, sondern auch seine pragmatische, insgesamt sehr positive Rezeption der neuen Diskussion fortsetzt. (Hier bei netbib war neulich auf den LJ-Artikel über Tagging im OPAC hingewiesen worden.) Der Artikel von Michael E. Casey und Laura C. Savastinuk betont, daÃ? Bibliothek 2.0 nicht primär eine Frage der Technik ist, und gerade kleine Bibliotheken sich realistischerweise fragen, inwiedern sie technische Veränderungen aus eigener Kraft oder aber mit Hilfe kostenloser Webdienste bewerkstelligen sollten. Im Mittelpunkt stehe jedenfalls die regelmäÃ?ige, intensive Rezeption des Feedbacks und der Bedürfnisse der Benutzer, sie sollen partizipieren und kollaborieren können.

Autor: Lambert Heller

Librarian 2.0, interested in knowledge management, publishing and communities on the web. Likes Open Access / Open Data. Hannover, Germany.

3 Kommentare

  1. Der Beitrag ist in jeder Hinsicht („It doesn´t matter how new an idea is: what matters is how new it becomes“) interessant, aber hat aus meiner Sicht zwei gravierende Mängel:

    Erstens: geht es nicht um Bibliothek v 2.0, es müsste mindestens 7.0 oder 8.0 lauten, da die Bibliothek -als Institution- im Lauf der Geschichte Entwicklungen unterworfen war und zum anderen halte ich die Diskussion a la Web2.0 für vom Thema abweichend. Für meine Begriffe sollte es in eine Richtung gehen, die ich durch folgendes Beispiel belegen möchte.

    http://www.ideastore.co.uk/
    http://opus.uni-kassel.de/handle/urn:nbn:de:hebis:34-2005071487
    http://www.nzz.ch/2006/08/21/fe/articleE4LAI.html

    Zweitens: die gesamte Diskussion um die Neu- und Umgestaltung der Bibliothek an sich ist eine sehr akademische Diskussion, in der ich manchmal den gewissen Realismus der „kleinen Bibliothek um die Ecke“ vermisse. Dort und da sollten wir uns nichts vormachen, regiert teilweise noch das Mittelalter und das nicht etwa, weil die dort arbeitenden dumm, faul und gefräßig sind.

  2. Hallo Jens, erstmal vielen Dank für den Kommentar, dem ich ungefähr zur Hälfte zustimmen kann. Stimmt, Bibliothek 7.0 oder 8.0 wäre in historischer Perspektive angemessener, und auch der Begriff Web 2.0, an den man sich damit ja anlehnen möchte, ist mir viel zu schwammig. Da war der Begriff Social Software, der beispielsweise hier bei netbib schon seit Jahren verwendet worden war, spezifischer. Aber ich möchte auch daran erinnern, daß dies letztlich eine nominelle Frage ist, und man sich vielleicht nicht zu lange daran aufhalten sollte, solange der gemeinsame Gegenstand einigermaßen klar ist.
    Was die Akademismus-Kritik angeht: Für mich ist keineswegs klar, daß die Library-2.0-Diskussion in Deutschland wenigstens mal die Akademie erreicht hätte… Umgekehrt: Eine kleine Einrichtung wie die Stadtbibliothek Nordenham macht gerade vor, was sich bereits mit äußerst begrenzten Mitteln erreichen läßt. Und auf die Perspektive solcher Bibliotheken, für die beispielsweise eigene Softwareentwicklung utopisch erscheinen muß, geht der LJ-Artikel ja wie gesagt auch ein.

  3. Mit dem Verweis auf eine akademische Diskussion bezog ich mich auf die dezeitige Situation vieler Bibliotheken. Und wenn ich dann hier in meinem Umfeld die Bibliotheken betrachte, dann bleibt einfach nur festzuhalten, dass diese kaputt gespart werden.
    Dem lege ich damit zu Grunde, dass alle „Bekenntnisse zur Wichtigkeit der Bildung“ und dem Lamentieren rund um das 3L (Lebenlanges Lernen) nur Schaumschlägereien beinhalten, die gut als Schlagworte funktionieren, aber eben nicht im Denken und (politisch verantwortlichen) Handeln verankert sind.
    Mitnichten soll es heißen, dass der heutige Zustand konserviert werden soll, um nicht noch tiefer zu fallen, auch müssen die „alten“ Ideen (wieder) auf den Tisch und der Spaß, den Jede(r) in einer Bibliothek (egal welcher Größe) haben kann, sollten wir wieder mehr fördern.