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Der kurioese Bibliotheksbote worinnen zu finden sind allerley newe Zeitungen

Library of Learning and Library 2.0

Kinder und Jugendlich sind – neben den Blinden und Sehbehinderten – die privilegierten Benutzer der Bibliotheca Alexandrina.

Nur sie koennen Medien ausleihen, waehrend in der Erwachsenenbibliothek nach frustrierenden Ergebnissen in einer kurzen Pilotphase die Buecherausleihe zunaechst wieder eingestellt worden ist. Die Kinder koennen ausserdem kostenlos Buecher scannen, Seiten daraus zusammenstellen, ausdrucken und binden, und auf diese Weise feststellen, dass jeder Text „auf dem Bildschirm“ sich in einen Text „im Buch“ verwandeln laesst und umgekehrt, und dass sie selbst diese Verwandlung meistern koennen. (My Book – Digitally & Printed halte ich fuer eine bemerkenswert zeitgemaesse Vermittlung von Information Literacy, diesem Projekt wuensche ich viele Nachahmer.) Und sie werden dazu angeregt, Medien aller Art – einschliesslich Internetspielen und Videofilmen! – in der Bibliothek zu nutzen. Kurz gesagt, sie werden als das Bibliothekspublikum der Zukunft behandelt.

Diese strategische Bevorzugung der Kinder bedeutet natuerlich nicht, dass den erwachsenen Benutzern keine Informationen vermittelt werden. Fuer die Schulung dieses Publikums spielen insbesondere bibliographische Datenbanken, Online-Kataloge etc. eine grosse Rolle, denn solche Angebote sind selbst fuer die aelteren Studenten und Akademiker unter den ca. 11.000 Benutzern meistens Neuland. Und einige Dinge sind fuer Aegypten insgesamt so neu, dass sie ueberhaupt erst erfunden und entwickelt werden muessen. So entwickelt die Bibliotheca beispielsweise einen – eng an Chicago Manual angelehnten – Zitierstil. Eine Uebersetzung der DDC ins Arabische in Zusammenarbeit mit OCLC ist geplant. (Nebenher bemerkt: Die detaillierte, durchgaengige Klassifizierung des gesamten Medienbestands nach DDC an der Bibliotheca ist beispielhaft – dieser Katalog sollte fuer Bibliothekare, die haeufiger Informationen ueber Aegypten oder den Nahen Osten benoetigen, Grund genug sein, sich einmal naeher mit der DDC zu beschaeftigen.)

Diese intensive Entwicklungstaetigkeit an der Bibliotheca – ein weiteres Beispiel waeren die pionierartigen Bemuehungen im Bereich der Digitalisierung arabischer Dokumente – darf jedoch nicht darueber hinwegtaeuschen, dass die Einrichtung mit einem gravierenden, permanenten Fachkraeftemangel bei gleichzeitig hoher Fluktuation unter den Beschaeftigten leben muss. Daher wird massiv intern weitergebildet, sowohl Bibliotheks- als auch Sprach- und IT-Kenntnisse. Wer hier besondere Fertigkeiten hat ist stets dazu aufgefordert, seinem Team oder seiner Unit das entsprechende Wissen in Gestalt von Praesentationen oder Kursen zu vermitteln.

An meinem ersten Tag in der Bibliotheca Alexandrina sagte mir die Bibliotheksleiterin Sohair Wastawy, dass das Wesen ihrer Bibliothek das Lehren und Lernen sei. Und wie man sieht, handelt es sich tatsaechlich um eine Bibliothek, in der aus Kindern die Bibliotheksbenutzer von morgen und aus Erwachsenen die kompetenten Anwender der digitalen Bibliothek von heute werden. Um eine Bibliothek, die sich selbst und nebenher dem gesamten aegyptischen Wissenschaftsbetrieb ein modernes bibliothekarisches Fundament verschafft.

Und, das ist noch nicht alles, um eine Bibliothek, die sich vorgenommen hat, „from scratch“ Library 2.0 zu sein. Dies war das Thema meines vorersten letzten Treffens hier in der Bibliotheca. Ich besuchte Rehab Ouf, die Leiterin des erst vor wenigen Wochen entstandenen Strategic Initiatives Directorates. Rehabs Arbeitsbereich wird sich in drei Einheiten unterteilen: Technische Uebersetzungen wie etwa das angesprochene DDC-Projekt; „educational outreach“ und „service outreach“, um die Angebote der Bibliotheca umfassend vie Internet nach draussen zu bringen; und schliesslich Library 2.0, womit vor allem der Einsatz von Social Software auf breiter Ebene gemeint ist.

Es hilft nichts, morgen endet meine Zeit hier. Was aus den Kids in der Children’s Library wird, wie Rehabs Bibliotheca 2.0 aussehen wird und ob das Strandcafe vor der Bibliothek die Sandameisen in den Griff bekommt werde ich nicht mehr erleben. Fuers Erste, jedenfalls… 😉

Autor: Lambert Heller

Librarian 2.0, interested in knowledge management, publishing and communities on the web. Likes Open Access / Open Data. Hannover, Germany.

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