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Primo revisited – Die Diskussion mit Ex Libris, Teil 2

Patrick Danowski hat bereits von unserem Ausflug nach Hamburg letzten Donnerstag berichtet. Sein Bericht faÃ?t die erste von den insgesamt vier Stunden zusammen, die wir uns dort mit Vertretern der Firma Ex Libris (EL) getroffen haben. In diesem ersten Teil der Diskussion ging es um ELs Kommunikationsstrategie und Weblogs. Danach ging es dann um das bibliothekarische Suchportal Primo. EL hatte uns nach Hamburg eingeladen, nachdem ich Primo hier in netbib ausführlich kritisiert hatte.


Ich will zunächst die tieferen Absichten hinter dem Produkt Primo schildern, soweit diese für mich aus den geduldigen Antworten der vier Firmenvertreter auf meine Fragen erkennbar wurden.

Bereits vor dem Treffen war mir klar, daÃ? EL mit Primo eine einheitliche, separate Weboberfläche für verschiedene bibliothekarische Suchsysteme anbieten will. In den Mittelpunkt der Produktdarstellung rückt EL stets die Benutzeroberfläche, so auch bei dem Treffen in Hamburg. Suggeriert wird, daÃ? durch schnelle Suchmaschinentechnologie und visuell besser integrierte Funktionen Bibliotheksbenutzer von der Suche mit Amazon und Google „zurückgewonnen“ werden können. Beispiele für integrierte Funktionen sind:

  • SFX-Links, die bereits vor dem Anklicken die für das jeweilige Objekt verfügbare Funktion angeben,
  • Drill-down bzw. facettiertes Suchen, wie man es etwa von Elsevier Scirus kennt.

EL spricht im Zusammenhang mit Primo gar von einer „publishing platform“. (Um MiÃ?verständnisse zu vermeiden betone ich es hier noch einmal: Es handelt sich um ein Suchportal!) Dieses Versprechen wird sich mit GewiÃ?heit auch in einem entsprechenden Preis ausdrücken, der sich in der GröÃ?enordnung vom Preis für MetaLib unterscheiden wird.

Mittelbar steckt in Primo das Eingeständnis eines Defizits von ELs eigenem „alten“ Metasuch-Systems MetaLib. Suchergebnisse, die erst nach einigen Sekunden auftauchen, weil sie erst aus diversen Indexen zusammengetragen werden müssen, wird es auch in Primo geben – allerdings werden sie erst angezeigt, wenn man auf den entsprechenden Tab klickt. Im wahrsten Wortsinne steht bei Primo die schnelle Suche in einem integrierten Index („federated search“) „im Vordergrund“.

Ex Libris scheint Primo vernetzt zu entwickeln, und mit seinen eigene Produkten generell auf eine stärker modularisierte Struktur umzuschwenken. So waren laut Ex Libris an der Entwicklung von Primo das hbz, die US-Unibibliotheken Minnesota und Vanderbilt (Nashville), aber auch weitere externe Unternehmen beteiligt, die u.a. die anspruchsvolle Benutzeroberfläche mitentwickelten. Ferner setze man die freie Suchmaschinentechnologie Lucene sowie kommerzielle Ergebnis-Clustering-Technologie von Vivisimo ein. (netbib über Vivisimo) Unsere kritische Frage, ob die XML-Schnittstelle „X-Server“ für den Aleph Web-OPAC und MetaLib eines Tages mal ein kontinuierlicher Rahmen für Entwicklungen Dritter werden solle, zum Beispiel für eine gesunde Konkurrenz zu Primo aus dem Open-Source-Lager, wurde nachdrücklich bejaht. Man hat den Trend zu Webservices erkannt und man bemühe sich, diesen Bedarf mit allen Produkten zu bedienen.

Einer der Hauptfunktionen sowohl von MetaLib als auch von Primo ist das Single-Sign-On für den einheitlichen Zugriff auf lizensierte Informationen. Und ähnlich wie MetaLib wird auch Primo weitergehende personalisierte Funktionen anbieten – dazu gehören vor allem, wie gehabt, individuelle Einstellungen (bei MetaLib waren das bekanntlich vor allem die individuell konfigurierbaren Quellen-Sets für die Metasuche), Suchanfragen und Ergebnisse.

Bei Primo kommt nun erstmals der Gedanke auf, daÃ? es auch groÃ?e oder kleine Gruppen geben könnte, mit denen man Suchergebnisse teilen möchte. Dies soll kurz- und mittelfristig nicht mit den EL-Produkten selbst möglich sein, sondern beispielsweise dadurch, daÃ? das persönliche „eShelf“, ein Korb mit gespeicherten Suchergebnissen, per Mausklick bei Connotea, MySpace (!) oder anderen Diensten veröffentlicht wird. (netbib über MySpace) Innerhalb von Primo sollen sich eigene Tags und Reviews mit anderen Benutzern der selben Primo-Installation teilen lassen.

An dieser Stelle hatte meine Kritik an Primo angesetzt, die zu dem vierstündigen Austausch bei Ex Libris‘ Europa-Zentrale in Hamburg geführt hatte. Mein Einwand war, daÃ? der Nutzen der ErschlieÃ?ung in sozialen Netzwerken entscheidend von der GröÃ?e dieser Netzwerke abhänge. (Ich hatte das schon häufiger betont, hier auch in einem systematischen Kontext.) Daraus folge, daÃ? man Ausschau halten müsse nach dem bereits vorhandenen Content – sich mit diesem zu vernetzen sei unverzichtbar, wolle man die Benutzer nicht erneut in Datensilos einsperren.

Die Reaktion der Ex Libris-Mitarbeiter auf meine Kritik entsprach der zweiten Stufe im typischen Rezeptionsverlauf von Social-Software-Systemen. Nach grundsätzlicher Begeisterung für den Nutzen der gemeinschaftlichen, geteilten Hervorbringung von Inhalten kommt die skeptische Gegenbewegung: Ist man nicht schutzlos Schmutz und Schund ausgeliefert, sobald man eine Plattform betritt, in der jedermann jederzeit alles veröffentlichen kann? Und muÃ? man nicht sogar gezielt die Selbstisolierung suchen, um die „eigenen Benutzer“ vor diesen Gefahren zu schützen? – Diesen Sorgen entsprechend ist Primos derzeitiger Planungsstand, daÃ? nur authentifizierte Benutzer der jeweiligen Primo-Installation Tags und Reviews hinterlassen dürfen sollen; andere Benutzer sollen hingegen nur Leserechte haben.

Das bemerkenswerte Modell der Benutzung von Connotea durch die LMU München schien die Vertreter von Ex Libris dann zumindest auf eine positive Weise nachdenklich zu stimmen. Die Integration des Tag-Tools in den Münchener Dokumentenserver erzeugt eine zweischichtige Informationsdarstellung auf den Einstiegsseiten zu allen gespeicherten Dokumenten. Im Normalzustand erscheinen lediglich Informationen, die vom LMU-Personal authorisiert sind; ein dezenter Link bietet dem Benutzer jedoch die Möglichkeit, sich in seinen Connotea-Account einzuloggen. Genau dann, und nur dann, wenn er dies getan hat, wird fortan die Einstiegsseite zu jedem Dokument auf dem LMU-Server durch graphisch abgesetzte Tags fremder Benutzer, automatisch von Connotea generierte Empfehlungen ähnlicher Dokumente etc. ergänzt. Es ist also der Benutzer selbst, der aktiv die Verbindung zu den Daten Dritter herstellt.

Aber mit welchen Diensten sollte auf welche Weise zusammengearbeitet werden? Wir waren uns einig darüber, daÃ? die Web-Infrastruktur für das Kommentieren und Verschlagworten durch die Community noch in einer frühen Entwicklungsphase steckt, daÃ? gerade darin aber auch die Verantwortung von den Produzenten solcher Produkte wie Primo liegt. (Ex Libris‘ „Corporate VP, GM Europe“ Marc Daubach drückte das in dankenswert klaren Worten aus.) Zwei Punkte scheinen mir unverzichtbar zu sein, und deren Bedeutung wurde nach meinem Empfinden auch von der ganzen Runde geteilt:

  1. Möglichst dorthin gehen, wo die Masse der Inhalte liegt! Wie gesagt: Der potentielle Nutzen sozialer Netzwerkdienste liegt in der Masse der Netzwerkteilnehmer und -verknüpfungen.
  2. Auf die „lose Verknüpfung“ (im Sinne David Weinbergers) im Web frei zugänglicher Informationseinheiten setzen. Insbesondere gilt es, technisch und rechtlich die freie Weiterbenutzbarkeit dieser Objekte zu gewährleisten. Technisch läÃ?t sich dies relativ einfach durch die Verwendung freier Mikroformate sowie freier „kleinster gemeinsamer Nenner“ wie etwa BibTeX-Export und -Import gewährleisten. Der Besuch in Hamburg hätte sich m.E. allein schon dafür gelohnt, daÃ? wir die Ex Libris-Vertreter mit dem BibTeX-Standard vertraut gemacht haben.

Ob sich Ex Libris dem produktiven Risiko der Vernetzung mit offenen Plattformen aussetzt, ob man konsequent dem Weg freier Webdienste und Mikroformate folgen wird, bleibt abzuwarten; einige positive Zeichen deuten darauf hin. Wir werden die Produktentwicklung weiter beobachten, und vor allem die begonnene, produktive Diskussion fortsetzen.

Autor: Lambert Heller

Librarian 2.0, interested in knowledge management, publishing and communities on the web. Likes Open Access / Open Data. Hannover, Germany.

2 Kommentare

  1. Pingback: Besuch bei ExLibris Anmerkungen zu Teil 2: Erzeugt primo “Datensilos”? « Bibliothek 2.0 und mehr …

  2. Danke Lambert für die ausführliche Berichterstattung, es scheint, dass Ex Libris wirklich Interesse zeigt an Feedback aus der Zielgruppe (sollte ja logisch sein, aber es ist ja bekanntermaßen nicht immer so…)

    Immerhin ist es sehr löblich, dass Tagging aufgegriffen wird. Ohne Weiterentwicklung ist der OPAC nämlich sonst bald wirklich tote Technologie. Hoffen wir mal auf ein System, das so offen sein wird wie es der enge Rahmen der proprietären Software eben erlaubt.