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Wie auf dem Leipziger Bibliothekskongress eine niedrig hängende Frucht hängen blieb

Zunächst hatte ich meine impulsiven Überlegungen zum Rundum-Internet-Defizit des Bibliothekskongresses 2007 in Leipzig als Kommentar verfaßt, aber da liest es ja keiner. Um hoffentlich die diesmal Verantwortlichen zu piesacken und die zukünftig Verantwortlichen rechtzeitig zu ermahnen, hier nun also ein richtiger Weblog-Beitrag zum Thema.

Die Macher bibliothekarischer Großveranstaltungen in Deutschland scheinen, was das Thema Internetzugang betrifft, eine ganz merkwürdige Denksperre zu haben. Dabei sind das lauter Kollegen, die gar nicht dumm sind, und sich sogar mit dem Thema Internet beschäftigen.

Aber wie man im letzten Jahr einen Bibliothekartag, der unter dem Motto „Netzwerk Bibliothek“ (!) stand, und eine Konferenz über „Internet und Bibliotheken (Inetbib)“ (!!) und nun in diesem Jahr den großen Bibliothekskongreß mit weit mehr als 2.000 Teilnehmern, zum Teil aus aller Welt, (!!!) nicht mit einem freien Netzzugang für alle ausstatten kann – das ist schon faszinierend.

In den USA und Kanda haben seit Jahren zahlreiche, selbst mittelgroße Events dieser Art einen freien Netzzugang per WLAN. Die Konferenz hinterläßt eine dichte, authentische, Offenheit repräsentierende und für nachhaltige Diskussionen sorgende Informationsspur in zahlreichen Blogs, Wikis sowie Benutzer-generierten Medien auf Plattformen wie Flickr und YouTube. Eine niedrig hängende Frucht für Konferenzveranstalter, die mit vergleichsweise sehr geringem Aufwand jede Menge Buzz und eine hohe Nachhaltigkeit ihrer Konferenz erzielen könnten – aber sie lassen diese Frucht hängen.

Stattdessen gibt es mittlerweile jede Menge hochtheoretische Web 2.0-„Workshops“, bei denen die Referenten nur mitgebrachte Präsentationsdateien abspielen können, weil selbst der Dozenten-Rechner über keinen Internet-Zugang verfügt.

Ach ja, besorgte informationsethische Hinweise auf den „digital divide“ dürfen bei einem Bibliothekskongreß mit dem Schwerpunktthema Informationsethik natürlich auch nicht fehlen, auf Kongressen, bei denen nur diejenigen Teilnehmenden Internetzugang haben, die sich privat UMTS leisten können oder dazu bereit und in der Lage sind, sich vor den stattlichen 3 (in Worten: drei) Internet-Terminals die Beine in den Bauch zu stehen.

Ach, lassen wir das. Wer wettet mit mir, daß es weder auf dem Bibliothekartag 2008 noch auf dem Bibliothekskongreß 2010 einen umstandslosen freien Internetzugang für alle Teilnehmenden geben wird?

P.S. Zur Veranschaulichung habe ich einigermaßen wahllos diesen Beitrag aus den letzten Einträgen von Jenny Levines Weblog „Shifted Librarian“  herausgefischt. Dieses Beispiel sollte ausreichen, um den Vorteil eines freien Überall-Internetzugang auf einer Konferenz verständlich zu machen. Was geschieht in diesem Beitrag? Jenny bloggt einen Vortrag mit, d.h. sie veröffentlicht ein stichwortartiges Transkript noch während der jeweiligen Veranstaltung oder unmittelbar danach. Sie verweist ferner auf ein offizielles Konferenzblog, das YouTube-Videos enthält, sie verweist auf ihr eigenes Konferenzwiki, das ihre Vorträge enthält, etc. Das Internet eben – aber nicht eingesperrt in drei Terminals für 2.700 Teilnehmer, sondern auf den Rechnern aller Konferenzteilnehmer.

Autor: Lambert Heller

Librarian 2.0, interested in knowledge management, publishing and communities on the web. Likes Open Access / Open Data. Hannover, Germany.

14 Kommentare

  1. in diesem Zusammenhang ist auch die unprofessionelle Kongress-Homepage zu nennen (Frames, unübersichtlich, anfangs viele „unbesetzte“ Menüpunkte, Abstracts in sehr unterschiedlich formatierten Word-Dateien, sachliche Fehler, mangelnde Berücksichtigung von Aspekten der Barrierefreiheit, die im längst Standard sein sollten, umso mehr, wenn das Thema Ethik eine Rolle spielt und ein blinder Bibliotheksdirektor referiert. Die Beiträge werden (wie schon in Dresden) nach dem Kongress von einem OPUS-Server verschluckt (sofern sie nicht für den Tagungsband aufgespart werden), wo sie schwer auffindbar sind, wenn man Titel oder Autor nicht kennt. Gerade wegen der Gleichzeitigkeit und Öberschneidung der Themenblocks wäre ein zeitnaher Zugang zu den Vortragsskripten mehr als wünschenswert. Ein Treffen von Informationsspezialisten vermutet man hinter dem Webauftritt jedenfalls nicht. Als leuchtendes Beispiel einer Kongresshomepage empfehle ich erneut die der OPAC-Konferenz der Australischen Nationalbibliothek

  2. Dem Beitrag kann ich nur zustimmen. Nicht nur, dass man sich mit der Raumplanung völlig übernommen hatte („Urheberrecht? E-Books? Das interessant jemanden?“), auch die drei (oder waren es doch vier?) Internet-PCs haben uns in Erstaunen versetzt.
    Dass kein freies WLAN angeboten wurde, liegt möglicherweise auch an den perversen Preisen, die Messen in Deutschland für WLAN verlangen.
    Öbrigens nicht nur die Messen: Im Hotel NH Leipzig kostet das WLAN 10 Euro pro Stunde, wobei das Zeitguthaben nach 24 Stunden verfällt.

  3. Der WLAN-Zugang auf unserem Stabi-Stand im Dienstleistungsmarkt der Bibliotheken schlug mit 30 Euro zu Buche – die waren allerdings in der Gesamtgebühr von 150 Euro enthalten. Wir haben dort einige Male (und sehr gerne, besonders für befreundete Blogger 😉 ) als Internet-Café fungiert – was mich jetzt überlegen lässt, ob wir als deutsche bzw. deutschsprachige Biblio-Blogosphäre nicht einfach einen gemeinschaftlichen Stand in Mannheim beantragen und einen Bibliothekartags-Planeten machen sollten. Ist vielleicht noch ein bisschen früh zum Planen, aber können wir ja vielleicht ins Auge fassen, oder?

  4. Den Beschwerden kann ich mich anschließen, allerdings sollten wir konstruktiv nach vorne schauen, wie konkret wir dazu beitragen können, dass in Mannheim der Bibliothekartag nicht mehr vom Web 2.0 abgeschnitten ist. Ich wurde von den Veranstaltern schon unverbindlich wegen eines Vortrags angesprochen, beim nächsten Mal werde ich wegen Netzzugangs nachfragen. Wir sollten bei jeder sich bietenden Gelegenheit nachfragen, ob es freies W-LAN geben wird oder der Bibliothekartag weiter der Entwicklung um Jahre hinterherhinken möchte. Diese Bretter lassen sich nicht durch Blogeinträge bohren sondern an anderer Stelle. Mir fallen z.B. BuB, Bibliotheksdienst und andere Printmedien ein, die bestimmt für Berichte und Artikel zu Web 2.0 Themen offen sind – immerhin steigt inzwischen das Bewußtsein, dass man sich damit doch mal beschäftigen sollte, aber ohne die Bibliothekare dort abzuholen, wo sie bislang sind, können wir lange auf die Revolution warten.

  5. Die Diskussion um eine verbesserte Infrastruktur für die Biblio-Blogosphäre in Mannheim und bei anderen Veranstaltungen geht im neuen Bibliothek 2.0-Netz bei Ning weiter!

  6. 5: Jakob, da hast Du allerdings recht. Wenn ich das nächste Mal zu einem solchen fahre(n) (darf), werde ich vorher bei den Veranstaltern nachfragen.

  7. Ich habe ja schon an anderer Stelle meinem Frust Luft gemacht, so dass ich mich hier auf das „nach vorne schauen“ beschränken kann. Wie Lambert, dem ich sehr dankbar für den Diskussionsanstoß bin, schon richtig bemerkte, hilft manchmal ein Blick über den Horizont. Bei zwei Konferenzen im Ausland (eine in Rumänien) habe ich mich als Blogger geoutet. Die jeweiligen Veranstalter haben mir dann wie selbstverständlich einen PC zur Verfügung gestellt. Sie waren froh, dass jemand live über ihre Konferenz berichtete. In einem Fall durfte ich sogar die tägliche Konferenzpostille online stellen – daran hatte keiner gedacht.

    Öberhaupt ist das Denken über die örtliche Konferenz hinaus, über die physischen Teilnehmer hinaus nicht gerade weit verbreitet. Ich behaupte mal: Bei jeder Konferenz gibt es mehr zuhausgebliebene Interessierte als teilnehmende Interessierte. Veranstalter haben hier offensichtlich einen blinde Fleck – wohl, weil man so viel damit zu tun hat, die eigentliche Konferenz zu organisiseren. Man kommt deshalb einfach nicht auf den Gedanken, dass man – mit einem Klacks! – ja die große, daheimgebliebene Mehrheit auch bedienen und miteinbeziehen könnte: Vorträge sofort online stellen, Audio-Mitschnitte als Podcasts veröffentlichen, Conference Blogging – diese drei Dinge wären bei geschickter Organisation fast umsonst und fast sofort zu haben und würden ein lebendiges Abbild der Konferenz im Internet schaffen!

    Spinnt man den Gedanken mal weiter: Warum sollten Blogger nicht auch wie Journalisten behandelt werden und eine Akkreditierung erhalten? Bloggen ist – und da spreche ich sicher für viele von uns – doch (Grasswurzel)Journalismus par excellence!

  8. Ich gehöre zu den „zuhausgebliebenen Interessierten“, wie Oliver Obst so treffend schreibt und hätte mir sehr gewünscht, nicht nur ein paar Abstracts zu finden, sondern komplette Vorträge, in welcher Form – pdf, ppt, mp3 – auch immer.
    Stattdessen habe ich, ermutigt von einem mp3-Mitschnitt bei medinfo, angefangen, in Eigeninitiative Vorträge zusammenzusuchen per Internetrecherche und indem ich mir persönlich bekannte Referenten angesprochen habe.
    Dass man so etwas nicht professionell von Veranstalterseite organisien kann, finde ich auch völlig unverständlich.
    Und dass viele Vorträge erst viel später in einem gedruckten Kongressband zum Apothekenpreis erscheinen werden, ist auch alles andere als zeitgemäß.
    Ein BuB-Artikel wäre eine gute Sache, der erreicht auch jene, die es betrifft. Ich bin bereit, meine oben genannte Kritik beizusteuern, aber den Artikel sollte schon jemand schreiben, der da war.

  9. Da ich als einen ganz guten Draht zur UB Mannheim habe, insbesondere zu Herrn Knudsen, habe ich ihm gleich einen Hinweis auf die laufende Diskussion im netbib weblog geschickt. Nach dem Motto, wenn man sich große Meriten verdienen wolle („erster Bibliothekartag, der über Web 2.0 nicht nur redet“), solle man doch hier mal reinschauen. Wäre doch klasse, wenn die Vorschläge hier aufgenommen und umgesetzt werden könnten. Ich habe auch in Aussicht gestellt, daß es in der bibliothekarischen Bloggerszene bestimmt einige gibt, die bereit wären, zu helfen, z.B. schon in einer frühen Phase zu einem Vorbereitungstreffen in Mannheim zu kommen, damit die Weichen entsprechend gestellt werden können. Herr Knudsen schrieb mir gleich zurück und bedankte sich für die interessanten Anregungen: morgen tage das Ortskomittee zum ersten Mal und er werde seine „Manöverkritik“ zu Leipzig vortragen. Unsere Anregungen seien deshalb für die Planungen für 2008 außerordentlich wichtig. Feedbacks zu den einzelnen Veranstaltungen, aber auch zur Gesamtorganisation seien für sie als Veranstalter lebensnotwendig. Leider seien die Verbände etwas „träge“ und bekämen vieles gar nicht mit; z.B. habe das Fehlen eines W-LANs dort wohl bisher kaum jemand gestört…
    Ich hoffe, diese Intervention war in eurem Sinne. Wegen der Konferenz News werde ich mal mit Herrn Fuhlrott und Herrn Schütte sprechen – alle 4 Kongress News sind jetzt als PDF online (ich weiß aber nicht, ob die Online-Versionen tagesaktuell bereitgestellt wurden), aber die vielen Interviews und die Tatsache, dass Schütte das ganz offensichtlich großen Spaß macht, schreien ja geradezu nach einer Aufbereitung als Podcast.

  10. Vielen Dank für die hilfreiche Vermittlung, das klingt ja sehr vielversprechend! Alles Weitere sollte vielleicht in dem Diskussionsthread „Bibliothekskongress 2007… was soll daraus folgen“ des neuen „Netzwerks rund um das Thema Bibliothek 2.0“ besprochen werden.

  11. Ich lese hier eine Menge Vorwürfe gegen die Veranstalter. In diesem Fall war es Bibliothek & Information Deutschland (BID) in Zusammenarbeit mit der örtlichen MesseAG, in Mannheim werden es wieder VDB und BIB sein. Ich gebe zu bedenken, daß die Leute, die dahinter stehen, die Kongreßorganisation ehrenamtlich machen. Manch einer ist eben noch nicht bei „2.0“ angekommen. Das ist genauso wie vor 30 Jahren Kartenkatalogliebhaber vs. Katalogdatenbanken. Das wird schon noch …

  12. Ja, das stimmt auch nun wieder. Noch viel ärgerlicher als der fehlende Internetzugang waren die überfüllten Räume – und das ist doch eigentlich eher die Sache der Messe.

  13. @Flusskiesel: auch das stimmt nur bedingt. Wenn man sich vorstellt, zu wie vielen Themen es Messen und Kongresse gibt, halte ich es schlicht weg für zuviel verlangt, daß eine Messe-AG vorausschauen soll, wieviele Leute welchen Vortrag besuchen werden. Sicher, es gibt ein paar Tendenzen, aber die Vorgabe muß eher vom Veranstalter kommen. Beispiel: Der TVöD/Tvl-Vormittag von der BIB-Kommission Eingruppierung und Besoldung fand in Saal 1 statt, weil in den Vorjahren stets drangvolle Enge im Vortragsraum herrschte. Diesmal verloren sich die Leute eher in diesem riesigen Saal; es war also eine Fehleinschätzung, nur anders herum. Es gab auch shcon Vorschläge an die Veranstalter, bei der Anmeldung den voraussichtlichen Besuch mit abzufragen, aber das ist leider nicht realisert worden.

  14. @Owl: Dann war diese eine Veranstaltung aber eine Ausnahme. Ich meine, Themen wie Urheberrecht und E-Books sind auch keine Orchideen.