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Bottom-up-Netzwerke und Weblogs an Bildungseinrichtungen: MySpace, Elgg und RSS

Bekanntlich entstehen neben den groÃ?en Social-Networking-Diensten wie MySpace, StudiVZ oder Xing immer mehr kleine Nischen-Netzwerke, die beispielsweise von Bibliothekaren oder Wissenschaftlern bevölkert werden. Heute möchte ich auf einen interessanten Artikel bei Wired über die Verbreitung der Social-Networking-Software Elgg (netbib über Elgg) an Schulen hinweisen.


Die Pointe des Wired-Artikels ist, daÃ? sich diese Systeme quasi im Windschatten der zugleich populären und dämonisierten kommerziellen Social-Networking-Riesen wie MySpace verbreitet haben. Interessant finde ich an dem Artikel aber vor allem, daÃ? einige Bildungseinrichtungen anscheinend davon abgehen, die Vernetzung der Lehrenden und Lernenden durch Kurs-Management-Systeme etc. vorzustrukturieren. Stattdessen verwendet man einfache Systeme wie Elgg, in denen sich die Beteiligten von sich aus untereinander vernetzen, sich durch Tagging sowie durch persönliche Blogs ein aussagekräftiges, lebendiges Profil geben können, etc.:

Broadly, Elgg represents a shift from aging, top-down classroom technologies like Blackboard to what e-learning practitioners call personal learning environments — mashup spaces comprising del.icio.us feeds, blog posts, podcast widgets — whatever resources students need to document, consume or communicate their learning across disciplines.

The idea is spreading. Freely downloadable, Elgg now powers networks set up by nearly 50 schools and colleges around the world, including a particularly active rollout at Universidade de São Paolo in Brazil. In a country where social networking usually means finding a date using orkut, São Paolo’s Stoa builds relationships between groups of physicists, literature students and others.

„One undisputed finding in educational research is that group study works,“ said professor Ewout ter Haar. Ter Haar said the software allows students and teachers to share and debate their work, and as a networking tool where students and teachers can find others with similar interests. „Students seem to be using especially their blog as the expression of their academic identity,“ he said.

But Elgg, which is being translated into nearly 40 languages, may also have applications outside education.

With media organizations and sports teams scrambling to create yet another social network, the software could become an open-source rival to Marc Andreessen’s Ning platform, an easy way to create on-the-fly, user-centric sites for any conceivable niche.

Around 30 private companies and other organizations, including France Telecom, are already using Elgg. Curverider, a Brighton University spinoff responsible for commercializing the software, recently released an enterprise edition targeting big businesses keen to get on board the social networking train.

Der Artikel konzentriert sich sehr auf Elgg und unterschlägt dabei, daÃ? es bereits zahlreiche freie und kommerzielle Vertreter dieser Gattung Social Software gibt. Aber immerhin spricht er abschlieÃ?end auch das Problem an, daÃ? sowohl durch kommerzielle Dienste wie MySpace als auch durch die Installation von Elgg-Systemen an einzelnen Einrichtungen leicht Datensilos entstehen, die dem angestrebten Vernetzungseffekt ja eigentlich zuwiderlaufen.

Dabei fiel mir ein Weblog-Beitrag von Michael Kerres (Mediendidaktik-Professor an der Universität Duisburg-Essen) aus dem vergangenen Jahr ein, in dem der die Beschränkungen der „Managed Learning Environments“ kritisiert. In diese Umgebungen sind heutzutage zwar regelmäÃ?ig Social-Software-Elemente wie Wikis, Weblogs oder eben Systeme wie Elgg eingebaut, aber damit schreiben sie den Benutzern auch vor, genau diese Systeme zu verwenden – und nicht etwa ihre eigene Elgg-Installation oder einfach MySpace. Kerres zufolge kennen und nutzen Menschen

mit der zunehmend alltäglichen Nutzung des Internet eine ganze Reihe von Werkzeuge für die Bearbeitung von Informationen und die Gestaltung von Kommunikation. AuÃ?erdem ändern sich Vorlieben der User schnell und die Politik der groÃ?en Softwarekonzerne tun ihr Eigenes dazu, dass sich digitale Wissenswerkzeuge auf dem Markt durchsetzen oder ganz plötzlich verschwinden. Lernangebote sollten deswegen möglichst „werkzeugneutral“ realisiert werden.

Denn betrachtet man aus Sicht von Web 2.0, wie Wissenswerkzeuge in Lernplattformen konzipiert sind, dann erscheinen diese grundlegend fraglich angelegt. Die Aufforderung, mit dem dort jeweils inkludierten Diskussionsforum, Blog-, Chat- oder Konferenztool zu arbeiten, wäre so als ob wir von Studierenden fordern würden, sie müssten ihre Mitschriften auf kariertem Papier mit Bleistiften der Stärke HB mitschreiben und anschlieÃ?end in Ordnern der Marke X archivieren.

    (…) Sowohl unsere Studierenden, aber auch die Mitarbeitenden des Lehrstuhls sind nicht besonders interessiert daran, auf dem hochschul- bzw. lehrstuhleigenen Weblog-Server zu bloggen. Das dort vorgegebene Hochschuledesign und CI-konforme Template für das Layout bietet wenig Spielraum für den individuellen Ausdruck eigener Persönlichkeit. Doch für das Lernportal ist es hinreichend, wenn der Lerner seinen Weblog per RSS-Feed zur Verfügung stellen kann. Die Feeds aller Lernenden lassen sich leicht aggregieren und im Lernportal zusammenführen. Ã?ber diesen Mechanismus lassen sich Informationen aus dem Internet in das Lernportal hineinführen, aber genauso auch alle Informationen des Lernportals den Lernenden für ihre Anwendungen per Feed zur Verfügung zu stellen. Auf diese Weise wird das Lernportal zum Sammelpunkt, das schnelle Orientierung schafft, aber die Menschen nicht dazu zwingt, diese „Insel“ als den einen zentralen Ort anzuerkennen, auf dem Alles passiert. Es ist konsequent, das eine solche „dezentrale“ Organisation, den Lernenden und Lehrenden entgegen kommt.

Ich finde Kerres‘ Kritik ziemlich anschaulich und nachvollziehbar: Angesichts der Möglichkeit, mit RSS Inhalte aus verschiedenen Quellen zu aggregieren, ist die Festlegung der Benutzer auf ganz bestimmte Social-Software-Systeme eigentlich unnötig beschränkend. Gut, man könnte auch mit Szenarien rechnen, in denen solche Beschränkungen Sinn haben. Beispielsweise könnte ein Dozent von seinen Kursteilnehmern prüfungsrelevante Weblog-Beiträge unter deren Klarnamen erwarten. Dafür könnte man dann keine öffentlich zugänglichen Weblogs verwenden, ohne die Privatsphäre der Prüflinge zu verletzen. Aber das scheint mir eher der Ausnahmefall zu sein, für den man dann eine Hilfskonstruktion finden müÃ?te. Wichtig wäre doch vor allem, die im Wired-Artikel angesprochenen offenen Gruppen von Lernenden, die sich gegenseitig anhand ihrer Interessen finden und sich selbst organisieren, zu ermöglichen. Um die Lernenden in solchen Gruppen von den vielfältigen Möglichkeiten des Web 2.0 profitieren zu lassen wäre es konsequent, sich auf die „lose Kopplung“ durch Mechanismen wie RSS-Aggregation zu beschränken.

AbschlieÃ?end wäre noch zu bemerken, daÃ? die Idee lose gekoppelter Informationssammlung und -verbreitung durch RSS älter ist als beispielsweise der Begriff Web 2.0. Vor allem in den Weblogs von E-Learning-Spezialisten wie Alan Levine, D’Arcy Norman, Brian Lamb, Will Richardson und anderen sind diese Konzepte seit Jahren dargestellt und kontinuierlich weiterentwickelt worden. Wer in die Lektüre und Diskussion dieser Themen einsteigen möchte findet möglicherweise ein paar Einstiegspunkte in meiner (völlig subjektiven) Auswahl interessanter Edublogs.

Autor: Lambert Heller

Librarian 2.0, interested in knowledge management, publishing and communities on the web. Likes Open Access / Open Data. Hannover, Germany.