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Bibliothekswissenschaft für die Community der Bibliothekare: Eine Banane für die Fruchtfliegen

David Weinberger verweist auf eine Präsentation von Andrew Hinton: Architectures for Conversation (ii): What Communities of Practice can mean for Information Architecture. (Bitte PDF herunterladen oder Slideshares Vollbildmodus anknipsen, sonst kann man die sehr wichtigen Kommentare unter den Folien nicht lesen.) Ich will kurz umreiÃ?en, worum es darin geht, um schlieÃ?lich den zunächst etwas wirr klingenden Titel meines Beitrags hier einzuholen.


Emergente, organische Netzwerkstrukturen wie die Wikipedia („Open, Inexpensive, Simple, Close Enough“ – Folie 7) knüpfen der Präsentation zufolge an das latente menschliche Bedürfnis an, Teilnehmer einer Gesprächssituation zu sein. (Folie 8). Die Bedeutung des Gesprächs wird anhand eines Zitats von Cory Doctorow unterstrichen:

â??Conversation is king. Content is just something to talk about.â?
Itâ??s not that content is unimportant; itâ??s what conversations are *made* of!
But focusing on the content — or the â??informationâ? — to the exclusion of its use is a mistake.

Conversation is the engine of knowledge. Itâ??s the generative activity of civilization. But I donâ??t only mean just literal â??talkâ? — I mean conversation in the abstract sense of civic engagement. (Folien 10 und 11)

Gruppen zu bilden wird im Web 2.0 zum Massenartikel (Folien 13 und 14), und daher verändert das Web die Entstehungsbedingungen für Gruppen und Gesprächssituationen im weitesten Sinne:

(The) looser organic network has always been where Knowledge & Innovation occur — in the hidden, unofficial connections and conversations between people. (…)

The big difference is that the Web has given the organic networks the ability to make themselves explicit, to come out from the shadows. And itâ??s a perfect medium for growing them quickly.

Communities of Practice (dieses Konzept wird sehr gut dargestellt auf den Folien 22-25) können, und hier stellt Andrew Hinton eine sehr interessante Verbindung her, betrachtet werden als

a sort of specialized organic network. (Folie 26)

itâ??s informal, emergent, just like a general
social network, but it has a center of gravity — the domain — that acts loosely as an organizing principle.

Members may come in and out, it may shift over time, even its domain can sometimes migrate to a new focus. (…)

Sometimes it attracts outsiders who are loosely involved because they have an interest in the domain.

These people are often part of other practices, and bring skills along with them.
And this is all perfectly OK… in fact, itâ??s essential. (Folie 27)

Damit wären Communities of Practice (CoP) ein geeignetes Muster, um die Spannung zwischen traditionell funktionierenden, eindeutigen, oft hierarchischen Institutionen einerseits und den emergenten, organischen Netzwerkstrukturen andererseits zu einer produktiven Spannung werden zu lassen. Damit das funktioniert müssen traditionelle Institutionen allerdings lernen, einen Teil ihrer Kontrolle an die Community abzugeben — zumindest, soweit es ums Erfinden und Lernen geht. (Folie 30) Denn das funktioniert in CoP nun mal sehr gut. Und dieses Loslassen müssen die Institutionen ohnehin lernen, denn die Werzeuge der Gruppenbildung wuchern überall, und das Phänomen des plötzlichen Entstehens lebendiger, an Information und Kommunikation reicher Gemeinschaften läÃ?t sich ja mittlerweile nicht nur am Beispiel der Wikipedia beobachten.

Die Präsentation gibt anschlieÃ?end einige ganz interessante Tipps zum Kultivieren von CoPs, und beschreibt schlieÃ?lich (Folien 54 und 55) anhand eines Schaubildes die Symbiose zwischen einerseits den traditionell organisierten etablierten Standards, Definitionen, Curricula eines Fachs, und andererseits dem zunehmend „von unten“, gemeinschaftlich und informell entwickelten Tätigkeitsbereich dieses Fachs.

In seinem Beispiel geht es um Informationsarchitekten, aber die Darstellung dieser Symbiose ist auch für andere Professionen anregend. „Informationsarchitektur“ ist ein junger Begriff und ein Tätigkeitsbereich, der bei weitem nicht so viel Tradition und Struktur (Beispiel: Beamtenrecht!) mitbringt wie das Bibliothekswesen in Deutschland. Ich vermute mal, daÃ? ein hoher Anteil von denjenigen, die sich als Informationsarchitekten identifizieren, als kleine Selbständige o.ä. arbeiten. Aber auch in der Profession der Bibliothekare gibt es natürlich so etwas wie ein emergentes „Bibliothekswesen von unten“. (Ein Begriff, den Edlef Stabenau mal am Rande eines HBZ-Seminars verwendet hat.)

Unsere Banane ist die Bibliotheks- und Informationswissenschaft, um mal ein Bild aus Hintons Präsentation aufzugreifen. Das gesprächige Gewimmel der Fruchtfliegen bei netbib und anderswo wäre substanz- und formlos, gäbe es nicht ein Bibliothekswesen, einen Begriff der Bibliothek und seine Verankerung als akademisches Fach.

Kurz gesagt, diese Präsentation ist in meinen Augen eine Pflichtlektüre für alle, die — sei es mit Nischen-Netzwerken oder anders –  eine bibliothekarische CoP kultivieren helfen wollen. Denn etwas Theoriebildung kann bei einem solchen Projekt nicht schaden, auch wenn sie zunächst einmal nur „geliehen“ ist von einer Profession, die sich da schon mal ein paar Gedanken gemacht hat.

Autor: Lambert Heller

Librarian 2.0, interested in knowledge management, publishing and communities on the web. Likes Open Access / Open Data. Hannover, Germany.

5 Kommentare

  1. Pingback: IB Weblog » Blog Archive » Alle Fliegen drauf: die Bibliothekswissenschaft als Bananenfach.

  2. Hätte er sich auf diese Zeilen beschränkt:

    “Conversation is king. Content is just something to talk about.
    It’s not that content is unimportant; it’s what conversations are *made* of!
    But focusing on the content — or the “information” — to the exclusion of its use is a mistake.“

    – wärs fast genial. Leider frönt er mit dem ganzen Rest nur dem oben geschilderten Phänomen: Er buhlt um Aufmerksamkeit mit der Vielzahl seiner Wörter.
    Schaddrum.

  3. Natürlich ist da was dran, aber irgendwie erinnert mich die Betonung der „Conversation“ im Gegensatz zum „Content“ bedrohlich an die Degeneration von der Lese- und Schreibkultur zu einer neuen Art von Kultur der Mündlichen Öberlieferung, die so wie ich ihn verstanden habe Stefan Weber in seinem Buch vom Google-Copy-Paste-Syndrom festzustellen meint. Oder um es mit eigenen Worten auszudrücken: Nachplappern vom Hörensagen und die ewig gleichen Diskussionen anstatt saubere Quellenarbeit und sachliche Fakten. Jedenfalls kann ich dieses nervige Kommunikationsverhalten sowohl in der Blogosphäre als auch in Wikipedia beobachten.

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