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Bibliotheken nur etwas für Schnarchzapfen von der Geisteswissenschaft

In Heft 1/2007 von „forschung“, herausgegeben von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, ist eine Beilage „Wie exzellent ist die Exzellenz?“ von einem emeritieren Physik-Professor, welcher jetzt Gastprofessor in Vancouver ist und jetzt über die neuesten Auswüchse deutscher Hochschulpolitik schreibt. Neben der Gremienuniversität, welche ihm als wissenschaftsfeindlich gilt, schreibt er auf S. 3 auch zum Verhältnis von Natur- zu Geistes- und Sozialwissenschaften:

An dieser Stelle muss man ein Wort zu der wieder virulent gewordenen Diskussion, hier Natur- und Ingenieurwissenschaften, dort Geistes- und Sozialwissenschaften sagen. Ich habe die Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler immer beneidet: Nur mit einem Schreibgerät und etwas Papier in der Bibliothek arbeiten zu dürfen, so in etwa stelle ich mir das wissenschaftliche Paradies vor.

Man merke: Geistes- und Sozialwissenschaftler forschen nicht (das kann man ja nur an gaanz teuren Maschinen) und hocken einfach so in der Bibliothek und wälzen Schinken. So in etwa habe ich mir das wissenschaftliche Paradies vorgestellt: Emeritiert sein und über alles herziehen dürfen, was nicht Naturwissenschaft ist. Das Geistes- und Sozialwissenschaftler anderswo und mit anderen Mitteln forschen, dass die Bibliotheken schlecht ausgestattet sind: Peanuts!

2 Kommentare

  1. Lieber Herr Plieninger,
    von netbib kann man eine Menge lernen: Geisteswissenschaftler sind beleidigt, wenn ein Physiker behauptet, diese würden in der Bibliothek „arbeiten“. Forschen ist ja was viel höheres, Arbeit hört sich so schmutzig an. Für Physiker ist forschen = arbeiten, so ganz banal ist das.
    Und dann schreibt das auch noch ein Emeritus! Die sollen
    Ihrer Meinung nach das Maul halten? Oder nur Meinungen
    vertreten, mit denen Sie übereinstimmen?
    Was der zitierte Physiker anscheinend nicht weiss: nicht alle
    Geisteswissenschaftler sitzen in der Bibliothek und arbeiten,
    einige schicken ihre studentischen Hilfskräfte hin und lassen
    die Bücher holen, die sie dann zu Hause in ihrem gemütlichen
    Arbeiszimmer erforschen.
    Das ist Physikern normalerweise nicht möglich, oder
    sind Sie da anderer Meinung? Warum darf ein Physiker
    den Geisteswissenschaftler da nicht mal beneiden?
    (Die wenigsten würden wirklich tauschen wollen).

    Viele Grüße
    LK

  2. Lieber Herr Kalok,
    ich habe nichts gegen Naturwissenschaftler, einige meiner engsten Freunde sind welche. 😉 – Aber lassen wir das Flachsen! Wir beide kennen das Leben in einer „Volluni“ und wissen, dass das Verhältnis von Geistes- und Naturwissenschaftlern ein spezielles und damit äußerst vielschichtig ist. Ich wollte mit meiner Glosse darauf abheben, dass sich die DFG als Plattform für naturwissenschaftliche Platitüden hergibt, die alte Mär von den Geisteswissenschaftlern, welche ja soo genügsam sind. Eigentlich hat mir nur noch der Hinweis auf Luhmanns Zettelkasten gefehlt, der an dieser Stelle auch oft genannt wird (so nach dem Motto: „Was benötigen die Sozialwissenschaften Graduiertenkollegs und Sonderforschungsbereiche, ein Zettelkasten tut’s ja auch – und das kostengünstig!“ – Forschungsprojekte in den Geisteswissenschaften, zumal in den Sozialwissenschaften, wenn sie denn seriös ausgeführt werden sollen, benötigen ebenfalls nicht geringe Mittel. Dass unterstellt wurde, es genüge denen ja nur Griffel und Papier, das hat mich auf die Palme gebracht. Wenn ich das richtig mitbekomme, so haben nicht wenige Geistes-/Sozialwissenschaftler Mühe, für Projektanträge die erforderlichen Eigenmittel zu organisieren und die Bibliotheken, oft von oben als ausreichend ausgestattet angesehen, bieten nicht unbedingt das Notwendige. Da fängt dann das Reisen an…

    Es ließe sich noch viel sagen, dies lediglich zur Konkretisierung

    Jürgen Plieninger