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Bibliothek 2.0 – „Turn to the librarian“

Gestern hatte ich das Vergnügen, einige Thesen zur Bibliothek 2.0 vor einem sehr kompetenten und kritischen Publikum auf den Prüfstand zu stellen. Es handelte sich bei diesem Publikum um meine Matrikel im Graduierten-Fernstudium am IBI der HU Berlin, die sich gerade ihrem AbschluÃ? nähert.

Ich habe versucht, mit Yochai Benklers Forderung nach dem „Turn to the librarian“ die Bibliothek 2.0 zu begründen. Benkler beschäftigt sich mit den Produktionsbedingungen von (vor allem wissenschaftlicher) Information. Wenn seine These, daÃ? sich diese durch die commons-based peer production radikal zu ändern beginnen, zutrifft, dann ist die Bibliothek davon unweigerlich im Kern betroffen, denn sie gehört seit eh und je zu den Produktionsbedingungen von Information. Inwiefern sie davon betroffen ist, läÃ?t sich jedoch nur unzureichend verstehen, solange man sich nur mit der „digitalen Bibliothek“ beschäftigt, also Bibliotheken als Sammlungen fertiger Informationsgüter und deren Benutzung ins Auge faÃ?t. Dummerweise scheint in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft die „digitale Bibliothek“ immer noch als letztes Stadium der Bibliotheksentwicklung zu gelten, aber diese Wahrnehmung kann sich ja noch ändern. 😉

Ausserdem ging es um die angrenzenden Themen

  • Veränderung der Wissenschaftskommunikation durch Blogs und Wikis,
  • Kontrolle der Benutzer über ihre Informationen als Qualitätsmerkmal brauchbarer Webdienste – und Bibliotheken,
  • Risiken Traditionen und Nebenwirkungen des Teilens von Informationen,
  • Remix Culture,
  • spielerische Benutzbarkeit guter Informationsdienste sowie
  • bibliothekarisches Bloggen.

Ich bin sehr daran interessiert, die Diskussion fortzusetzen – hier im Blog oder bei anderer Gelegenheit. (Jakob hat in seinem Weblog gerade auf einige dieser Gelegenheiten hingewiesen.)

Autor: Lambert Heller

Librarian 2.0, interested in knowledge management, publishing and communities on the web. Likes Open Access / Open Data. Hannover, Germany.

4 Kommentare

  1. Hallo,
    ich war auch beim Vortrag von Patrick dabei und fand hingegen, dass die meisten sehr aufgeschlossen gegenüber diesen neuen Möglichkeiten waren. Allerdings dürften Nachfragen wie Qualitätskontrolle und Machbarkeit seitens kleinerer Bibliotheken mit geringem Personalbestand nicht ganz unbegründet sein.
    Bibliotheken als Plattformanbieter, als Nutzer von Social Tagging-Möglichkeiten, als Produzenten von Informationen in einer Web 2.0-Umgebung gerne. Bibliothek 2.0 aber gleichzusetzen mit digitalen Bibliotheken finde ich eher irreführend, wie den Begriff an sich. Nicht zu unrecht wurde angemerkt, dass als Begrifflichkeit die „Interaktive Bibliothek“, die den Nutzern aktive Mitgestaltungs- und Mitbearbeitungsmöglichkeiten bietet, besser verwendet wäre.
    Eine digitale Bibliothek beruht immer auf einem Bestand, der letztendlich digital vorliegt. Wenn hier interaktive Bearbeitungsmöglichkeiten hinzukommen, ist das etwas anderes. Eine saubere Begriffstrennung ist jedoch von Nöten. Sonst erleben wir es wie bei Bibliothek-Digital, dass man glaubt, mit der Ausleihe digitaler Bücher schon eine Bibliothek 2.0 zu schaffen. Patrick hat in seinem Vortrag nicht umhin kommen können, Bibliothek 2.0 als Blase zu bezeichnen.
    Und egal, ob Onleihe von e-Books, Bibliothek 2.0 oder Digital Library – alles sind nur begleitende Ausprägungen einer vielfältigen und interessanten Arbeit in Bibliotheken, die sich nicht nur als Archiv sondern auch als Service-Einrichtung verstehen sollten.

  2. Hallo Dörte, danke für deinen Kommentar! Ich vermute allerdings, daß ich hier zwei Mißverständnisse ausräumen muß:
    1. Ich bin Lambert, und nicht Patrick, und es ging mir hier gerade um meinen Vortrag vergangenen Samstag, nicht um Patricks sehr interessanten Vortrag vergangenen Dienstag beim Berliner bibliothekswissenschaftlichen Kolloquium.
    2. In meinem obigen Beitrag hatte ich mich eher von dem Begriff „digitale Bibliothek“ abgegrenzt (weil ich meine, daß es in der aktuellen Entwicklung um mehr geht), habe also keinesfalls digitale Bibliothek und Bibliothek gleichsetzen wollen.

  3. Hallo Lambert,
    hab das
    1.) vermutlich mit Patricks Vortrag und der sich daran anschließenden Diskussion vom BBK verwechselt…
    und
    2.) nach dreimal lesen hab ich’s jetzt verstanden… 😉 dann ist ja meine Behauptung als Zustimmung zu werten und hoffe mal, dass sich einige andere an dieser Diskussion beteiligen.

    Eine paar Fragen habe ich noch: Wie können Bibliotheken Einfluss nehmen, auf die Gestaltung von Web 2.0-Diensten, auf ihre spielerische Nutzbarkeit und doch die Sicherstellung hoher Qualitätsstandards? Gibt es genug motivierte Bibliotheksnutzer, die beispielsweise Bücher entsprechend taggen würden? Sprich: Können Web 2.0-Angebote der Bibliothek 2.0 genug aktive Nutzer erreichen, die sich in ausreichendem Maße beteiligen, um repräsentative Ergebnisse (Qualitätsniveau) zu erhalten?

  4. Sehr interessante Fragen! Ich befürchte, daß ich die hier in so einem Kommentar gar nicht angemessen beantworten kann, will aber trotzdem stichwortartig sagen, wie ich das sehe:
    Informationsbenutzer 2.0 gibt es bereits – es gibt sie nur nicht in der Bibliothek. Bzw. es gibt sie sicherlich auch dort, aber sie müssen, wenn sie die Bibliothek benutzen, feststellen, daß die Dienste der Bibliotheken bisher kaum an ihre Informationskultur anknüpfen.
    Eine andere Sache ist das mit Qualität. Ein Informationsdienst, in den ein Benutzer seine Expertise einbringen soll, sollte a) so gestaltet sein, daß er zunächst und vor allem dem Benutzer was bringt (ich halte es bspw. für abwegig, an den Idealismus zu appellieren, Bücher „für andere“ zu taggen), und b) so einfach zugänglich sein, daß der angesprochene Benutzer nicht Technikfreak sein muß oder erst eine Einführung benötigt, um das Ding zu kapieren. Also: „Einfach“/“spielerisch“/“den Egoismus bedienend“ sind keine Gegensätze zu „qualitätsvoll“, sondern eher Voraussetzungen dafür. Auch massenhafte Beteiligung macht übrigens nicht per se die Qualität eines Mediums kaputt. Hierzu die Analogie aus meiner Präsentation: Niemand käme auf die Idee, das Konzept „Buchwissenschaft“ oder das Medium Buch zu verwerfen, weil die meistgelesenen Bücher Arztromane sind. Genauso wenig leidet das Konzept „Blogscience“ darunter, daß es Millionen Teenager-Tagebücher-Weblogs gibt.
    Was das Forcieren besserer Webdienste durch Bibliotheken angeht: Ich finde, Bibliothekare und Bibliotheken sollten die Partei des freien Zugangs zu Informationen sein. Bisher ist es jedoch leider so, daß bibliothekarische Kritik schnell schießt, wenn es um „die anderen“ geht, kommerzielle Webdienste wie Google etwa. Zugleich handelt man, in Bezug auf die eigenen Informationen, wie in der Präsentation gesagt, oft noch nach der Maxime „Mein Katalog, meine Katalogdaten, meine Digitalisate“ etc. Vor der Wirkung auf andere muß wohl das eigene Umdenken kommen, und das fängt – vor allem dank der Open-Access-Bewegung – seit ein paar Jahren auch an.