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Persönliche Listen im Open WorldCat – ein Vergleich mit Amazon, LibraryThing und Social-Bookmarking-Diensten

Neben Amazon bietet seit einigen Monaten auch OCLCs Open WorldCat registrierten Benutzern das Veröffentlichen und Pflegen persönlicher (Empfehlungs-)Listen an. Jeder Benutzer kann mehrere Listen erstellen, die u.a. anhand des Listentitels oder anhand einer kurzen Beschreibung von anderen gefunden werden können. In die Liste können nur Ressourcen aufgenommen werden, die im WorldCat verzeichnet sind (bei Amazon: die eine ISBN/ASIN besitzen).

Um es anschaulicher zu machen hier einige Beispiellisten bei Amazon und bei Open WorldCat:

Zunächst einmal möchte ich darauf eingehen, wie sich OCLCs und Amazons Angebot voneinander unterscheiden.

Die Stärken der Open-WorldCat-Listen

Open WorldCat verweist auf zahlreiche Bibliotheksbestände und enthält bibliographische Datenbanken wie ArticleFirst – insofern hat er mehr zu bieten als Amazon. Der Video-Bibliothekar Peter Delin bezeichnet WorldCat beispielsweise als ein unverzichtbares Instrument für die Suche nach spezielleren US-Filmen. Zudem bietet nur WorldCat die Möglichkeit an, (kurioserweise lediglich eigene) Listen in CSV-Listen zu exportieren.

Die Stärken der Amazon-Listen

Amazon kann demgegenüber mit einem Retrieval-Mechanismus auftrumpfen, den OCLC (noch?) nicht in sein System integriert hat: Beim „normalen“ Suchen im Amazon-Sortiment wird man durch einen Recommender-Algorithmus beiläufig auf thematisch passende Listen anderer Benutzer aufmerksam gemacht. Zudem wird für das Anlegen eigener Listen ein Mechanismus unterstützt, den OCLC ebenfalls nicht kennt: Per einfachem Mausklick kann ich eine fremde Liste kopieren und danach beliebig re-mixen. Ein zusätzlicher ästhetischer Pluspunkt von Amazon: Es gibt viel mehr Items, für die kleine bunte Buchcover abgebildet werden.

Zwischenfazit des Vergleichs WorldCat vs. Amazon:

Tricks, Grundbestand, Ã?sthetik…

Amazon beherrscht also einige Tricks, die OCLC vermutlich mit geringem Aufwand nachmachen könnte. Substantielle Unterschiede sehe ich hingegen im viel gröÃ?eren Angebot des WorldCats, der diesen Dienst für Wissenschaftler bereits heute interessanter machen dürfte, während Amazon durch die vielen Buchcover ansprechender wirkt.

…unterschiedliche Geschäftsmodelle…

Die Stärke beider Listenfunktionen ist naturgemäÃ? ihre enge Integration mit den Hauptfunktionen der jeweiligen Plattform. Hier scheint mir der WorldCat jedoch eine strategisch günstigere Perspektive zu haben: Er integriert einfach die Angebote von Amazon und anderen Buchhändlern, während sich Amazons Geschäftsmodell mit der Integration von bibliothekarischen Diensten wohl schlecht vertragen dürfte. („Warum soll ich mir diese teure Neuauflage kaufen, wenn hier steht, daÃ? die Bibliothek um die Ecke das Ding bereits hat?“)

…und das Fehlen von Feeds und APIs

Neben dieser langfristigen Perspektive gibt es das eine oder andere, was beide Angebote kurzfristig verbessern könnten. Ein für Webdienste sehr wichtiger Punkt war bereits angesprochen worden: Beide Dienste kennen keine allgemein zugänglichen Exportmechanismen für ganze Listen, insbesondere keine RSS-Feeds. Auch eine API, die den lesenden oder gar schreibenden Zugriff auf die persönlichen Listen von anderen Anwendungen aus ermöglicht, wird nirgends dokumentiert.

Hauptkonkurrent LibraryThing

Das Fehlen von RSS-Feeds und APIs hat u.a. zur Folge, das man auf dem heutigen Entwicklungsstand vergeblich auf Mashups Dritter mit Amazon- oder Open WorldCat-Listen warten dürfte. Vielleicht ist das auch nicht so gravierend, denn Anbieter wie LibraryThing (LT) ermuntern ohnehin nicht dazu, die vergleichsweise klapprigen Listenfunktionen von Amazon und WorldCat zu benutzen, sondern vielmehr innerhalb von LT bei Amazon und WorldCat zu recherchieren und ggf. die gefundenen bibliografischen Angaben in die eigene Sammlung bei LT zu übernehmen.

Tagging statt Themenlisten

Wer Angebote wie LT kennt, wird im WorldCat ferner die Möglichkeit vermissen, durch einfache, selbst vergebene Schlagworte (Tags) eine umfangreichere Sammlung zu strukturieren. Die Idee, statt dessen mehrere thematische Listen pro Benutzer zu erlauben, füllt diese Lücke nur provisorisch. Amazon bietet wenigstens – allerdings getrennt von den Listen! – auch Tagging an, OCLC erlaubt – noch – überhaupt kein Tagging.

Dieses Defizit fällt beim WorldCat besonders deshalb ins Gewicht, weil diese Plattform durch bereits vorhandene bibliothekarische Schlagworte gute Ausgangsbedingungen für die Entwicklung eine Benutzer-Vokabulars (Folksonomy bzw. Collabulary) böte. Amazon hat keine vergleichbare Ausgangsbedingungen zu bieten, und auch aus anderen Gründen überrascht die vergleichsweise schwache Akzeptanz des Tagging-Features unter den Amazon-Benutzern kaum.

Die soziale Dimension

Ein weiteres beliebtes und bekanntes Feature von Diensten wie LT sind implizite soziale Metadaten und explizite soziale Netzwerke. Ich möchte beispielsweise sehen können, in wievielen und welchen anderen Listen die Titel aus meiner Liste ebenfalls enthalten sind, und ich möchte ggf. mit anderen Listenautoren Gruppen bilden, um gemeinschaftlich Listen pflegen oder ähnliches tun zu können. Beispiele zur Veranschaulichung: Das Netzwerk der Bibliothekare bei LibraryThing (derzeit ca. 2.500 Mitglieder) sowie soziale Metadaten rund um den Buchtitel The social life of information.

Ich möchte die Aufmerksamkeit hier auch deshalb auf diese neuartigen sozialen Metadaten und Funktionen lenken, weil (um mal mich selbst zu zitieren 😉 )

… die „heiÃ?en Themen“ Social Tagging, Folksonomies und Collabularies leicht in Vergessenheit geraten lassen, daÃ? Social Bookmarking auch jenseits einer wie auch immer gemeinschaftlichen Verschlagwortung eine soziale Dimension hat. Sie ist bereits durch die Verzahnung individueller Nachweissammlungen auf einer gemeinsamen Plattform gegeben. Wie … gezeigt wurde, lassen diese Plattformen einen â??langen Schweifâ?? von Benutzern und erschlossenen Informationsressourcen entstehen und eröffnen neue Perspektiven auf die individuellen und gemeinschaftlichen Praktiken und Interessen ihrer Benutzer.

Homogenität der bibliographischen Daten: Stärke der Herausforderer…

Eine Besonderheiten von Amazon und WorldCat gegenüber Diensten wie LT ist das durchgängig hohe Qualitätsniveau der bibliographischen Daten in den persönlichen Ressourcensammlungen. Es beruht auf dem groÃ?en Bestand der nach einheitlichen Regeln erfaÃ?ten Medien, auf den diese Sammlungen aufbauen. Und wenn OCLC die Listenfunktion seines Open WorldCats weiter ausbaute, könnte man die Retrieval-Werkzeuge für den Open WorldCat (facettiertes Browsen etc.), auch für die persönlichen Listen benutzen.

Diese Homogenität der Metadaten ist ein strategischer Vorteil, den die Anbieter Amazon und OCLC dadurch forcieren, daÃ? die Benutzer nur Ressourcen aus dem Bestand des jeweiligen Anbieters in ihre Listen aufnehmen können.

Ein aus bibliothekarischer Sicht besonders attraktives Detail des WorldCats ist dabei übrigens die eindeutige Identifikation von Medien unabhängig von ISBN, DOI etc. durch eine verbundweite Identifikationsnummer.

…und ihre Schwäche zugleich

Zugleich ist die Beschränkung der Benutzer-Listen auf die bereits katalogisierten Medien natürlich auch ein Handicap. Allerdings lassen mich auch LT oder Social-Bookmarking-Dienste wie Connotea keineswegs jedes beliebige Ding, das sich bibliographisch beschreiben läÃ?t, in meine Sammlung aufnehmen. Die Beschränkungen sind unterschiedlicher Art (für Wissenschaftler: das sind die Attribute Nr. 4 und Nr. 5 nach Gene Smith sowie Cameron Marlow et al.):

  • BibSonomy kennt alles, was sich als BibTeX-Ressourcentyp beschreiben läÃ?t, und ist demzufolge formal äuÃ?erst anpassungsfähig;
  • LibraryThing bietet keine Felder an, mit denen beispielsweise typische Merkmale von Aufsätzen, Websites oder Filmen formal erschlossen werden könnten – hier soll es stets um Bücher gehen;
  • CiteULike geht, mit dem Fokus akademischer Aufsätze, genauso vor;
  • Connotea kennt nur dasjenige, was sich durch eine URL, ISBN/ASIN, DOI oder eine PubMed ID referenzieren läÃ?t;
  • Klassische Social-Bookmarking-Dienste wie del.icio.us kennen nur URLs;
  • Amazon kennt nur ISBN/ASIN;
  • Open WorldCat kennt nur seinen eigenen (sowohl formal als auch inhaltlich äuÃ?erst vielfältigen) Bestand.

Open WorldCat – Kandidat für das Erreichen einer kritischen Masse

Wenn es ein Bibliotheksangebot gibt, das aus eigenen Kräften, also ohne ein Mashup mit bestehenden Diensten wie LT, BibSonomy o.ä., die „kritische Masse“ aktiver Benutzer gewinnen kann, die erforderlich wäre, um belangreiche soziale Metadaten, soziale Netzwerke etc. entstehen zu lassen, dann wäre das der Open WorldCat. Er kann, wie mein kurzer Vergleich hier bereits deutlich gemacht haben dürfte, mit einigen kurz- und mittelfristigen Verbesserungen mindestens ebenso attraktiv werden wie Amazons Listenfunktion, LibraryThing oder gar Social-Bookmarking-Dienste.

Es ist diese Perspektive, die meine Neugier auf OCLCs derzeit noch recht experimentell wirkenden Listen-Dienst weckt. Ich werde diesen Dienst weiter beobachten und hier berichten, sobald es etwas zu berichten gibt.

Auf dem Weg zum Bibliotheksbenutzer-Gesamtkatalog?

AbschlieÃ?end mal ein wenig weitergesponnen: Könnte man den WorldCat um eine offene Katalogisierungsplattform für die Benutzer ergänzen, in die dann beispielsweise auch Aufsätze aufgenommen werden könnten, die derzeit weder von ArticleFirst noch von irgendeiner anderen bibliographischen Datenbank im WorldCat verzeichnet werden? Wie könnte man die Eingabe-Schnittstelle für einen solchen „Benutzerkatalog“ dann so gestalten, daÃ? möglichst selten Items, die in Wirklichkeit bereits katalogisiert worden waren, als Dubletten erneut aufgenommen werden? Wie kann man Benutzer dazu anregen, vorhandene Merkmale der Inhalts- und FormalerschlieÃ?ung zu nutzen? Welche unterstützende Rolle könnten dabei COinS, automatische Indexierung und Folksonomies spielen?

Die Herausforderungen eines solchen „Bibliotheksbenutzer-Gesamtkatalogs“ wären groÃ?, so viel steht fest…

Autor: Lambert Heller

Librarian 2.0, interested in knowledge management, publishing and communities on the web. Likes Open Access / Open Data. Hannover, Germany.

4 Kommentare

  1. Hi Lambert, wieder was gelernt! mir persönlich gefällt die neue Funktion von WorldCat sehr gut. Ich kann vorstellen, dass das WorldCat auch als ein (social) Literaturverwaltungssystem zu benutzen. Besser wäre, wenn ich deine Bibliothek2.0 Literatur exportieren kann:-)

  2. Erst nach dem Schreiben ist mir aufgefallen, daß sowohl Edlef als auch Jürgen (zumindest mittelbar) die neue Listenfunktion hier schon mal gemeldet hatten.
    @Jintan: Vielen Dank! Meine Literaturliste ist nur so ein Testobjekt, sie enthält nicht exakt die Literatur zum Thema, die ich empfehlen würde. Aber demnächst bringe ich auch noch eine richtige Recommended-Reading-Liste…

  3. Dear Mr. Heller,
    Forgive me that I do not read German, so I am viewing your text in translation. This is a most interesting project of yours: I am honored that my beginning WorldCat bibliography on the 100 Best Readings on Library & Information Studies is included (and it reminds me to note that my bibliography is a very limited one in that it includes only English-language works!) I hope that WorldCat will soon have new features to make it more useful to share this information. My best wishes to your own project.

  4. Dear Mrs. Van der Veer Martens,
    many thanks for your comment. My own worldcat-list-attempt is not so serious, I just want to figure out if OCLC is becoming a real competitor to services like CiteULike or LibraryThing. In short: I guess that the Open WorldCat list feature has the potential to grow up to something like this. I’m going to observe and report about this development here at the netbib weblog.
    By the way: I like your reading list, especially for considering also books like „The social life of information“ and „The anarchist in the library“. 🙂