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Authority 3.0, oder: Ist Bloggen wissenschaftlich relevant?

Die August-Ausgabe von Walt Crawfords Cites & Insights (PDF komplett, Auswahl in HTML) beginnt mit einem groÃ?en Satz:

I believe that gray literature – blogs, this ejournal, a few similar publications and some lists – represents the most compelling and worthwhile literature in the library field today.

Walt führt das sehr lesenswert aus und endet schlieÃ?lich mit der Einschränkung

Print and history do still matter. I did not say that blogs were the professional literature; I believe they are now an important part of that literature. [Hervorhebungen im Original, LH]

Und er zitiert Eric Schnell, Bibliothekar, Blogger und Hochschuldozent aus Ohio, der im Frühjahr 2006 in seinem Weblog ebenfalls ausführlich begründet hat, warum das Bloggen ein relevanter Teil der wissenschaftlichen Kommunikation ist. Auch Erics Beitrag endet mit einer interessanten Relativierung:

In fact, some part of the blog concept may very well be the future of scholarly communication. Still, any junior faculty member that wants to get tenure should be careful that blogging does not eat up time that could be devoted to working on articles or a book.

Während in Deutschland Weblogs als Werkzeuge der wissenschaftlichen und fachlichen Kommunikation erst noch entdeckt werden (hierzulande tut man sich mit den Blogs offenbar schwerer als mit der Wikipedia), scheint der Diskurs in den USA schon einen Schritt weiter zu sein. Zumindest Eric Schnell geht es um die Frage der Anerkennung der neuen Medien und Formate der Wissenschaftskommunikation im Web.

Was Wissenschaftler und Fachleute diverser Professionen am Bloggen reizt ist hier ja schon oft erwähnt worden. (Wer davon nichts mehr hören will kann bei dem Absatz, der mit „Aber all diese Vorteile…“ beginnt weiterlesen. 😉 ) Es ist reizvoll, ohne zeitliche Verzögerung und in kleinen Schritten in einem eigenen Medium zu veröffentlichen. Man kann assoziativ oder informell schreiben, sich auf die getreue Beobachtung und Auswertung bestimmter Quellen beschränken, sich mit multimedialen Zusätzen austoben, oder auch einen ganz eigenen Stil entwickeln. (Jürgen Plieninger zählt allein in seiner OPL-Checkliste über das Bloggen zwölf unterschiedliche Stile auf.)

Wie immer man es angeht, dank permanenter URLs, Links von anderen Blogs sowie Suchmaschinen hat man ausgezeichnete Chancen schnell gefunden zu werden und Feedback von interessierten Fachkollegen und anderen Lesern zu bekommen. Einen besser sichtbaren Ort für noch das abwegigste Nischenthema als ein schlichtes eigenes Weblog wird man kaum finden.

Und wer erstmal entdeckt hat, daÃ? ein solches Medium als kostenloser Massenartikel verfügbar ist, den man vollständig in eigener Verantwortung nutzen kann, ohne also vorher seinen Chef, einen Zeitschriftenherausgeber oder die IT-Abteilung der eigenen Einrichtung gefragt haben zu müssen, und wer bemerkt, daÃ? das Veröffentlichen mit diesem Medium so einfach ist wie das Abschicken einer E-Mail, fängt mit einiger Wahrscheinlichkeit an damit zu experimentieren, und das Bloggen und Bloglesen irgendwie auch in das eigene Kommunikationsverhalten einbauen.

Aber all diese Vorteile der Weblogs sind „nur“ interessant hinsichtlich der Weiterentwicklung eines Gedankens, des Aufnehmens und Fortsetzens einer Diskussion, es ist quasi eine wissenschaftliche und kommunikative Leidenschaft. Für Berufungsentscheidungen, für die Einstellung wissenschaftlicher Mitarbeiter etc. spielen hingegen Publikationen eine Rolle, die bestimmten formellen Kriterien entsprechen, z.B. Artikel in einem peer-reviewed Journal.

Um nicht miÃ?verstanden zu werden: Peer Review etc. hat sicher auch seine Vorteile. Problematisch ist allerdings, daÃ? die heute noch vorherrschende ausschlieÃ?liche Anwendung dieser Kriterien zur Ermittlung von fachlicher Autorität quasi den Mechanismen der realen Produktion und Verbreitung von Wissen hinterher hinkt. Wenn es stimmt, was Walt Crawford, Eric Schnell, oder – in seiner sehr anschaulichen deutschsprachigen Präsentation zum BibliothekskongreÃ? 2007 – Edlef Stabenau über die Rolle von Weblogs beispielsweise in der bibliothekarischen Fachkommunikation sagen, dann sollte dringend darüber nachgedacht werden.

Andernfalls muÃ? man, mit Eric Schnell argumentierend, junge Kolleginnen und Kollegen eigentlich davor warnen, der Versuchung zu erliegen, zu viel zu bloggen oder in der Wikipedia mitzuarbeiten. Es wäre, ungeachtet aller dabei gewonnenen Erkenntnisse, eine Zeitverschwendung, und man müÃ?te gar hoffen, dabei nicht erwischt zu werden, um dem eigenen Vorankommen wenigstens nicht zu schaden.

Eine radikal-konstruktiven Beitrag zu diesem Thema liefert nun Michael Jensen. Netbib-Lesern könnte der Name noch aus einem jüngeren Beitrag zur bibliothekarischen Kritik am DRM bekannt vorkommen. Michael Jensen war, bevor er beim Verlag der US-Nationalakademien für die Webkommunikation zuständig geworden war, bei der Johns Hopkins University Press u.a. für das Project MUSE zuständig.

In seinem Aufsatz The New Metrics of Scholarly Authority im Chronicle of Higer Education (Volume 53, Issue 41, Page B6), begründet er nun ausführlich, warum es dringend Zeit wird, den wissenschaftlichen Beitrag der grauen Web-Literatur anzuerkennen, und wie das aussehen könnte. Sein Artikel ist vielleicht auch ein Beitrag zu einer zukünftigen Szientometrie, aber mir scheinen seine Einsichten von ganz grundsätzlicher Bedeutung zu sein.

Michael Jensen betont zunächst, daÃ? das elektronische Publizieren (es geht ihm explizit vor allem um die Geistes- und Sozialwissenschaften) heute noch weitgehend den Regeln der Ressourcenknappheit folgt, die lange Zeit Rahmenbedingung der traditionelle n Wissenschaftskommunikation war.

When the system of scholarly communications was dependent on the physical movement of information goods, we did business in an era of information scarcity. As we become dependent on the digital movement of information goods, we find ourselves entering an era of information abundance. In the process, we are witnessing a radical shift in how we establish authority, significance, and even scholarly validity. That has major implications for, in particular, the humanities and social sciences. (…)

(Right) now we’re still living with the habits of information scarcity because that’s what we have had for hundreds of years. Scholarly communication before the Internet required the intermediation of publishers. (…)

Online scholarly publishing in Web 1.0 mimicked those fundamental conceptions. The presumption was that information scarcity still ruled.

Diese Bedingungen seien ca. seit 2002 jedoch auÃ?er Kraft gesetzt. Michael Jensen sieht im Web 2.0 vor allem eine Antwort auf ein komplett neues Problem, den InformationsüberfluÃ?.

Er zählt viele Kriterien auf, nach denen unter den Bedingungen des Web 2.0 fachliche Autorität (Authority 3.0) neu vermessen werden könnte bzw. sollte, und nennt auch die Voraussetzungen für diese neuen Strategien des Sichtbarmachens von Autorität:

(The) preconditions for scholarly success in Authority 3.0 (…) include the digital availability of a text for indexing (…); the digital availability of the full text for referencing, quoting, linking, tagging; and the existence of metadata of some kind that identifies the document, categorizes it, contextualizes it, summarizes it, and perhaps provides key phrases from it, while also allowing others to enrich it with their own comments, tags, and contextualizing elements.

Dieser Absatz macht deutlich, daÃ? die Frage nach neuen Mechanismen zum Herstellen und Sichtbarmachen wissenschaftlicher Autorität bis ins Detail hinein auch eine bibliothekarische Frage ist. Es wäre sträflich, eine solche Umwälzung im technischen und sozialen Gefüge der wissenschaftlichen und fachlichen Kommunizierens zu verschlafen. Ich rede hier nicht von Blogs oder Wikis für bzw. von Bibliotheken, und ich rede auch nicht von Dingen wie dem netbib Weblog oder persönlichen Weblogs von Bibliothekaren. All dies ist unverzichtbar, um mit den neuen Medien vertraut zu werden, sie für den Austausch innerhalb unserer Communities oder vielleicht auch fürs Bibliotheksmarketing zu nutzen.

Noch wichtiger scheint mir jedoch zu sein, daÃ? wir als Bibliothekare zunehmend in einer bloggenden, bookmarkenden, remixenden digitalen Wissenschaftslandschaft handeln werden. Nicht trotz oder neben, sondern in und mit dieser Landschaft werden zukünftig wissenschaftliche Information und wissenschaftliche Bedeutung entstehen. Und wenn wir den VeränderungsprozeÃ? mitgestalten wollen müssen wir uns bewuÃ?t dazu entscheiden, unsere neuen Rollen und Aufgaben in dieser Umgebung zu erkunden und zu entwickeln.

Drei weitere WeblogautorInnen über Michael Jensens Aufsatz „The New Metrics of Scholarly Authority“:

Autor: Lambert Heller

Librarian 2.0, interested in knowledge management, publishing and communities on the web. Likes Open Access / Open Data. Hannover, Germany.

3 Kommentare

  1. Hi Lambert, toller Aufsatz! vielleicht noch ein Beispiel über Einsatz der Web 2.0-Applikationen von Wissenschaftler.
    http://www.schockwellenreiter.de/gems/web2science.pdf

  2. Es gibt sicherlich ganz unterschiedliche Kommunikationsszenarien, die von den existierenden Publikationsformen (Blog, Wiki, Fachartikel,…) verschieden gut unterstützt werden. Ich persönlich frage mich, ob das „peer review“ Verfahren als wissenschaftliche Qualitätssicherung auch irgendwann Einzug in die Blogosphäre halten wird… ein zu absurder Gedanke? In dieser Woche hatte ich übrigens die Gelegenheit, einen kurzen, aber interessanten Vortrag von Cornelius Puschmann zum Thema Institutional Blogging zu hören. Anschließend haben wir dann noch ein wenig zum Thema Blogging und Wissenschaft weiterdiskutiert: „Sie bewegt sich doch!“

  3. Vielen Dank für den Hinweis!
    Ich glauben wir erleben gerade, wie sich in Rekordzeit eine neue Publikationskultur der Weblogs entwickelt, und dabei natürlich auch Konzepte des „alten“ digitalen Publizierens übernimmt und sich dazu ins Verhältnis setzt. Gerade was das Verhältnis Blog/Wiki etc. zum Peer Review angeht gibt es schon so viele Öberlegungen und Konzepte, das es Bände füllt. Es gibt den (wie ich finde sehr zum Bloggen passenden) Begriffe „Post-Peer Review“, und es gibt die Idee, eigene Beiträge, in denen man sich mit einem peer-reviewten Artikel beschäftigt, besonders zu kennzeichnen (also quasi der Post-Peer Review als Ergänzung des offiziellen Reer Review), und Nature versucht ja ziemlich offensiv, durch Plattformen und Werkzeuge das Bloggen „ihrer“ Autoren und Leser quasi im eigenen Marken-Umfeld zu fördern, etc.
    Schade finde ich nur, daß gerade die Blogs (originellerweise geht es bei der Wikipedia rascher voran) in Deutschland noch kaum als komplementärer Kanal der Wissenschaftskommunikation entdeckt worden sind. Eure Max Planck Digital Library ist da natürlich eine löbliche Ausnahme und Avantgarde, klar! 😉 Und es würde mich sehr freuen, ggf. mehr über den Fortgang dieser Diskussion bei der MPDL zu erfahren.