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Katalogentwickler-Perspektiven, Reflexionen 2.0, deutscher Gesamtkatalog im Web – meine Highlights der GBV-Verbundkonferenz 2007

[Nachträgliche Ã?nderung dieses Beitrags am 14.9.2007: Ich habe eine Namensverwechslung in meinem Beitrag korrigiert und die Stelle entsprechend kenntlich gemacht. LH]

Fünf Eindrücke sind es, die ich von der diesjährigen GBV-Verbundkonferenz mitgenommen habe, und von denen ich hier berichten will:

  • WLAN für Konferenzteilnehmer – finally!,
  • Erhellendes vom Entwickler eines real existierenden Katalogs 2.0,
  • Reflexionen über stichhaltige Kritik am Web 2.0,
  • Permalinks für Katalogisate, Kooperative Neukatalogisierung und die neue Perspektive auf einen deutschen Gesamtkatalog im Web sowie
  • Diskussionsansätze betr. Informationskompetenz angesichts der Vernetzung des Wissens und des Wissenserwerbs.

WLAN für die Konferenzteilnehmer gabs diesmal, allerdings war ich am ersten Konferenztag zu blöd, mein iBook korrekt einzurichten, sodaÃ? aus dem Livebloggen doch wieder nichts wurde. Komplett offene Netze sind hinsichtlich der Benutzung immer am einfachsten. Hätte man sich, da das Konferenz-WLAN ohnehin über keine individualisierte Authentifizierung verfügte, nicht für die offene Variante entscheiden können? Trotz dieser Mäkelei im Detail steht fest: Der GBV hat verstanden.

Gleich während der ersten Veranstaltung der Konferenz hat Martin Blenkle seinen elektronischen Katalog für die SuUB Bremen vorgestellt. Dieses System ist kein Unbekannter, es hatte im letzten Jahr schon einen Preis als Bibliotheksinnovation des Jahres eingeheimst. Sehr gut gefallen hat mir auf der Konferenz aber nun, wie der Katalog-Entwickler seine Ziele erläuterte.

Die bibliographischen Daten werden von diesem Katalog „maschinenverständlich“, d.h. strukturiert und somit weiterverwendbar ausgegeben. Sie können also z.B. per Mausklick in Literaturverwaltungssysteme übernommen werden. Andernfalls könne man Suchergebnisse nur betrachten, ausdrucken oder e-mailen, aber die Strukturierung und somit das wesentliche Merkmal der Daten im Katalog gehe verloren. Als Martin Blenkle diese prägnante Erläuterung seines Ziels mit den Worten zuspitzte, ohne jene „Maschinenverständlichkeit“ könne der Benutzer ja „nichts mit den Informationen anfangen“ (mündliche Rede, daher kann ich keine Gewähr für 100%ig richtige Wiedergabe leisten), ging ein leises Raunen durchs Publikum. Das war einer der besten Augenblicke der Verbundkonferenz: Einen Moment lang war das Neuartige, Ungewohnte der neuen Anforderungen an einen Katalog mit Händen zu greifen.

Ein weiteres Ziel sei es, die volle Recherche-Funktionalität des Katalogs über eine offene Web Service API auch in beliebigen fremden Umgebungen zur Verfügung stellen zu können. In dem 2003 gestarteten und fortlaufend verbesserten System (E-LIB sei „Produktiv- und Entwicklungssystem zugleich“!) sind neben der strukturierten Ausgabe bibliographischer Daten auch RSS-Feeds realisiert. Martin Blenkles kurze, einfache Erläuterung der praktischen Vorteile von RSS für die Benutzer gehört zum Besten, was in deutscher Sprache bisher über dieses Thema gesagt worden ist. Wenn ich eine Didaktik-Medaille zu verleihen hätte: Auf dieser Konferenz hätte Martin Blenkle sie verdient.

Der Nachmittag des ersten Konferenztags war für eine Podiumsdiskussion reserviert. Hier kamen u.a. einige der häufig zu hörenden Vorurteile über das Internet Web 2.0 zur Sprache und somit zur Diskussion; schon deshalb handelte es sich um eine lohnende Veranstaltung.

Eine keineswegs auf Vorurteilen beruhende, sondern fundierte Kritik der Web-2.0 wurde jedoch, ganz kurz und aus dem Publikum heraus, in der anschlieÃ?enden FAG ErschlieÃ?ung und Information geäuÃ?ert. Dieser Redebeitrag eines Vertreters der ZBW Kiel (ich habe leider den Namen verpaÃ?t – war es möglichweise Hartmut Schröder?) [14.9.2007: Es war Timo Borst] führte drei Argumente an:

  1. Die Benutzer des Webs 2.0 sind nicht empfänglich für einen zentralen Informations- oder Diensteanbieter wie „die Bibliothek“, sondern die Natur des Webs ist gerade die dezentrale und ungesteuerte („emergente“) Entstehung von Gruppen und Netzwerken.
  2. Das Web 2.0 ist die Sache einer „Informationselite“, nicht die der Masse der Internetbenutzer.
  3. Der Witz an der Entwicklung des Webs und seiner Dienste ist die sukzessive, kleinschrittige Veränderung, und nicht der groÃ?e Versionssprung, den das „2.0“ suggeriert.

Obwohl ich bekanntlich kein Web-2.0-Skeptiker bin, stimme ich all diesen Punkten zu, ja ich halte sie sogar für entscheidend! Richtig spannend ist allerdings, welche Konsequenzen aus diesen Punkten zu ziehen wären. In aller Kürze daher ein paar Ã?berlegungen, denn während der AG-Sitzung hatte ich leider nicht die Gelegenheit zu einer direkten Replik:

  • Ad 1.: Ich meine, daÃ? hier letztlich ein allgemeines Phänomen der Wissensproduktion (Forschen, Lernen etc.) und Wissensverbreitung (Lehren, Publizieren, „Fachkommunikation“ etc.) angesprochen wird. Das Internet macht das „voneinander Lernen“ jedoch „nur“ sichtbarer und wirksamer als es das ohnehin schon immer war. (Ausformuliert schon lange vor dem Internet vor allem in der Theorie des „sozialen Lernens“, Bandura et al.) Das Wissen verlagert sich immer schneller in Netzwerke, die jeder für sich aufbauen und pflegen muÃ?. Das Lernen wird dabei unübersichtlich und informell, beruht im gleichen MaÃ?e aber immer mehr auf der Initiative der einzelnen Lernenden, Forschenden etc. – So what? Diese Entwicklung ist kein Grund, die Hände über den Kopf zusammenzuschlagen, sondern ganz im Gegenteil: Es ist eine fantastische Gelegenheit, die soziale Rolle des Wissens-Sammlers, -Sortierers und -Anbieters Bibliothek einmal grundsätzlich zu überdenken. Ich habe keine fertige Antwort parat, aber die Bearbeitung dieses Themas ist das Herz dessen, was ich mit Bibliothek 2.0 meine. (Damit habe ich nebenher auch Patricks Stöckchen aufgegriffen und weitergetragen, jetzt sind andere an der Reihe! Wer genauer wissen will, was für mich Bibliotheken 2.0 und Bibliothekare 2.0 sind, kann hier nachschauen, und noch genauer steht es natürlich in meinen Publikationen zum Thema.)
  • Ad 2.: Eben deshalb kommt nach dem digital divide der Neunziger ein zweiter, komplizierterer divide. Die von irgendwelchen IT-Branchenverbänden begeistert gezählte wachsende Masse der Internetbenutzer hat von diesem sich entwickelnden Potential des Internets (etwa für das soziale Lernen, s.o.) überhaupt nichts. Denn zu verstehen, was ein Weblog ist, und wie und wozu man es gebrauchen könnte – dieses Wissen ist keineswegs ein so billiger Massenartikel wie es Breitband-Internet und PCs mittlerweile geworden sind. Das spricht aber nicht gegen das Web, sondern sagt, ganz im Gegenteil, etwas über die neuen Aufgaben der Bibliothekare im Web aus. Traditionell bibliothekarisch betrachtet kann es heute doch kaum etwas wichtigeres geben als Informationsbenutzern die wachsenden, aber auch immer komplexer werdenden Potentiale des Webs zu eröffnen.
  • Ad 3.: Der Begriff „2.0“ ist so, wie er heute verwendet wird, ein Marketingslogan, und jeder Beteiligte weiÃ? das. (Virtuelle FuÃ?note: Dies gilt jedoch nicht für Tim O’Reillys lesenswertes Konzept des Web 2.0. Ende der virtuellen FuÃ?note.) Wichtiger als die Rhetorik des „ganz Anderen“ ist ja gerade der Mut, die Scheinsicherheit des Perfektionismus‘ aufzugeben zugunsten einer tastenden, explorativen Vorgehensweise. Perpetual beta, aufmerksame Orientierung am Zielgruppen-Feedback, die Bereitschaft, vertrautes Mangelhaftes durch unvertrautes Neues zu ersetzen und die Bereitschaft, von „der Konkurrenz“ zu lernen, inbegriffen.

In der gleichen Veranstaltung machte Jakob VoÃ? einen sehr bemerkenswerten Beitrag über die möglichweise ins Haus stehenden GBV-weiten Permalinks für Katalogisate. Das erinnert an die Permalinks im WorldCat, deren Nutzen Stuart Weibel in einem Beitrag seines Weblogs erläutert. Permalinks für Katalogisate sind eine entscheidende Voraussetzung für web-funktionstüchtige Bibliothekskataloge, die diesen Namen verdienen. Auf jeden einzelnen Datensatz im Katalog kann damit einfach und dauerhaft verwiesen (d.h. verlinkt) werden. Anhand eines Mockups (quasi ein konstruierter Screenshot) zeigte Jakob VoÃ?, wie ein solches „vernetztes“ Katalogisat zukünftig aussehen könnte: Unterhalb der originär bibliothekarischen Informationen stehen automatisch generierte Links zu Rezensionen, die irgendwo im Web offen zugänglich sind, zu Wikipedia-Artikeln, die auf das jeweilige Dokument verweisen, zur LibraryThing-Seite über das jeweilige Dokument etc.

Jakob VoÃ? stimmt mir in der Einschätzung des Projekts Kooperative Neukatalogisierung zu, die ich hier vor anderthalb Jahren geäuÃ?ert hatte: Mit der verbundübergreifenden Verwendung eines MAB-Feldes für einen eindeutigen Identifikator des jeweiligen Katalogisats zeichnet sich eine einzigartige technische Grundlage für einen echten deutschen Gesamtkatalog im Web ab. Jakob hat damit recht, daÃ? es damit freilich noch nicht getan wäre: Die Verbünde müÃ?te sich vor allem auf eine zentrale Registry und eine verbindliche gemeinsame Policy einigen, damit dieses MAB-Feld auch als zuverlässige Grundlage für ein gemeinschaftliches Webangebot funktionieren kann. (Vgl. auch die oben verlinkte Seite über Permalinks im GBV-Wiki.) Um diese Hürden zu nehmen müÃ?te das Potential eines solchen Projekts zunächst den Verantwortlichen klar werden. Aber gerade in Hinsicht die Pläne des GBV für ein eigenes GBV-Permalink-System geht es hier letztlich nicht nur um technische, sondern auch um politische Fragen. Wie groÃ? wären noch die Chancen für ein verbundübergreifendes Katalogisate-Permalink-System, wenn der GBV unter seinem Domänennamen bereits ein eigenes System eröffnet haben würde?

Patrick Danowski betont in seinem Bericht von der FAG ErschlieÃ?ung erneut, wie unsinnig eine Anbindung rein auf URL basierender Verweissysteme (wie del.icio.us) an Bibliothekskataloge ist. Das stimmt – allerdings nur so lange, wie es die deutschen Bibliotheksverbünde nicht schaffen, sich auf eine einheitliche, permanente URL für jedes neue Katalogisat zu einigen.

Last not least wurde in der FAG auch das Hamburger Katalog-Projekt Beluga vorgestellt, vgl. hierzu den Bericht von Anne Christensen.

An diese hochkomprimierte Masse spannender Inhalte konnte der kürzere zweite Konferenztag nicht mehr ganz anschlieÃ?en. Aber dennoch: Die gut besuchte GBV-AG Informationskomptenz (GAIK) wurde eingeleitet mit einer Präsentation von Thomas Hapke über grundsätzliche Fragen der Informationskompetenz, angelehnt an seinen Beitrag in Patricks und meiner Bibliothek-2.0-Ausgabe der Bibliothek. Forschung und Praxis. Danach kreiste die Diskussion vor allem um die Frage, wie eine curriculare Verankerung der IK-Vermittlung zu erreichen und gegebenenfalls auch umzusetzen ist.

In Ansätzen gab es aber auch eine Diskussion über erweiterte Strategien und Ziele der IK-Vermittlung, etwa die Bedeutung des Community Outreach vor Ort, das Erkennen und Benutzen von informellen Netzwerken unter Studierenden und Dozenten einschlieÃ?lich Blogs, Social-Networking-Services etc. Das wäre die Diskussion gewesen, die mich interessiert hätte, aber leider war auch hier die Zeit zu knapp. Ich bin zwar, von meiner Bibliothekszugehörigkeit her, kein GBV-ler. Ich würde mich aber freuen, wenn Teilnehmer dieser AG dennoch daran interessiert wären, die Diskussion über die Zukunft der IK angesichts der Vernetzung des Wissens und Wissenserwerbs fortzusetzen und zu intensivieren. Vielleicht in zwei Monaten am Konstanzer See?

Autor: Lambert Heller

Librarian 2.0, interested in knowledge management, publishing and communities on the web. Likes Open Access / Open Data. Hannover, Germany.

15 Kommentare

  1. Nur eine kurze Bemerkung zum Thema Permalinks: Auch verbundübergreifende, „deutschlandweite“ Permalinks würden die Probleme mit Delicious nicht lösen. Denn die gleiche(?) Ressource (interessante Frage über die wir lange diskutiert haben: was wird denn da überhaupt referenziert/identifiziert?) gibt es ja weltweit in unterschiedlichen Repräsentationen. Das Problem ist so alt wie die Diskussion über Identifier (also auch etwas aus der Zeit lange vor „Web 2.0“): URLs sind keine geeigneten Identifier. Deswegen gibts es ja URN, DOI, Handle… Es ist eher eine Schwäche von Delicious und ähnlichen Diensten, dass sie URLs als Identifier verwenden, kein Problem dieser Permalinks. Die Bookmarking(sic!)-Dienste wählen da natürlich einen pragmatischen Ansatz, denn URLs sind nunmal das am weitesten verbreitete Instrument zum Verweis (aber leider nicht zur Identifikation) auf Webressourcen. Irgendwie müssen sie Ressourcen ja identifizieren und was anderes gibt es nicht in dieser Verbreitung.
    Die Permalinks auf Katalogeinträge sollten aber nicht auf die Verknüpfung mit Delicious reduziert werden. Es gibt ganz andere Anwendungen dafür. Und bei diesen Anwendungen kann es dann schon eine Rolle spielen, ob der Datensatz im GVK einem lokalen OPAC, einem „virtuellen Deutschlandkatalog“, irgendeiner Webseite oder im Worldcat gemeint ist. Wir haben im Verbund die Verbund- und die lokale Sicht auf Daten, diese beiden werden von den GBV-Permalinks erstmal erfasst (und zwar so, dass man problemlos von einer auf die andere kommen kann). Dahinter steckt schon Öberlegung, denn es ist zu befürchten, dass es da auch Lösungen geben wird, die nur Permalinks auf einen einzigen Katalog abbilden werden. Insofern doch schonmal schön, dass es verbundweit funktionieren könnte (und damit ein Beitrag der Verbundzentrale zur „2.0-Infrastruktur“ des Verbundes, halte ich erstmal für mindestens genau so wichtig wie Coverabbildungen in OPACs). Alles darüber hinaus ist leider weniger eine technische Frage…
    Und noch eine Bemerkung zum Thema Schnittstellen: Z39.50 gibts im GBV für praktisch jeden Katalog (zentrale und lokale), seit ewigen Zeiten: http://www.gbv.de/vgm/info/benutzer/04extras/extras_0065. Z39.50 ist nicht mehr sehr „sexy“, das stimmt. SRU ist aber zumindest für die zentralen Datenbanken ebenfalls im Angebot: http://www.gbv.de/wikis/cls/SRU-Schnittstelle. Das sind lange etablierte Schnittstellen zum Zugriff auf „maschinenverstehbare“ Daten. Das ist alles noch nicht perfekt, bisher bekommt man da nur bibliographische Daten, wenig andere Dienste. Öber Dinge wie COINS wird durchaus nachgedacht. Das sind allerdings allerlei Baustellen, die jede für sich Komplexität entwickelt, wenn man es sinnvoll machen will (und dabei insbesondere immer einen ganzen Verbund mit seiner Vielfalt auf allen Ebenen im Auge haben muss). Aber ich denke, Ansätze sind da und es entwickelt sich etwas auf der technischen Ebene (wobei das halt meist mangels Oberfläche nicht „toll aussieht“). Letztendlich geht es dabei aber immer um das, was Bibliotheken (oder insbesondere die Verbundzentrale) zum „Web 2.0“ (kollaborativ :-)) beitragen kann: eine tolle Sammlung an bibliographischen Daten und Dienste, die darauf aufsetzen. Es liegt dann in der Hand der „Community“, daraus etwas zu machen.

  2. Die Links zu den SRU- und Z39.50-Schnittstellen des GBV oben sind kaputt gegangen. Korrekt sind:
    Z39.50: http://www.gbv.de/vgm/info/benutzer/04extras/extras_0065
    SRU: http://www.gbv.de/wikis/cls/SRU-Schnittstelle
    Tschuldigung…

  3. Hallo Lambert,
    „Dieser Redebeitrag eines Vertreters der ZBW Kiel (ich habe leider den Namen verpaßt – war es möglichweise Hartmut Schröder?) führte drei Argumente an:“
    – Der Beitrag stammte von mir (t.borst@zbw.eu), ich arbeite in der Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften (http://www.zbw.eu) in der IT-Entwicklung. Ich will meine drei Thesen der Vollständigkeit halber hier noch einmal aufführen, wobei deine Darstellung eigentlich schon völlig ausreicht:

    1. Web 2.0 bedeutet vor allem Kollaboration, nicht Partizipation

    Im Zentrum der Vorträge insbesondere von Frau Christensen aus Hamburg stand ja die These, dass das Web 2.0 in seinem Kern Partizipation bedeutet, also Einbeziehung der Nutzer samt ihrer Inhalte, Ideen und Entwicklungen. Im Prinzip ist das ja auch nicht falsch, nur schien es mir so, dass die SUB Hamburg Web 2.0 als förmliches Programm versteht, das nunmehr auch den Nutzern im Bibliotheksbereich in ganzer Breite angeboten werden sollte. Wie jemand anders aber richtig bemerkte, lasst sich Web 2.0 in dieser Form weder planen oder entwickeln, noch zentral lenken oder anbieten. Vielmehr wird es als kollaborative Technik unter Gruppen dezentral praktiziert, wobei spontane Eigeninitiative und kreative Entwicklungen unter den Nutzern selbst im Vordergrund stehen. Diese Sichtweise ist übrigens auch in der einschlägigen Literatur vorherrschend, etwa bei Tapscott/Williams: Wikinomics – How Mass collaboration changes everything.
    Praktisch bedeutet dies, dass beim Web 2.0 eigentlich nicht so sehr die aktuellen Anwendungen oder Dienste im Vordergrund stehen, sondern die prinzipielle Möglichkeit, mit dem Web und seinem Informationsangebot einfach etwas zu tun: Informationen nicht einfach nur ungefiltert angeboten zu bekommen, sondern selber welche beizutragen, sie zu verknüpfen, nach persönlichen Präferenzen zu ordnen, zu teilen und mit anderen auszutauschen. Für den Bibliotheksbereich müsste man sich nun überlegen, was das hier konkret bedeuten kann und für welche Zielgruppen man was anbietet (im Sinne einer Plattform).

    2. Web 2.0 wird derzeit vor allem von einer Infoelite propagiert und praktiziert

    Meine Beobachtungen will ich schlagwortartig – und zugegeben etwas polemisch – skizzieren: Web 2.0 ist in erster Linie, zumindest in Deutschland, ein Steckenpferd des akademischen Mittelbaus. Ich kenne z.B. nur wenige Professoren, die eigene Weblogs pflegen oder sich an anderen beteiligen, ihre Bookmarks teilen oder Forschungsergebnisse in einem Wiki diskutieren. Im Gegenteil, die Pflege eines eigenen Blogs ist sogar nach meiner Beobachtung verpönt, nach dem Motto: „Wer einen Weblog schreibt, der hat zu viel Zeit.“ Es gibt sicher Ausnahmen, aber die liegen bei Fachleuten, die sich professionell mit dem Thema eh auseinandersetzen (wie in den Sozialwissenschaften und in der Bildungsforschung, ferner im E-Learning). Ansonsten überwiegt doch die Einstellung, dass man seine Forschungsaktivitäten lieber geheim hält, höchstens innerhalb der Peer group diskutiert, oder förmlich veröffentlicht.
    Ich glaube daher nicht, wie das auf der Konferenz später noch jemand meinte, dass es sich dabei bloß um eine Generationenfrage handelt: Auch unter vielen der jetzigen Studierendengeneration dürfte das Thema Web 2.0 längst nicht so im Fokus stehen, wie das auf Konferenzen suggeriert wird.

    3. Den Katalog 2.0 als Web 2.0-Portal zu konzipieren und umzusetzen, wird scheitern

    Diese These bezog sich auf das Vorhaben der Hamburger, einen Katalog 2.0 mit den gängigen Web 2.0-Anwendungen zu entwickeln. Ich hatte da wohl Frau Christensen etwas missverstanden, die das Ganze später in den Kontext eines Forschungsprojekts und Testumfelds darstellte. Das ist natürlich legitim, aber ich wollte nur auf den folgenden Punkt hinweisen: Wenn man den bisherigen, natürlich nicht mehr zeitgemäßen und mediengerechten, (Web-)OPAC komplett durch ein Web 2.0-Portal ersetzt, wird man auch mit den folgenden Nebeneffekten rechnen müssen:
    – Mehr oder weniger professionelle Nutzer, die die bisherige Oberfläche gewohnt waren, werden mit einem komplett neuen „Look and Feel“ überfordert. Wir z.B. als Fachbibliothek für Wirtschaftswissenschaftler könnten „unsere“ Klientel damit eher verschrecken.
    – Nutzer, die das neue Angebot begeistert annehmen, werden es dann kaum mehr von herkömmlichen bzw. kommerziellen Informationsanbietern ala Yahoo unterscheiden.
    Generell gilt ja bei der Einführung neuer Funktionalitäten die 80/20-Regel, d.h. man behält die bisherige Funktionalität und das Aussehen zu weiten Teilen bei und führt eher schleichend in neue Funktionalitäten ein. Hier hatte ich den Eindruck, dass es in Hamburg diesbezüglich noch keine richtige Strategie gibt.

    Gruß,
    Timo

  4. Eine kurze Anmerkung zum Konzept Permalinks im GBV: die Festlegungen im Projekt Kooperative Neukatalogisierung für eine eindeutige ID-Vergabe sind im Konzept für Permalinks im GBV berücksichtigt. Es gibt ebenfalls Gespräche mit OCLC(PICA), um die OCLC-Identifier hier mit einzubeziehen. Dies wird spätestens mit Lieferung großer Teile der GBV-Daten an WorldCat notwendig.

  5. Vielen Dank für die Reaktionen auf meinen Konferenzbericht hier und anderswo!
    Zunächst noch eine kleine Ergänzung zu meinem Bericht, da es hier in der Diskussion vor allem um die Permalinks geht. Ich hatte bei der Diskussion in der FAG einen Blick auf Lars G. Svenssons National Libraries and the Semantic Web: Requirements and Applications (in der Präsentationsfassung sprach er von einer „National Web Library 2.0“) empfohlen. Svensson sagt, um es mal sehr kurz zusammenzufassen, daß eine Nationalbibliographie URIs für Objekte auf allen Ebenen des FRBR-Modells enthalten sollte. Im GBV-Verbundkatalog entsprechen, wenn ich Jakob Voß richtig verstanden habe, die Datensätze quasi den Manifestationen im Sinne von FRBR, daher kann es (zunächst mal) nur darum gehen, aber Svensson bietet eine langfristig dennoch sehr interessante Perspektive auf das Thema.
    @Till und Reiner Diedrichs: Gut zu wissen, daß der GBV nicht nur ein Pionier in Sachen Permalinks ist, sondern sich darüber hinaus auch noch der Diskussion stellt und an der verbundübergreifenden Kooperation interessiert ist!
    @Timo: Freut mich sehr, daß du deinen Diskussionsbeitrag hier noch mal präzisierst, und sorry für meine Verwechslung. (Das habe ich im Beitrag gleich korrigiert.)
    Beim Punkt 1. muß ich dir aber nochmal wiedersprechen.
    Auch Anne Christensen ist klar (und es ging auch aus ihrer Präsentation hervor), daß ein wesentliches Ziel von Beluga darin besteht, daß alle möglichen Benutzer in allen möglichen fremden Umgebungen die bibliographischen Daten weiterverwenden können, und Daten von anderswo in transparenter Weise in passenden Katalogisaten sichtbar zu machen oder zumindest zu verlinken. Ihr Ziel ist quasi ein vernetzter, „durchlässiger“ Katalog. Und ein solches Produkt entspricht, selbst wenn es irgendwo zentral entwickelt und angeboten wird, auch durchaus der Logik des Web 2.0. Man nehme, frei nach Bruce Sterling, MySpace als Beispiel: Da ist das bekannte soziale Muster des Bloggens aufgenommen und einfach in etwas Neues integriert worden. Das „Prinzip Bloggen“ hat sich damit ungeheuer popularisiert – unter Leuten, die vielleicht noch nicht mal den Begriff „Blog“ kennen, oder sich in ihrer Mehrzahl zumindest kaum als Blogger bezeichnen würden. Natürlich verändert das sowohl die technischen Rahmenbedingungen, den „Code“ sozusagen, als auch die Praxis des Bloggens, und puristische „Old-School-Blogger“ werden das, was MySpace aus dem Bloggen gemacht hat, kritisieren (meines Erachtens bisweilen auch zurecht). Aber so und nicht anders funktioniert „das Web 2.0“.

  6. Pingback: Bibliothek 2.0 und mehr

  7. Die Vorwürfe von Timo Borst, dass wir in Hamburg das „Web 2.0 als förmliches Programm“ verstehen und ohne „richtige Strategie“ in den Bibliothekskatalog zu implementieren versuchen, möchte ich gern noch einmal selbst zurückweisen. Ich finde nicht, dass wir unser Fähnchen hier nach einem vermeintlichen Wind aus Richtung einer Info-Elite hängen. Wir wollen hingegen daran arbeiten, den Bibliothekskatalog um diejenigen Funktionalitäten zu bereichern, die schon vor dem Hype um Partizipation und Kollaboration gefragt waren: bessere Aufbereitung von Suchergebnissen (z.B. durch Angebot von faceted browsing) und das Sichtbarmachen von Zusammenhängen von Literatur und ihren LeserInnen. Inwieweit nutzervergebene Tags dafür eignen, wird sich ausweisen – ausprobiert werden sollte es, nicht nur meiner Ansicht nach, allemal. Diesen Ansatz als „Fehlen einer Strategie“ zu deuten, finde ich deswegen und noch aus einem anderen Grund destruktiv: Im Vortrag von Thomas Hapke und mir am vergangen Mittwoch ging es im Wesentlichen *nicht* um die Vorstellung unseres Hamburger Vorhabens, sondern vielmehr in einer eher allgemeinen Form darum, was der Bibliothekskatalog von Web 2.0-Diensten lernen kann. Wie Lambert Heller in seinem Kommentar herausstellte, geht es uns bei Beluga in erster Linie um die Schaffung eines offenen, vernetzbaren Kataloges. Genau dieser Ansatz ist – im Öbrigen von einem Gremium aus WissenschaftlerInnen im Rahmen eines Wettbewerbes mit zehn Anträgen und zwei Siegern – für zukunftsweisend und deshalb förderfähig befunden worden. Den Projektantrag mit ausführlicher Begründung einschließlich strategischer Einbindung (!) stelle ich bei Interesse gern zur Verfügung – und diskutiere dann auch ebenso gern über die diversen Argumente, die man völlig zu Recht gegen unsere Beluga-Visionen ins Feld führen kann. Bloß etwas besser kennen sollte man diese Visionen dann eben – wofür keine der Präsentationen in Bremen eine ausreichende Grundlage gegeben hat.

  8. Ich finde ja auch eher, dass Identifier beim Medium sein sollten, und nicht von irgendeiner Verwaltungsinfrastruktur (Bibliotheksverbund) abhängig. Das entspricht auch eher dem Funktionsprinzip des Web 2.0. mit offenen Schnittstellen und offenen Standards. Bei Bilddateien kommen ja jetzt auch Informationslaien zu der Einsicht (IPTC). Im Netz wie auch im Printbereich wird es immer „graue Literatur“ geben, und das ist auch gut so. 😉

  9. @AG: Deswegen schrieb ich ja auch, dass wir darüber diskutieren, was wir da eigentlich mit den Permalinks referenzieren. Wir brauchen aber (auch) für „2.0“-Anwendungen solche Permalinks auf Metadatensätze, die natürlich wieder auf ein „Medium“ (eigentlich eher auf ein „Objekt“) verweisen bzw. es beschreiben.
    Wir können nur Permalinks zu diesen Metadatensätzen erzeugen und auflösen, nicht für Bücher, DVDs, Webseiten oder sonstige „Objekte“, die durch die Metadaten beschrieben werden (allerdings sind die Metadaten selbst ja auch schon solche „Objekte“). Das ist auch nicht der Anspruch dieser Permalinks (letztendlich geht es darum, Referenzen auf Metadatensätze in Bibliothekskatalogen außerhalb dieser Kataloge verwenden zu können, das ist Grundlage, um Bestände von Bibliotheken aus den OPACs hinaus zu „tragen“, das was auch Beluga will).

  10. Ich gehöre ja eher zu der Fraktion, die der Ansicht ist, dass damit das Netz verspamt wird. Da gibt es schon genug Redundanz, Trackbacks zu Trackbacks zu Trackbacks zu Kommentaren, die Umwege zu den eigentlichen „Quellen“ werden immer verworrener. Und als Nutzer klickt man in der Trefferlisten-Schleife.

  11. @AG: Ich kann das Argument nicht nachvollziehen. Information entsteht nicht durch die „Behinderung“ des Zugangs zu Wissen, sondern indem man Wissen zugänglich macht, oder? Zugänglichmachen des Wissens (von mir aus „Quellen“) in Bibliotheken geschieht im Netz über deren Kataloge. Bibliothekskataloge sind allerdings leider meist recht geschlossene Veranstaltungen. Permalinks sind ein einfacher Weg, um diese Kataloge ein wenig zu „öffnen“. Ich sehe da auch kein „zuspammen“, denn diese Links sind zunächst mal etwas vollkommen passives. Wenn man sie nicht irgendwo benutzt, tauchen sie auch nirgends auf und spammen auch nix zu.
    Den Begriff „Quellen“ finde ich in diesem Zusammenhang übrigens problematisch. Ich habe den Eindruck, dass damit zwischen „Quellen“ als Träger von Wissen, aus dem Information werden kann, und irgendwelchem Beiwerk, das aber „informationell wertlos“ ist, unterschieden werden soll. Bibliographische Metadaten und Normdaten sind nach meinem Verständnis dann aber selbst „Quellen“, nicht nur Beiwerk zu „Quellen“. In den Metadaten selbst steckt durchaus Wissen, das man zur Gewinnung „informationeller Mehrwerte“ nutzen kann. Dieses Potential wird in existierenden Katalogen vielleicht zu wenig genutzt. Auch deswegen erscheint mir eine Öffnung für interessante Anwendungen mit diesen Daten sinnvoll.

  12. Wenn man massenhaft Kopien von „Wissen“ (hier nichts weiter als bibliographische Daten) generiert, wird das Wissen nicht zugänglicher, Im Gegenteil! Ich meine Links in der Suchmaschinentrefferliste wie „vasili’s bookmarks tagged with „shakespeare“ on del.icio.us“, die die Ergebnislisten aufblähen. Wenn Bibliotheken weltweit ihre OPACs entsprechend nachrüsten, wird auch die Zahl solcher Treffer exponiential anwachsen und die Suchmaschinenbetreiber werden sich überlegen, wie sie die Sachen herausfiltern damit die Nutzer wieder das finden, wonach sie eigentlich suchen: Inhalte von Webseiten und nicht Verweise auf Verweise von Inhalten aller möglichen Medien.
    Zur Öffnung von Katalogen ist m.E. die Einbindung in Metakataloge und das Angebot von Exportroutinen (BibTex, MARC, Endnote) sinnvoller – also die Kumulation von Daten, nicht deren Streuung.

  13. Pingback: Aktuelle Informationen der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen

  14. Äh… einerseits „massenhaft Kopien von bibliographischen Daten“ anprangern und andererseits das „Angebot [von] Exportroutinen“ fordern – ist das nicht etwas widersprüchlich? Ich kann den Einwand nicht nachvollziehen: In gleicher Weise könnte der exponentielle Zuwachs von Büchern beklagt werden, mit dem die Verleger und Autoren die Bibliotheken zuspammen. Es geht doch lediglich darum, die Kataloge zu öffnen, um die Daten nutzbar zu machen. Wer keine bibliographischen Daten sondern lieber die katalogisierten Dokumente taggen möchte, kann dies bei elektronischen Publikationen ja tun – so lange die PDFs nicht gerade auf Bibliotheksservern liegen, haben Bibliotheken aber reichlich wenig damit zu tun, das läuft völlig an uns vorbei.

  15. Ich zweifle lediglich die standardisierende Kraft von durch lediglich einen Verbund eingeführte Permalinks an. Und was soll ein deutscher Gesamtkatalog im globalen, vernetzten Zeitalter?