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Googles Antwort auf Facebook: Scheunentore statt Datensilos

Dieses Thema beschäftigt heute nicht nur die New York Times, sondern offenbar zahlreiche am „Web 2.0“ interessierte Blogs: Google wird morgen (Donnerstag) zusammen mit einigen anderen Webdienste-Anbietern etwas präsentieren, was weithin als Antwort auf das studiVZ-Vorbild Facebook betrachtet wird. (Wikipedia über Facebook, Netbib über Facebook.)
Wo liegt das Problem – aus Benutzersicht?

Warum sollte ich bei einem Webdienst wie studiVZ, Wikipedia oder auch wordpress.com einen Benutzernamen erfinden oder gar ein Benutzerprofil ausfüllen, wenn ich genau so einen Namen und ein Benutzerprofil mit den genau gleichen Feldern bereits bei diversen anderen Webdiensten ausgefüllt habe? Warum soll ich eine Liste von befreundeten Benutzern zusammenstellen, wenn ich auch dies schon woanders getan habe, womöglich ebenfalls schon mehrfach? Kurz gesagt: Warum sind die sehr gleichartigen Daten aus Benutzerprofilen, Social Networking Service (SNS) etc. nicht interoperabel?

„Benutzerinformationen einsperren“ als Geschäftsmodell

Offenbar beruht das Geschäftsmodell vieler Webdienste darauf, die Benutzer mitsamt ihren Informationen gewissermaÃ?en in ein Datensilo einzusperren. Sie können ihre Daten nur solange eingeben und pflegen und mit den Daten anderer Benutzer verknüpfen, wie sie bei dem jeweiligen Dienst gerade eingeloggt sind. â??Von aussenâ?? kann man diese Benutzerdaten nur noch betrachten (wenn überhaupt), jedoch nicht einfach â??unter den Arm klemmenâ?? und zu einem Konkurrenten mitnehmen. Dieses Geschäftsmodell läuft Tim Oâ??Reillys Konzept des â??User Positioningâ?? im â??Web 2.0â?? eigentlich zuwider. Demzufolge soll der Benutzer die Kontrolle über seine eigenen Daten ausüben. Aber O’Reillys Konzept hin oder her: Das Geschäftsmodell â??Datensiloâ?? funktioniert, solange es von einer kritischen Masse von Benutzern akzeptiert wird!

Facebook sorgte für diese Akzeptanz zuletzt dadurch, daÃ? man fremden Webdiensten ein interessantes Angebot gemacht hat: Facebook verwandelte sich in eine â??Plattformâ?? für Anwendungen Dritter. Diese können einen Ableger ihrer Website speziell auf Facebook zuschneiden und dort verbreiten. Wer auf den entsprechenden Knopf drückt nimmt diesen Ableger, ggf. einschlieÃ?lich eigener Personalisierungen, Interaktivität, Suchfunktionen etc., in sein eigenes Facebook-Benutzerprofil auf. StudiVZ kennt solche technischen Finessen nicht â?? hier handelt es sich nur um eine mittelmäÃ?ige Kopie von Facebook, die anscheinend deshalb von ihren Benutzern akzeptiert wird, weil sie bereits so verbreitet ist. (Angeblich gibt es bereits mehr studiVZ-Benutzerkonten, als derzeit Studierende an deutschen Hochschulen und Unis eingeschrieben sind.)

Googles Antwort: Kein weiteres Silo, sondern ein paar Scheunentore für alle

Dementsprechend hätte man erwarten können, daÃ? Google nun mit einem eigenen Datensilo den bestehenden Datensilos wie Facebook, studiVZ etc. Konkurrenz macht. Doch die Strategie von Google ist pfiffiger: Zusammen mit einem Bündnis der nicht ganz so groÃ?en Anbieter von Social-Networking- und anderen Webdiensten wird eine Reihe von einfachen Anwendungs-Programmierschnittstellen, mit denen die Benutzerdaten aus Social-Networking-Diensten interoperabel werden, vorgestellt. Konkret: Wenn ich mich künftig bei einem SNS registriere kann ich per Mausklick mein Benutzerprofil, mein soziales Netzwerk und vielleicht auch einen persönlichen Neuigkeiten-Feed aus einem anderen Dienst, in dem ich bereits Mitglied bin, übernehmen â?? vorausgesetzt natürlich, sowohl der neue als auch der bisherige Dienst unterstützen diese Schnittstellen. Ã?brigens wird jeder die neuen Schnittstellen verwenden können, nicht nur Google & Co.

Wie verdient Google daran – und was lehrt uns das?

Wie die New York Times richtig anmerkt werden Social Networking Services nützlicher, wenn sie interoperabler werden, also den Charakter von Datensilos ablegen. Und schon allein von diesem steigenden Nutzen profitiere Google. Googles Geschäftsmodell ist es, möglichst überall kontextuell passende Werbung einzublenden, und das bedeutet aus Googles Sicht: Nützlicheres Internet = mehr potentielle Werbefläche und mehr Augenpaare, deren Blicke auf diese Werbefläche fallen. In diesem Fall deckt sich also Googles Geschäftsinteresse mit Oâ??Reillys oben genannter Forderung nach individueller Kontrolle über Benutzerdaten. Das ist auch deshalb interessant, weil es die Behauptung widerlegt, die Offenheit des Internets sei nur ein vorübergehend nützliches Mittel zu seinem kommerziellen (Haupt-)Zweck, der sich mit einem freiem Informationsaustausch ausschliesse und zur SchlieÃ?ung von Bibliotheks- und Informationseinrichtungen führe.

Autor: Lambert Heller

Librarian 2.0, interested in knowledge management, publishing and communities on the web. Likes Open Access / Open Data. Hannover, Germany.

6 Kommentare

  1. Zu den letzten Entwicklungen vgl. auch Stephen Abram und Guus van den Brekel.

  2. Es ist schon erstaunlich, wieviel kostenlose PR Google im Vorfeld für diese Vaporware bekommen haben und alle Medien voneinander abgeschrieben haben anstatt selber zu recherchieren – da es tagelang unter der offiziellen URL nichts als einen 404-Fehler gab, haben alle voneinander abgeschrieben – ein journalistisches Armutszeugnis für die Blogosphäre. Wenn man OpenSocial genauer anschaut hat das ganze wenig mit der Befreiung von Daten zu tun sondern ist ein Versuch von Google, gegenüber Facebook, Netvibes etc. mehr Marktmacht zu gewinnen und andere Dienste an sich zu binden. Der bessere Weg wäre die Erstellung eines offenen Standards gewesen (so wie bei Microformats oder den RFC) – aber dafür müsste Google die Kontrolle über die API abgeben, was nicht im Interesse eines Monopolisten ist.

  3. Naja, Jakob, „Vaporware“ wars noch vor Donnerstag. Vor Donnerstag hatte Michael Arrington darüber geschrieben, und auf den haben sich dann fast alle anderen bezogen, bzw. „von ihm abgeschrieben“, um im Jargon der immerwährenden Furcht vor Plagiaten zu bleiben. Gleichwohl beurteilst auch du dieses Google-Produkt inhaltlich – Vaporware scheint es für dich demzufolge auch nicht (mehr) zu sein.
    Zum Inhalt: Du betonst zurecht Googles ökonomische Interessen – wie ichs in meinem Beitrag ebenfalls getan habe. Nichts desto weniger bleibe ich dabei, daß in diesem Fall Googles ökonomische Interessen mittelbar eine Verbesserung bringen können, falls nämlich OpenSocial tatsächlich dazu führen sollte, SNS und anderen personalisierten Webdiensten den Charakter von Datensilos zu nehmen. Und du hast daran erinnert, daß dies durch offene Standards auch und vermutlich noch besser zu erreichen wäre – in dem Punkt gebe ich dir recht!

  4. Das erinnert mich stark an Dirk Olbertz‘ „Noserub“-Software. Wenn ich das richtig verstanden habe will Noserub ja genau das Problem der Datensilos angehen, in dem man halt auf seinem eigenen Server seine Daten hat und diese dann durch die Social-Networks abgeglichen werden. Wie geschrieben, sofern ich das verstanden habe…
    Siehe dazu http://noserub.com/tour/

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