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RefWorks – kollaborative Netze per Campuslizenz?

Vorab muÃ? ich mich entschuldigen, denn der folgende Beitrag ist vor allem die Fortsetzung eines Zeitschriftenaufsatzes. Ich möchte diese Fortsetzung hier schnell als Weblog-Beitrag loswerden, da ich weder Zeit noch Lust habe, monatelang auf das Erscheinen einer traditionellen Zeitschrift zu warten. Der Beitrag ist umfangreich, kann aber auch ohne Kenntnis des ursprünglichen Aufsatzes gelesen und verstanden werden. 😉


Was bisher geschah

Im August diesen Jahres erschien die von Patrick Danowski und mir konzipierte Ausgabe 2007 (2) der Bibliothek. In diesem Heft hatte ich in einem längeren Artikel ein neues Phänomen beschrieben, das von Bibliothekaren oft als eine „2.0“-Phrase abgewunken oder aber als Vorschlag für eine rein technische Veränderung der bisherigen Bibliothekssysteme miÃ?verstanden wird. Beides geht an der Sache vorbei, weil es hier um ein neues soziales Muster im Umgang mit bibliographischen Daten geht. Erst wenn wir uns über dieses soziale Muster verständigt haben können wir, im nächsten Schritt, darüber diskutieren, was es für unsere derzeitigen bibliothekarischen Informationssysteme und -strategien bedeutet.

Vom pragmatischen Austausch unter Informationsjägern und -sammlern …

Informationsbenutzer greifen bibliographische Daten auf (z.B. aus bibliographischen Datenbanken oder Katalogen) und organisieren sie primär für ihre eigene Zwecke (Zitation, Literaturverzeichnis etc.). DaÃ? dies seit den Achtzigern immer häufiger elektronisch geschieht hat an diesem Vorgang im Grunde nicht viel verändert; der Zettelkasten wurde quasi durch CD und Festplatte ersetzt. Das neue Phänomen trat erst im Zusammenhang mit massenhaft verfügbaren Internetzugängen auf: Die Benutzer fingen nun damit an, ihre gesammelten Daten informell untereinander auszutauschen. Was anfangs die Nachnutzung der Daten erleichtern sollte, weil die Datenbanken und Kataloge nicht dazu in der Lage waren, die bibliographische Information in den Formaten der Literaturverwaltungs-Systeme auszugeben, wurde bald zu einer „von unten“ wachsenden Praxis des Verzeichnens, Pflegens und wechselseitigen Empfehlens bibliographischer Information. In Einzelfällen wuchsen diese Grassroots-Systeme zu anerkannten, unverzichtbaren, wenngleich nach ungewohnten technischen und ökonomischen Prinzipien arbeitenden, bibliographischen Informationsquellen heran. Mein Beispiel in dem Artikel war The Collection of Computer Science Bibliographies.

… zur „Metadatenrevolution“ des Webs

Einen Quantensprung machte dieses Phänomen, als in Anlehnung an den Social-Bookmarking-Dienst del.icio.us vor drei Jahren diverse bibliographische Online-Plattformen, vor allem CiteULike, Connotea und BibSonomy, entstanden. Obwohl und gerade weil die meisten Benutzer diese Plattformen primär „egoistisch“ verwenden, um ihre eigene Quellensammlung zu speichern und zu ordnen, treten sekundär einige interessante soziale Effekte ein. So entstehen durch die Ansammlung zahlreicher persönlicher bibliographischer Datensammlungen soziale Metainformationen. Welcher Aufsatz ist bereits in wievielen persönlichen Verweissammlungen enthalten? Welcher Aufsatz verbreitet sich unter welchen Benutzern, und in Kombination mit welchen anderen Verweisen? Etc. Solche Informationen sind übrigens etwas anderes sind als „Nutzerbewertungen“ oder auf Kunden-Kaufentscheidungen beruhnede Recommendersysteme bei Amazon, mit denen sie leider gern in einen Topf geworfen werden.

Und es entsteht, da die persönlichen Sammlungen auf solchen Plattformen im Normalfall für alle auffindbar (sowohl durch Google als auch durch differenzierte fremde und eigene Deskriptoren), kopierbar und reproduzierbar sind, eine Kultur des bibliographischen Remix. Dieser Remix basiert nicht auf einer verabredeten, verbindlichen Kooperation, obwohl die genannten Dienste durchaus auch von Gruppen gezielt als Plattform eingesetzt werden können. Typisch ist vielmehr eine lose Koppelung sowohl inhaltlicher als auch sozialer Informationen. Die Austauschplattformen werden für ihre Benutzer zu Informationsquellen von ganz eigenem Wert, und entdeckt werden dabei nicht nur Informationen, sondern auch Entdecker. Durch den informellen, losen Austausch bekommen die bibliographischen Informationen

„eine neue Funktion: Sie werden zu Kristallisationspunkten sozialer Beziehungen und Bestandteil fachlicher Kommunikation. Die Bibliographie der Informationsbenutzer wird zu einem Instrument der ErschlieÃ?ung ihrer individuellen und geminschaftlichen Praktiken und Interessen“. (Aus dem o.g. Artikel.)

Das beschriebene Phänomen steht quer zur traditionellen Rollenverteilung zwischen Informationsprofis und Informationsbenutzern. Vormalige „Benutzer“ tummeln sich plötzlich in ehemals rein bibliothekarische Domänen: Sie „übernehmen Fremddaten“, „Verschlagworten“, schlagen sich mit bibliographischen Austauschformaten herum etc.

Aber halten wir noch einmal die technische Voraussetzung dieser sozialen Metadatenrevolution in einem Satz fest:

Passende Werkzeuge im Web, die wiederum weit verbreiteten Internetzugängen beruhen, ermöglichen das einfache Teilen und Remixen (bibliographischer) Information quasi durch jedermann.

RefWorks: PC-Literaturverwaltung als Webdienst

Wer sich in den letzten Jahren mit benutzerfreundlichen Systemen zum Organisieren bibliographischer Daten beschäftigt hat wird an dem Markennamen RefWorks nicht vorbei gekommen sein. Die 2001 gegründete Firma hat viel Beifall dafür geerntet, den gesamten Literaturverwaltungs-Workflow wohl zum erstenmal unter einer einzigen, komfortablen Oberfläche als Webdienst realisiert zu haben.

Als ich im Frühjahr 2007 den oben zusammengefaÃ?ten Artikel schrieb hielt ich RefWorks jedoch mit Absicht völlig heraus. RefWorks übertrug, so kam es mir vor, das Konzept traditioneller PC-Literaturverwaltungssysteme wie EndNote auf das Web. Das hat viele Vorteile. Software in Form eines Webdienstes kann zentral und daher sehr effizient für alle Benutzer gewartet und weiterentwickelt werden; dazu kommt, daÃ? die meisten elektronischen bibliographischen Informationsquellen heute ohnehin online sind, und daÃ? die Benutzer, selbst wenn sie gerade ein Textverarbeitungs-Programm wie Word benutzen und dort ihre Zitatquelle brauchen, ebenfalls online sind. Daher ist es nur konsequent und durchaus nützlich, den Funktionsumfang der traditionellen Literaturverwaltung am PC ins Netz zu übertragen. Das ist RefWorks sehr gut gelungen.

Beim Stand der Dinge, als ich mich 2006 das letzte mal näher mit dem Dienst befaÃ?t hatte (vor allem auf Grundlage der immer noch lesenswerten, wenngleich nicht mehr ganz aktuellen Artikel von Hans-Christoph Hobohm und Thomas Kees), ging es RefWorks keineswegs darum, seinen Benutzern die technischen Voraussetzungen zur Partizipation an der Metadatenrevolution zu verschaffen. (Vgl. die oben stehende Ein-Satz-Definition.) Bibliographische Daten lieÃ?en sich mit der Komponente RefShare in eingeschränktem MaÃ?e veröffentlichen, aber die Voraussetzungen für eine lose gekoppelte Kollaboration waren nicht gegeben.

Umso beeindruckter war ich von einem Firmenvortrag von Aaron Maierhofer, RefWorks, in der vergangenen Woche. Den Vortrag hatte Helmut Voigt, HU Berlin, dankenswerterweise in Kooperation mit dem Friedrich-Althoff-Konsortium (FAK) und dem Berliner Arbeitskreis Information (BAK Information) organisiert.

Nach diesem Vortrag und anschlieÃ?endem Ausprobieren von RefWorks bin ich zu einem überraschend anderem Ergebnis gekommen, nämlich daÃ?

die gesamte Entwicklung von RefWorks seit gut einem Jahr sich dem Ziel widmete, einige wichtige Funktionen der offenen bibliographischen Online-Plattformen zu integrieren — und daÃ? der nächste, für Frühjahr/Sommer 2008 geplante Entwicklungsschritt zeigen wird, ob das Entwicklungs- und Geschäftsmodell des Lizenzprodukts RefWorks auch im Bereich der neuartigen kollaborativen Eigenschaften mit den offenen Plattformen konkurrieren kann.

Die kollaborativen Eigenschaften werden m.E. zu einem wichtigen Schauplatz des Wettbewerbs im Markt der Online-Literaturverwaltung. Aber bevor ich darauf näher eingehe, werde ich zunächst skizzieren müssen, wo die Stärken und Besonderheiten des Produkts RefWorks überhaupt liegen.

Datenimport: Der Königsweg des Online-Literaturverwaltungs-Marktführers

Man kann zwar auch direkt von RefWorks aus in diversen per Z39.50 angebundenen Katalogen und Datenbanken recherchieren und Angaben übernehmen, doch RefWorks betrachtet die Suche auf den WWW-Oberflächen der jeweiligen Informationsanbieter als den neuen Normalfall. Angesichts der erreichten Marktposition überrascht das allerdings kaum, denn viele Anbieter bieten heute eine RefWorks-Exportoption an. (Neben dem RefWorks-Anbieter ProQuest/CSA tun das beispielsweise EBSCO, Elsevier, Google Scholar, Ingenta, LexisNexis, Ovid/Silverplatter und OCLC.) Daneben bietet RefWorks spezielle Importoptionen für verschiedene Anbieter (z.B. Blackwell, JSTOR, Nature, PubMed, SciFinder Scholar und Springer) und die verbreiteten Standards zum Datenaustausch aus der Welt der Literaturverwaltungssysteme an.

Verringert nur RefWorks‘ Königsweg den Importaufwand um die entscheidenden zwei Mausklicks?

Importoptionen für diese Datenaustausch-Standards (wie BibTeX, Medline, EndNote oder RIS, das Format von Reference Manager) werden inzwischen von praktisch allen verbreiteten Literaturverwaltungs-Anwendungen abgedeckt. Viele Wege führen nach Rom, und mindestens ebenso viele führen heute zum erfolgreichen Copy&Paste-Import ins eigene Literaturverzeichnis.

Zudem bieten kostenlose bzw. als Open-Source-Software frei verfügbare Online-Literaturverwaltungssysteme wie CiteULike, Connotea und BibSonomy seit eh und je Bookmarklets an. Einmal den entsprechenden Knopf von der Anbieterseite auf die eigene Browserleiste gezogen, und danach lassen sich sofort alle in den üblichen Standards ausgegebenen Formate per Mausklick in die eigene Online-Sammlung übernehmen. RefWorks ist im Oktober 2006 auf diesen Zug aufgesprungen und bietet mit RefGrab-It ein eigenes, ausgefeiltes Bookmarklet an.

Eine weitere Alternative zeigt Zotero auf: Hier ist die einmalige Installation eines Browser-Plugins erforderlich. Dieses Plugin enthält eine komplette, sehr übersichtliche Offline-Literaturverwaltung, die auf zahlreichen Seiten (darunter auch vielen ohne RefWorks-Ausgabeoption) automatisch Literaturangaben identifiziert und per Mausklick zum Import anbietet. Die automatische Erkennung der Angaben erfolgt in vielen Fällen bereits über eingebettete OpenURL-formatierte Daten, sogenannte COinS. (COins war bei netbib schon häufiger Thema.) Ein etwas einfacher gestricktes Browser-Plugin bietet mittlerweile auch die Online-Plattform EndNote Web an. Mich würde es wundern, wenn RefWorks hinter den Kulissen nicht ebenfalls an einem derartigen, möglicherweise COinS-fähigen, Browser-Plugin arbeitete.

Fassen wir es so zusammen: Der Usability-Vorteil, den RefWorks durch die RefWorks-Exportoption vieler groÃ?er Anbieter zweifelsohne bietet, ist angesichts ausgereifter Alternativen kaum noch ein echtes Alleinstellungsmerkmal.

Literaturverwaltung mit PDF-Dateiverwaltung — eine neue Standard-Funktion

Neu bei RefWorks ist seit diesem Herbst das Attachment-Feature. Eigene Kopien eines Papiers können im Speicherbereich des persönlichen RefWorks-Kontos abgelegt und mit den dazugehörigen bibliographischen Daten verknüpft werden. Diese Funktion ist von zahlreichen Literaturverwaltungsystemen für den PC bekannt, Klassikern wie EndNote aber auch Neueren wie Zotero, und nun können das auch Online-Literaturverwaltungen wie CiteULike und BibSonomy; einzig Connotea unterstützt dies (bisher) nicht. Insofern kann dieses Feature geradezu als Standard betrachtet werden. Eine Besonderheit scheint mir in diesem Bereich die Open-Source-Anwendung JabRef zu bieten: Sie kann, dem XML-Standard XMP folgend, Metadaten, die in den gepeicherten PDF-Dateien enthalten sind, auslesen, in der Literaturverwaltung weiterverwenden, aber auch in die PDF-Dateien hineinschreiben.

Früher oder später werden wir sicherlich auch persönliche Literaturverwaltungs-Systeme mit Volltextsuche im persönlichen Dokumenten-Repository erleben; die Volltextsuche für den eigenen Desktop erfreut sich ja bereits einiger Beliebtheit. Benutzer werden dann während des Schreibens rasch die eigene Literatursammlung nach einer vage erinnerten Stelle durchsuchen und dann mit einem weiteren Mausklick einen Zitatverweis auf die Fundstelle erzeugen können.

Ein anderer Weg von der Literaturverwaltung zum elektronischen Volltext ist das automatische Generieren von OpenURL-Links auf einen Linkresolver — diese Lösung ist, oft sogar neben der Möglichkeit eine eigene PDF-Kopie zu verwalten, ebenfalls bei zahlreichen Literaturverwaltungssystemen anzutreffen.

Integration mit der Offline-Welt

Wie Literaturverwaltungsprogramme für den PC (wiederum von EndNote bis Zotero) stellt auch RefWorks über spezielle Plugins die eigenen Referenzen komfortabel per Mausklick in einigen verbreiteten Textverarbeitungsprogramme wie MS Word zur Verfügung. Und das von Thomas Kees in seiner RefWork-Besprechung vor einem Jahr identifizierte Defizit einer Offline-Synchronisation der eigenen Dateien, um bspw. auch unterwegs die eigenen Referenzen benutzen zu können, ist seit August 2007 behoben.

Allerdings werden in absehbarer Zeit weder Microsoft Word noch OpenOffice Writer solche Plugins benötigen. Bereits Microsoft Word 2007 und OpenOffice Writer 2 besitzen eine rudimentäre eigene Literaturverwaltungs-Funktion. Und bereits jetzt sind diverse Online- und Offline-Anwendungen dazu in der Lage, persönliche Literaturdatenbanken so auszugeben, daÃ? sie direkt, ohne zusätzliche Software, von Word 2007 bzw. OpenOffice Writer 2 entsprechend verwendet werden können. Um nur einige Beispiele zu nennen: Die Open-Source-Programme JabRef und Zotero geben OO-Writer-Literaturdatenbanken aus, und die Online-Dienste Connotea und Memento MS-Word-Literaturdatenbanken. Alle vier minimieren nicht nur die finanziellen, sondern auch die technischen Voraussetzungen zur komfortablen Weitergabe der Daten an die Textverarbeitung gegen null: Das Browser-Plugin Zotero, das ohne Installation auf allen üblichen Betriebbssystemen sofort startklare JabRef, und natürlich erst recht die reinen Online-Anwendung Connotea und Memento.

Software-Entwickler können ihre Anwendungen mittels der Open-Source-Komponente Bibutils Daten aus dem MODS-Standard in das Microsoft-Format konvertieren lassen, womit auch dieses Ausgabeformat in kürzester Zeit zum Normalfall werden sollte, denn MODS kann als anwendungsinternes Zwischenformat zur Konvertierung vielfältiger Ausgangsformate eingesetzt werden.

Fassen wir diesen Punkt so zusammen: Die enge Integration von (Offline-)Textverarbeitung und (Online-)Literaturverwaltung ist heute kaum noch ein Alleinstellungsmerkmal kostspieliger Anwendungen wie EndNote oder RefWorks.

Ausgabestile: Vorgegeben und anpaÃ?bar, online und offline

Ã?hnlich wie die traditionelle Literaturverwaltung für den PC bietet auch RefWorks ein Repertoire von Zitier- und Literaturverzeichnis-Stilen, die beim Einfügen des Zitats nur noch durch Mausklick ausgewählt zu werden brauchen. Die Benutzer werden aber auch dabei unterstützt, komfortabel darauf aufbauende, eigene Stile zu definieren, die sogar kopiert und mit anderen Benutzern geteilt werden können. All diese Ausgabemöglichkeiten gibt es offline und online. Ã?hnlich hält es EndNote im Zusammenspiel mit EndNote Web, und auch die Open-Source-Software JabRef im Zusammenspiel mit der Online-Plattform BibSonomy.

Eine ähnlich günstige Situation haben die Benutzer des freien Textsatzsystems LaTeX: Ihnen stehen — im CTAN-Repository — ebenfalls viele vordefinierte BibTeX-Ausgabestile frei zur Verfügung. Allerdings ist es zwar auf komfortable Weise möglich, innerhalb von MS-Word oder OO-Writer beim Zitieren oder beim Anlegen eines Literaturverzeichnisses auf ein eigenes BibTeX-Literaturverzeichnis zuzugreifen (und dies sowohl online als auch offline, siehe oben), aber nach meinem Kenntnisstand gibt es (noch) keinen Weg, dabei die erwähnten Stile aus dem CTAN-Repository zu verwenden. Sie stehen bisher also praktisch nur der kleinen, tapferen Gemeinde der LaTeX-Anwender zur Verfügung. Ich würde mich in diesem Punkt aber gerne eines besser belehren lassen!

Hier scheint es demnach (noch) einen groÃ?en quantitativen Unterschied zwischen einerseits EndNote/EndNote Web sowie RefWorks und andererseits JabRef/BibSonomy o.ä. zu geben: Für EndNote und RefWorks existieren bereits viele hundert vordefinierte Ausgabestile für alle möglichen Fachzeitschriften, Serien etc., für JabRef/BibSonomy hingegen nur eine handvoll Stile.

Bibliographien online publizieren, abonnieren und kooperativ pflegen

Mit der RefShare-Komponente erlaubt RefWorks auch das Veröffentlichen eigener Literaturnachweise (in der RefWorks-Terminologie: Referenzen). Adressaten der Veröffentlichung können sowohl begrenzte, individuell zusammengestellte Benutzergruppen als auch die breite Ã?ffentlichkeit sein.

Obwohl RefWorks die Ã?bernahme von Schlagworten sowie benutzergenerierte Schlagworte (andere nennen es Tagging) erlaubt, können die sogenannten RefShare-Freigaben nicht aus den vorhandenen Schlagworten erzeugt, sondern müssen als Ordner eingerichtet werden. Diese Ordner können dann mit vorhandenen Referenzen aus der eigenen Sammlung befüllt werden. RefShare-Ordner können gestuft freigegeben (bspw. Angucken im HTML-Format erlaubt, aber kein Export in maschinenlesbare Formate) und per RSS abonnierbar gemacht werden. Auch Kommentare durch andere Benutzer können erlaubt werden. Die Links im RSS-Feed verweisen mit einer persistenten Adresse auf eine Webseite mit dem jeweiligen einzelnen Nachweis. Suchanfragen, Deskriptoren und Autorennamen aus freigegebenen Datenbanken können ebenfalls persistent verlinkt werden.

Hier ist EndNote Web noch auf einem anderen Entwicklungsstand: Ordner können für eine Auswahl anderer registrierter Benutzer der Plattform freigegeben und mit ihnen auch gemeinsam gepflegt werden — echtes Veröffentlichen mit RSS-Feeds, persistenen Links, die auch „von aussen“ funktionieren, etc. ist hingegen nicht vorgesehen.

RefWorks lizensierende Institutionen können ihren Benutzern auch erlauben, ihre RefShare-Freigaben in eine Art institutionsweiten Markplatz, der Shared Area, einzubringen. (Beispiel für eine öffentliche, deutschsprachige Shared Area.) In den Shared Areas werden demzufolge nur die Sammlungen jeweils einzelner Benutzer aufgereiht. Wer hingegen gemeinsam eine Sammlung pflegen will greift auf einen Team Account zurück. Allerdings läÃ?t sich weder für Teammitglieder noch für Aussenstehende nachvollziehen, was von welchem Teammitglied hinzugefügt oder verändert worden ist.

Dies ist bei den Gruppen- und Netzwerkfunktionen einschlägiger kostenloser Onlinedienste, beispielsweise bei BibSonomy, deutlich besser gelöst. Und auch sonst folgt der Ausbau der RefShare-Funktionen spürbar dem Vorbild der kostenlosen Online-Plattformen, die dieses Spiel (noch) ein wenig besser beherrschen. So generieren sie beispielsweise RSS-Feeds aus allen vorhandenen Schlagworten sowie deren Kombinationen etc.

Um das Ganze ein wenig anschaulicher zu machen: Hier ist eine kleine Auswahlbibliographie von Texten über ein ganz anderes Thema, die ich kürzlich bei BibSonomy angelegt hatte. Und hier ist die selbe Bibliographie als RefShare-Freigabe. Die Daten habe ich mit dem Zwischenformat BibTeX in einen von RefWorks freundlicherweise zur Verfügung gestellten Demo-Account importiert.

Die Entwicklung von 2006 bis 2008 im Kontext

Im August 2006 wurde RefShare mit Benutzer-Kommentaren sowie persistenten Links ausgestattet, im Oktober kamen RSS-Feeds sowie das Bookmarklet RefGrab-It hinzu. Im März 2007 kam dann das Attachment-Feature, und im August diesen Jahres wurden die Ausgabemöglichkeiten flexibler und anpaÃ?barer gemacht, indem die Export-Option des XML-basierten RefWorks Tagged Format eingeführt und die Verwendung benutzergenerierter Ausgabestile vereinfacht wurde

Insofern entwickelte sich RefWorks im letzten Jahr sehr deutlich in Richtung der offenen Bibliographiedaten-Plattformen. Die Entwicklung stand von August 2006 bis heute ganz im Zeichen des möglichst einfachen Austauschs bibliographischer Daten mit vielen anderen Benutzern und Nicht-Benutzern sowie dem Hinzufügen eines konvertierungsfreundlichen XML-basierten Exportformats.

Und ein weiterer, gravierender Entwicklungsschritt wird bereits heute für Frühjahr oder Sommer 2008 in Aussicht gestellt: RefWorks will seinen Kunden, also den lizenznehmenden Institutionen, eine groÃ?e gemeinsame Shared Area eröffnen. Dies ging aus dem genannten Firmenvortrag hervor, scheint aber noch nirgends öffentlich dokumentiert worden zu sein.

Problem Nr. 1: Neue und alte Grenzen der Shared Areas

Nach dieser Ã?ffnung werden aufgrund der wesentlich höheren kombinierten Benutzerzahlen soziale Metainformationen im oben genannten Sinne entstehen können, und es wird viel leichter sein, über interessante bibliographische Daten zu „stolpern“. Durch diese ungeplanten Begegnungen mit den bibliographischen Informationssammlungen anderer Benutzer können wiederum „Entdecker entdeckt werden“ etc., kurz, es werden die typischen Effekte offener Plattformen forciert.

Eine gemeinsame Shared Area von heute mehr als 900 RefWorks-Lizenznehmern, darunter zahlreichen groÃ?en Universitäten, wird weiterhin ihre Grenzen haben. Die Ã?ffnung ist sicher nicht nur als ein neues Feature für die Bestandsnutzer gedacht, sondern man wird durch die entstehenden Netzwerkeffekte auch weitere Institutionen zu einem VertragsabschluÃ? motivieren wollen. Hinzu kommt, daÃ? RefWorks bereits jetzt die Erweiterung seines Netzwerks um möglichst viele einzelne Benutzer ausserhalb der Institutionen als ein Zusatzgeschäft betreibt: Lizenznehmende Institutionen können einen Zusatzvertrag über ein Alumni Program abschlieÃ?en, mit dem die eigenen Absolventen dauerhaft RefWorks-Nutzer bleiben und nebenbei die Bindung an ihre Herkunfts-Hochschule gestärkt werden soll.

Hinzu kommt, daÃ? man RefWorks-Einzelbenutzern die Vergabe von Benutzerkonten an andere Internetbenutzer gestattet, mit denen sie gerade kooperieren — solange von dieser Praxis nur gelegentlich und in MaÃ?en Gebrauch gemacht wird. Aber gerade diese GroÃ?zügigkeit zeigt auch, wie das derzeitige Geschäftsmodell der Campus-Lizensierung die Grenzen des RefWorks-Netzwerks definiert: Benutzer, die bisher in keinerlei Kooperations- oder sonstigem Verhältnis zu RefWorks-Lizenzbenutzern stehen, können zwar zufällig über deren bibliographische Daten in einer Shared Area stolpern — Google & Co. machen’s möglich. An diese Entdeckung kann der Stolpernde jedoch nicht „einfach so“ anknüpfen. Dazu müÃ?te er sich rasch und einfach ein Benutzerkonto auf der RefWorks-Plattform einrichten können, um die gefundenen Daten kopieren und remixen, wiederum von anderen Benutzern gefunden werden zu können etc.

Fazit: Campus-Lizenzen wirken zwar inkludierend — eine lose gekoppelte Kollaboration in der GröÃ?enordnung des Internets und seines Millionenheers akademisch tätiger Internetbenutzer ohne RefWorks-Lizenz schlieÃ?en sie jedoch aus.

Natürlich entscheidet sich der Wettbewerb zwischen RefWorks und den offenen Bibliographiedaten-Plattformen nicht allein an der Kollaboration — und vielleicht „entscheidet“ er sich auch gar nicht, sondern alle Dienste wachsen weiterhin munter nebeneinander. Denn RefWorks glänzt zweifelsohne in anderer Hinsicht: Es bietet einen nahtlosen, sehr vollständigen Literaturverwaltungs-Workflow mit hunderten vorgegebenen Zitat-Ausgabeformaten und kostet die Einzelbenutzer der lizenznehmenden Einrichtungen nichts.

RefWorks könnte auch sein Geschäftsmodell modifizieren; denkbar — wenn auch unwahrscheinlich — wären beispielsweise Premium-Mitgliedschaften nach dem Modell von OpenBC/Xing. Mindestens ebenso spannend sind natürlich die Strategien der Wettbewerber. Wie wird die offene Online-Plattform von Zotero aussehen? Werden die offenen Plattformen versuchen, untereinander interoperabler zu werden, um die Stärke ihrer Offenheit zu stärken und gemeinsam davon zu profitieren? Werden sie bei den Stärken von RefWorks aufholen? Nach meiner Einschätzung müÃ?ten sie dann vor allem versuchen, 1. typischen (Word-)Endbenutzern einen vergleichbar nahtlosen Literaturverwaltungs-Workflow anzubieten, 2. die Zitierstile aus dem CTAN-Repository komfortabel in diesen Workflow zu integrieren, und 3. strategische Kooperationen mit Informationsanbietern und Bibliotheken anzustreben.

Problem Nr. 2: Zentral verwaltete Entwicklung oder ein Entwickler-Basar auf Basis offener Schnittstellen?

Eine anderes Problem, das nur mittelbar mit dem Geschäftsmodell von RefWorks zusammenhängt, ist das Fehlen offener, standardisierter Schnittstellen. Ein standardisiertes XML-basiertes Ausgabeformat hat RefWorks bereits — ein Zugeständnis an das Interesse der Benutzer, ihre Daten zumindest in ihrer Gesamtheit einfach exportieren und zu einer anderen Anwendung mitnehmen zu können.

Wenn jedoch die eigenen Daten bei RefWorks bleiben sollen und mit diesen Daten in verschiedenartigen Offline- und Online- Anwendungen gearbeitet werden soll, müssen Schnittstellen her, die einen flexiblen, vielfältigen Zugriff auf die RefWorks-Daten und -Anwendungen haben. RefWorks bietet beispielsweise schon seit längerem eine Anbindung an das Learning Management Systemen (LMS) Blackboard an.

Hier kommt ein grundsätzlicher Unterschied zwischen dem Entwicklungsmodell von einerseits RefWorks und andererseits Anbietern wie BibSonomy oder Connotea ins Spiel. RefWorks hat keine dokumentierte, kontinuierlich zur Verfügung stehende Anwendungs-Programmierschnittstelle (API), mit der Softwareentwickler ganz unabhängig von CSA/RefWorks auf die Daten oder Funktionen von RefWorks zugreifen könnten. Das heiÃ?t: RefWorks bittet seine Benutzer um Vorschläge für Entwicklungen wie etwa das Zitieren in Blackboard — aber ob, wie und mit welcher Priorität solche Vorschläge umgesetzt werden muÃ? letztlich stets von RefWorks entschieden werden. Die Initiative anderer Organisationen, ganz zu schweigen von der tüftlerischen Produktivität Einzelner, entscheidet hingegen nicht über die Weiterentwicklung solcher Möglichkeiten für die RefWorks-Benutzer.

RefWorks betont in diesem Zusammenhang den groÃ?en Umfang und die nahtlose Integration der angebotenen Online- und Offline-Module. Eine starke Integration kann in der Tat benutzerfreundlich sein, und scheint auf den ersten Blick solche offene Schnittstellen für Entwicklungen Dritter sogar überflüssig zu machen. Die Erfahrung mit integrierten Bibliothekssystemen, und generell mit Bereichen, in denen Informationen auf viele, vielleicht zunächst gar nicht geplante Weisen bearbeitet werden, zeigt jedoch, daÃ? Modularität, offene Schnittstellen und gemeinschaftliche Formate für den Datenaustausch kaum verzichtbar sind.

Vielleicht hat irgendeine kleine Gruppe von Mathematikern den Wunsch, ihre Zitate so mit irgendwelchen komplizierten Formelsätzen zu verbinden, wie es nur mit einer ganz speziellen LaTeX-Anwendung möglich ist. Dann kann und sollte sie nicht von der Agenda und der Bereitschaft RefWorks‘ abhängig sein, für diese spezielle Anwendung ein RefWorks-Plugin zu entwickeln.

Komfortabel für jeden potentiellen Autoren und Leser verfügbar gemachte bibliographische Informationen ist eine entscheidende Voraussetzung dafür, daÃ? das Web 2.0 nicht als belanglose technische Hülle, sondern als Tummelplatz akademischer Produktivität weiterwachsen kann. Es ist zweifelhaft, daÃ? die Zentralisierung einer Anfrage-/Auftragsprogrammierungs-Verwaltung in den Händen eines groÃ?en Datenbankanbieters ein vielversprechendes Modell ist, um diese Voraussetzung zu erfüllen.

Aber auch hier gilt: Lassen wir uns von der Flexibilität des Anbieters RefWorks überraschen. Möglicherweise kann Refworks auch unter seinem derzeitigen Geschäftsmodell auf eine Politik der offenen Schnittstellen umsatteln — gerade wegen der bereits erreichten Marktposition.

Autor: Lambert Heller

Librarian 2.0, interested in knowledge management, publishing and communities on the web. Likes Open Access / Open Data. Hannover, Germany.