netbib weblog

Der kurioese Bibliotheksbote worinnen zu finden sind allerley newe Zeitungen

Der Terkko FeedNavigator – Das Modell eines wissenschaftlichen RSS-Aggregators

Tiina M. Heino, Pasi Keski-Nisula und Jukka Englund, MitarbeiterInnen von Terkko, der finnischen Nationalbibliothek für Medizin an der Universität Helsinki, bieten seit fast zwei Jahren mit dem FeedNavigator das Modell eines wissenschaftlichen RSS-Aggregators an. Ist es ein biÃ?chen hochgegriffen, hier von „dem“ Modell zu sprechen? Keineswegs, wie meine kurze Darstellung des Dienstes zeigen soll.

Auf den ersten Blick ist der FeedNavigator als typischer „River of News“ der Beiträge aus einigen zentral zusammengestellten Feeds zu erkennen — ein von den Planet-Aggregatoren bekanntes Prinzip. Erst näheres Hinsehen offenbart die interessanten Details.

Zunächst einmal ist die angebotene Feed-Sammlung enorm umfangreich, es sind derzeit mehr als 3.700 internationale fachliche und fach-naher Ressourcen enthalten. Darunter befinden sich auch Inhaltsverzeichnisse einschlägiger Journals, wobei hier ein Feed Item jeweils einen Aufsatztitel einschlieÃ?lich vom Anbieter mitgelieferter Formal- und SacherschlieÃ?ungsdaten repräsentiert. Auf diese Weise werden derzeit mehr als 450.000 Artikel erfaÃ?t. Sie sind — über die Feldtypen Autor, Titel und Abstract — vollständig durchsuchbar, wobei die Suche selbstverständlich auch als Alert-Feed abonniert werden kann.

Neben den Zeitschriften-Aufsatzfeeds können aber auch die Feeds hunderter Fachblogs aus Medizin, Biologie und angrenzenden Bereichen durchblättert und durchsucht werden. Eine weitere Kategorie erfaÃ?t ein paar dutzend thematisch einschlägige Nachrichtenticker wie CNN Health News.

Und schlieÃ?lich sind auch die RSS-Feeds verschiedener Ressourcen der Universität Helsinki integriert:

  • Der Dokumentenserver,
  • medizinische Universitätspublikationen anderswo (dazu weiter unten mehr),
  • Zitationsdaten der Universitätsangehörigen aus ISI Web of Knowledge,
  • Publikationen der Universitätsangehörigen bei PubMed als Autoren-Feeds,
  • Online-Videoaufzeichnungen von Workshops u.ä.,
  • Neuerwerbungen der wissenschaftlichen Bibliothekskataloge des Landes sowie
  • ggf. zugangsgeschützte Materialien aus dem Kursmanagement-System der Universität.

Der verwendete Feed des Terkko-Dokumentenservers ist übrigens archivierungsfreundlich: Die Links verweisen stets auf den finnischen URN-Resolver und sollten somit — hoffentlich — etwaige Veränderungen der Insitutionen, ihrer Domänennamen o.ä. überleben.

Die anderswo veröffentlichten medizinischen Publikationen von Universitätsangehörigen (vor allem Zeitschriftenaufsätze) werden bei CiteULike erschlossen, wo nicht nur die bibliographischen Detailangaben, sondern auch Schlagworte als Tags hinterlegt sind. All diese Formal- und SacherschlieÃ?ungsdaten sind natürlich im entsprechenden Feed enthalten. Bisher sind mehr 4.000 Publikationen auf diese Weise erschlossen.

Alle genannten Kategorien — Fachzeitschriften, Fachblogs, populäre Medien und Universitätsressourcen — sind auch separat benutzbar.

Interessante Feed Items können per Mausklick in einer persönliche Sammlung abgelegt werden. Genau so einfach können Items an RefWorks, den Dokumentenlieferdienst oder auch den OpenURL Link Resolver (in diesem Fall SFX) der Universität weitergegeben werden. Der Volltext vieler Aufsätze, Blogbeiträge etc. ist jedoch meistens schon durch den Link des jeweiligen Feed Items erreichbar.

Ferner ist es möglich, eine eigene Auswahl von Feeds zu treffen, und dann isoliert innerhalb dieser Feed-Auswahl zu blättern oder zu suchen. Eine Funktion für den Export des persönlichen Feedbündels als OPML-Datei scheint (noch) nicht vorhanden zu sein.

Ein hübsches Detail ist die sehr einfache Personalisierung. Sie funktioniert vollständig ohne Anmeldung, solange man im selben Browser mit dem Cookie vom FeedNavigator weiterarbeitet. Für den browser- oder geräterübergreifenden Zugriff reicht dann eine pseudonyme „Registrierung“ durch Eingabe einer selbstgewählten mindestens vierstelligen Zahl aus. Die E-Mailadresse kann optional hinzugefügt werden, um beispielsweise in einem dafür vorgesehenen Textfeld den Entwicklern Feedback zu geben; hier greift ein Spamschutz-Captcha.

Ã?brigens können alle genannten Funktionen auch von mobilen Endgeräten aus genutzt werden; hierfür wird ein entsprechend minimalistischer Ausgabestil angeboten.

Einen alternativen Zugriff auf die SacherschlieÃ?ungdaten im FeedNavigator bietet ein weiterer Terkko-Dienst, Termix. Hier kann die Medizin-Schlagworthierarchie Medical Subject Headings (MeSH) durchblättert werden. Jedes Schlagwort enthält jeweils einen Link auf

  • einschlägige Informationen bei PubMed,
  • die dazugehörige Definition bei der National Library of Medicine (NLM, zugleich Anbieter von PubMed),
  • einschlägige Informationen in Terkkos zugangsgeschützten Datenbanken (via MetaLib) sowie
  • einschlägige Informationen im FeedNavigator.

Während sich die Informationen von NLM/PubMed über die MeSH-Terme einfach und eindeutig identifizieren lassen, setzt man bei den eigenen Datenbanken und dem FeedNavigator auf eine lose Kopplung: Der Suchanfragen-Link erweitert die jeweilige MeSH-Vokabel um eine handvoll passender englischer und finnischer Fachbegriffe. Das kann natürlich zu einer gewissen Menge unpassender Ergebnisse führen, aber das Konzept ist dennoch faszinierend. Leserinnen und Leser (medizin)bibliothekarischer Blogs werden dieses Konzept vielleicht von den Feed-Aggregatoren MedWorm bzw. LibWorm kennen.

Fazit: Alle möglichen wissenschaftlichen und journalistischen Informationsressourcen bieten heute RSS-Feeds an. In fachlichen Aggregatoren können diese Feeds so zusammengestellt werden, daÃ? Wissenschaftler — und überhaupt alle, die etwas länger an einem Thema „dranbleiben“ möchten — sich darin mit wenigen Mausklicks umfassende persönliche Current-Awareness-Dienste zusammenstellen können, einschlieÃ?lich des Zugangs zu lizensierten Volltexten und weiteren Metadaten, Ablage in der persönlichen Online-Literaturverwaltung etc. Virtuelle Fachbibliotheken und ähnliche Einrichtungen sollten heute solche Feed-Aggregationsdienste anbieten. Der Terkko FeedNavigator ist in mehrfacher Hinsicht ein Modell dafür, wie solche Dienste aussehen können. Seine besonderen Stärken:

  • Die enthaltene Feedsammlung ist breit gefächert, und dabei übersichtlich nach traditionellen Wissenschaftsmedien, informellen Wissenschaftsmedien (Blogs), journalistischen Informationsquellen sowie universitätseigenen Publikationen gegliedert.
  • Sowohl auf der Eben der Feeds als auch der Feed Items lassen sich sehr einfach persönliche Sammlungen anlegen, die sich sogar mit anderen Benutzern teilen oder gemeinsam pflegen lassen; Alert-Feeds (persistente Suchanfragen) sind ebenfalls möglich.
  • Der FeedNavigator ist mit vielen — sowohl frei zugänglichen als auch zugangsbeschränkten — Ressourcen der Universität verzahnt; auch kostenlose Webdienste wie CiteULike werden einbezogen, wo es paÃ?t. Die meisten Funktionen sind auch für diejenigen zugänglich, die nicht der Universität Helsinki o.ä. angehören.
  • Vorhandene SacherschlieÃ?ungsdaten und Volltextindizes werden auf eine verhältnismäÃ?ig einfache, transparente Weise so miteinander kombiniert, daÃ? ein ressourcenübergreifendes thematisches Browsen möglich wird.

Autor: Lambert Heller

Librarian 2.0, interested in knowledge management, publishing and communities on the web. Likes Open Access / Open Data. Hannover, Germany.

Kommentare sind geschlossen.