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Prologue: WordPress als Werkzeug zum dezentralisierten Twittern

Matt Mullenweg, der Haupt-Entwickler der freien Weblog-Software WordPress, hat vor einigen Tagen etwas interessantes Neues vorgestellt. Bei der Neuigkeit handelt es sich um die freie WordPress-Erweiterung Prologue. Prologue macht aus WordPress ein Werkzeug zum dezentralisierten Twittern in kleinen, geschlossenen Gruppen.

(Virtuelle FuÃ?note: Edlef hatte, als er das netbib weblog vor einigen Jahren auf die WordPress-Software umstellte, noch direkt mit Matt zu tun. Diese Anekdote ist in Edlefs Artikel Wie alles anfing in Bibliothek — Forschung und Praxis 2007/2 nachzulesen.)

Warum ist das nun wichtig, wozu braucht man so etwas?

Wozu twittern?

Twitter war hier schon ein paar mal Thema. Twittern wird inzwischen meistens als Microblogging bezeichnet. Man könnte es auch als „ich, gerade“-Medium bezeichnen. In der Länge einer SMS teile ich anderen mit,

  • was ich gerade tue,
  • wo ich gerade bin,
  • womit ich mich gerade beschäftige.

Twitter ist aufgrund seiner sehr reduzierten Form sozusagen ein FluÃ?bett für einen kontinuierlichen Strom minimaler LebensäuÃ?erungen, die — und das ist die Verwandschaft mit dem Bloggen — authentische Aussagen ihres Autors sind.

Diese Aussagen müssen aber kein tieferes Verständnis oder Verhältnis zu einem verlinkten Inhalt ausdrücken (um mal Will Richardsons Definition von „echtem Bloggen“, 2004, zu zitieren). Beim „echten Twittern“ kann und soll nur benannt werden, womit man sich gerade beschäftigt.

Twittern ist jedoch nicht zu verwechseln mit dem Chatten. Beim Chatten ist der Normalzustand die völlige Privatheit, d.h. jeder einzelne Chatpartner muÃ? hinzugeholt werden. Beim Twittern ist es genau umgekehrt. „By default“ ist alles öffentlich, und — sogar nachträglich — lesbar und verwertbar. Die soziale Nähe, die für das Arbeiten und andere eher funktionelle gemeinsame Tätigkeiten erforderlich ist, unterstützt Twitter daher perfekt.

Twittern ist die Virtualisierung des Hintergrund-Gemurmels im GroÃ?raumbüro. Es läÃ?t die Teilnehmenden merken, daÃ? „die anderen“ (wer immer das auch für den einzelnen Benutzer sein mag) da sind. Dieser Präsenz-Eindruck wird dadurch verstärkt,  daÃ? man die anderen jederzeit ansprechen kann. Einerseits wird dieses Ansprechen sehr unkompliziert gemacht, andererseits kann dabei jederzeit zu einem Gespräch „unter AusschluÃ? der Ã?ffentlichkeit“ übergegangen werden — eben das Kommunikations-Setting des GroÃ?raumbüros.

Wozu Twitter dezentralisieren?

Damit das Gemurmel nicht von einem groÃ?en Anbieter monopolisiert — sondern möglichst von vielen Anbietern durch komplementäre Dienste noch verbessert — werden kann, schreit das Twittern geradezu nach Dezentralisierung. Ã?ber dieses Defizit von Twitter wurde in den letzten Wochen ausgiebig diskutiert.

Während es in dieser Diskussion immer wieder um das Twittern „im groÃ?en MaÃ?stab“ geht, und um die Frage, ob die Infrastruktur eines einzelnen kommerziellen Anbieters wie twitter.com dies immer zuverlässig wird gewährleisten können, eröffnet die Dezentralisierung noch eine weitere Perspektive, nämlich das Twittern in kleinen, geschlossenen Gruppen.

Wenn einfache Werkzeuge zum Betrieb eigener Twitter-Netzwerke allen frei zur Verfügung stünden, könnte man in solchen kleinen, geschlossenen Gruppen twittern, und man könnte den eigenen Netzwerk-Dienst entsprechend den eigenen Bedürfnissen anpassen, z. B. wäre auch in vollständig nicht-öffentliches Twittern möglich.

Prologue könnte sich nun zum Dreh- und Angelpunkt solcher dezentralisierter Twitter-Netzwerke entwickeln — vielleicht im groÃ?en MaÃ?stab, zunächst einmal jedoch im kleinen MaÃ?stab. Benutzer der kommerziellen WordPress-Multiuser(-MU)-Plattform unter wordpress.com können Prologue als Theme wählen.

Wie ein solches Microblog (oder Twitter-Gruppen-Blog?) für Aussenstehende aussieht kann man auf einer Demo-Seite des wordpress.com-Teams betrachten. Da Prologue freie Software ist können aber auch alle anderen, ganz unabhängig von dem kommerziellen Diensteanbieter wordpress.com, Prologue herunterladen und als WordPress-Plugin benutzen.

Ein Anwendungsszenario für Prologue

…könnte man sich etwa so vorstellen:

Das Unternehmen, die Hochschule o.ä. betreibt eine WordPress-MU-Plattform, und jeder Mitarbeiter ist unter einem eigenen Benutzernamen auf der Plattform registriert und angemeldet. Für ein neues Team wird ein Prologue-Blog eröffnet. Jedes Teammitglied kann nun, wenn es sich z.B. gerade einer neuen Aufgabe oder einem neuen Ort zuwendet, die Blog-Startseite ansteuern und diese neue, aktuelle Aufgabe bzw. Ortsangabe direkt in die Eingabebox eintippen.

Zwischenschritte wie Anmeldung, Aufrufen einer Bearbeitungs-Ansicht, Zusammenstellen eines langen Texts etc. entfallen. Zu sehen ist nur die Eingabebox sowie die jeweils letzte(n) Statusmeldung(en) jedes Teammitglieds, einschlieÃ?lich des Zeitpunkts der Veröffentlichung. Das wars eigentlich auch schon.

Prologue-Frontansicht aus der Sicht des angemeldeten Benutzers

(Screenshot der Startseite eines Prologue-Blogs aus Sicht eines angemeldeten Benutzers, entnommen dem oben genannten Beitrag von Matt Mullenweg. Ein Klick auf das Bild führt zum selben Prologue-Blog, dann zu sehen als nicht-angemeldeter Benutzer.)

Natürlich wird jede Statusmeldung unter einer einfach aufgebauten, permanenten URL archiviert, und kann getaggt werden. Wenn man sich auf einen gemeinsamen Tag für einen Ort, eine regelmäÃ?ig wiederkehrende Tätigkeit („Leihstelle“) oder auch ein bestimmtes Projekt („Retro-Konversion“) einigt, kann man durch Anklicken des einschlägigen Tags schnell ermitteln, welches Teammitglied zur Zeit an der Sache dran ist, oder zuletzt dran war.

Und selbstverständlich kann alles per RSS abonniert werden; wer sich nur für Status-Meldungen bestimmter Mitarbeiter, bestimmte Tags, Kombinationen daraus, oder gar bestimmte Suchanfragen (wird Thema XY erwähnt?) interessiert, kann diese Informationen ebenfalls als RSS-Feed abonnieren.

Nicht-Mitglieder des Teams bekommen, wenn sie das Blog ansteuern, keine Eingabebox, sondern nur die aktuellen Statusmeldungen zu sehen und dürfen diese ggf. kommentieren — letzteres wie in einem normalen Blog auch. Wie gesagt kann man das Blog auch komplett nicht-öffentlich einrichten.

Weitere Szenarien und Ergänzungen

Einige weitere Anwendungsszenarien und Ergänzungen für Prologue:

  • Darstellung der zuletzt gemeldeten Aufenthaltsorte auf einer Landkarte oder einem Gebäudeplan am Rand des Prologue-Blogs (mittels Geotags);
  • zusätzliches Chat-Widget am Rand, mit dem direkt zu einem nicht-öffentlichen Eins-zu-Eins-Gespräch übergegangen werden kann (lieÃ?e sich mit Bordmitteln von wordpress.com wie dem MeeboMe-Widget sofort umsetzen);
  • nachdem ich mit Edlef über das Bloggen von der Inetbib 2.0(08) telefoniert hatte, fiel mir ein: Konferenzblogging, bei dem im gemeinsamen, zentralen Prologue-Blog zu sehen ist, welcheR KonferenzbloggerIn welche Veranstaltung besucht bzw. zuletzt besucht hat;
  • ein wichtiges Feature von Twitter ist die Benutzbarkeit mit mobilen Endgeräten — Texte, die ohnehin so kurz sein müssen wie eine SMS, kann man natürlich auch sehr gut als SMS eintippen und abschicken bzw. empfangen und auf einem kleinen Display ablesen — in diesem Bereich müÃ?te Prologue noch nachlegen.

Ein To-Do im sprachästhetischen Bereich: Sobald es neben Nutella andere NuÃ?-Nougat-Brotaufstriche gibt, ist es blöd, Nutella weiterhin als Gattungsnamen für NuÃ?-Nougat-Brotaufstriche zu verwenden. Gleiches gilt für Twitter.

Wozu Prologue? — Die Dezentralisierung des Twitterns im Kontext

Vor einem Jahr hatte ich Twitter für den exemplarischen Fall von Post-blog stuff gehalten, über den ich geschrieben hatte:

DaÃ? die Blogosphäre nicht weiter wächst heiÃ?t nicht so sehr, daÃ? das Bloggen â??aus der Modeâ? gekommen wäre. Es bedeutet vielmehr, daÃ? neue Plattformen entstehen (z.B. Nischen-Netzwerke, Social-Bookmarking-Dienste oder Twitter), die einerseits bestimmte Funktionen für ihre Benutzer(-gruppen) besser erfüllen als ein Blog, in denen andererseits â??das Bloggenâ? oft irgendwie auch vorkommt, obwohl es sich nicht in erster Linie um Blogs handelt.

Dies wäre nun zu ergänzen:

Das ganze Phänomen Weblogs ist auch deshalb interessant, weil innerhalb weniger Jahre eine dezentrale Infrastruktur von individuellen Blog-Installationen, groÃ?en Blog-Hostern und komplementären Diensten gewachsen ist. Die gemeinsamen Nenner und Verbindungsstücke dieser Struktur waren und sind einige einfache, frei verfügbare Standards wie RSS, aber auch frei verfügbare Software wie WordPress.

Nachdem „das Bloggen“ unterzugehen bzw. als Teilfunktion in zentralisierte Strukturen wie MySpace oder Twitter aufzugehen schien, ist hier wieder mal eine entgegengesetzte Entwicklung zu beobachten: Die Kernfunktion von Twitter ist nun auch als WordPress-Modul frei verfügbar. Sie kann daher sowohl von groÃ?en kommerziellen Bloghostern als auch von einzelnen Bloggern bedarfsgerecht nach- und umgebaut werden.

Twitter100 ist wie Prologue ist wie Twitter

Wie sehr das Prologue-Konzept „in der Luft“ liegt, ist übrigens auch daran zu erkennen, daÃ? andere Leute offenbar zeitgleich einen ähnlichen Webdienst für Twitter ins Leben gerufen haben, twitter100. Auch hier kann man rasch die jeweils letzte Statusmeldung ausgewählter Benutzer in einer übersichtlichen Zusammenstellung betrachten. Vorteil: Man muÃ? sich um nichts kümmern, die ausgewählten Personen brauchen nur Twitter-Benutzer zu sein; Nachteil: Man kann auch nichts den eigenen Bedürfnissen anpassen.

AbschlieÃ?ender Weblog-Lektüretipp zum Thema: Durch David Weinbergers Weblog bin ich auf JP Rangaswamis Weblog confused of calcutta gestoÃ?en. Darin werden sehr treffend Kommunikationsszenarien, in denen Twitter und andere Social Software eine Rolle spielen, beschrieben.

Autor: Lambert Heller

Librarian 2.0, interested in knowledge management, publishing and communities on the web. Likes Open Access / Open Data. Hannover, Germany.

3 Kommentare

  1. „Warum ist das nun wichtig, wozu braucht man so etwas?“ Gute Frage.

  2. Herr Schaper
    Wozu brauchte man ursprünglich SMS? Und noch wichtiger – wie hat sich SMS in unsere Gesellschaft integriert?
    Ok. Die Fragen habe mir gerade beantwortet 😉

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