netbib weblog

Der kurioese Bibliotheksbote worinnen zu finden sind allerley newe Zeitungen

Verlage: Mit aller Macht privaten Profit aus der Wissenschaft ziehen

Diesen Beitrag aus Archivalia sollte man gelesen haben, da bekommt man das rechte Bild über die Verlage vermittelt: Profit machen und Konkurrenz vermeiden um jeden Preis. Der Börsenverein zieht gegen die von Bibliotheken betriebenen Volltextserver und damit gegen Open Access vom Leder, indem er zum Entwurf des Thüringer Bibliotheksgesetzes und der darin formulierten Aufgabe, dass Biblioheken sich auch dem Publizieren widmen sollen bemerkt:

„(…) der Aufbau einer Infrastruktur für digitales Publizieren und damit die Ã?bernahme verlegerischer Tätigkeiten weit darüber hinausgehen. Aus Sicht des Börsenvereins werden der öffentlichen Hand hiermit Aufgaben zugesprochen, die durch privatwirtschaftliche Unternehmen, d.h. Verlage, effizienter, nachhaltiger und kostengünstiger erfüllt werden (können).“

Völliger Quatsch, Verlage sind ineffizient (selbst gröÃ?ere Verlage fordern bei Sammelbänden von den Autoren frech alle Rechte und zahlen nichts; habe ich selbst so erlebt), wären ohne Bibliotheken nicht nachhaltig und kostengünstiger als ein Volltextserver kann gar kein Verlagsprodukt sein. Was soll denn im Zusammenhang mit dem Betrieb von OPUS-Servern „verlegerische Tätigkeit“ heiÃ?en? Die Autoren laden ihre Dokumente selbst hinauf, die Arbeit der Bibliothek beschränkt sich auf Unterhaltung des Servers und ein Qualitätsmanagement, das nach formalen Kriterien vom Aufwand her schlank gestaltet werden kann und wird. Kann man nur hoffen, dass im Unterschied zur kostentreibenden, wissenschafts- und bildungsfeindlichen Urheberrechtsreform die Verlegerlobby diesmal keinen Erfolg hat. [Börsenverein-Stellungnahme in PDF]

6 Kommentare

  1. Das haben Sie sehr schön formuliert: „Da bekommt man das rechte Bild vermittelt“. Das ist klassische Lobby-Arbeit: der Leser soll sich bloß kein eigenes bilden, sondern das plakativ ausgemalte übernehmen.

    Ich will ja auch gar nicht den Glauben an den unaufhaltsamen Siegeszug der Open Access Repositorien der Bibliotheken erschüttern. Zwei Bemerkungen erscheinen mir aber zu Ihrem bzw. Herrn Grafs Kommentar wichtig: der Deutsche Bibliotheks Verband hat ausdrücklich ausgeschlossen, und das auch schriftlich erklärt, dass Bibliotheken beabsichtigen verlegerisch tätig zu werden. Es lohnt sich vielleicht über diesen Punkt etwas genauer nachzudenken.

    Und zum beliebten Kostenstreit „wer ist billiger bei OA“: da haben Bibliotheken per se eine miserabble Ausgangsposition: selbst wenn beide Seiten ein Angebot zum identischen Preis erstellen könnten, dann ist die Bibliothek immer noch fast doppelt so teuer wie der Verlag. Sie dürfen nicht unterschlagen, dass der Steuerzahler 10.000 Euro zahlen muss, damit nach der effizienten öffentlichen Verwaltung schließlich 5.000 Euro in der Bibliothek ankommen. Den Nachteil ihres aberwitzigen Overheads in Steuerverwaltung und Politik können Sie kaum wett machen. Das ist Grundvorlesungswisssen der VWL.

    Auch wenn es unangenehm ist: es muss doch immer mal wieder darauf hingewiesen werden, dass Ihr Budget nicht als Manna vom Himmel fällt sondern von der von Ihnen gescholtenen privaten Wirtschaft erst mal erarbeitet werden muss. Und wenn Kanzlerkandidat Beck ankündigt, dass er die Steuersenkungshysterie nicht mitmachen werde, dann wird sich daran wohl auch so bald nichts ändern.

  2. Es geht mir nicht unbedingt darum, dass Bibliotheken das Geschäft übernehmen müssen (es kann bei ihnen in diesem Zusammenhang auch keine Rede von Geschäft sein). Aber wo sind denn die Verlage, die Open Access-Repositorien anbieten? Außer Lulu.com kenne ich kein Beispiel, das mit den OPUS- und anderen Volltextservern von Bibliotheken und Forschungseinrichtungen vergleichbar wäre, also wissenschaftliche Inhalte FREI verfügbar anbieten (und gegen einen bestimmten Preis dann auch gebundene Papierausgaben lieferten).
    Verlage verknappen den wissenschaftlichen Publikationsmarkt (was gerne mit dem Qualitätsargument begründet wird) und verteuern die Wissenschaftskommunikation, indem wissenschaftliche Einrichtungen gezwungen werden, teuer Wissen einkaufen zu müssen, das durch Finanzierung der öffentlichen Hand erst erstanden ist. Das könnte man getrost mit in die Rechnung, wie effizient oder ineffizient Volltext-Repositorien sind, mit einbeziehen.
    Ihr letztes Argument ist mir nicht unangenehm: Bestimmte Infrastruktur-Maßnahmen müssen öffentlich finanziert werden, seien es Verkehrsanlagen, sei es die Bildungsinfrastruktur. Um so mehr sollte man aufpassen, dass nicht ein Wirtschaftszweig das monopolisiert – AUF KOSTEN DER ALLGEMEINHEIT. VWL-Grundstudiums-Wissen hin oder her: Die Versorgung der Studierenden mit wissenschaftlicher Literatur wird schlechter, die Revenüen von Zeitschriftengroßhändlern besser, da besteht doch ein Zusammenhang?
    Wenn Sie mich fragen, was meine Zukunftsvision für das Verhältnis von Verlagen und Bibliotheken ist: Dass Aufsätze und Monographien frei auf Repositorien angeboten werden, die Nutzer dieser Repositorien aber die Möglichkeit haben, sich diese Texte bei Bedarf bei einem Verlag als Papierexemplar zu bestellen. Ob der Server bei einem Verlag oder einer wissenschaftlichen Institution steht, wäre mir in diesem Fall egal, wenn die Hochverfügbarkeit gewährleistet wäre. Es würden so mehr Texte veröffentlicht werden, die elende Ausdruckerei (und das darauf folgende Ablageproblem) hätte aber so ein Ende …

  3. Natürlich gibt es dafür keine größeren Beispiele. Genau so wenig wie es Volltextserver von Bibliotheken gibt, die kostenlos sind. Sie haben eben ein anderes, bequemeres Finanzierungsmodell: frei verfügbar bedeutet, dass jeder – ob Nutzer oder nicht – über die Steuer finanziert, also wie die GEZ beim öffentlich rechtlichen Fernsehen. Als Verlag möchte ich nur immer wieder darauf hinweisen, dass Bibliotheken das eben auch nicht kostenlos machen.

    Auch das nächste Argumente hält nicht stand: auch wenn es immer gerne behauptet wird: was Sie als Bibliothek bei einem Verlag einkaufen ist eben nicht das Wissen, das mit öffentlichen Geldern erstellt wurde. Wenn dem wirklich so wäre, dann wären Sie allerdings schön blöd dafür zu zahlen. Die Realität zeigt, dass zwischen dem Kopf des Profs und dem Lehrbuch oder Artikel erhebliche Prozesse erfolgen. Und da halte ich es für eine populäre Illusion, dass diese Prozesse nichts sind und von Bibliothekaren mal so eben neben der täglichen Arbeit geleistet werden könnten.

    Und verzeihen SIe mir noch eine Korrektur, aber ich ärgere mich über die Menge an Platitüden und Phrasen in der ganzen Diskussion: Natürlich muss der Wirtschaftszweig Verlag das Verlagswesen monopolisieren. Genau so monopolisiert die Gastronomie die Restaurants und die Bibliothek das Bibliothekswesen. Das ist doch sinnlos. Eine Monopolsituation liegt bestenfalls bei vier oder fünf internationalen Wissenschaftsverlagen vor. Sie aber hauen die übrigen 1000 in den gleichen Topf und ziehen gegen die mit schweren Waffen und blinder Wut zu Felde. Das Monopol der fünf hat sich die Wissenschaft im übrigen selbst geschaffen, durch irrsinnige Berufungs- und Evaluierungsverfahren. Andere für die selbstgewählte Abhängigkeit schuldig zu sprechen ist nicht sehr stark.

    In Ihrer Zukunftsvision fehlt mir ein Punkt: Wenn Sie einen Server vorhalten, dann publizieren Sie, mit allen Folgen von verlagsrechtlicher Verantwortung, Verpflichtung und Sorgfalt.

    Aber ich vermute auch, dass Ihre Vision eintritt. In den USA ist das Volumen der Publikationen von einem Jahr aufs andere um 40% gestiegen, grob 150.000 selbstverlegte POD-Titel. Und das ist erst der Anfang. Ich hoffe, dass Sie und die Leser in dieser Welt des Verlegens ohne Verlage die Orientierung behalten.

  4. Ist ja klar, dass wieder dieser Herr Ulmer hier seinen unnötigen Senf dazugibt (siehe auch medinfo weblog).

    Der Verlagssektor erarbeitet nur einen kleinen Teil der Steuergelder, die für die Repositorien-Infrastruktur nötig ist. Es sind die Bürgerinnen und Bürger, die überwiegend dafür sorgen, dass ein unerträgliches Wissens-Monopol Konkurrenz bekommt.

    Langfristige Verfügbarkeit ist bis jetzt de facto Sache der Bibliotheken. Verlage können diese nicht garantieren.

  5. Meinetwegen darf Herr Ulmer seinen Senf dazugeben, was mich anbelangt. Jedenfalls hier mein Senf:

    > Als Verlag möchte ich nur immer wieder darauf hinweisen, dass Bibliotheken das eben auch nicht kostenlos machen.

    – Aber in weiterem Umfang, als Verlage das bisher angeboten haben. Und: Durch die Mithilfe der Autoren, die selbst hochladen, kategorisieren, verschlagworten, Abstracts schreiben etc. Das ist schlankes Produzieren, Erschliessung durch die Produzenten, der Vertrieb über das Netz.

    > Auch das nächste Argumente hält nicht stand: auch wenn es immer gerne behauptet wird: was Sie als Bibliothek bei einem Verlag einkaufen ist eben nicht das Wissen, das mit öffentlichen Geldern erstellt wurde.

    – Ach nein, jetzt weiß ich gar nicht mehr, warum wissenschaftliche Autoren nach genauen Layoutvorlagen die Ergebnisse ihrer öffentlich finazierten Forschungstätigkeit bei Verlagen abliefern, die dann nur noch drucken – oft nicht einmal Korrektur lesen (wie man unschwer dann am Produkt erkennt), von Lektorat oft ganz zu schweigen …

    > Wenn dem wirklich so wäre, dann wären Sie allerdings schön blöd dafür zu zahlen.

    Ich kann Ihnen leider nicht widersprechen, wir SIND schön blöd!

    > Die Realität zeigt, dass zwischen dem Kopf des Profs und dem Lehrbuch oder Artikel erhebliche Prozesse erfolgen.

    Erhebliche Produktions- und Vertriebsprozesse vielleicht.

    > Und da halte ich es für eine populäre Illusion, dass diese Prozesse nichts sind und von Bibliothekaren mal so eben neben der täglichen Arbeit geleistet werden könnten.

    Und verzeihen SIe mir noch eine Korrektur, aber ich ärgere mich über die Menge an Platitüden und Phrasen in der ganzen Diskussion: Natürlich muss der Wirtschaftszweig Verlag das Verlagswesen monopolisieren. Genau so monopolisiert die Gastronomie die Restaurants und die Bibliothek das Bibliothekswesen.

    – Ich meinte die Monopolisierung der Veröffentlichung der wissenschaftlichen Produktion. Die künstliche Verknappung durch veraltete Vermarktungsmodelle und das Beharren auf diesen. Nichts anderes steht doch hinter dem Versuch, modernere, direkte Formen der Nutzung, möglich geworden durch Verbreitung elektronischer Publikationen über Netze abzuwürgen. Um die von Ihnen gebrauchte Metapher des Gaststättenwesens zurechtzurücken: Das wäre, wie wenn die Gastwirte versuchten, private Küchen zu verbieten oder zumindest eine „Gaststättenabgabe“ für privates Kochen zu erwirken.

    > Das ist doch sinnlos. Eine Monopolsituation liegt bestenfalls bei vier oder fünf internationalen Wissenschaftsverlagen vor. Sie aber hauen die übrigen 1000 in den gleichen Topf und ziehen gegen die mit schweren Waffen und blinder Wut zu Felde.

    – Da ist etwas dran! Dann halten Sie aber mir nicht vor, „der Bibliotheksverband“ habe dies oder jenes auch konzediert. Das ist eben auch ein Konglomerat verschiedenster Interessen, das auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner agieren muss. Die großen Universalbibliotheken haben da bestimmt andere Interessen.
    Aber nochmal zur Differenzierung: Ich habe nichts gegen Verlage, die einen echten Mehrwert schaffen in Form von klarem Profil, Lektorat und gut aufbereiteten Büchern. Ich denke, dass es dafür auch immer einen Markt geben wird. Ich habe etwas gegen größere Verlage, die monopolhaft bestimmte Teilmärkte beherrschen, kaum Lektorat betreiben, Manuskripte einsammeln und oft noch gegen Entgelt drucken, manchmal mit, manchmal ohne Korrektur. Wenn es sich hierbei dann um Texte handelt, die aus der wissenschaftlichen Forschung stammen, bin ich dafür, diese eher auf Volltextservern zu veröffentlichen. Dann gibt es auch eine Begründung dafür, warum hierfür öffentliche Mittel eingesetzt werden: Um zu vermeiden, dass das Wissen teuer über den Markt wieder zurückgekauft werden muss, um die wissenschaftliche Kommunikation und den wissenschaftlichen Fortschritt zu gewährleisten.

    > Das Monopol der fünf hat sich die Wissenschaft im übrigen selbst geschaffen, durch irrsinnige Berufungs- und Evaluierungsverfahren.

    – Es sind mehr als fünf, aber bezüglich des Unsinns der wissenschaftlichen Qualitätssicherung via Impact Factor und Ähnlichem gebe ich Ihnen Recht.

    > In Ihrer Zukunftsvision fehlt mir ein Punkt: Wenn Sie einen Server vorhalten, dann publizieren Sie, mit allen Folgen von verlagsrechtlicher Verantwortung, Verpflichtung und Sorgfalt.

    Genau: Langzeitverfügbarkeit garantieren. Ich weiß nicht, wie viele, aber ich kenne OPUS-Server, die zertifiziert sind, wo also Texte eine einmal vergebene Adresse behalten und nicht hin- und hergeschoben werden. (Im Unterschied wieder zu manchen Verlagsservern, wo die Adressen x-fach geändert werden, was wieder zu erhöhtem Aufwand bei der öffentlichen Hand führt, diese neu im Katalog zu referenzieren).

    > Aber ich vermute auch, dass Ihre Vision eintritt. In den USA ist das Volumen der Publikationen von einem Jahr aufs andere um 40% gestiegen, grob 150.000 selbstverlegte POD-Titel. Und das ist erst der Anfang. Ich hoffe, dass Sie und die Leser in dieser Welt des Verlegens ohne Verlage die Orientierung behalten.

    – Erschlossen wird durch Suchmaschinen (beispielsweise BASE, Scientific Commons, OAIster, ARC) und ich kann mir – Blick in Richtung 2.0 – noch viel bessere Erschließungsmöglichkeiten vorstellen, wenn man die Nutzer der Volltexte/Volltextserver bei der Erschließung einbezieht, sie taggen und raten läßt.

    Mag sein, dass das in Ihren Augen alles Platitüden und Phrasen sind, Herr Ulmer. Es ist aber meine Meinung!

  6. Danke für die ausführliche Antwort. Ich stimme weitgehend mit Ihnen überein:
    Ein Verlag hat nur dann dauerhaft einen Platz, wenn er einen relevanten Mehrwert schafft. Wenn er sich überflüssig macht, dann wird er bald aus dem Markt verschwinden.

    Es wäre schön, wenn sich an den Unis mal eine Aktion „Drogen-Entzug“ durchsetzen würde: einfach mal die wichtigsten Publikationen für sechs Monate abbestellen. Das gibt zwar Ärger, wenn man aber die erste Phase durchsteht, dann lernt man ohne Drogen leben. So ein Ansatz wäre mir sympathisch.

    Da wir zahlreiche Lehrbücher und Monografien verlegen kann ich Ihnen versprechen, dass zwischen Kopf des Profs und Publikation doch gewaltige Dinge passieren. Aber das ist mehr die Lehre und weniger die Forschung, das gebe ich zu.

    Ihr beschriebenes Modell eines Servers, auf den die Autoren ihre Texte hochladen etc. ist ja nicht davon abhängig, ob es eine Bibliothek oder ein Verlag betreibt. Da arbeiten wir auch alle mehr oder weniger mit den gleichen Kosten. Und es wird sich mit der Zeit herausstellen, welche Angebote für Autoren und Leser attraktiver sind. Dass die Kostenseite bei der OA Diskussion lange Zeit stark vernachlässigt und unterschätzt wurde, das hört man ja bei vielen Symposien und Vorträgen. Es ist auch nicht meine Sache darüber befinden, wie Bibliotheken ihre Etats sinnvoll einsetzen. Ich glaube auch da an den Wettbewerb. Wer das besser kann, der wird sich im Sinne der Leser durchsetzen.

    Problematisch bleibt für mich der Zwang: wenn Autoren keine freie Entscheidung mehr haben sondern auf bestimmte Angebote gezwungen werden. Dann wir aus Wettbewerb Planwirtschaft.

    Die Langzeitverfügbarkeit ist ganz sicher die große Aufgabe der Bibliotheken. Das können Verlage nicht und das ist nicht ihre Funktion. Wir arbeiten ja gerade in diesem Punkt im Börsenverein mit der Deutschen Bibliothek zusammen an der Volltextarchivierung, an einfachen Prozessen bei der Digitalisierung von verwaistem Schrifttum, an besseren Datenbanken zur Recherche von Rechteinhabern usw. Wir haben zwischen Verlagen und Bibliotheken eine Menge wichtiger Aufgaben. Und die bekommen wir nur in Kooperation hin, nicht im Streit.