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Der kurioese Bibliotheksbote worinnen zu finden sind allerley newe Zeitungen

Bibliotheken für Scientology

Da kann man nur davor warnen, unverlangte Büchergeschenke der Scientology-„Kirche“ in den Bestand einzuarbeiten. Diese Sekte des Science Fiction-Autors Ron Hubbard versucht das, was alle – soll ich sagen: extremistische? totalitäre? ach, sagen wir doch: – selbstreferentielle Systeme gerne tun: Die Toleranz offener Systeme auszunutzen, um für den eigenen Tunnelblick zu werben. In diesem Sinne, liebe Kolleginnen und Kollegen: Beschaffen Sie Bücher über Scientology, nicht von Scientology, auch wenn sie vordergründig kostenlos sind. Sie kosten ja doch: Einarbeitung, Platz, und anderes mehr …
Ach ja: AnlaÃ? dieses Eintrags war diese Pressemitteilung, in der positive Stimmen von Bibliothekaren zitiert werden. (Wenn diese stimmen, dann ist das peinlich für den Berufsstand!)

10 Kommentare

  1. Unten stehend sieht man dann auch noch von wem dieser Bericht stammt:
    Pressedienst der Scientology Kirche Bayern e.V.

  2. Ja, peinlich. Wobei man schon die Standard-Texte der Dankschreiben erkennen kann, etwa: „Wir haben Ihre kostbare Spende erhalten. L. Ron Hubbard fehlte in unserer Bibliothek. Unsere Bibliothek wurde durch sein Wissen bereichert und erweitert und wird einen neuen Horizont an Ideen bieten.“ Da hat der Bibliothekar nicht die Werke beurteilt, sondern bloß den Katalog befragt.

    Nach dem Grundsatz, dass man nur geschenkt nimmt, was man auch kaufen würde, hätte er trotzdem ablehnen müssen.

    Allerdings möchte ich zu bedenken geben, dass eine wissenschaftliche Bibliothek einiges von Scientology zu Dokumentationszwecken haben sollte. Und nicht bloß Bücher über die.

  3. – Ich würde Meldungen „von der Öffentlichen Bibliothek Griechenlands“ (Zitat) nicht besonders ernst nehmen. Das klingt doch klar nach erfunden und nicht nachprüfbar.
    Natürlich steht auch die Koninklijke Bibliotheek drinnen, aber als wissenschaftliche Bibliothek, z.B. an einer Uni mit theologischer Fakultät, würde ich die Bücher schon sammeln.
    – Dass ein katholischer Bibliothekar schreibt, „die Bücher dienen gut bei der Ausbildung von Pfarrern und Geistlichen“, glaub ich ja fast, weil man muss ja seine Feinde kennen 😉
    – Besser wär’s freilich, sie würden die Science Fiction-Romane Hubbards verschenken.

  4. So, so, der Direktor der königlichen Bibliothek der Niederlande trägt die Neuzugänge also jeweils höchstpersönlich in die „Datenbank“ der Bibliothek ein… Ja, klar.
    Und das „statement“ der griechischen Bibliothek hört sich doch sehr nach den Standardbriefen an, die wohl fast jede Bibliothek für Buchgeschenke benützt, ganz egal, ob man das Zeug brauchen kann, oder nicht.
    Bibliotheken in der Schweiz sind in der Tat in letzer Zeit auch mit Scientology-Literatur „beglückt“ worden, wie eine kürzliche Diskussion auf der Mailingliste zeigte. Diskutiert wurde darin allerdings, wie man am besten mit diesen unerwünschten Zusendungen umzugehen habe, um sie in Zukunft zu unterbinden. Aufgenommen und eingearbeitet wurden sie wohl von den wenigsten Bibliotheken.

  5. Ein weiterer Grund gegen die Annahme des Paketes von Sciencetology: das sind 16,7 Kilo Medien, die eh nur im Regal stehen bleiben. Welche Bibliothek hat dafür in Zeiten der Kosten/Leistungs-Rechnung heute noch Platz?

    Aber etwas anderes ist der Begleitbrief, der diesen Paketen beiliegt. Den fände ich schon einen Anlass zur Diskussion. In diesem Brief greift Scientology mehrere aktuelle Debatten auf, insbesondere die von der Bedeutung der Bibliothek für ihr Umfeld und auf die Notwendigkeit, in Zeiten sinkender Medienetats auf Spenden zurückzugreifen. Sollte das nicht immerhin ein Warnsignal sein, dass solche Sekten wie Scientology konsistent auf solche populären Diskurse zurückgreifen können, um ihrer Materialien anzupreisen?

  6. Das Peinlichste an der ganzen Angelegenheit ist das was Herr Plieninger hier schreibt. Wenn man andere Menschen als urteilsfähig betrachtet, dann kann man meiner Ansicht nach nichts dagegen haben dass Primärliteratur von Scientology in Bibliotheken steht. Ich erhalte den Eindruck dass die Scientology Kritiker die Gefahr hauptsächlich darin sehen, dass die Bücher gelesen werden könnten und die Leser vielleicht sogar eine positivere Sicht über Scientology erlangen könnten.
    Wenn man allerdings die Menschen generell als unmündig, unfähig selbst zu entscheiden betrachtet, dann muss man natürlich nur kritische Bücher zur Verfügung stellen. „Herr Pleininger, Sie haben offensichtlich eine recht schlechte Meinung über die Urteilsfähigkeit der Menschen.“
    In dieser Angelegenheit muss ich dem Artikel hier unter http://www.religo.ch vollkommen recht geben.

  7. Nun, die Strategie von Scientology ist doch ganz klar: Man bezeichnet sich plötzlich als „Kirche“, um in den Genuß des in Verfassungen festgeschriebenen Rechts auf Religionsfreiheit zu kommen und geht dann mit dieser positiven Konnotation hin und pocht auf Informationsrecht, um damit eben die Grundlagen der Verfassung (Toleranz) zu unterminieren. Es kann Ihnen niemand verwehren, in der Fußgängerzone mit angeblichen psychologischen Tests zu werben, um Proselyten zu werben, die dann die teuren Kurse bezahlen und sich in die Machthierarchie dieser Sekte einarbeiten; wohl aber ist es nicht sinnvoll, öffentliche Gelder einzusetzen, damit eine totalitär organisierte Organisation für sich werben kann. – Deren Strategie, positiv besetzte Begriffe für die Werbung einzusetzen, seit den Tagen der „Europäischen Arbeiterpartei“ (einem Scientology-Klon, der auf das Grundrecht der politischen Meinungsfreiheit pochte) und deren Werben für Schiller und Goethe nun doch sattsam bekannt ist.

  8. Ich erachte es schon aufgrund der Wogen die diese Diskusion schlägt, als ausgesprochen erforderlich, dass die Hubbard Bücher dem Leser zur Verfügung stehen sollen. Natürlich sind wir in einer demokratischen Gesellschaft (Gottseidank) und wir haben Rechte auf Meinungs- und Religionsfreiheit. Und Literatur soll jedem ungehindert zur Verfügung stehen, damit er sich seine persönliche Meinung bilden kann. Es ihm vorzuenthalten macht ihn unmündig.
    Also wenn Bücher über Scientology da sind, müssen auch die Hubbard-Werke vorhanden sein, sonst stimmt die Demokratie nicht mehr.
    Wenn es keinen sowieso nicht interessiert, braucht gar nichts da sein.

  9. Um hier nicht noch mehr wertvollen Speicherplatz für irgendwelche Anhänger der Scientology-Sekte zu verschwenden, wird die Kommentarfunktion für diesen Beitrag geschlossen. Weitere Infos zur „Pressearbeit“ der Sekte hier und abschliessend ein Hinweis aus einem Artikel auf espace.net mit einem Zitat der Kollegin Kräuchi

    Kräuchi empfiehlt, sich nicht auf Diskussionen einzulassen. «Keine Bibliothek ist verpflichtet, die Medien in den Bestand aufzunehmen. Man kann sie getrost entsorgen.» Erst kürzlich sei der Verband selber von einem Scientologen kontaktiert worden. «Er hatte Fragen zur Anschaffungspraxis bei Schweizer Bibliotheken.»