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Die Renaissance des Ebooks?

„Es gibt nichts Neues unter der Sonne“ lautet ein Bibelwort und wenn man sich momentan einen der Trends der Buchmesse anschaut, dann kann man zustimmend sagen: Stimmt, da war doch schon mal was. So gegen Ende der 90-ger Jahre war doch das Rocket Ebook oder der Franklin Ereader auf dem Markt und verbreitet wurde doch schon damals dieser revolutionäre Flair, was mit dem Medium einherging. Doch so richtig in der Alltagskultur hat sich das Ebook damals ja nicht etablieren können. Sicherlich gibts heute jede Menge Angebote im Netz: Vom einfachen TXT-File bei Archive.org bis zum Ebook-Verkäufer Ciando reicht die Bandbreite. Doch wer damals befürchtete, dass das elektronische Buch die Papiervariante nun vollkommen verdrängen würde – der sieht sich im Alltag getröstet: Kaum jemand klappt zum Lesen eines Ebooks einen Laptop in der Bahn auf oder zuckt seinen PDA zum Lesen eines Textes hervor. Aber momentan scheint es doch eine Renaissance des Ebooks zu geben: Amazon und Sony sind die Schlagworte.

Extrem nerdiges Aussehen: Amazon Kindle

Extrem nerdiges Aussehen: Amazon Kindle

Bücher – das war vor zehn Jahren mal das Kerngeschäft von Amazon. Seitdem hat sich das Sortiment beträchtlich erweitert und im letzten Jahr überraschte die Firma mit der Ankündigung, ein Lesegerät speziell nur für Ebooks anzubieten: Den Amazon Kindle. 300 Gramm schwer erinnert das Gerät vom Aussehen her ehe an eine überdimensionale weiÃ?e Schultafel mit elektronischer Tastatur als an etwas, was man als schick, modern und hipp herzeigt. (Da müsste Amazon wohl noch etwas von Apple lernen scheints…) Der „iPod der Ebook-Lesegeräte“ zeichnet sich durch ein 6 inch groÃ?es Display aus und bietet eine Auflösung von 800Ã?600 Pixel. Vier Grautöne können wiedergegeben werden, die eingebauten 256 MB sind mit Speicherkarten erweiterbar.

Das revolutionär Neue an dem Kindle nun: Ein PC ist überflüssig. Die Inhalte kommen über eine mobile Datenleitung auf den Kindle und man kann so komfortabel die Ebooks seiner Wahl kaufen. Wobei – diese Ebooks müssen schon im Angebot von Amazon vorhanden sein. Ebenso wie die Zeitungen und die Blogs, wobei Amazon in den USA für die Blogs pro Monat und Blog 99 Cent für die Ã?bermittlungskosten in Rechnung stellt. Von wegen also dass alles inklusive ist wie die Firma ja immer gerne beteuert. Zudem: Fremdkaufen geht so mal gar nicht, der Kindle ist an die Software von Amazon gebunden und die wiederum bindet den Kunden an den Amazon-Shop. Und ob dann auch das begehrte Buch der Wahl für den Kindle aufbereitet zu finden ist, das ist dann die Frage. Denn nicht umsonst gibt es die Wunsch-für-den-Kindle-Option im US-Shop. Dass man dann auch nicht jedes x-beliebige andere Format auf den Kindle bekommt – Homebrew-Software dazu dürfte es sicherlich längst geben – das ist dann nochmal etwas, was man vor dem Kauf des Kindle überlegen sollte. Andererseits: Von Apple lernen heiÃ?t bekanntlich siegen lernen. Oder so.
Ob der Kindle seit dem Start 2007 in den USA ein Erfolg ist oder nicht – über diese Thematik hüllt sich Amazon dezent in Schweigen. Auch ist unklar, wann man mit einem Start des Kindle hierzulande rechnen kann. Auf der aktuellen Buchmesse wird der Kindle zwar vorgestellt doch wie teuer das Gerät hierzulande werden wird und mit was für einem Angebot man starten möchte – gute Fragen. Denn eines ist sicher: Billig wird der Kindle mit Sicherheit nicht. Umgerechnet an die 300 Euro bezahlt man mittlerweile für das Gerät in den USA.

Es ist allerdings zu erwarten, dass es im Frühjahr 2009 so richtig losgehen wird mit den Ebook-Readern der zweiten Generation hier in Deutschland: Während Amazon sich ausschweigt hat Sony schon angekündigt, dass der PRS-505 dann in Deutschland zu haben sein wird. Zwar liegt auch noch hier kein definitiver Preis vor, man wolle sich aber da an den UK orientieren – und damit dürfte auch der Sony PRS-505 in den Bereich um die 300 Euro liegen.
Die weiÃ?e Variante sieht dem Kindle verblüffend ähnlich, aber Sony hat das Modell auch – wie man sehen kann – in schwarz parat. Das Display ist genauso groÃ? wie beim Kindle und verwendet die gleiche E-Ink-Technologie. Der Sony ist dagegen etwas leichter und kostet in den USA rund einhundert Dollar weniger als der Kindle. Ebenso wie dieser hat der Sony auch keine Hintergrundbeleuchtung – nachts im Bett lesen kann man also nur mit einer Schreibtischlampe.

Was Sony allerdings vom Kindle unterscheidet ist einerseits die Tatsache, dass man das Gerät am PC befüllen muss. Also nichts mit „alway on“. Bei der Frage der Formatkompatibilität spielt der Sony allerdins seine Trumpfkarte aus: TXT, DOC, PDF – kein Problem. Während in den USA Sony ein eigenes proprietäres Format für den Reader erfunden hat stellt man sich hier in Europa auf die Seite des EPUB. Der Ein oder Andere wird den Vorläufer, das OEB-Format, kennen – damit arbeitete das Rocket Ebook. Die DRM-Technologie kommt von Adobe. Doch der Sony Reader kann auch nicht-DRM-geschützte Literatur darstellen. Hierzulande werden der Reader und die Inhalte von LIBRI vertrieben werden, auch Thalia mischt mit. Da kürzlich ja der Start der Ebook-Plattform des Buchhandels bekanntgegeben wurde, das mit dem EPUB-Standard arbeiten wird, steht hier einer Befüllung mit ausreichendem Material wohl kaum etwas im Wege. Hanser, Bertelsmann und Beltz sind im Boot und rein theoretisch – schlieÃ?lich ist das PDF-Format ja auch ohne Verschlüsselung machbar – brauchen sich Verlage, die bisher auf das PDF-Format gesetzt haben nicht umzustellen. Und falls jemand die neuesten Romane von Cory Doctorow oder einen Klassiker aus dem Gutenberg.org-Archiv zu Gemüte führen möchte – auch kein Problem.

Steht uns also eine Renaissance des Ebooks bevor oder eine Durchdringung des Ebook-Mediums in den Alltag? Bei Preisen um die 300 Euro ist das eher fraglich, trotz der Tatsache dass man jetzt tatsächlich locker eine ganze Bibliothek mit sich herumtragen kann. Natürlich: Jemand der sich einen iPod leisten kann, der könnte sich locker auch ein Ebook-Lesegerät zulegen. Da allerdings die Geräte bisher eher einen „nerdigen“ als einen trendigen Teil der Käuferschicht ansprechen und man – wenn man bei den angegebenen Preisen seiten der Hersteller bleiben sollte – für einen Hunderter mehr heutzutage schon Computer bekommt, die dann etwas mehr können als nur Ebooks wiedergeben… Skepsis ist angebracht. Schon damals scheiterte die Verbreitung der Reader daran, dass diese nur ein „One-Trick-Pony“ waren.

Links:

Gizmodo hat sich beide Reader angesehen.
Ebenfalls WIRED. Die TAZ stellt fest, dass Sony vielleicht eine Chance hat, denn ein Solo-PDF-Lesegerät gibt es bisher nicht. Engadget hat genaue Angaben zu den technischen Aspekten des Kindle. Neben der Onleihe gibts auch noch andere Anbieter für Ebooks – mit den gleichen Schwächen offenbar: Die Zeit stellt Overdrive vor.

4 Kommentare

  1. schöner beitrag. keine frage, die dinger werden sich durchsetzen, spätestens wenn sie billiger werden. wer hier das potenzial nicht sieht, ist technologiefeindlich und rückwärtsgewandt, basta 🙂

    amazons „kundenbindung“ ist zwar tatsächlich unverschämt, aber apple hat die leute ja auch so rumgekriegt.

    klar kann man drm-texte wohl nicht mehr in 20 an ein antiquariat verkloppen, aber gut. werden wir trotzdem alle kaufen.

  2. Na ja, dass mit dem Durchsetzen hatten wir Ende der 90-ger Jahre schon mal. Hat ja wunderbar geklappt, oder? 😉

  3. da gabs ja auch noch nicht so schöne reader wie den sony 😉

  4. …und wenn das Kindle in den Bach fällt, sind alle Bücher we(i)ch.