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Der kurioese Bibliotheksbote worinnen zu finden sind allerley newe Zeitungen

Jede Menge Migrationshintergrund, 1

Regen in Hamburg – ein brandaktuelles posting hätte ein anderes Thema. Der Regen allerdings veranlasste drei Kids sich zum Schutz in eine Hamburger Bücherhalle zu begeben; ich ging in diese, da – trotz größter Staffelung im System – nur hier Schlinks Vorleser verfügbar war. Die Kids – es waren Männchen (seitdem die Bildungserfolge von Mädchen statistisch belegbar sind, wird immer deutlicher wie unnütz Männchen tatsächlich sind); phänotypisch betrachtet zudem migrantische Männchen; dazu noch jugendliche migrantische Männchen (Alter 15+) – die Kids also bewegten sich durch die Bücherhalle. Obwohl ich ein bösartiger deutscher Spießer bin, konnte ich keine Verhaltensauffälligkeit bemerken. Der Leser wollte sodann den Vorleser verbuchen lassen; für mich immer ein netter Anlass, das Neueste in Erfahrung zu bringen. Fragen wurden wohl beantwortet; allein war die ganze Aufmerksamkeit der Assistentin auf die Kids gerichtet. Im Kinderbereich durften sie nicht sein: „die Kinderstühle brechen kaputt“. Während der Verbuchung gingen die Kids in den Zeitungsbereich (zwei Tische 80×80 cm; zwei deutschsprachige Tageszeitungen; wohl auch türkischsprachige Zeitung/-en). Nach Ende der Verbuchung stürmte die Assistentin zu den Kids, sie darauf hinweisend, dass man in dem Zeitungsbereich nur sitzen dürfe, wenn man diese auch lese. Die Bücherhalle hat jetzt noch drei Kräfte, zwei Bibliothekarinnen teilen sich eine Stelle. Sie wird nach dem Konzept Familienbibliothek geführt; explizite Zielgruppe sind Kinder und begleitende Eltern. (Das Etikett Familienbibliothek bedeutet für einige Hamburger Bücherhallen die Reduktion der Bibliotheksdienste; für eine politische Bewertung sans phrase ist das eine Vorstufe der Schließung.) Der Bibliotheksraum selbst wird noch einmal verkleinert; eine Seniorenbildungsstätte wird einziehen. Für – schöne! – Kinderlesungen wird noch Platz sein, da die Regale mobil sind. Die Bücherhalle liegt zentral im Projektgebiet der Internationalen Bauausstellung 2013; fußläufig ganz nah liegt eines der IBA-Projekte, das „Tor zur Welt“, ein architektonisch ansprechender Neubau und eine organisatorische und programmatische Neuausrichtung bestehender Schulen und Einrichtungen unter einem Dach. In demselben Einkaufszentrum wie die Bücherhalle liegt in einem ehemaligen Supermarkt – noch – das IBA Informationszentrum mit Werkstattschau; bei der Eröffnung anwesend war u. a. die New Yorker Stadtsoziologin Sassen, die auch im Beirat der IBA sitzt. Die Bücherhalle öffnet sich zu dem Vorplatz des S-Bahnhofs. Dieser wird gänzlich umgestaltet werden, da hier der Eingangsbereich zu der ebenfalls 2013 stattfindenden Internationalen Gartenschau sein wird. Eines der drei Leitthemen der IBA nennt diese ‚Kosmopolis‘ (die Frage nach dem zukünftigen Aussehen der internationalen Stadtgesellschaft); Bildung ist als ‚Bildungsoffensive Elbinseln‚ Querschnittthema; 2009 wird es fachlicher Schwerpunkt sein.

PS: Für Anfang Mai ist ein neues IBA-Labor ‚Stadt für alle – interkulturelle öffentliche Freiräume‘ angekündigt.

PPS: Zwischen den großen Präsentationsjahren 2007, 2010 und 2013 arbeitet die IBA mit thematischen Schwerpunkten und Veranstaltungen wie dem IBA Kultursommer. Am 01.04. wird die Staffelübergabe von den Kuratoren des Kultursommers 2008, der unter dem Motto ‚Natur – Kultur‚ stand, an die des Jahres 2009 stattfinden. Die Gründung der ‚Akademie einer anderen Stadt‘ ist hierbei geplant (zukünftig: www.mitwisser.net). Noch in Sichtweite unserer Bücherhalle jenseits der einen trennenden Verkehrsachse liegt eine Industrie- (Verkehrs-)brache; hier hielt im Kultursommer 2008 der Naturphilosoph Gernot Böhme einen Vortrag über den Naturbegriff. Wenig später folgt die zweite trennende Verkehrsachse; hier realisiert sich die schöne immaterielle netbib-Welt als Transport von Containern, die Menschen ersticken hieran. Eine beachtliche Bürgerbewegung fragt danach, ob nicht gerade im Verlauf einer IBA verständige Lösungen der Verkehrsprobleme zu erarbeiten wären. (In dem Land, in dem jetzt eine kenianische Kultur regiert, stellt man die Bibliothek in das Zentrum einer deliberativen Demokratie.) Der Böhme-Vortrag gehörte zu einer ‚Naturentour‘; vorher ging es über Wilhelmsburger Feuchtwiesen. Auf der Nachbarwiese tollte eine Rinderherde der erstaunlichen Gruppe hinterher. Ich habe meine mitgehende Chinesisch-Tandempartnerin darauf hingewiesen, dass wir uns just im geografischen Mittelpunkt der zweitgrößten Stadt des Exportweltmeisters befinden.

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