netbib weblog

Der kurioese Bibliotheksbote worinnen zu finden sind allerley newe Zeitungen

Giftschrank und Ausleihtheke

Was fällt Leuten so ein, wenn sie an Bibliotheken denken? Zwei Belege dafür, dass es gräßliche Dinge sein können, aus der heutigen Presse: In einer Besprechung eines jener unsäglichen Bücher von französischen Intellektuellen, die es fertigbringen, eine These so auf die Spitze zu treiben, dass es absurd ist, jedenfalls, über einer Besprechung eines solchen Buches steht in der Badischen Zeitung zu lesen:

Raus aus den Bibliotheken, ab in den Giftschrank!

Aha, immerhin soll das Buch noch Forschern zugänglich gemacht und nicht ausgesondert werden, ist ja immerhin schon einmal etwas! 😉
Zweiter Beleg aus der Märkischen Allgemeinen, die einen Artikel über das Engagement von zehn Ehrenamtlichen veröffentlicht hat, die die Fürstenberger Bibliothek nicht nur am Leben halten, sondern offenbar gut betreiben:

Kein Ausgabetresen schafft räumliche Distanz zu den 8000 belletristischen Werken und 2000 Fachbänden.

Vor fünfzig Jahren hat meines Wissens die letzte Thekenbibliothek in Stuttgart geschlossen, Freihand in den Öffentlichen Bibliotheken allüberall, aber hier wird das Bild „Theke“ verwendet, um (immerhin!) positiv auf eine Nähe zu den Büchern hinzuweisen.

2 Kommentare

  1. Ich bezweifle sehr, dass Emmanuel Faye zu jenen gemeinten Intellektuellen gehört, die unsägliche Bücher schrieben. Sein Heidegger-Buch scheint jedenfalls ziemlich flach und dumm zu sein, wie schon aus einer Zeit-Rezension 2005 zu entnehmen ist. Allerdings will die Badische Zeitung nicht den Autor in den Giftschrank verbannen, sondern sie zitiert dessen Forderung, Heidegger aus den Bibliotheken zu entfernen. Was einen Unterschied ausmacht und auch mit Bibliotheksphantasien wenig zu tun hat.
    Ad Thekenbibliotheken: In Wien wurde erst vor 14 Jahren die letzte Thekenbibliothek endgültig zugesperrt. Von mir übrigens 🙂

  2. Heidegger, das Opfer und die Vernichtung.
    Eine Antwort auf Willem van Reijen.

    Im Nachwort zur deutschen Ausgabe meines Buches wollte ich die Diskussion auf ein philosophisches Niveau heben, indem ich als Gegenüber Autoren wie Rainer Marten wählte, deren Einwände nicht gleich Angriffe sind. Der Artikel von Herrn von Reijen befindet sich nicht auf diesem Niveau. Heideggers Bücher “in Giftschränke zu sperren”, ist nicht meine Forderung und karikiert meine Intention zur Zensur. Meine Forderung ist jedoch das genaue Gegenteil, nämlich Freiheit der Forschung und Zugang zu denjenigen Manuskripten aus Heideggers Nachlass, die im Moment noch gesperrt sind . Ebenso wenig behaupte ich, dass jeder Satz, den Heidegger geschrieben hat, antisemitisch oder nationalsozialistisch gewesen wäre – dies wäre eine absurde Aussage. Was meine Forschungen gezeigt haben und was sich in den Texten nachweisen lässt, ist, dass die rassistischen und exterminatorischen Prinzipien des Nationalsozialismus in die Grundlage von Heideggers Konzeption des Daseins Eingang gefunden haben. Man kann dies in den vor kurzem erschienenen Vorlesungen der Gesamtausgabe nachlesen: Damit “das Dasein nicht stumpf werde”, plädiert Heidegger dafür, “die Grundmöglichkeiten des urgermanischen Stammeswesens auszuschöpfen und zur Herrschaft zu bringen”, und er ruft zur “völligen Vernichtung” des inneren Feindes auf, der sich “in der innersten Wurzel des Daseins eines Volkes” eingenistet habe, womit er die assimilierten deutschen Juden meint (GA 36/37, S.89 et 90-91). Diese furchtbaren Texte, deren Wiederauflage nach dem Krieg Heidegger selbst verfügte, lassen mich in meinem Buch zu dem Schluss gelangen, dass der “Weg”, den Heideggers Werk bahnt, sich nicht in das Erbe der Philosophie einschreibt, sondern in die Geschichte des Nationalsozialismus. Es geht mir nicht darum, zur Zensur aufzurufen, sondern im Gegenteil um kritische und fundierte Untersuchungen, wie sie international zunehmend veröffentlicht werden. Als Beispiel sei das vor kurzem erschienene Buch Heidegger. Unterwegs zum Holocaust von Professor Julio Quesada genannt.
    Anstatt sich jedoch mit einigen der fürchterlichsten Texte Martin Heideggers, die ich in meinem Buch analysiere, auseinanderzusetzen, zögert van Reijen nicht, sich auf ein polemisches Buch von François Fédier zu berufen, das damals von Gallimard, Heideggers französischem Verlag, abgelehnt wurde. Dieses Buch enthält eine Verteidigung der negationistischen Thesen Jean Beaufrets. Beaufret, der Heidegger in Frankreich bekannt gemacht hat, tat gegen Ende des Jahres 1978 seine volle Zustimmung zu den Positionen Faurissons kund, genau zu der Zeit, als dieser Hitlers Programm zur Vernichtung der europäischen Juden öffentlich leugnete. Lange vor mir zog Professor Hugo Ott die heftigen Angriffe von Fédier auf sich, weil er sich wegen dieser negationistischen Ausfälle irritiert zeigte. Fédier milderte seine Äußerungen am Ende ab, damit ein anderer Verlag sein Buch publizierte, und veröffentlichte den Originaltext, in dem er die Ansicht vertritt, es sei möglich, “die Existenz der Gaskammern anzuzweifeln”, im Internet.
    W. van Reijens Bemerkungen über Heideggers unsägliche Bremer Vorträge berücksichtigen nicht, was dieser in der Tat über die Gaskammern und die Vernichtungslager geschrieben, aber vorsichtshalber nicht zu seinen Lebzeiten veröffentlicht hat. Heidegger deutet nämlich an, dass die Opfer der Vernichtungslager nicht im eigentlichen Sinne des Wortes gestorben sind. “Sterben können” würde nämlich voraussetzen, dass “unser Wesen das Wesen des Todes mag”. Das Dasein muss im “Gebirg des Seyns” sein, um sterblich genannt werden zu können. Sieht van Reijen nicht, wie ungeheuerlich es ist, zu behaupten, die von den Nationalsozialisten liquidierten Kinder und Frauen seien nicht im eigentlichen Sinne gestorben, weil sie nicht im Sein geborgen waren und nicht in der Lage waren, das Wesen des Todes zu mögen? Was den Tod im eigentlichen Sinne des Wortes betrifft, so ist dieser im Sein und Zeit als “Selbstaufgabe” zugunsten “der Gemeinschaft, des Volkes” konzipiert. Diese Konzeption kündigt die Heideggersche Apologie des “Opfers” für die “Volksgemeinschaft” an, die dieselben Formulierungen verwendet wie Mein Kampf und als Beispiel Schlageter hervorhebt, diesen “Helden” der Nationalsozialisten, dessen Todestag vom Rektor Heidegger emphatisch zelebriert werden wird (s. GA 16, S.759-760). Ist es diese Opferkonzeption des Todes, von Adorno im Jargon der Eigentlichkeit so überzeugend widerlegt, die van Reijen verteidigen möchte?
    Natürlich unterscheidet sich die Heideggersche Negation der Fähigkeit der Opfer der Vernichtungslager, “sterblich” zu sein, von dem historischen Negationismus eines Faurisson. Allerdings ist sie noch perverser. Deshalb habe ich diese beiden Positionen voneinander getrennt und die Aberkennung der Sterblichkeit der Opfer des Nationalsozialismus durch Heidegger einen “ontologischen Negationismus” genannt.
    Was die laut Heidegger metaphysische Notwendigkeit der Rassischenzüchtung betrifft, die schon Derrida – ohne näher auf die Problematik einzugehen – kritisiert hatte, so befindet sich diese an einer durchweg positiv formulierten Textstelle (s. GA 50, S.56-61). Heideggers Beifall für den NS Rassismus drückt sich auch in einem anderen Text aus, in dem er “die Rettung der Volkstümer und die Sicherung seines ‘ewigen’ rassischen Bestandes” als “höchste Ziele” bezeichnet (GA 69, S.183).
    Der Schluss des Artikels enthält eine letzte Ungenauigkeit: Der Hakenkreuz-Stempel des Philosophischen Seminars I der Freiburger Universität, der auf der Rand des sehr nüchternen Buchumschlags von Matthes & Seitz abgedruckt ist, stammt nicht aus den 1930er Jahren, und dass er auf meinem Buch zu sehen ist, hat einen guten Grund. Denn diesen Stempel hat Heidegger selbst in einem Brief vom Oktober 1944 benutzt. Wenn es einen Skandal gibt, dann liegt dieser in der Tatsache, dass Heidegger nicht gezögert hat, ihn, ohne dazu verpflichtet gewesen zu sein, für seine handschriftliche Korrespondenz zu verwenden, und nicht darin, dass ein Verlag diesen Stempel, der heute ein historisches Dokument ist, abgedruckt hat.
    Emmanuel Faye