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Horizon-Report: Was Trends im Bildungsbereich mit Bibliotheken zu tun haben

Über 200 einschlägige ExpertInnen befragt das New Media Consortium gemeinsam mit EDUCAUSE (einer Art US-Equivalent zu DINI) alljährlich zu Technologie-Trends im Bildungsbereich – das Ergebnis wird unter dem Namen Horizon Report publiziert und ist, einer Initiative des Hamburger MultiMediaKontors sei Dank, nun auch in deutscher Übersetzung als PDF verfügbar.  Warum das eine gute Nachricht ist? Weil der schon immer hochspannende, weil gut recherchierte und mit Beispielen und Literaturempfehlungen versehene Report nun auch hierzulande eine Chance auf Wahrnehmung bei EntscheiderInnen im Bibliothekswesen bekommt – und auf dieser Grundlage zum Beispiel deren Verständnis und Unterstützung für die Bereitstellung von Normdaten aus Bibliotheken für Semantic Web-Anwendungen einzufordern.

Der Report identifiziert sechs Bildungs-Technologien, die man in den kommenden 1-5 Jahren im Auge behalten oder zumindest ins Auge fassen sollte.  Zu allen Technologie-Trends gibt es auch schon Umsetzungsbeispiele im Bibliotheksbereich:1. Mobile Endgeräte: Auf dem diesjährigen Bibliothekartag in Erfurt sprachen verdächtig viele Menschen über ihre Telefone:  iPhone und Co. fungieren als E-Book-Reader, Lokalisierungsgeräte für Bücher in Magazinen, zum Empfang von Bibliotheksnews über Twitter und natürlich zur Recherche in Katalogen und Datenbanken über einschlägige Applikationen.  Kurze und knackige Einführungen:  Regina Pfeifenbergers Vortrag „Mobile Library Interfaces: Best Practice Beispiele“ und Jin Tans Antworten auf die Frage „Was bedeuten Handy-Romane für Bibliotheken?“

2. Cloud Computing: Beim Cloud Computing geht es um die verteilte Haltung und Nutzung von Forschungsdaten aller Art – von der archäologischen Grabungsdatenbank zu Klimainformationen bis zu Textkorpora.  Bei der Erschließung und Nutzbarmachung solcher Informationen ist bibliothekarisches Know-how durchaus gefragt – nicht von ungefähr sind Projekte wie TextGrid auch an Bibliotheken angesiedelt, und es wird auch schon von der Weiterentwicklung der FachreferentInnen zu „Cyberinfrastructure Facilitators“ gesprochen.

3. Georeferenzierung: Wie praktisch die Anreicherung von Bestandsangaben mit Geodaten sein kann, beweist zum Beispiel der schwedische Verbundkatalog LIBRIS, in dem besitzende Bibliotheken in einer Karte markiert werden (auf „Show map“ klicken). Gerade in Großstädten und Ballungsgebieten sind Angaben darüber, wie weit man es zum gewünschten Buch hat, ausgesprochen nützlich und zeitsparend. Über diesen sehr lebenspraktischen Aspekt hinaus  kann es es beim „Geo-Everything“, wie dieser Trend im Report auch launig bezeichnet wird, aber auch gehen, literarische Werke mit Geoinformationen auszuzeichnen, um so beispielsweise alle Romane aus und über Mauritius zusammenzuführen oder die Reisestationen in Jules Vernes „In achtzig Tagen um die Welt“ nachzuvollziehen.

4. Das personenbezogene Web: Hierunter kann man sich unter anderem die Weiterentwicklung von SDI-Diensten vorstellen – beispielsweise nach dem Vorbild der finnischen National Library of Medicine, die ihren KundInnen mit dem FeedNavigator ein personalisierbares Abonnement von Websites und Aufsätzen bietet (vgl. auch den ausführlichen Bericht von Lambert Heller dazu). Weitere Ideen für personenbezogene Bibliotheksdienste liefert der Report im Beispielteil selbst: USB-Sticks mit Texten und Tools für einen bestimmten Kurs (Beispiel: Informationskompetenz-Kurs des Buffalo State College), virtuelle Lernumgebungen mit einheitlichem Zugang zu gedruckten und virtuellen Quellen (Beispiel: Omeka) oder auch die Aggregation und perspektivisch auch die Archivierung von Weblog-Inhalten nach Fach (selbst ergänztes Beispiel:  Genderplanet) oder Institution  (selbst ergänztes Beispiel: life).

5. Semantische Anwendungen: Wie einleitend bereits angedeutet gibt es auf diesem Feld für Bibliotheken besonders viel zu tun: Unsere über Jahrzehnte gewachsenen Klassifikationen und Thesauri sind eine herausragende Grundlage, um das zu tun, worum es im Semantic Web geht: Um das Herstellen von Zusammenhängen, Kontexten und Querverbindungen aller Art. Um SWD, PND und Co. aber für das semantische Web nutzbar zu machen, müssen diese Daten erstens frei verfügbar und zweitens webfähig gemacht werden – Vorschläge für die PND in RDF gibt es von Jakob Voß im GBV-Wiki. Jakobs einführende Präsentation zu Semantic Web und bibliothekarischer Erschließung ebenfalls empfehlenswert ist.  Wer seiner Führungsetage den Horizon-Report zur Lektüre vorlegt, möge den Abschnitt zu Semantischen Anwendungen dick und rot ankreuzen: Während der technische Weg zu webfähigen Normdaten bereits relativ klar ist, fehlt noch eine politische Entscheidung dafür, diese – steuergeldfinanzierten – Daten auch als Open Linked Data zur Verfügung zu stellen.  Möglicherweise ist der Horizon-Report ja ein probates Mittel, um hierfür das notwendige Bewusstsein zu schaffen!

6.  Smart Objects – Intelligente Objekte: Mit dieser Technologie kennt man sich in Bibliotheken ebenfalls schon bestens aus – jedenfalls dort, wo RFID bereits im Einsatz oder in Planung ist: RFID-Etikett ins Buch, schon hat man ein solches intelligentes Objekt, das sich von NutzerInnen selbst verbuchen lässt.  Das erleichert eher den Bibliotheken als den NutzerInnen die Arbeit – Grund genug, noch einen Blick ins englische Bath zu werfen, wo jeder Katalogeintrag mit einem so genannten QR-Code versehen wird, um dann ins mobile Endgerät eingelesen zu werden und so bei der Lokalisierung auf dem Regal zu helfen. Darüber hinaus lassen sich die ebenfalls mitgespeicherten bibliografischen Angaben auslesen und in eigenen Dokumenten weiter verwenden.

2 Kommentare

  1. Hallo Anne,
    schön, dass du auf die Übersetzung des Horizon-Reports hinweist und dessen Schlüsselentwicklungen mit Beipielen anreicherst. 🙂 Einige Beispiele kannte ich, aber einige waren mir noch unbekannt. Den gleichen Ansatz habe ich verfolgt, als ich im März zum Horizon-Report postete: http://libraries-on-the-agenda.blogspot.com/2009/03/horizon-report-2009.html

    Ich bin auch der Meinung, dass der Horizon-Report ein geeignetes Mittel zur Bewusstseinsschaffung ist. 🙂 Er muss eben nur hier und an anderen Stellen stärker beworben werden und in die Arbeit mit einbezogen werden -sofern möglich: immer wieder stoßen wir ja leider an instutionsinterne Grenzen ;-/ …

    Liebe Grüße,
    Steffi

  2. Danke für den Hinweis auf deinen Artikel, Steffi! Ich hoffe sehr, dass die deutsche Übersetzung dafür sorgt, dass der Report mehr LeserInnen findet. Eben noch entdeckt: Podcast-Interviews mit den Machern des Reports auf E-Teaching.org:
    http://www.e-teaching.org/news/eteaching_blog/et_showComments?entryid=blogentry.2009-02-24.0031509314