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Der kurioese Bibliotheksbote worinnen zu finden sind allerley newe Zeitungen

Internationales

Bewegt man sich vom heimischen Computer in internationale Gefilde, hat das notwendig auf digitalem Wege zu geschehen. Der Hinweis, dass sich allerdings die digital(isierend)en Bibliotheken in einem bestimmten politischen Umfeld befinden, löste am Beispiel Malaysias ein gewisses Grummeln aus. Malaysia ist ein Beispiel dafür, dass ein islamisch begründeter Antisemitismus nicht Ergebnis von Eigenarten einer „Kultur“ oder zwingender Ausfluss „des“ Islam ist; hier gibt es eine Steuerung durch politische Machtgruppen, die ihre Herrschaft als islamisch oder als asiatisch verbrämen. Entsprechend trifft die Repression auch islamische Frauengruppen. Zwei Ereignisse gab es, die mich das Thema noch einmal aufgreifen lassen wollten; habe das dann aber doch nicht gemacht.

Das erste Ereignis war die Veröffentlichung des Buches ‚The cartoons that shook the world‘ / Jytte Klausen; eine Studie zum dänischen Karikaturenstreit auf die ich gespannt bin. (Nicht auszuschließen auch eine Thematisierung Malaysias dort.) Die Veröffentlichung bei Yale University Press konnte nur ohne die dänischen Karikaturen (und historischer Darstellungen Mohammeds!) geschehen. Es wurden wegen der geschmacklosen und provozierendenden Karikaturen, aber auch wegen des islamischen (!) Bilderverbots Proteste befürchtet.

Ein zweites Ereignis betraf eine iranische Personalie: Ahmadinedschad hat als Verteidigungsminister einen Herrn Vahidi vorgeschlagen; Funktionär der Revolutionsgarden; auch schon unter heutigen „Reformern“ in einem Einsatzkommando für externe Liquidierungen tätig. Der Herr wird von Interpol gesucht: wegen Beteiligung an einem schändlichen antisemitischen Terroranschlag im Jahre 1994. Es geht um den Bombenanschlag auf das Gebäude argentinischer jüdischer Institutionen (DAIA und AMIA) in Buenos Aires mit einer hohen Zahl von Toten. Der Anschlag ist keineswegs vergessen, entsprechend löste die Ernennung des Herrn Entsetzen aus. In dem Gebäude war auch eine Außenstelle des YIVO untergebracht, spanisch IWO; zerstört wurden auch Bibliothek und Archiv. Die Suche nach Archivalien geschah seinerzeit durch eine Vielzahl von Freiwilligen; jetzt gab es die Grundsteinlegung für einen Neubau. DAIA gibt regelmäßig einen Bericht über Antisemitismus in Argentinien heraus; die Archivalien dienten auch Nachforschungen über NS-Verbrecher in Argentinien. Die Pfaffen geben sich nichts: die Nazis kamen nach Argentinien über die katholisch-vatikanische „Rattenlinie“.

In netbib neuerlich ein Schlaglicht auf einen islamisch begründeten Antisemitismus zu werfen, war aber nicht von den beiden erwähnten Ereignissen veranlasst, sondern von einer weiteren Personalie. Die handelnden Personen hatte ich an ganz unterschiedlichen Stellen in netbib erwähnt; mich überraschte, dass die internationale Diplomatie sie einmal in einen Zusammennhang bringen würde. Es geht um den Posten des UNESCO Generaldirektors, nach ungeschriebenem Gesetz soll die anstehende Neubesetzung durch eine Person aus dem islamischen Kulturkreis erfolgen. Ägypten hat deutlich gemacht, dass es seinen Kulturminister, Farouk Hosni, gerne auf diesem Posten sähe. Hosni ist durch seine Anregung der Verbrennung israelischer Bücher in der ägyptischen Nationalbibliothek bekannt geworden; im Mai 2009 gab es in Le Monde einen Aufruf von Lanzmann, dem Dummschwätzer Lévy und Wiesel – Unesco : la honte d’un naufrage annoncé – zur Verhinderung Hosnis. Überraschend wurde aktuell ein weiterer Name ins Spiel gebracht: Zülfü Livaneli, türkischer Autor und UNESCO-erfahren. Der Hoffnungsschimmer währte nur kurz. Die Türkei lehnte es ab – die diplomatischen Gründe sind nachvollziehbare Realpolitik -, Livaneli zu stützen.

Gibt es eine Moral von der Geschicht? Vielleicht diese: den Islam gibt es nicht. Wohl aber teils durch politische Instrumentalisierungen bedingte Ausprägungen, die inhaltlich zu bekämpfen sind. Das Gebot der Differenzierung ist auch an interkulturelle Bibliothekare zu richten, die weniger ergriffen gegenüber „islamischen“ „Kulturen“ sein und etwas genauer hinschauen sollten. (Deutsche Nazis in Argentinien – deutsche Kultur? Die schöne Imam Ali Moschee Hamburg, Außenposten des Iran – islamische Kultur?)

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