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„Mein Beruf: Info-Broker“

In der „Handelsblatt„-Beilage „perspektiven“ vom 18.9.2009 wurde in der Reihe „Mein Beruf“ ein Mitarbeiter der ZBW vorgestellt.

Thorsten Meyer arbeitet in er größten Wirtschaftsbibliothek der Welt. Dabei ist alles andere als ein lichtscheuer Bücherwurm.
Projektmanagement, Vertrieb, Verhandlungsführung, Produktentwicklung – klingt nicht unbedingt nach klassischer Bibliotheksarbeit. Doch für Thorsten Meyer gehört das zum Tagesgeschäft: Der 35-Jährige leitet in der Deutschen Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften (ZBW) in Kiel, der größten Wirtschaftsbibliothek der Welt, die Abteilung Bestandsentwicklung und Metadaten.
Aber die ZBW ist auch nicht irgendeine Bibliothek: Die insgesamt 224 Mitarbeiter forschen global mit detektivischem Spürsinn nach relevanter wirtschaftswissenschaftlicher Literatur, ordnen und bündeln sie und stellen die schier endlose Masse an Daten und Fakten ihren Nutzern zur Verfügung. „Allein die gedruckten Titel kommen auf eine Länge von 76 Kilometern“, erzählt Meyer. Ganz zu schweigen von den elektronisch verfügbaren Titeln, deren Zahl ebenfalls in die Millionen geht.
Dass Thorsten Meyer einmal in einer Bibliothek arbeiten würde, war an seinem Lebenslauf nicht von vornherein zu erkennen. Er absolvierte erst eine Ausbildung zum Bankkaufmann, danach studierte er VWL in Bamberg und im schwedischen Lund, wo er seinen Bachelor in europäischer Wirtschaft machte. Per Fernstudium setzt er schließlich noch den Master of Library and Information Sciences drauf – da war er aber bereits bei der ZDW. Seit etwa fünf Jahren arbeitet Meyer bei der Spezialbibliothek für wirtschaftswissenschaftliche Literatur, es war und ist sein erster Job. Vom Fachreferenten für Afrika und Asien hat arbeitete er sich schnell hoch. Jetzt verantwortet er unter anderem das Lizenzmanagement zur Erweiterung der überregional verfügbaren digitalen Bestände.
Das heißt, er verhandelt mit Verlagen und Datenbankproduzenten Preise und Nutzungsrechte für die von seinen Mitarbeitern recherchierten Titel und entwickelt mit Anbietern und anderen Bibliotheken neue Lizenzmodelle. In seinem Job sitzt er beinahe so oft im Flieger wie am Schreibtisch. „Für den Einkauf der Lizenzen ist das persönliche Gespräch sehr wichtig. Deshalb besuche ich Partner und Verlage sehr häufig vor Ort und auf Messen“, sagt Meyer. 80 Fachleute arbeiten in seiner Abteilung: Diplom-Bibliothekare ebenso wie VWLer. „Kunden“, die auf den schier unerschöpflichen ZBW-Fundus zugreifen, sind vor allem Wissenschaftler, aber auch Studierende. „Die kriegen zum Teil gar nicht mit, das[s] die Bücher von uns kommen, wenn sie sie per Fernleihe bestellen“, sagt er.
„Das Spannende an meiner Arbeit ist, dass es jeden Tag etwas Neues gibt. Dass Bibliotheken eine trockene Angelegenheit sind, stimmt definitiv nicht“, meint der Info-Broker. Eine nächste große Aufgabe liegt schon wieder vor ihm: Meyer betreut ein Pilotprojekt, bei dem die ZBW Markt- und Brancheninformationen aufbereitet und ihren Nutzern zugänglich machen will. Sven Frost

Autor: Viola Voß

Jahrgang 1977, Sprachwissenschaftlerin mit Master in Bibliotheks- und Informationswissenschaft, arbeitet an der Universitäts- und Landesbibliothek Münster

Ein Kommentar

  1. für Formulierungen wie „alles andere als ein lichtscheuer Bücherwurm“, die selbst Leute auf diese Idee bringen, die vorher nicht dran gedacht hätten, würde sogar ich als Pazifistin die Schreiberlinge gerne mal gründlich beuteln 😉