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Aussonderungen als Folge der Rechtschreibreform

In der Print-FAZ vom Donnerstag (29.10.2009, Feuilleton, S. 31, unten) findet sich ein Artikel von Theodor Ickler mit dem Titel „Ausgemistet, aussortiert, exiliert : Rückblick auf ein Büchermassaker: Wie der Rechtschreibreformwahn Lücken in die Schulbibliotheken riss“. Ab 1996 seien in „Schul- und Leihbibliotheken“ (mit letzterem sind wohl Öffentliche Bibliotheken gemeint, später ist von Gemeindebibliotheken die Rede) viele Bücher „ausgemistet“ worden, da man der Meinung gewesen sei, die Rechtschreibreform sei gesetzlich vorgeschrieben. Wahrscheinlich seien Millionen Bände vernichtet worden. Der Artikel gibt einige Bibliotheken als Beispiele an, Schulbibliotheken in Stuttgart, Bensheim, Obergrenzebach und Deutsche Schule Madrid. Auch in Österreich seien an jeder zweiten Volks- und Hauptschule die Bestände trotz einer Erklärung des Kultusministeriums im Jahr 2004, das Aussondern von Büchern, die es nur in alter Rechtschreibung gebe, bedeute einen Eingriff in die literarische Vielfalt, dezimiert worden. In dieselbe Richtung habe das hessische Kultusministerium sich geäußert, als es um Mehrbedarfsantäge aufgrund solcher Aussonderungsaktionen ging.
Der Artikel spricht von Büchervernichtung,

Vergleichbare Verluste hat es in Friedenszeiten bisher nicht gegeben.

Die Hauptlast der Neubeschaffung hätten Spender und Fördervereine getragen.
Wenn man davon ausgeht, dass in Öffentlichen Bibliotheken sowieso mehr und routinemäßiger ausgesondert wird, könnte man zynisch sagen, die Rechtschreibreform habe eine vorgezogene Mdernisierung des Bestandes bewirkt. Aber so ist es ja nicht, denn zum einen spricht der Artikel von leeren Regalen – d.h. die ausgesonderten Bestände wurden ja gar nicht ersetzt, zum anderen befinden sich Schulbibliotheken noch einmal in einer völlig anderen Etatsituation als Öffentliche Bibliotheken (denen es – zumal in kleineren Gemeinden – auch nicht allzu gut geht). Wenn man bedenkt, dass vor allem „Klassiker“ und die Nachkriegsliteratur in alter Rechtschreibung vorhanden waren, dann kann man sagen, dass Jugendliche durch diese Aktionen vorauseilendem Gehorsams weniger Gelegenheit haben, ältere Literatur zu entdecken und zu lesen.

2 Kommentare

  1. Danke für den Hinweis. Inzwischen ist der Artikel auch online frei zugänglich: http://www.faz.net/s/RubBE163169B4324E24BA92AAEB5BDEF0DA/Doc~EAD706E09FD7B4CC3937411F80E741A46~ATpl~Ecommon~Scontent.html

    Autoren, die weiterhin bei der bewährten Rechtschreibung bleiben (auch nachdem die FAZ eingeknickt ist), haben dann wohl beste Chancen, noch zu Lebzeiten zu Klassikern zu werden, d.h. mangels Verfügbarkeit in Öffentlichen Bibliotheken nicht gelesen zu werden.

    Wie doch alles von der Perspektive abhängt: Ich habe mich schon manches Mal geärgert, beim Kauf eines Buchs nicht vorher darauf geachtet zu haben, wie es Autor und Verlag mit der Schreibung halten. Anders als den Öffentlichen und Schul-Bibliotheken fällt es mir leichter, mich von Büchern in der neuen Rechtschreibung zu trennen. Klaus Modick bleibt daher im Regal und auf dem Nachttisch, übersetzte Bücher in billiger Neuschreibung fliegen bei Platzbedarf zuerst raus 😉

  2. Sehen wir die positiven Aspekte dieses FAZ-Beitrages: Die Schulbibliotheken werden einmal in der FAZ erwähnt!