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Der kurioese Bibliotheksbote worinnen zu finden sind allerley newe Zeitungen

Literaturkenntnis schützt vor Neuentdeckungen

Man stolpert über diesen hier als Überschrift gewählten Satz im Ersten Jahresgutachten des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration: das vorhandene Wissen steht in einem gewissen Missverhältnis zu dem, was in Politik oder bibliothekartäglich als neueste Sau durch das Dorf getrieben wird. Das Jahresgutachten – „Einwanderungsgesellschaft 2010“ – des SVR Migration unterscheidet sich in meiner persönlichen Biographie von früheren Publikationen dieser Art nur darin, dass ich den Gegenstand der Lektüre erstmals digital vor Augen habe. Seitenzahl und Gediegenheit der Darstellung dessen, was unter verständigen Menschen als Stand des Wissens gelten kann, sind gleich. Die gedankliche Reihe beginnt für mich 2001 mit dem Bericht der Unabhängigen Kommission Zuwanderung „Zuwanderung gestalten – Integration fördern„. Ich erinnere die Stimmung bei der Präsentation des Berichts auf einer Tagung der Friedrich Ebert Stiftung in Berlin als optimistisch: der innenpolitische Sprecher der CDU Fraktion Bosbach musste defensiv die ausländerpolitischen Positionen rechtfertigen. Wie diese „Süssmuth“-Kommission ebenfalls von der Bundesregierung (im Rahmen der elenden Debatte um ein Zuwanderungsgesetz) eingesetzt, legte dann der Zuwanderungsrat 2004 ein Gutachten „Migration und Integration – Erfahrungen nutzen, Neues wagen“ vor – seine letzte Handlung. Dann löste Schily ihn ohne Dank für die geleistete Tätigkeit auf. Eine Berliner Tagung der FES versuchte vergeblich, diese Auflösung in den Medien zu skandalisieren; das  Stimmungsbarometer zeigte Pessimismus. Das aktuelle Jahresgutachten nun kennzeichnet eine routinierte Stimmung. Ist der Personenkreis der Autoren auch gleich – diesmal agieren sie nicht als Auftragsnehmer des Staates mit Rücksichtspflichten auf politische Befindlichkeiten. Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration handelt jetzt auf der Grundlage der Möglichkeiten, die der Rückhalt acht großer deutscher Stiftungen bietet. Professionell die Medienpräsentation, auf der web-site die Materialien, teils zusammengefasst zu Kernbotschaften. Das Gutachten hat zwei große Abschnitte. Zum einen das SVR-Integrationsbarometer, einer „Analyse von Selbstbeschreibungen und wechselseitigen Zuschreibungen von Mehrheits- und Zuwandererbevölkerung“. Hier steht also die wechselseitige Wahrnehmung beider beteiligter Seiten im Vordergrund, nicht die Auflistung sozialstruktureller Daten. (Ein Ansatz, der auf die anregende Dissertation der von der Zeit-Stiftung kommenden Geschäftsführerin des SVR, Fincke, zurückgeht. Sie definiert Integration als Ähnlichkeitswahrnehmung von Dominanzbevölkerung und Migranten. Dissertationen dieser Qualität sind der Maßstab vor denen der Humbug bibliothekarischer Diplomarbeiten zu bewerten ist.) Zum anderen gehen zwei Teile auf Rahmenbedingungen und Entwicklungslinien (Recht, Politik…) sowie auf Dimensionen der Partizipation (Schule, Beruf…) ein. Enthalten sind 16 Info-Boxen und ein Glossar, die Literatur ist auf dem aktuellsten Stand. Das Jahresgutachten stellt somit ein aktuelles Handbuch dar, das einen souveränen Überblick über zentrale Problembereiche der Integration im „Migrationsland Deutschland“ (Zeit-Stiftung) gibt. Durch seine dezenten Bewertungen und politischen Handlungsempfehlungen hebt es sich von der institutionellen Berichterstattung (BAMF, Integrationsbeauftragte) ab; zugleich aber auch von der pointierteren Darstellung wie etwa im Migrationsreport. (Zuletzt 2008; hervorragend zur kommunalen Integrationspolitik. Man glaubt es nicht, dass es in HH nur einen Nachweis für die HAW gibt.) Man lese einmal die konzise Info-Box 7 über die institutionelle Berichterstattung über Migration und Integration und gehe sodann auf die Seiten von Interkulturelle Bibliothek. Es überkommen einem Hitzewellen der Scham, wenn man dort sieht, dass nicht einmal in einem Kernbereich bibliothekarischer Arbeit das Minimum- welche gedruckte und elektronische Literatur ist für ein Thema relevant – erreicht wird. Das Jahresgutachten wird in Hamburg am 03.06.10 in der Körber-Stiftung vorgestellt. Es dürfte bundesweit weitere Termine geben.

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