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Immer wieder Schweden

Schweden scheinen zunehmend ihre letzten Freunde zu verlieren. So berichtete das Hamburger Abendblatt, dass nach der versuchten Zerstörung unseres schönen Dänemarks durch trunkene Schweden die Dänen ihre robuste Ausländerpolitik auch auf Schweden anwandten und diese zügig auswiesen – die Schweden wollten Faxe, die Dänen hatten die Faxen dicke. Schnapsleichene Schweden – die interkulturelle Bibliothek hat sich auf sonderbare Kulturen einzurichten.

Anlässlich der Ernennung der Hamburger CDU Politikerin Özkan zur niedersächsischen Sozialministerin hatte ich schon länger vor, einen kleinen Beitrag über Kulturen zu schreiben. Zwei schöne Beiträge der Abendblatt Redakteurin Junge erinnerten mich an dieses Vorhaben. Einmal schildert sie allgemein migrantische Frauen, denen der Aufstieg gelungen ist, zum anderen die Journalistin Sezgin. Es sind diese starken Frauen mit einer bemerkenswerten Persönlichkeit, die ich vor Augen habe, wenn ich an Migranten denke. Darunter eben auch Frau Özkan. Özkan hat ihren politischen Weg in der Hamburger CDU gemacht, hier betätigte sie sich u.a. im Wirtschaftsrat. Dort gehört sie auch hin; Nachfragen über die Form der Beschäftigung ihrer Mitarbeiter während ihrer leitenden Tätigkeit bei dem Postdienstleister TNT sind durchaus berechtigt. Das ist politische Auseinandersetzung; einen besonderen Naturschutz kann es – bei Beachtung allgemeiner Anstandsregeln – für Politiker mit Migrationsgeschichte nicht geben. Allerdings hat sie in der Zeit ihrer Hamburger politischen Tätigkeit in beeindruckender Form auch gezeigt, dass Migrationspolitik keine Begegnung der Kulturen, sondern vielmehr ein Kampf um politische Positionen, um die konkrete Ausgestaltung von Handlungsmöglichkeiten in Bereichen wie etwa Schule, Ausbildung, Beruf ist.

Maître Rabelais sagte dereinst: vergessen wir die Schweine, Herr Schaper sagt: vergessen wir die Schweden. Reden wir einmal Klartext.

Nehmen wir Frau Özkan als ein Beispiel für Migranten, denen der soziale Aufstieg gelungen ist. Es zeigt sich dann einmal mehr, dass eine Bibliotheksarbeit, die zwar einen Begegnungsraum gestalten will, dort aber nur „Kulturen“ aufeinander treffen lässt, systematisch in zwei Richtungen ungenügend ist. Einmal in Richtung der Aufsteiger. Diese zeigen mit ihrem Aufstiegswillen eine Anpassungsbereitschaft an vorgegebene Wertmuster, haben aber zugleich die ökonomischen, intellektuellen, technischen (Kommunikationstechnologien!) Möglichkeiten, souverän aus kulturellen Gegebenheiten ihres Herkunftslandes wählen zu können. Diese Wahlmöglichkeiten gibt es am anderen Ende der sozialen Skala so nicht. Kann es oben sein, dass an kulturelle Muster des Herkunftslandes angeknüpft wird – oder auch nicht, so ist unten fraglich, ob die Nutzung eines Werkzeugs Kultur etwa bei der Leseförderung der richtige Weg ist, um geringere Bildungserfolge gegenüber Nicht-Migranten zu beheben. Hier scheinen Ursachen der Probleme doch aus der sozialen Lage erklärt werden zu können und nicht aus fehlender Anerkennung kultureller Besonderheit.

Bleiben wir am Beispiel von Presseartikeln bei Migranten am oberen Ende der sozialen Skala.

Da findet sich in der TAZ ein Oralchirurg. Mögen wir integrierten Deutschen sogleich an Cunnilingus und Fellatio denken – diesen Beruf gibt es wirklich. Wenn man denn einen Abschluss vorweisen kann. Viele Migranten haben solche – sie werden aber nicht anerkannt. Ein Problem in allen Einwanderungsgesellschaften, in Deutschland verstärkt durch unterschiedliche Regelungen der Bundesländer. Ein Anerkennungsproblem gibt es. Dies ist aber keines der Anerkennung von Kultur.

Zu den Migranten da oben gehören auch die hochmobilen Fachkräfte. Etwa jener Student aus Puttur (mussten wir integrierten Deutschen einst nur Putti des Barock oder des Rokoko zu unterscheiden wissen, so gilt es heute den Ort Puttur verorten zu können): für ihn ist schon während des Studiums klar, dass er nach dem Abschluss einen Arbeitsort weltweit frei wählen kann. Zu den Auswahlkriterien dürften auch die kulturellen Angebote des Arbeitsortes gehören. Vielleicht sind dies auch Bibliotheken – aber sicher nicht deswegen, weil er dort als Vertreter einer Kultur der Vertreterin einer anderen Kultur begegnen kann.

Da aktuell gerade gelesen: die Gründung eines Alumni-Netzwerks von Mexikanern. Die Wahrnehmung solcher Gruppen – interkulturelle Bibliotheksarbeit ist auch ein Thema für wissenschaftliche Bibliotheken – lässt einen erkennen, wo spezifische Bedarfe bestimmter Migrantengruppen liegen.

Kann man diese spezifischen Bedarfe über imaginierte Kulturen erkennen? Ist kulturelle Identität von Gruppen ein Anknüpfungspunkt? Oder nicht vielmehr die Stärkung von Individuen? Gibt es diese Gruppen eigentlich noch? Hat es sie je gegeben? Etwa die Türken in Deutschland? Eingewandert vielleicht als jüdische Türken zu Beginn des 20. Jahrhunderts denen dann das Integrationsangebot Auschwitz gemacht wurde? Fahren wir hier aus Platzgründen gar nicht weiter fort, die Gruppe „Türken“ entlang möglicher Linien ethnischer, sozialer, politischer, religiöser Art weiter zu differenzieren. Dies ließe sich mit jeder Migrantengruppe machen. Nicht zuletzt deswegen heißt eine der Regeln interkultureller Bibliotheksarbeit „Know your communities“. (Aus der Ratgeberliteratur: willkürlich ein britisches Beispiel zur Kommunalarbeit „equality and diversity“; schon vorgestellt: „Increasing Relevance, Relationships and Results“ der Metropolitan Group; das Beste zum Thema bleibt der Band von Cuban). Auch die Sozialwissenschaften beschreiben moderne Gesellschaften als zunehmend diversifiziert. Auf praktische Anwendung (Marketing) zielende Milieustudien schildern das Zerbrechen ethnischer Herkunftsgruppen in Milieus. Die Migrationssoziologie spricht von „Super-Diversity“ (Vertovec, COMPAS Working Paper 06-25); die Diversität ist so immens, dass ethnische Gruppen als differente Einheit gar nicht mehr identifizierbar sind: „A simple ethnicity-focused approach to understanding and engaging minority groups in Britain, as taken in many models and policies within conventional multiculturalism, is inadequate and often inappropriate for dealing with immigrants’ needs or understanding their dynamics of inclusion or exclusion.“ Ethnizität ist kein Anknüpfungspunkt – das macht den Umgang mit der vorfindbaren Diversität keinesfalls einfacher. Multikulturalismus ist allerdings kein Hilfsmittel. Ein anregender Diskussionsbeitrag kommt aus Großbritannien „’You Can’t Put Me In A Box’ – Super-diversity and the end of identity politics in Britain“, der sich gegen den „tick-box-approach“ wendet, also jener Politikform, die Gruppenzugehörigkeit (als erzwungenes Häkchensetzen in einem Fragebogen z. B. bei einem Zensus) mit Ressourcenzuweisungen an Gruppen verbindet. (Die beiden Autoren kommen aus der Schwulen-, der andere aus der antirassistischen Bewegung, haben also die Folgen aufgezwungener Gruppenzugehörigkeit praktisch vor Augen. Folgen, die durchaus auch aus den in den Bewegungen selbst vetretretenen Identtätspolitiken entstehen.) Im deutschen Diskussioszusammenhang ist jetzt aktuell der beste Beitrag der Essay von Terkessidis. Er definiert Interkultur als die Gestaltung von Vielheit in der Parapolis. (Parapolis spielt mit den Bedeutungen: polis bezieht sich auf interkulturelle Politik in der Stadt; enthalten ist aber auch das para poli, das sehr viel der Diversität der Stadtbevölkerung.)

Erschreckend ist, was von diesen Diskussionen im deutschen Bibliothekswesen ankommt. Ich hatte hier bereits eine Anmerkung zu einer Diplomarbeit der Dame Kabo geschrieben; auf dem Bibliothekartag ist sie erneut verhaltensauffällig geworden. Diese Leute glauben offensichtlich wirklich, dass es eine differente Gruppe Migranten gibt. Brisanter noch ist die Benutzung des Fachausdrucks der Statistik „Menschen mit Migrationshintergrund“, der auch deutsche Staatsbürger umfasst. Zitiert wird die Definition des Statistischen Bundesamtes, die den Migrationshintergrund an einen Elternteil ausländischer Staatsangehörigkeit anknüpft. (Das ist eine von vielen Definitionen. Man kann einen Vortrag nur mit der referierenden Darstellung der unterschiedlichen Kriterien für Migrationshintergrund gestalten.) Dann führt sie Beispiele auf, darunter Migranten der dritten Generation. Sehen wir einmal von der intellektuellen Zumutung ab, wie man von der Beziehung „ein Elternteil – Kind“ plötzlich bei der dritten Generation landen kann. Übersetzen wir einmal explizit, was dritte Generation bedeutet: das sind deutsche Kinder deutscher Eltern (mit vielleicht ausländischen Großeltern.) Und die sollen jetzt mit Volkstumspolitik durch Bibliotheken beglückt werden. Die eigene Kultur – selbstverständlich alles im Singular. Sind diese Leute nur verrückt oder gefährlich? Aus den Power Point Sprechblasen kann man nicht entnehmen, worauf sich der Hinweis auf Audunson bezieht. Ich hatte allerdings schon auf das überaus anregende norwegische Projekt PLACE hingewiesen. Der deutsch-völkische Blick der Kabo meint aus den Texten von Audunson wohl herauslesen zu können, wie man in Bibliotheken Schmierenkomödien von Kulturen kolportieren kann. Dem Projekt PLACE geht es aber um ganz etwas anderes. Sie untersuchen, wie die Bibliothek in einer durch zunehmende Diversität geprägten Gesellschaft ihre Funktion als Treffpunkt ausfüllt, ob dort zivile Allgemeinheit, republikanischer Gemeinsinn erzeugt wird.

Mein Entsetzen entsteht auch daraus, dass diese Kabo nicht alleine da steht. (Mir ist nicht bekannt, ob auf dem Bibliothekartag irgendjemand protestiert hat.) In BuB 11/12.2009 berichtet eine bibliotheksbefugte Amtsperson zu Schleswig-Holstein von der Jahrestagung der Fachkonferenz der Fachstellen. Verkündet wird, dass Bibliotheken Menschen mit Migrationshintergrund etwas über ihre Heimat vermitteln wollen. Menschen mit Migrationsgeschichte bilden 19 % der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland. Der größere Teil – zehn Prozent – sind deutsche Staatsbürger. Der kleinere Teil – neun Prozent – hat Einbürgerungsansprüche und wird mit greifendem neuen Staatsangehörigkeitsrecht zunehmend automatisch eingebürgert. Bis heute unwidersprochen sehen Bibliothekare die Heimat deuscher Staatsbürger nicht in Deutschland.

Sie sollten eine weitere Fachstellenkonferenz nicht in Lüneburg sondern in Hannover machen. Als in-house Seminar im Sozialministerium. Die Ministerin – eigenartig, dass die Kultur Özkan keine Kultur Ministerin ist – könnte Bibliothekaren dort etwas über ihre Heimat erzählen. Ich habe mit ihr die gleiche Heimat. Es ist Hamburg.

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