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Der kurioese Bibliotheksbote worinnen zu finden sind allerley newe Zeitungen

Deutschland wird immer reicher und klüger

wenn deutsche Bibliotheken dieses Buch nicht anschaffen. Ein Pflichtexemplar in der DNB reicht zur Dokumentation des Geisteszustandes einer Person und einer Epoche aus.

13 Kommentare

  1. Ohne eine ethische Zensurdebatte anwerfen zu wollen, glaube ich eher an ein Sto Bestseller Sachbuch durch die ekz…
    Gründe: von Bild (http://www.bild.de/BILD/politik/2010/08/24/thilo-sarrazin/neues-buch-deutschland-schafft-sich-ab.html) bis taz (http://www.taz.de/1/leben/koepfe/artikel/1/inszenierung-als-tabubrecher/) beschäftigt das Werk die Medien. Quasi entsteht dadurch eine gesamtgesellschaftliche Verpflichtung an der Debatte.
    Aber keine Angst. Ob „Bushido“ gerade durch ein „Feuchtgebiet“ wandert, oder ob „Deutschland sich abschafft“, was „Nichts als die Wahrheit“ wäre – es wird im Grundrauschen der Beliebigkeit nach wenigen Wochen vergessen sein und irgendwann makuliert.

  2. Bravo! Der Bibliothekar als Volkserzieher.

    Ich wundere mich immer, warum ich hier in Potsdam DDR-kritische Fachliteratur per Fernleihe besorgen muss. Jetzt beschleicht mich eine Ahnung.

  3. Darf ich ein Buch persönlich nicht schlecht finden und dies öffentlich kund tun, ohne dass mir Volkserziehungsfantasien unterstellt werden? Ich wäre auch sofort dafür, dass Geld für Astrologie-Bücher und andere Scharlatanerien lieber für echte Wissenschaft auszugeben.

    Was die DDR-kritische Lektüre angeht: Versuchen Sie’s doch mal mit einem Anschaffungsvorschlag. Oder fragen wir doch gleich die eventuell mitlesenden Potsdamer Bibliotheken.

    Linientreue Potsdamer Bibliotheken (SLB, UB und FHP und ?): Warum schafft Ihr keine DDR-kritische Literatur an? Möchtet Ihr Herrn Schlamp erziehen?

  4. Lieber Axel Schaper,

    wenn DAS Ihre Vorstellung von bibliothekarischer Arbeit ist, dann gute Nacht Bibliothekswesen. Zensieren wir jetzt nach uns passenden Inhalten? Nee – Bibliotheken haben einen durch das Grundgesetzt legitimierten demokratischen Auftrag. Wenn man es pathetisch sagen möchte: Bibliotheken sind grundlegend für eine funktionierende Demokratie. Deswegen müssen wir uns auseinandersetzen können mit solchen merkwürdigen und dümmlichen Büchern – oder?

  5. @Günter K. Schlamp

    Erstens, was hat die DDR mit Sarrazins rassistischen Aussagen zu tun? Und zweitens: so lassen wir doch jene verschrobelten Thesen eines Sarrazin auf die Bevölkerung (z.B.) der sächsischen Provinzen los – ausleihbar in öffentlichen Bibliotheken. Ihnen Herr Schlamp sollte klar sein, welch Wirkung solch ein Werk in entsprechend „vorgebildeten“ Regionen haben kann. Meinen Sie etwa auch, Bibliotheken sollten Bücher des Kopp-Verl. in ihre Regale stellen? Dort werden schon seit Jahren fremdenfeindliche Texte verlegt. Na, wie wärs?

    Verantwortungsvolle Informationsvermittlung/-bereitstellung sieht anders aus!!!

    Und @Iche

    Wir – Bibliothekare – können uns sehr gerne differenziert mit dieser Schrift auseinandersetzen, ja, wir müssen es sogar. ABER – können es auch die Benutzer einer Bibliothek in der Sächsischen Schweiz? „Was wollen denn die Türken hier, die machen doch eh nichts – sagt ja sogar der Bundesbanker. Und außerdem bietet es die (öffentlich finanzierte) Bibliothek, also der Staat, an!“ Also: Brennen wir den Dönerladen nieder (siehe dazu bspw.: http://npd-blog.info/2010/08/29/brandanschlag-sachsen/)!

    Falsch verstandenen politische „Unparteilichkeit“ der Bibliothekare kann in bestimmten Regionen gefährlich werden.

    Und außerdem: Wenn hier schon von Art. 5 GG geredet wird. Schauen wir uns doch einfach mal Art. 1 GG an – zählt der nicht für Bibliotheken? „Warum steht in Ihrer Bibliothek eigentlich ein Buch, welches mich als Muslime als minderwertige Spezies darstellt?“ Ich bin auf die Reaktionen des Thekenpersonals gespannt.

    Beste Grüße

    Ves‘

    PS: Und denkt wirklich einer der (Großstadt-)Kommentatoren, eine Halbtags-Bibliothekarin würde einen kritischen Diskurs mit einem „Autonomen Nationalisten“ vom Zaun brechen?

  6. Lieber Ves‘,

    dieser Anspruch MUSS aber der Anspruch der Bibliothekare und Bibliotheken sein! Wenn wir diesen Anspruch streichen können wir alles halbwegs Mißverständliche verbannen, angefangen bei Stephenie Meyers „The Twilight Series“, einer reaktionären und zutiefst sexistischen Vampirsaga, die nur zu verstehen ist kenn man die Hintergründe. Wo fangen wir also an mit „Zensieren“? Richtig – gar nicht…

  7. Warum sollen Bibliothekare einen kritischen Diskurs zum Werk mit ihren Entleihern vom Zaun brechen? Das ist nicht unsere Aufgabe. Die Thekenbibliothek ist abgeschafft. Nur in der Auskunft und Beratung hat unsere Meinung und unser Urteil etwas zu suchen. Stattdessen haben wir auch kritische Werke vorzuhalten solage sie nicht verboten/indiziert sind und jeder Nutzer muß sich sein eigenes Urteil bilden. Bibliothekare sind nicht verantwortlich zu welchen Schlüssen der Leser eines Werks kommt…. Das nennt man Freiheit…

    Haben wir Goethes Roman Die Leiden des jungen Werther im Bestand?

    Und warum soll ein Musilm sich beleidigt vom Bestand einer Bibliothek fühlen? Hier sind wir bei den Mohammed-Karikaturen. Wir müssen nicht gut finden, was ein anderer sagt, schreibt oder denkt, aber um unserer eigenen Freiheit willen müssen wir es ertragen, ja sogar dafür kämpfen das er es darf. Dies sollte wohl Grundkonsens sein in unserer Gesellschaft. Ja wir müssen auch andere Meinungen ertragen.. selbst wenn sie abwegig sind…

    Und für den Bestandsaufbau gilt. Was den Nutzer interessiert, das soll er auch bekommen.

  8. @nera

    wenn also der nutzer ein „nazi-buch“ möchte, muss ich es ihm zur verfügung stellen – weil es ihn halt interessiert? ohne kritischen diskurs? die bibliothek ist also nach ihrer meinung doch nur eine büchersammelstelle?

  9. @Iche Falsch denn diese würde mit Sicherheit unter:
    – Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen:§ 86a StGB
    – Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole: § 90a StGB
    – Volksverhetzung: § 130 StGB
    – Anleitung zu Straftaten: § 130a StGB
    fallen.

    Dies stellen übrigens Gerichte bzw. die Bundesprüfstelle fest und nicht Bibliothekare.

    Wie soll denn bitte der kritische Diskurs mit dem Leser aussehen? Soll auf jedes Buch ein Aufkleber:“Vorsicht umstrittene Thesen“? Soll ein Bibliothekar bei der Ausleihe auf den verwerflichen Inhalt hinweisen?

    Um noch etwas konstruktives zur Diskussion beizusteuern. Ein Weg wäre es den OPAC für Nutzerbewertungen, Kommentare und Rezensionen zu öffnen. Dann entlarven sich schlechte oder umstrittene Positionen von selbst und jeder Leser weiß was ihn erwartet.

  10. @Nera

    So einfach können Sie es sich nicht machen. Nehmen wir Bücher des Kopp Verlages http://www.kopp-verlag.de/ – der vertreibt u.a. „braune Esoterik“. Alles völlig legal – und sehr ekelhaft.

    Tut mir leid, ich kann mit dieser Art des sich enthaltenden und bücherbereitstellenden Berufsbildes nichts anfangen.

    Ich erwarte eine Auseinandersetzung mit den Inhalten, Ausstellungen, Diskussionen und verschiedenste Veranstaltungen zu solchen Themen. Wenn sich das Bibliothekswesen darauf zurückzieht unkritisch einfach alles ins Regal zu stellen, dann hat es verloren – ebenso beim Verschweigen der Inhalte.

    Im Übrigen ist die Diskussion an sich schon konstruktiv – sie zeigt nämlich die Schwachstellen der eigenen Auseinandersetzung mit dem Thema auf.

    Beste Grüße

  11. Ich finde die Diskussion auch sehr anregend. Wäre schön wenn es mehr kritische Diskussionen außer nur mit kg im Bibwesen geben würde. Aber zurück zum Thema:

    Wenn ich erst einmal zusammenfassen darf haben wir jetzt zwei Themenkomplexe offen.

    1. Erwerbungspolitik und ihre Grenzen
    Nutzerwunsch vs. Erwerbungspolitik und ihre Richtlinien

    2. Inhaltliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Bestand

    Zu Thema Nr 1.
    Erwerbungsrichtlinien können hier ein Weg sein dem zu begegnen. Allerdings sollten diese offen für den Nutzer einsehbar liegen. Bislang ist es für die Nutzer häufig (Vom Fachlichen Erwerbungsprofil abgesehen) intransparent warum ein Werk gekauft wird und warum nicht. Mich würde interessieren wie entsprechende Richtlinien ausformuliert sind(Mir ist spontan kein richtig gutes Beispiel bekannt). Abwägung Informationsfreiheit und berechtigtes Kundeninteresse vs. (Wir stellen nicht jeden „Schund“ ein)
    Wie ist Schund definiert ?

    Beim zweiten Thema sind wir uns wahrscheinlich näher auch wenn ich die vorhergehenden Kommentare lese:“Wo fangen wir also an mit “Zensieren”? Richtig – gar nicht…“
    Um sich mit einem Werk außeinander zu setzten muß ein Werk auch im Bestand sein damit sich jeder Nutzer sich ein eigenes Bild machen kann. Ausstellungen, Diskussionen und Veranstaltungen zu gesellschaftlich auch umstrittenen Themen zählen genauso wie die Lesung eines Heimatautors zum Bibliotheksgeschäft. Spannend wäre es noch zu disskutieren wie der Diskurs bei einem einzelnen Medium geführt werden kann. Ich habe im vorherigen Post ja schon einige Vorschläge gemacht: OPAC für Nutzerbewertungen, Kommentare und Rezensionen

    Schöner Artikel zum Giftschrank:
    http://www.welt.de/welt_print/article1620483/Im_Giftschrank.html

  12. Pingback: Reaktion zu „Wie frei ist der freie Zugang zu Information in Öffentlichen Bibliotheken“ « Ethik von unten

  13. Veselin :
    @Günter K. Schlamp
    …, was hat die DDR mit Sarrazins rassistischen Aussagen zu tun?

    Wenn Sie Sarrazin gelesen hätten, wüssten Sie es! 😉