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Überfremdung

Das Buch von Sarrazin ist bei den Bücherhallen Hamburg in sieben Exemplaren (Stand 22.09.10; 23.09.10: acht Exe.) nachgewiesen; alle sind entliehen. Auf eine Zählung der Nachweise im GBV verzichte ich. Bei den Bücherhallen habe ich mir die Schlagwortketten angesehen; das Kettenglied der 2. Schlagwortkette enthält auch den Begriff ‚Überfremdung‘. Die Bücherhallen verknüpfen damit (noch?) nur den Titel von Sarrazin; die WB im GBV u.a. den hier notorisch einschlägigen Buchanan. Die Bücherhallen dürften die Schlagwortketten importiert haben; einen Gedanken, was man dort übernimmt, hat sich wohl niemand gemacht. (Das Qualitätsmerkmal von Bibliotheken gegenüber google sei die Auswahl von Qualitätsmedien und die hochwertige Erschließung. So höre ich.) Das Schlagwort ‚Überfremdung‘ wird in der SWD nicht erläutert. Quelle ist B 1986 -> Brockhaus-Enzyklopädie. Die Schlagwortkette setzt den Begriff in Nachbarschaft mit ‚Intelligenzstruktur‘, einen auf das Individuum gerichteten Begriff der Neuropsychologie. (Quelle in der SWD: Dorsch -> Dorsch, Friedrich: Psychologisches Wörterbuch) Die Schlagwortkette reiht individuelle und gesellschaftliche Phänomene (z. B. ‚Multikulturelle Gesellschaft‘) nebeneinander. Hier hat man Sarrazin, der konkret durchaus benennbare individuell zurechenbare Probleme als Gruppeneigenschaften pathologisiert, nur zu gut verstanden. Eine kritische Distanz erkenne ich nicht. Auf netbib wurde eine windelweiche Diskussion über Zensur geführt. Es stimmt: jedes Denkverbot ist falsch. Dann nutze man aber zügig die bibliothekarischen Möglichkeiten, eine Diskussion zu versachlichen. Noch und noch ließen sich vernünftige Beiträge zur Migrationsdebatte nennen – wieso gibt es keine aktuellen Handreichungen auf www.interkulturellebibliothek.de? Auf das exzellente SVR-Gutachten wurde hingewiesen; Prantl hat hierzu am 11.09.10 in der SZ einen schönen Artikel geschrieben. Die Bertelsmann Stiftung legt heute einen Faktencheck „Deutschland schafft sich NICHT ab“ vor – usw. usf. Die Denktraditionen, aus denen der Sozialrasssismus von Sarrazin kommt, ließen sich benennen. Wieso findet sich auf den Seiten von www.interkulturellebibliothek.de keine Auswahlbibliographie von Titeln aus Geschichtswissenschaft & Co., wo jene volkswirtschaftlichen deutschen Studien der 30er und 40er Jahre untersucht werden, die ganz objektiv die Entfernung der nutzlosen Juden (in Sonderheit der Ostjuden) aus dem Wirtschaftsleben gefordert haben. Eine Entfernung, die unter den spezifischen nationalsozialistischen Eskalationsbedingungen zur Vernichtung der europäischen Judenheit führte. Statt eines solchen bibliothekarischen Diskussionsbeitrags zur Sarrazindebatte wird der Begriff ‚Überfremdung‘ eingeführt. Was immer das sei. (Hier aus dem Glossar der Schweizer Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus, GRA.) Die Berliner NPD macht gegen das geplante Partizipations- und Integrationsgesetz mobil. Sie tut das auch auf http://www.ueberfremdung-stoppen.de/ Deutsche Bibliotheken sollten sich überlegen, ob sie „Überfremdung stoppen“ wollen oder ‚Überfremdung‘ stoppen.

Schmid Carl Alfred, Unsere Fremdenfrage

10 Kommentare

  1. Pingback: Überfremdung in der SWD » Infobib

  2. Es ist ja schon verblüffend genug, dass ein von Rechtsextremen gern verwendeter politischer Kampfbegriff überhaupt in der SWD enthalten ist. Ich habe den 1986er Brockhaus gerade nicht zur Hand, könnte mir aber vorstellen, dass es dort um den entsprechenden ökonomischen Fachterminus geht (siehe Wikipedia). Auf jeden Fall kann man wohl dringenden Erläuterungsbedarf in der SWD feststellen. Und die völlige Gedankenlosigkeit bei den Sacherschließern im Fall Sarrazin.

  3. Pingback: Befremdliches, Allzumenschenverachtendes: Ein Katalogisat für feige Geister « Jakoblog — Das Weblog von Jakob Voß

  4. Vielen Dank für den Beitrag. Wenn es niemandem auffällt oder keiner den Mund aufmacht, wird es ja höchstens schlimmer.

  5. Und bitte nicht vergessen, das Schlagwort „Roma “ demnächst durch „Rotationseuropäer“ zu ersetzen (Hinweis in Faz.net http://bit.ly/9IWRhy), denn:
    „Für Polizei und Ordnungsamt sind diese Gruppen allerdings schwer zu greifen. Das fängt schon mit der Begrifflichkeit an. Die Bezeichnungen „Sinti und Roma“ sowie „Zigeuner“ dürfen aufgrund ihrer Verwendung während des Nationalsozialismus von den Behörden nicht verwendet werden.“
    Da hat man in der Behörde DNB noch viel zu tun.

    Irgendwann wird Political Correctness zu Orwellschen Neusprech…

    Zudem möchte ich nicht weiter auf die „windelweiche Diskussion über Zensur“ streiten, jedoch auf eine Möglichkeit hinweisen wie man mit dem Thema umgehen kann. Man beachte das Bild im Facebookauftritt (http://bit.ly/adg81u) mit dem Sarrazin Buchständer mit dem Satz:“Das wird man ja wohl noch lesen dürfen…“

  6. Pingback: „Überfremdung" in der SWD « Ethik von unten

  7. Die SWD darf auch gepflegt und weiter entwickelt werden. Statt über die Gedankenlosigkeit der Sacherschließer zu mosern, bitte mit anpacken, ein Schlagwort zu überarbeiten oder neu anzusetzen, kostet nämlich etwas intellektuellen und zeitlichen Einsatz. Das schaffen die paar Bibliotheken, die sich an der kooperativen Erschließung noch beteiligen und nicht hauptsächlich darauf warten, dass es jemand anders schon macht, nicht allein. Vielleicht einfach mal einen Weblog-Artikel weniger schreiben und ein Schlagwort mehr ansetzen oder bei praktischer Datenpflege für die Sacherschließung mitmachen. Jeder Verbundkatalog bietet reichlich Ansätze dafür.

  8. Auch in der Schweiz wird der Überfremdungsdiskurs seit langem geführt, zuweilen ohne das Wort in vorsichtige Gänsefüßchen zu setzen. Auslöser der aktuellen Fremdenangst sind im übrigen auch die zahlreichen deutschen Wirtschaftsflüchtlinge.

  9. Es ist ein gefährliches Buch und es liegt in der Verantwortung von klugen Bibliothekare, ob sie sich dem Thema offen stellen oder sich wegducken. Die letzten Wahlkämpfe in Österreich haben gezeigt, wie dieser Mann nun instrumentalisiert wurde, um den Hass gegen den islam und alles Fremde
    Er, der ebenso wie ein Großteil der Bevölkerung einschließlich der Bibliothekswelt bei dem Begriff Rassismus lieber auf andere zeigt, als sich selbst zu befragen, imstande ist vom Ottonormalhandwerker bis zum gebildeteten Akademiker Ängste und Hass zu schüren, dieser Mann ist zwar Bestsellerautor, aber muss dieser Hype noch durch Buchhandlungen und Bibliotheken weiter die Ausleihen und Verkäufe ankurbeln. Manch einer liest das Buch und merkt nicht einmal auf welcher Klaviatur es spielt. Eine offene Debatte ist wünschenswert und sollte auch diejenigen zu Wort kommen lassen, die etwas von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Sozialdarwinismus verstehen. Die vergangenen Fernsehsendungen haben gezeigt, dass dieser Mann sich nicht nur in seinem Buch selbst widerlegt, sondern eigentlich ein bedauernswertes kleines, armeseliges Würstchen ist, der gewisse Dinge ja so nie gesagt oder gemeint hat. Mir fällt im Augenblick kein Buch in einer deutschen Bibliothek ein, dass mehr Sprengkraft hat, dass es Desinformation und Propaganda in manchen Köpfen auszulösen imstande ist. Meiner Ansicht gibt es selbst in der ach so klugen Bibliothekswelt genügend Bibliothekare, die das alles nicht so schlimm sehen und nur gewisse Inhalte bedenklich sehen. Dieser Berufsstand sollte sich der Aufklärung bedienen und es anbieten, aber nicht um der Ausleihzahlen willen. Wer erklärt dem doofen oder dem vermeintlich klugen Akademiker, dass es sich dabei um ein Buch handelt, dass zwar in Politikern Aktionismus auslöst, aber auch dazu fähig ist andere zu blenden und keinesfalls ein ausgewogenes Bild der Integration vermittelt?

  10. Das ist ja alles richtig. Die Frage ist doch, ob die Verschlagwortung die Tendenz des Autors zum Ausdruck bringen soll oder nicht. Wenn ich ein Buch suche – und sei es als schlechtes Beispiel – das sich negativ zu den Migrationsprozessen in Deutschland aüßert, freue ich mich doch wenn ich mit der Eingabe: „Überfremdung“ das richtige finde.