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Der kurioese Bibliotheksbote worinnen zu finden sind allerley newe Zeitungen

Entwicklung des Bibliothekswesens, z.B. in Sachsen-Anhalt

Der netbib-Leserinnen/-Lesern ob seiner kreativen Vorschläge (vgl. „Rückbesinnung auf das Kerngeschäft“) bereits bekannte Präsident des Landesverwaltungsamtes Sachsen-Anhalt sieht nach einer Meldung in Dnews Bibliotheken zukünftig in einem schwierigen Anpassungsprozess. Sie müßten sich zu „modernen Dienstleistern“ entwickeln und „sich an die Lebenswelt ihrer Nutzer anpassen“. Worthülsen, die irgendwie stimmen, irgendwie aber auch nicht: Sollen wir die Ausleihe von Bestsellern unter denjeningen, die sie vorgemerkt haben, wie bei Ebay auf Auktionen versteigern, Beschwerden outgesourct mit Hilfe von externen Callcentern („PLEASE HOLD THE LINE! Sie werden gleich verbunden! Dideldideldum dideldidel da. PLEASE HOLD THE LINE! Sie werden …“). Bücher werden nicht mehr von der Fahrbibliothek, sondern von einem Packetdienstleister ausgeliefert etc. etc. – Der Präsident wurde auch schon von Der Linken kritisiert, die allerdings eher alles in Butter sieht, da die Bibliotheken sich bereits auf einem guten Weg befänden. [via Halleforum]

8 Kommentare

  1. So dümmlich es klingt was der Herr Präsident da sagt und so
    nett die lustigen negativen Beispiele für z.B. ausgelagerte
    Dienstleistungen sind, es bleibt festzuhalten, dass sowohl in der
    Lehre (bibliothekarisches Studium) als auch in der Praxis vielerlei
    dümmliche betriebswirtschaftliche Verfahren bereits existieren.
    Zudem ist ja z.B. die Selbstverbuchung durchaus zu diskutieren, da
    ja einfach eine Arbeit aus der Bibliothek auf die Nutzer der
    Bibliothek ausgelagert wurde – auch wenn es wunderbar verkauft wird
    als Fortschritt. Anderes Beispiel: Qualitätsstandards – werden
    gerne definiert von Personen außerhalb der täglichen praktischen
    Arbeit. Man muss nur mal die Zeit investieren und mit Schulleitern
    sprechen, die können einem wunderbar erklären, wie von außen
    eingebrachte Qualitätsstandards die Bürokratie derart erhöhen, das
    jedwede – wenn überhaupt meßbare – Qualität sinkt. Will heißen –
    man kann sich gerne über solche Worthülsen auslassen, aber es wirkt
    ein bißchen unehrlich, wenn man dabei all jene „modernen“
    betriebswirtschaftlichen Verfahren ausblendet, die die tägliche
    Arbeit bereits erschweren und Bürokratie schaffen, statt die
    Effizienz zu steigern UND dabei nicht erwähnt, dass viele solcher
    betriebswirtschaftlichen Verfahren kritiklos und unhinterfragt
    akzeptiert werden.

  2. Darüber hinaus meint der Präsident wohl nicht die Outsourcing-Sünden der Wirtschaft (wohlgemerkt, die Japaner haben diesen Ami-Quatsch nie mitgemacht), sondern solche „Lebenswelten der Nutzer“ wie z.B. das Internet. Und das fängt bei einem nicht vorhandenen oder bestenfalls langweiligem Online-Katalog an und hört bei einer unbrauchbaren Homepage noch lange nicht auf. Mal wieder Genthin als Musterbeispiel dafür, woran es hapert: http://www.bibliothek-genthin.de/wir.htm
    Diese Bibliothek versteht sich aparterweise als „moderne Kultur- und Bildungseinrichtung“. Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie haben recht (Hommage an Joschka)

  3. Sehr viel ausführlichere Analyse drüben bei Bibliothekarisch.de!und die Kommentare!

  4. @derohnename: Nun ja:
    – zunächst sind die Begriffe, die der Präsident verwendet, relativ allgemeine Metaphern, die richtig oder falsch, so oder so gefüllt werden können. Ich wäre offen gestanden nicht so drauf angesprungen, wenn es da nicht diesen Vorlauf im Frühjahr 2010 mit „Konzentration auf das Kerngeschäft“ gegeben hätte.
    – das was die Partei Die Linke dazu zu sagen hat, kann man auch so oder so sehen. Im Grunde ist alles auf dem guten Weg und wir können uns beruhigt zurücklehnen. Gäbe es da die Kommentare von Susanne Drauz nicht …
    – und betriebswirtschaftliches Denken, Marketingkonzepte und Qualitätssicherung oder -denken in irgend einer Form empfinde ich als ein Muss. Nur ist da die Bandbreite wieder riesig, zwischen dümmlichem Übernehmen von Schemata und kontraproduktivem Aufwand (wie Sie es zu Recht an diesen unsäglichen bürokratischen Übungen in Sachen „Qualitätssicherung“ exemplifizieren) und notwendigen Überlegungen über Zielgruppen, Bedürfnisse, richtigen Dienstleistungen und richtiger Politik gegenüber dem Träger. In meinen Augen geht es um richtiges Handeln. Worthülsen, hohles Marketing und „business as usual“ könnte unter den Rahmenbedingungen eines raschen Wandels von Technik, Medien und in Folge dessen Benutzerbedürfnissen tödlich sein. Insofern bin ich mit Ihnen einverstanden, wenn Sie die kritiklose und unhinterfragte Übernahme von Schemata kritisieren, aber nicht an einer grundlegenden Kritik dieser Ansätze.

  5. Ich möchte beim Thema Qualität auf ein Masterprojekt der FH Köln hinweisen, welches im Bibliotheksdienst 1/11 erschienen ist:
    BETRIEBSORGANISATION
    Marcus Sommerstange: Ein Vergleich der DIN EN ISO 9001:2008, des EFQMModells
    für Excellence und der AKMB-Standards unter Berücksichtigung
    ihrer praktischen Anwendung in drei Beispielbibliotheken.

    Als eine von drei Beispielbibliotheken kann ich weder Kennzahlen im Bundeslanddesign noch Rankings á la Bix etwas abgewinnen um Qualität vor Ort zu messen. Man hat mir aber neulich versichert, das zum BIX bald die Wegweiser Kommune Daten angefügt werden. Wenn sich dann Typ 3 Kommunen und Typ 1 Kommunen vergleichen gibt es wenigstens etwas mehr Transparenz. Kollegen in sozial schwachen Bezirken werden nie die Ausleihzahlen aus STudentenstädten erzielen. Was also nutzt eine landesweite Kennzahl, wenn das Umfeld bisher unbeachtet bleibt. Noch ein Beispiel sinnloser Kennzahlen: Bibliothek mit Größe X bringt Y Pressemitteilungen per Anno um einen „Standard“ zu erreichen.
    Falls ein Bibliotheksdienst zur Hand ist und Interesse am Text besteht, bitte ich um PN – (ein Drittel des Textes kommt irgendwie auch von mir ;-))

  6. @jplie Alter Finne, und Wolli (Stadtrat a.D.) kämpft tapfer für divibib.com 🙂 Tolle Erwiderungen, ganz großes Kino, Danke für den Hinweis auf die Kommentare – ohne den hätte ich bei den mitternächtlichen Unfugantwortmails viel zu früh aufgehört zu lesen.