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Bitte nicht

In der vergangenen Woche wurde das Manifest der Vielen publiziert und im Maxim Gorki Theater in Berlin präsentiert. Es ist eine Wortmeldung derjenigen, die Gegenstand der brüskierenden, diffamierenden, ausgrenzenden, offen rassistischen Debatte um das Buch von Sarrazin sind. Zu den Beiträgern des Manifests gehören Journalistinnen wie Sezgin und Forudastan, denen deutsche Tages- und Wochenzeitungen offenstehen – und die doch nur ihre Einsamkeit bekennen können. Ferdos Forudastan, deren Artikel ich wohl mehr als ein Vierteljahrhundert lese, die ich als Moderatorin von Podiumsdiskussionen erlebt habe. Souverän geleitet. Auf Deutsch. Mit ebenso höflichen wie bestimmten Nachfragen – deren Maßstab nicht der Koran ist.

Eine der Bibliotheken, die den Sarrazin angeschafft hat, ist die Stadtbibliothek Duisburg. (Duisburg. Bitte nicht Duisburg. Hier ist ein Ruf zu verlieren.) Ihr Leiter, Barbian, ist Autor eines der von mir meist geschätzten Bücher ‚Literaturpolitik im NS-Staat‘ (früher: … im „Dritten Reich“). Die folgende Frage richtet sich nicht an die bibliothekarische Obrigkeit; es ist eine an eine fachlich versierte Person: das Buch von dem Sarrazin, das sich in Duisburg in Staffelexemplaren findet, hat er sich einmal angesehen? Ein großes Manko des Buches ist, dass die verarbeitete Literatur sich nicht in einer Bibliografie am Ende findet. Den Titeln ist mit den Fingern über die Anmerkungen nachzuspüren. Das hat Herr Barbian schon einmal gemacht? Eine sachlich Begründung für den Erwerb eines Titels, der sich wesentlich auf amerikanische Autoren der Eugenikdebatte vor Auschwitz stützt, gibt es? Stolpersteine sind für draußen? Für drinnen ist es kein Stolperstein, wenn jemand Autoren zitiert, die als Leugner der Schoah genannt werden?

Zu den Autorinnen des Manifests gehört auch Hatice Akyün, die hier in netbib einmal im Zusammnehang mit Laschets Aufsteigerrepublik genannt wurde. Sie bekennt sich wieder als Leserin, die durch die Stadtbibliothek Duisburg in die deutsche Literatur eingeführt wurde. Sie möchte sich dafür bedanken. Kann ihr jemand schonend beibringen, das sie das bitte nicht tun möge? Sie wird dort den Sarrazin finden. In Hamburg findet sich der im Eingangsbereich. In der Spiegel Bestsellerliste. Ich weiß nicht, wie in Duisburg die ZB Bestseller präsentiert werden. Ich sehe aber, wie die Stadtbibliothek Duisburg den Sarrazin im Katalog präsentiert. Auch dort findet sich das Schlagwort ‚Überfremdung‘, das wir der DNB verdanken.

Der Agent der Überfremdung, der uns bedroht, das ist sie. Hatice Akyün.

28 Kommentare

  1. Lieber Herr Schaper, „Hygiene beginnt im Kopf“ – in diesem Sinne ist in dem Sarrazin Buch selbstverständlich rassistisches Gedankengut enthalten. Und in diesem Sinne ist das Schlagwort „Überfremdung“ in bester Tradition in bester Tradition des Gedankenguts von Wolfgang Herrmann. Und in diesem Sinne stehe ich jederzeit im Schulterschluß neben Ihnen, um mit dem verbalen Baseball-Schläger drauf zu hauen. Aber ich stehe auch auf, wenn auch nur ein Anschein von Zensur am Horizont auftaucht. Noch habe ich meinen Glauben an mündige Bürger nicht aufgegeben. Und Zensur ist immer auch der Anfang von Diktatur. Auch hier geht es um „Hygiene im Kopf“.
    Beste Grüße
    Susanne Drauz

  2. Ich finde es schon äußerst bedenklich, wie hier nicht zum ersten mal von Herrn Schaper der Wunsch nach Zensur und dem Verbot eines Buches verbreitet wird. Für Herrn Schaper gilt Meinungsfreiheit wohl nur solange, wie ihm die Thematik eines Buches genehm ist. Mögen hinter diesem Verhalten auch gute Absichten stecken, ist dies im Endeffekt gefährlicher, als die Thesen eines Herrn Sarrazins.

  3. Ich kannm einen beiden Vorrednern leider nicht zustimmen. Im Gegenzug mit der Zensur-Keule zu schwingen hilft hier nicht weiter. Bringen wir das Problem doch mal in eine kleine fiktive Gemeinde, in der es sagen wir 20% NPD Wähler gibt. Das ist kein sehr fernes Beispiel. Würde man nun dem Prinzip folgen, man müsse als Bibliothek kaufen was die Mehrheit sich wünsche, müßte ich dann auch z.B. „braune Esoterik“ kaufen wenn ein großer Teil der Nutzer dies wollte? Diese Bücher sind nicht verboten, würde ich den Nutzerwünschen dann nicht entsprechen, würden sie beide vor mir dies Zensur nennen. Ich nicht – ich würde darauf bestehen, dass wir einen Bildungsauftrag haben. NUR – und da liegt vielleicht ein Fingerzeig für zukünftige Auseinandersetzungen, ich würde vorher ein Leitbild für die Bibliothek und auch für den Bestand schaffen und die Nutzer der Bibliothek auch darüber diskutieren lassen. Daran orientiert kann man auch auf Herrn Sarrazin verzichten. Kauft man es einfach so nicht – dann hinterlässt es tatsächlich ein Geschmäckle. Der einfache Zensurvorwurf hingegen ist ein bißchen dünn als Begründung.

  4. Der Versuch ist schon unseriös, meine wissenschaftliche Autorenschaft gegen meine berufliche Tätigkeit ausspielen zu wollen. „Wertschätzung“ sieht anders aus. Aber zur Sache selbst: Erstens findet laut Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland eine Zensur ausdrücklich nicht statt -es sei denn, eine Publikation verstößt gegen Grund- und Menschenrechte – was bei Herrn Sarrazin nicht der Fall ist. Zweitens wurde das Buch im Rahmen des Service „SPIEGEL-Bestsellerliste“ angeboten – wie in allen anderen Öffentlichen Bibliotheken Deutschlands auch (nicht nur in Duisburg!), wobei Herr Schaper am besten auch noch den Buchhandlungen den Verkauf des Buches von Herrn Sarrazin verbieten sollte, wenn ihn schon die Ausleihe in einer Bibliothek stört. Drittens sollen sich Menschen eine eigene Meinung bilden können – das ist nun einmal Demokratie. Die Menschen werden dann hoffentlich zu dem Schluss kommen, dass Herr Sarrazin ein schlechtes Buch mit fragwürdigen Aussagen geschrieben hat. Mir ist jedenfalls eine offene, demokratische Gesellschaft mit Kontroversen lieber als eine Erziehungsdiktatur, Herr Schaper.

    • Mit Verlaub, auch wenn ich nicht vom Fach bin, ich sehe einen gewaltigen Unterschied zwischen „den Verkauf eines Buches verbieten“ und „ein Buch nicht für eine öffentliche Bibliothek beschaffen“.
      Nur ein sehr kleiner Teil der erschienenen Bücher findet sich in öffentlichen Bibliotheken; sind deshalb alle anderen „zensiert“? Porno-Hefte werden auch viel gelesen, aber deshalb muss man ihre Beschaffung ja nicht aus öffentlichen Mitteln finanzieren.
      Bereits das Verfassen von DSSA wurde mit öffentlichen Mitteln subventioniert, da Sarrazin hochbezahlte Arbeitszeit im Amt dafür nutzte, nachdem er seine Sekretärinnen zum Quellensammeln eingesetzt hatte (siehe „Als Bundesbanker war die Arbeit dienstags getan“, DIE WELT, 11.02.11). Was ist eigentlich unter einem öffentlichen Auftrag zu verstehen?

  5. Ein Buch, das in einem einigermaßen renommierten Verlag erschienen ist, ein riesiger Verkaufserfolg ist und seit Monaten die öffentliche Diskussion beherrscht, soll also in öffentlichen Bibliotheken nicht aufliegen dürfen. Schaper schafft das letzte bisschen Relevanz, dass sich die öffentlichen Bibliotheken im Internetzeitalter noch erhalten haben, mit arrogantem Gestus gleich auch noch ab. Wenn man ein Buch nicht kaufen kann oder möchte, sollte man sich in einer öff. Bibliothek einen Eindruck davon verschaffen können. Wer das verhindert, schließt nicht nur Ärmere von Bildung und Mitsprache aus, sondern erhöht außerdem noch die Verkaufszahlen des bösen Buchs.

  6. @Dr. Jan-Pieter Barbian
    Volle Zustimmung. Die Lücken, die angeordnete und aus eigenem Antrieb ausgeübte Zensur in Bibliotheken allein im 20. Jahrhundert gerissen hat, dürften jedem historisch arbeitenden Wissenschaftler immer wieder auffallen, sei es bei „Schmutz- und Schund“, Büchern jüdischer oder politisch unliebsamer Autoren von rechts oder links. Im Zweifelsfall macht Zensur nur neugierig, Zensiertes entfaltet erst dann möglicherweise seine volle Wirkung.

  7. Der Vorwurf von Herrn Schaper gen Duisburg ist aber auch „…Ich sehe aber, wie die Stadtbibliothek Duisburg den Sarrazin im Katalog präsentiert. Auch dort findet sich das Schlagwort ‘Überfremdung’…“ und dieser Vorwurf von Herrn Schaper ist überaus berechtigt. Ich sehe leider nicht, dass insoweit eine sachliche oder gar sachgerechte Reaktion erfolgt ist.

  8. @Susanne Drauz
    Ich weiß nicht, wie es in NRW und Duisburg ist, aber im GBV werden die Schlagwortketten von der DNB eingespielt, und die sollen nicht gelöscht oder verändert werden und werden in den Katalog der Verbundteilnehmer angezeigt. (Sie können in den verbundeigenen Schlagwortkategorien ergänzt werden.) Das von Herrn Schaper inkriminierte Schlagwort ‚Überfremdung‘ stammt aus der Erschließung der DNB: http://d-nb.info/1002534909. Es ist also alles andere als angemessen, zeugt evtl. auch von geringer Kenntnis der Verbund- und Bibliotheksstrukturen, wenn dem Leiter einer Bibliothek – sei es in Duisburg oder sonstwo – zum Vorwurf gemacht wird, dass im Katalog seiner Bibliothek Schlagwörter angezeigt werden, die weder er noch seine Bibliothek vergeben hat. Die Beschwerde müsste sich an die DNB richten.

    Kooperative Sacherschließung hat Vorteile und Nachteile. Zu den Vorteilen gehört die Arbeitszeitersparnis, die trotz aller nötigen Datenpflege unter dem Strich noch dabei herauskommt. Zu den Nachteilen gehört die geringe Kontrolle über die Sacherschließung – manchmal gilt leider, dass viele Köche den Brei verderben. Nachdem ein Buch über den eigenen Schreibtisch gegangen ist, kommt man nur noch durch Zufall (oder jedenfalls nicht systematisch) wieder darauf zurück und sieht, was andere ergänzt und/oder korrigiert haben. Und dabei gilt für den GBV, wie gesagt, dass die Schlagwörter der DNB sakrosankt sind, ebenso die aus den anderen Verbünden eingespielten. Offensichtliche Fehler dürfen an die Zentralredaktionen gemeldet werden. Das ist so umständlich, dass es schon sehr schlimm sein muss, damit man diesen Schritt macht.

  9. @Nemissimo: „Offensichtliche Fehler dürfen an die Zentralredaktionen gemeldet werden. Das ist so umständlich, dass es schon sehr schlimm sein muss, damit man diesen Schritt macht.“

    Diese zwei Sätze offenbaren aufs schönste das ganze Elend des deutschen Bibliothekswesens und die schiere Übnerflüssigkeit der vielen Verbünde.

  10. @Bürger
    Wohl war, aber es wäre auch ein Fehler, das Bibliothekswesen auf verbale Sacherschließung zu reduzieren. Was die Anzahl der Verbünde betrifft, hat der Wissenschaftsrat ja denkbar erfreulich klare Worte gefunden.

  11. @Nemissimo Und ich finde die Verwendung des Unwortes des Jahres 1993 ist schlimm genug – so schlimm, dass ich in meinem ersten Beitrag auf Wolfgang Herrmann Bezug genommen habe.
    Herr Schaper hat das Wort Überfremdung nicht inkriminiert, er hat mitgeteilt, dass es seit annähernd 20 Jahren durch die Gesellschaft für Deutsche Sprache richtigerweise in der rechtsradikalen Schachtel eingeordnet wird.
    Nach meinem Verständnis muss sich der Direktor der Stadtbibliothek Duisburg zu allererst vor sich selbst (moralisch) und als zweites gegenüber der Stadt Duisburg (juristisch) verantworten. Ich fürchte, dort wird man sich für Verbund- und Bibliotheksstrukturen überhaupt nicht interessieren.
    Ich erinnere mich an eine Podiumsdiskussion bei einer Tagung der Deutsch-Israelischen Juristenvereinigung 1993 in Karlsruhe. Auf dem Podium saß Alexander von Stahl, Generalbundesanwalt. Er eröffnete seine Vorstellung damit, dass er sich als Enkel einer „Halbjüdin“ outete. Ignaz Bubis saß ebenfalls auf dem Podium und rügte in der ihm eigenen wortgewaltigen Art die Nutzung dieser Nazi-Wortschöpfung – von Stahl verlies das Podium. Der arme Mann hatte es einfach nicht verstanden, dass Worte verräterisch sind.
    Da ich nicht katholisch bin, muss ich noch nicht einmal den Pabst für unfehlbar halten – ganz zu schweigen von Schlagwortvergebern bei der DNB, den Wächtern beim GBV oder pseudo-möchtegern-verbindlichen Regelwerken ohne Gesetzeskraft (dann könnte man ja immerhin dagegen klagen, da wüsste ich dann wieder wie das geht)
    Aber wie gesagt, ich dachte an Wolfgang Herrmann

  12. Werte Frau Drauz, fällt Ihnen vielleicht noch auf, dass Sie die Sarrazin-Methode perfekt anwenden? Sie stellen Behauptungen auf, die Sie nicht beweisen können und beschimpfen Menschen, die Sie nicht kennen. Darüber hinaus sind Ihre historischen Vergleiche fast schon justiziabel. Ich möchte Sie herzlich bitten, diese Art der Verunglimpfung zu unterlassen! Im übrigen werde ich Ihre Äußerungen an die Generaldirektorin der Deutschen Nationalbibliothek weiterleiten, von der DNB übernehmen wir nämlich die Schlagworte zu allen Büchern in unseren Katalog – wie die meisten Öffentlichen und Wissenschaftlichen Bibliotheken auch. Sie können sich dann gerne mit Frau Dr. Niggemann weiter juristisch auseinandersetzen.

  13. Ich befinde mich mit meiner Assoziation in guter Gesellschaft, denke ich. Die Begründung der Gesellschaft für Deutsche Sprache für die unrühmliche Auszeichnung des verwendeten Schlagwortes zum Unwort des Jahres 1993 finden Sie hier:
    http://www.uni-frankfurt.de/fb/fb10/IDLD/ehemalige_histSprw/Schlosser/unwortdesjahres/unwoerter/1993.html – gekürzter Link:
    http://tinyurl.com/6jkfngh

    Am Rande bemerkt: Juristisch betrachtet, stelle ich keine Behauptungen auf – Behauptungen haben etwas mit Tatsachen zu tun, die man verifizieren kann oder nicht. Ich stelle Vermutungen an und teile meine Überzeugung mit. Aber das ist eine Marginalie und auch nur meiner Leidenschaft für die Sprache und einer sorgfältigen Wortwahl geschuldet.

    Ulkige Einstellung übrigens: wir haben einen Lieferanten, der ist nach unserer Definition unfehlbar und das befreit uns vom eigenen Denken oder gar einer eigenen Qualitätsprüfung und selbstverständlich einer eigenen Verantwortung – oder habe ich es mißverstanden?

  14. Lieber Herr Dr. Barbian,

    eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den vorgebrachten Hinweisen und Vorwürfen haben Sie bis hierhin leider immernoch nicht gefunden. Der Verweis auf eine andere Institution als Lieferant einer Unmöglichkeit bzw. völlig inakzeptablen Wortschöpfung lässt auf eine merkwürdige Einstellung bezüglich eigener Verantwortung schließen. Aber vielleicht habe ich es wie Frau Drauz ein wenig vermutet auch falsch verstanden.

    P.S. den historischen Verweis gleich justiziabel einzuordnen empfinde ich als völlig unangemessen.

  15. Ich habe bei dieser Diskussion ein zwiespältiges Gefühl. Natürlich sind die Beiträge von Axel Schaper mit recht groben Klötzen gesegnet gewesen, aber um so mehr hätte man sich dazu verhalten können. Statt dessen war das letzte Mal Schweigen und dieses Mal? Zumindest wäre geklärt, dass es einerseits um das Thema Zensur und andererseits um das Thema Erschliessung geht. Und bei letzterem geht es – insbesondere in politischem Kontext – um die Frage, ob mit dem Begriff eine sachliche Benennung oder eine Wertung verbunden ist. Und hier auch, ob das gilt, was der/die Schlagwortvergeber/in gemeint hat zu bezeichnen oder das, was Nutzer meinen, was damit beschrieben ist. Ich denke nicht, dass wir jedesmal, wenn jemand etwas anderes aus dem Schlagwort liest, das ändern müssen (oder die Nationalbibliothek das machen muss), gleichwohl sollten wir uns bei Generaldebatten, wie sie die Aussagen von Herrn Sarrazin hervorgerufen haben, dazu verhalten. – Wir haben uns demokratisches Verhalten, haben uns Integration auf die Fahnen geschrieben (zumindest war es beim BIB das letztjährige Generalthema und Großstadtbibliotheken sollten mit diesem Thema sowieso vertraut sein), also müssten wir doch fähig sein, kritisch bis selbstkritisch mit solchen Einwürfen wie die von Axel Schaper umzugehen, auch Zwiespältigkeiten und Abstufungen von Haltungen benennen können, statt einer Policy des Schweigens bzw. des Schwarz/Weiß-Denkens. Ich hätte eher erwartet, in Kommentaren zu lesen: „Wir sehen das auch negativ bzw. zwiespältig und haben in dieser Hinsicht der DNB geschrieben“. Wir sollten mit – darf ich es bombastisch ausdrücken? – Schicksalsthemen der Gesellschaft souverän und differenziert umgehen können. Oder es zumindest versuchen.

  16. Das Buch ist weltweit in Bibliotheken vorhanden, und das ist auch gut so: Zensur und Dämonisierung haben noch nie zur Aufklärung beigetragen. Die Erschließung, einschließlich des ‚Unworts‘ (eigentlich ist ‚Unwort‘ selbst ein solches) wurde nicht nur von der Stadtbibliothek Duisburg übernommen, sondern über die Verbundzentralen praktisch in allen deutschen Bibliotheken, die SWD-Schlagwörter verwenden. Und darüber hinaus in Österreich und der Schweiz. Man kann darüber diskutieren, indiskutabel jedoch ist es, eine spezielle Bibliothek und deren Leiter an den Netbib-Pranger zu stellen. Dieser sehr konkrete Vorgang, der genau auf eine Person zielt (und sei es exemplarisch gemeint), ist wesentlich bedenklicher, als das abstrakte und vielleicht unpassend angesetzte und verwendete Schlagwort. Und dies wiederum spiegeln die Kommentare wieder.

  17. @Nemissimo Ich bin Ihnen für diese Klarstellung sehr dankbar. Sie trifft genau den Punkt, um den es mir ging. Ansonsten empfehle ich den Besuch unserer „Türkischen Bibliothek“ mit 15.000 Medien, für dessen Aufbau und Vermittlung ein türkischer Lektor sorgt. Die Stadtbibliothek Duisburg war seit 1974 ein Vorreiter für die interkulturelle Bibliotheksarbeit und ist es bis heute geblieben. Herr Schaper ebenso wie Drauz entwerfen ein völlig verzerrtes Bild der Wirklichkeit – „Methode Sarrazin“ eben. Dazu gehört auch der Vergleich mit Wolfgang Herrmann, der für die Zusammenstellung der „Schwarzen Listen“ im Jahre 1933 verantwortlich war. Genau das soll hier doch wieder praktiziert werden: Bibliothekare sollen vorschreiben, was ausgeliehen und gelesen werden darf. Wo bleibt da die demokratische Meinungsbildung?
    Ansonsten habe ich Frau Dr. Niggemann, die Generaldirektorin der Deutschen Nationalbibliothek, über den gesamten Vorgang informiert. Ich gehe davon aus, dass sie sich zu den „Vorwürfen“ äußern wird.

  18. Ich kann der Frage „Wo bleibt da die demokratische Meinungsbildung?“ nicht völlig unbefangen folgen und wiederhole gerne mein oben genanntes Beispiel: was passiert denn, wenn eine größere Zahl an Bibliotheksnutzern sich Bücher der Kategorie „Braune Esoterik“ (wem das nichts sagt: Google hilft) wünschen? Muss ich diese dann zum Wohle der demokratischen Meinungsbildung in meinen Bestand aufnehmen – schließlich sind sie ja nicht verboten? Ich halte diese je nach Sachlage definierte politische Neutralität für tatsächlich diskussionswürdig. Nicht aber möchte ich deswegen Zensur, nur müssen wir definieren, z.B. in einem Leitbild, was Grundlage der Beschaffung von Medien ist. Das einfach mit einem Verweis auf demokratische Meinungsbildung zu ignorieren greift zu kurz!

  19. Sinnentnehmendes Lesen gehört nach meinem Kenntnisstand zum Lehrplan in Klasse 7.
    Ich habe mich bereits in meinem ersten Beitrag klar gegen Zensur geäußert. Und ich habe mich ebenso klar gegen die Verwendung dieses aberwitzigen Wortes aus der braunen Kiste verwahrt.

    Jeder liest wie er kann.

    Kishon ist tot – er hätte sonst sicher längst ergänzend zum „Titelwalzer“ eine Satire über „Namedropping“ geschrieben 🙂

  20. „Bibliothekare sollen vorschreiben, was ausgeliehen und gelesen werden darf.“ – Aber das tun sie doch! – Wenn man jetzt einmal weggeht vom Wort Zensur, weggeht von Vorwürfen, dann ist doch hinsichtlich einer Bestandspolitik klar, dass man nicht alles kaufen kann. Soviel Geld hat niemand. Folglich muss man unter Knappheitsbedingungen auswählen und eine Entscheidung für oder gegen bestimmte Titel treffen. Für Entscheidungen – beispielsweise für eine Staffelung von Sarrazin-Bänden – gibt es Gründe. Über Gründe kann man diskutieren, beispielsweise unter den Vorzeichen einer wichtigen Debatte in unserer Gesellschaft.
    Ebenso bei der Vergabe/Angabe von Schlagwörtern: Natürlich kann man nicht jedes einzelne Schlagwort diskutieren oder sich zum Büttel widerstreitender Meinungen über Schlagwörter machen lassen. Aber wenn ein bestimmtes Schlagwort eine sehr negative Konnotation vor dem Hintergrund deutscher Vergangenheit hat, dann wird es doch erlaubt sein, das zu problematisieren.
    Nachtrag: Wie wäre es mit der Veränderung des Schlagworts von „Überfremdung“ in „Überfremdungsangst“?

  21. @jplie
    »Nachtrag: Wie wäre es mit der Veränderung des Schlagworts von “Überfremdung” in “Überfremdungsangst”?«

    Guter Vorschlag. Nach den Regeln für den Schlagwortkatalog (RSWK) wäre allerdings möglicherweise das Kompositum aufzulösen und durch die Schlagwortreihe (oder -folge oder -kette) „Überfremdung / Angst“ wiederzugeben. Dann wären wir wieder am Anfang angekommen. Diese Zerlegungskontroll-Regel ist allerdings auch ein ziemliches Ärgernis, wenn man bedenkt, dass es immer noch kein Schlagwort „Webdesign“ gibt – man muss das immer noch durch „Webseite / Gestaltung“ darstellen, absolut hirnrissig.

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  24. Ich hab mir eben zum ersten mal die Diskussion im netbib-Blog durchgelesen und bin in zweifacher Hinsicht schockiert:
    Zum einen über den Ton, der angeschlagen wird, sobald manche Personen auch nur der geringsten Kritik ausgesetzt werden (siehe Herr Barbian und Nemissimo),
    Zum anderen über die Tatsache, dass man sofort den Zensur-Vorwurf an den Kopf bekommt, nur weil man als Bibliothek ein Buch nicht kaufen möchte. Der Erwerb liegt immer im Ermessen des Budgets und daraus resultierend im Ermessen des dafür zuständigen Bibliothekars. Wenn das Geld alle ist, kann ein Buch halt nicht gekauft werden. Dann kann es dreimal in der Spiegel-Bestesellerliste stehen, das ist dann auch egal.
    Und diese Liste als das A und O der Erwerbung zu betrachten, finde ich ehfragwürdig. Wozu beschäftigt man sich dann in der Ausbildung noch mit Bestandsaufbau? Da kann man den Studenten auch gleich sagen: kauft die Spiegel-Bestsellerliste und den Rest überlasst der EKZ.
    Dafür brauch ich nicht studieren, das kann auch jemand ungelerntes.

    Zensur bedeutet m.E. das ein Werk weder publiziert noch verfügbar gemacht werden darf. Das trifft bei Sarrazin nicht zu. Das Buch wurde vielfach gedruckt und verkauft. Und nur weil eine Bibliothek es sich nicht hundertfach ins Regal stellt, ist das noch lange keine Zensur, sondern wohl überlegter Bestandsaufbau.

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  26. In dem von Herrn Dr. Plieninger angeführten Artikel im merkur-online (danke!) findet sich ein Hinweis auf die damalige Leiterin der Gemeindebücherei Planegg, Ursula Thym. Sie hatte sich einer Erwerbung zunächst entgegen gestemmt. Hier ihr Bild – http://www.merkur-online.de/lokales/planegg/jahre-engagement-hartnaeckigkeit-1228470.html – und meine Hochachtung. In der in ultra biblioteka andauernden Diskussion findet sich soeben ein Link http://ultrabiblioteka.wordpress.com/2011/08/17/selbstzensur-zensur-alltag-differenzieren-lohnt-sich/ (danke!), der nachvollziehen lässt, was passiert, wenn man sich der tobenden Schafherde verweigert: http://www.merkur-online.de/lokales/wuermtal/planegg-sich-sachen-sarrazin-selbstzensur-901826.html