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Migrationsland 2011

ist der Titel des zweiten Jahresgutachtens des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR). Richtete das erste Gutachten „Einwanderungsgesellschaft 2010“ den Blick nach innen, um (zum Thema unübertroffen) den Stand der Integration auszuloten, geht es nunmehr um die Bundesrepublik im Gefüge des internationalen Wanderungsgeschehens. In einer Bilderserie zur Migrationsgeschichte Deutschlands heißt es: „Heute ist Deutschland ein Migrationsland mit hoher transnationaler Mobilität in der statistischen Mitte zwischen Ein- und Auswanderungsland.“ Nicht nur Zuwanderung prägt die Bundesrepublik – es gibt auch Abwanderung. Eine besondere Leistung der deutschen Migrationspolitik und -debatte ist dabei die Abwanderung qualifizierter Menschen; einer der vielen Punkte, auf die von den zumeist „realpolitisch“ orientierten Mitgliedern des SVR früh mahnend hingewiesen wurde. (So sind auch gerade aus diesem Spektrum – hier: Bade – die fatalen Sarrazin-Thesen kritisiert worden.) Das Gutachten beschäftigt sich mit Wirtschafts-, Flucht-, irregulärer Wanderung, Familienzusammenführung und dem Zusammenhang von Wanderung und Entwicklung. Gehen diese Themen Bibliotheken an? Nun, diese Gruppen und ihre Wanderungsanlässe sind es, die als New Immigrants in amerikanischen Bibliotheken Zielgruppe besonderer Bibliotheksdienste sind. Das Gutachten erlaubt einen vertiefenderen Blick auf diese Gruppen. Da sind z. B. irreguläre Migranten, eine in deutschen Bibliotheken nahezu unbeachtete Gruppe. Da sind diejenigen, die in die Bundesrepublik zur Arbeitsaufnahme einwandern, wobei das Gutachten besonders Hochqualifizierte und Studenten betrachtet. Bei einer Abschätzung zukünftiger Herkunftsräume dieser – weltweit umworbenen – Zuwanderer wird der (sprachliche) Startnachteil Deutschlands deutlich. Die Autoren empfehlen u. a. verstärkte Deutschkursangebote der Goethe-Institute. Es liegt nahe, dass auch (öffentliche wie wissenschaftliche!) Bibliotheken ihr Augenmerk auf eine (sprachliche usw.) Eingliederungs- und eine zügige Orientierungsfunktion legen sollten und nicht auf imaginäre Kulturen der Zuwanderer.

Die Seiten von interkulturelle Bibliothek enthalten – unzulängliche und zunehmend zu einem Datenfriedhof werdende – Hinweise auf staatliche Programme im Bereich Migration. Spiegelbildlich hierzu müssten Hinweise auf zivilgesellschaftliche Aktivitäten stehen. Deren Schilderung fehlt gänzlich. Der SVR ist inhaltlich Mainstream; es wird deutlich, einen wie hohen inhaltlichen Konsens es bei den – auch international – ausgewiesensten Forschern unterschiedlicher Disziplinen zu Migrationsfragen gibt. (Das politische Spektrum reicht dabei von der Grünen, die die blauen Augen des Islamisten ganz sentimental machen, bis zum Hardcore-Neoliberalen.) Fehlt schon der zivilgesellschaftliche Mainstream, so mag man gar nicht daran denken, dass Bibliotheken einen Beitrag zu den „Kämpfen der Migration“ (so der vortreffliche Begriff aus dem linksradikalen politischen Spektrum, vgl. Bojadžijev) leisten sollten: zu den Kämpfen von Menschen, die sich gegen die Bedrängungen von Ausländerrecht und Behörden, die sich in Lohn- und Arbeitskämpfen oder als Mieter (jetzt in Hamburg gegen die GAGFAH) zur Wehr setzen.

Das Gutachten wird u. a. heute – Gastgeberin ist die Zeit-Stiftung – in Hamburg vorgestellt.

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