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Der kurioese Bibliotheksbote worinnen zu finden sind allerley newe Zeitungen

verschwundene Arbeiten

Bei einem Treffen der Dienstleistungskommission des dbv sprachen wir u.a. über veränderte und verschwundene Arbeitsgänge in Bibliotheken. Die Älteren unter uns können sicher noch von viel mehr verschwundenen Arbeiten erzählen (z.B. Einstellen von Katalogkarten und Zetteln allgemein), es sind hier nur „aktuelle“ Veränderungen aufgeführt. Das Ergebnis eines Brainstormings ist – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – unten mal grob zusammengefasst. Falls jemand Ergänzungen oder Korrekturen dazu hat, bitte im Kommentarfeld hinterlassen, danke!

Vergangenheit – Gegenwart Gegenwart – Zukunft
Fernleihe – Fachpersonal bibliographiert, signiert eingehende Bestellungen Endnutzer recherchieren und bestellen selbst in Verbundkatalogen
Fernleihe – Zentralkataloge haben die „Leitwege“ der Bestellungen festgelegt Zentralkataloge gibt es nicht mehr, die Systeme in den Verbundkatalogen sind parametrisiert und verteilen u.a. nach Auslastung
Katalogisierung – Titelaufnahmen in jeder Bibliothek Heute Datenübernahme aus Zentralsystemen, speziell bei Retrokatalogisierung findet Outsourcing statt
Ausleihe, Ausgabe von Medien, Vormerkungen usw. am „Schalter“ Teilweise ohne Personal, Selbstverbucher für Ausleihe schon lange eingeführt, jetzt RFID-Terminals. Abholung von Vormerkungen und Magazinbestellungen aus Regalen bzw. Schränken
Rückgabe von Medien am „Schalter“ Rückgabe an RFID-Terminals bzw. Bücherboxen
Einsortierarbeiten der zurückgegeben Bücher Rückgabe in automatische Sortieranlagen (durch RFID)
Bestandsaufbau durch Fachreferenten „user-generated aquisition“, Approval Plans
inhaltliche Erschließung durch Fachpersonal mit Hilfe von Systematiken, Schlagworten, Diensten der DNB neue Standards, RDA, tagging,  Semantic Web…
eBooks statt Papier bedeutet: weniger Rechnungen (es werden oft Pakete statt einzelner Titel gekauft), weniger Titelaufnahmen, weniger Erschließung, weniger Regalplatz, keine Einsortierarbeiten…
elektronische statt gedruckte Zeitschriften s. eBooks. Keine Bindearbeiten und Bindekosten
Beratung, Auskunft primär am Serviceplatz in der Bibliothek Beratung über elektronische Dienste (Mail, Chat, Skype, Twitter…), soziale Netzwerke

Autor: Edlef Stabenau

Ich bin Bibliothekar

31 Kommentare

  1. Die Kommission muss sich irren, anders ist nicht erklärlich, dass nach wie vor diese angeblich „verschwundenen“ Arbeitsgänge bzw. Aufgaben einen großen Teil der Ausbildung in Anspruch nehmen.

  2. Durchaus verzichtbare Arbeiten:
    Ablegen der Bestellzettel in der Bestellkartei;
    Vorakzession bei Büchern anhand von Bestellkartei und Alphabetischen Katalog, manchmal sogar noch anhand einer Interimskartei (um auch die Bücher zu erfassen, die nicht mehr in der Bestellkartei und noch nicht im Katalog verzeichnet waren);
    dass. bei Zeitschriften anhand des Kardex;
    erneutes Erfassen der Mediendaten bei er Katalogisierung, also Nichtübernahme der Bestelldaten;
    Überprüfen der Fernleihbestellungen (ob für wissenschaftliche Zwecke, ob kein lieferbares preiswertes Taschenbuch);
    Wegsortieren der einzelnen Teile des meist dreiteiligen Leihscheins in Ausleih-, Nutzer- und Fristkartei;
    Überprüfen der Fristkartei zu Mahnzwecken, manuelles Ausfertigen der Mahnungen.

  3. @Susanne Drauz
    wahrscheinlich sind die Veränderung zu geschwind, um in den aktuellen Lehrplänen berücksichtigt zu werden, vgl. auch diesen, nicht ganz aktuellen Film über das Berufsbild…

  4. das könnte natürlich sein, diese rasante Entwicklung direkt von Herrn Gensfleisch zu webzwonull, da kann so ein Lehrplanentwickler schon mal ins Schleudern kommen; wahrscheinlich bin ich einfach zu ungeduldig 🙁

  5. Ich glaube, man muss auch ein bisschen nach der Größe der Bibliothek gehen: in Spezialbibliotheken findet Veränderung viel schneller statt als in großen Unibibliotheken, wage ich zu behaupten. Von daher ist es bestimmt nicht verkehrt, dass in der Ausbildung noch beides vorkommt.

  6. Was m.E. fehlt, ist der Hinweis auf viele im Hintergrund ablaufenden Tätigkeiten, damit manches vordergründig verschwinden kann, z.B. bei der Zurverfügungstellung von Selbstverbuchern oder Selbstbedienungsfunktionen.
    Oder auf verschobene Tätigkeiten: Auch bei eBook-Paketen müssen (Massen-)Daten in den Katalog, müssen in verschiedenen Systemen ordentlich dargestellt werden, Zugänge müssen funktionieren, …

  7. Sie meinen offensichtlich, dass die Fernleihe jetzt von der Poststelle
    erledigt werden kann.
    Da muss ich Sie enttäuschen:
    „Endnutzer recherchieren und bestellen selbst in Verbundkatalogen“
    ergibt ganz neue Tätigkeitsfelder…

  8. @duefrost
    Ich weiß natürlich, dass die Fernleihe nicht in der Poststelle erledigt werden kann, allerdings sind die zeitlich aufwendigen und anspruchsvollen Arbeiten wie z.B. das Bibliographieren vielfach weggefallen bzw. nicht mehr nötig… Natürlich kann man mit der „eingesparten“ Zeit wundervolle Dinge tun 😉

  9. @Edlef Stabenau: Dass das Bibliographieren weggefallen ist, möchte ich nicht unterstreichen => gerade bei Aufsatzbestellungen muss man schon auch noch Nach-Bibliographieren, wenn man feststellt, dass Aufsatz + Zeitschrift absolut nicht zusammen passen. Und das kommt nicht selten vor (schon bei mir hier in einer relativ kleinen Bibliothek). Also, nur dadurch, dass die Bestellung über’s Netz aufgegeben wird und nicht mehr auf einen Leihschein getippt wird, haben sich nicht unbedingt die Fähigkeiten der Nutzer_innen verbessert 😉

    Im Prinzip stimmt es aber natürlich, dass sich die Arbeitsbereiche komplett geändert haben. Womit man wieder bei dem Thema von Eingruppierungen und Beschreibung von Tätigkeitsfeldern ist, die ja auch inzwischen völlig überholt sind… (s. auch den Artikel im aktuellen BuB-Heft „Von der Wiege bis zur Bahre: E9 für Bibliothekare“)

    So, nun wende ich mich mal wieder klassischer Arbeit zu… 😉

  10. Claudia :

    …Also, nur dadurch, dass die Bestellung über’s Netz aufgegeben wird und nicht mehr auf einen Leihschein getippt wird, haben sich nicht unbedingt die Fähigkeiten der Nutzer_innen verbessert ;-)

    Dem stimme ich natürlich zu, allerdings stört es die Nutzer scheinbar nicht…

  11. irgendwie lerne ich diese selbstständigen und fleißigen nutzer, die ausführlich selbst recherchieren nie kennen – aber vielleicht hat der bei mir nie zeit, nachdem er selbst seine fahrkarten gekauft hat, noch bei frisör selbst die haare gefönt hat und zum abschluß im selbstbedienungsladen sein essen selbst zusammengestellt hat… 😉 bei „Gegenwart – Zukunft“ könnte man noch (betrachtet man aktuelle stellenausschreibungen) den absoluten heiligen gral der bibliothekarischen arbeit einfügen: hervorragende Kenntnisse in PICA… und auch wenn ich dafür noch keinen echten ansatz sehe: früher – liebevoll zusammengeschusterte bibliotheksführungen / zukunft – auf der grundlage pädagogischer kompetenzen erstellte infokompetenzveranstaltungen

  12. @iche
    auch wenn einem das nicht gefällt (ich finde es am Flughafen extrem blöd, aber bei der Bank gut), ist Selbstbedienung heute Standard und unsere NutzerInnen erwarten meist nichts von uns (meine Erfahrungen in 2 UBs). Die Freude ist meist natürlich groß, wenn sie mehr Auskunft bekommen als erwartet. Informationskompetenz (was ist das überhaupt?) vermitteln Medienpädagogen evtl. besser?
    Zum Thema Bezahlung und Wertschätzung von Arbeit:
    Stellenanzeige für (Fach-)HochschulabsolventInnen der Medien-, Kommunikationswissenschaft, Journalistik oder vergleichbare Ausbildung oder dieser Blogartikel Qualitätsautoren (!) bei PC-Welt gesucht, für 10 Euro pro News Wir sind zwar keine Journalisten, aber das ist eine ähnliche Entwicklung…
    Es nützt leider nichts, ganz tolle Sachen anzubieten, die niemand will bzw. „kauft“, egal wie sinnvoll diese sein mögen. Bei uns werden leider seit einiger Zeit nicht mal mehr Führungen zum Semesterbeginn nnachgefragt…

  13. Stichwort Führungen zum Semesterbeginn: nachdem ich selbst ja miterleben durfte was sich so alles „Führungen zum Semesterbeginn“ nennt wundert es mich nicht – ich wiederhole gerne noch mal: wie soll es auch ohne pädagogische Kompetenzen sinnvoll werden.

    Ob mir die Selbstbedienung gefällt oder nicht steht ja gar nicht zur Debatte – es bedarf aber einer Debatte, welche Rolle wir Biliothekarinnen und Bibliothekare in der Gesellschaft dabei einnehmen wollen. Folgen wir allen Trends oder versuchen wir selbst welche zu entwickeln – dürfen wir uns Gedanken über Fehlentwicklungen im Miteinander der Gesellschaft machen oder müssen wir uns einfach um Lösungen bemühen, jedweder Veränderung gerecht zu werden?
    Eben deswegen empfinde ich viele der Argumentationen als letztlich zu dünn und viel zu allgemein. Ich muss zuletzt auch noch hinzufügen, dass ich mehr und mehr davon überzeugt bin, dass die Kernkompetenzen der Bibliothekarinnen und Bibliothekare in den verschiedenen Bibliothekstypen sich gerade deutlich auseinanderentwickeln.

  14. Pingback: Infobib » Verschwundene bibliothekarische Arbeiten

  15. Pingback: [Leseempfehlung] Arbeiten in Bibliotheken : Bibliothekarisch.de

  16. Pingback: 500 Euro für alle statt Bibliothek? « A growing organism

  17. Pingback: Verschwindende Arbeiten | Extrablatt

  18. @Susanne Drauz
    Vielleicht könnte man dann eher sagen: „verschwindend“. Es sind schon viele Recherchier- und Sortierarbeiten weg. Andererseits ist aus dem Mangel an Information eher ein Dickicht geworden. Die DLK will keinesfalls sagen, dass der Bibliothekar nichts mehr zu tun hätte, vielmehr hat er anderes zu tun. Z. B. dass die überall angeblich frei zugängliche elektronische Literatur es auch wirklich ist. Vom Kampf mit Lizenzen, Verlagen und Providern steht in heeren Papieren des WR oder der DFG nämlich nichts..

  19. @iche
    interessant ist für mich an Ihren Feststellungen zur Selbsbedienungsmentalität, die durchaus so auftreten, auch dass der Kunde sich das gefallen lässt. Er zahlt doch häufig den gleichen Preis für weniger Leistung und arbeitet auch noch selber dafür. Ich habe letztens einem verdutzten Frisör gesagt, dass meine Haare gerne trocken wären, wenn ich aus dem Salon gehe. Wieso herrscht dann in Bibliotheken Knopfdruckmentalität? .. wie oft begegnen wir Leuten, die meinen Angebot X müsst doch bitte „allen zugänglich“ und die Literaturrecherche für eine Arbeit könnte doch Leistung der Bibliothek sein. Mir schrieb letztens eine Wissenschaftlerin, ob ich ihr die Bücher nicht bringen könne und sie außerdem gerne eine Statistik der täglichen Bestellungen der Bibliothek hätte. Man möchte also in der Biblothek seine Dienstleistung nicht selbst mit erarbeiten und auch noch „den dummen“ Bibliothekar zum Arbeiten bringen. Woran liegt das? Weil wir selber immer meinen, alle Türen öffnen zu müssen. Und uns selbst immer dafür knebeln lassen, was die Welt kostet

  20. Man müsste dafür eine viel grundsätzlichere Diskussion über den Arbeitsbegriff selbst führen, der hier vielleicht zu weit führen würde. Eines der grundsätzlichen Probleme ist immernoch, dass ein sehr großer Teil der Menschen Arbeit nur mit Erwerbsarbeit gleichsetzt. Wenn man jede Tätigkeit als Arbeit begreift z.B. den Haushalt, das selbständige Fahrkarten kaufen und auch die Selbstverbuchung würde man erkennen, dass die Zahl der täglich geleisteten Arbeitsstunden in den letzten zehn Jahren sicherlich gestiegen ist. Im Ergebnis ist es eine Diskussion, die die Gesellschaft führen sollte und auch wir Bibliothekarinnen und Bibliothekare.

  21. @Annette Kustos
    ein guter Korrekturvorschlag: verschwindende statt verschwundene Arbeiten. Andererseits hat das mit meinem Kritikpunkt nichts zu tun, denn ich finde auch über „die Kunst des ‚Kampf[es] mit Lizenzen, Verlagen und Providern'“ nichts in den Lehrplänen – es wird also angeblich auf die verschwindenen Arbeiten vorbereitet und nicht auf die entstandenen bzw. entstehenden – da aber die Ausbildung stets den Finger am Puls des Bedarfes hat, muß die Theorie der DLK falsch sein q.e.d

  22. @Susanne Drauz

    Da könnte man jetzt sehr viel zu erzählen und diskutieren – zur Frage des Realitätsanspruches der bibliothekarischen Ausbildung…

  23. @Edlef Stabenau

    Es gibt gewisse Ungleichzeitigkeiten, was die Entwicklung in den Bibliotheken angeht, um NutzerInnen zeitgemässe Fernleihbestellungen über das Netz zu erlauben. Hier ein Bild der berühmten Leihschein-Schreibmaschine in der Stabi zu Berlin – die hoffentlich inzwischen abgebaut ist.
    http://www.flickr.com/photos/39802678@N08/3651587729/in/set-72157620272941894/

    • Danke! Wir hatten vor 2 – 3 Jahren(?) noch ein aktuelleres Modell in rot. Allerdings waren viele StudenInnen überfordert mit der Bedienung. Aber der Begriff „Ungleichzeitigkeiten“ ist schön!

  24. Ich würde, was das katalogisieren angeht, etwas weiter gehen: die MARC-Daten werden von den Verlagen geliefert und jede Bibliothek muss nur noch ihre Exemplare anhängen. Da würden einige Kapazitäten für das Fördern der Informationskompetenz der Benutzenden frei.

  25. @Susanne Mayer

    völlig richtig – wozu man zum Katalogisieren studieren muss hat sich mir eh noch nie erschlossen… zum Thema „Vermittlung von Informationskompetenz“: mir fehlt immernoch das Verständnis dafür Infokompetenz vermitteln zu wollen, es professionell zu nennen, ohne dass dafür echte Kompetenzen pädagogischer Art vorhanden sind…

  26. @iche einverstanden. Ich habe in Chur Inf.wiss. studiert und das Fach Didaktik fehlte völlig.

  27. Pingback: Verschwundene Tätigkeiten, Fachreferat und Informationskompetenz | Hapke-Weblog

  28. aus inetbib:

    Weiterbildungslehrgang Medienpädagogik auf Hochschulstufe

    Medienkompetenz ist heute eine Schlüsselkompetenz. Mit dem Internet hat
    sich der Informationszugang grundlegend verändert. Bibliotheken als
    zentrale Drehscheiben des Wissens stehen damit zunehmend vor der Aufgabe
    medienpädagogisches Know-how effektiv einzusetzen und auch zu vermitteln.

    Dazu bietet die FHS St.Gallen, Hochschule für Angewandte Wissenschaften
    einen Zertifikatslehrgang an. In sieben Modulen bilden sich die
    Teilnehmenden zu medienpädagogischen Fachpersonen weiter. Schwerpunkte
    bilden Inhalte der Medienforschung, Medienerziehung, Mediendidaktik,
    Mediengestaltung und Medienrecht. Nach Abschluss der Ausbildung sind die
    Teilnehmenden in der Lage, ihre Bibliothek in zentralen
    medienpädagogischen Fragen zu beraten und medienpädagogische Projekte zu
    initiieren, zu begleiten sowie durchzuführen.
    Mehr Informationen: http://www.fhsg.ch/medienpaedagogik

  29. Übrigens: durfte vor einigen Tagen mal hinter die Kulissen dieser Super-Neuerungen schauen:
    „Rückgabe an RFID-Terminals bzw. Bücherboxen –
    Rückgabe in automatische Sortieranlagen (durch RFID)“
    Da schufteten die Kolleginnen, die vorher so freundlich am Schalter standen, in einem Schlecker-mäßigen Raum und holten die Bücher aus tiefen Containern raus…
    Erinnerte irgendwie an Fred Feuersteins „Auto“.

  30. Pingback: Webaktiviäten vom June 6th | Wolfgang B. Ruge