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Spiele sind nicht gleich Spiele?

In Viersen ist die „untere Grenze“-Debatte neu entbrannt – anhand von Spielen für Wii, Nintendo und Playstation. Bei der Viersener Stadtbibliothek ist der Streit um Spielekonsolen für die Bibliothek im Kulturausschuss entbrannt, als es um eine Satzungsänderung ging. Das Geld für Konsolen und Spiele kommt von einer Stiftung, mit der Satzungsänderung sollte eine besondere Gebühr für die Ausleihe von Konsolenspielen festgesetzt werden. Bei der Sitzung des Kulturausschusses jedoch bezweifelten die CDU-Vertreter/innen, dass Konsolenspiele mit dem Bildungsauftrag einer Bibliothek vereinbar seien. Spiele müssten einen Lerneffekt haben, dürften nicht dem Freizeitvergnügen dienen. Politiker anderer Parteien hielten dagegen, man brauche aktuelle Medien und durch Spiele würden Jugendliche für die Bibliothek gewonnen. Die Angelegenheit kommt in der Herbstsitzung des Kulturausschusses nochmal auf die Tagesordnung. [via Rheinische Post]

6 Kommentare

  1. Es ist nun mal ein grundsätzliches Problem unserer Bildungs- und Kulturlandschaft, dass in diesen lokalen Ausschüssen selten Politiker mit Ahnung oder Interesse am Fach sitzen – zu oft schon habe ich genau die erwähnte Debatte miterleben müssen.

  2. Beim Bau der Stadtbibliothek Viersen spielte nicht nur der Bildungsauftrag sondern auch der Standortauftrag für die umgebenden Geschäfte eine zentrale Rolle. Wenn ich mich richtig erinnere, war der Bau einer stark frequentierten Zentralbibliothek außerhalb der Fußgängerzone eine Forderung der dort ansässigen Geschäftsleute. Insofern wäre „Bildungsauftrag“ hier nicht das einzige Kriterium. Erstaunlich finde ich, dass der Antrag abgelehnt wurde, obwohl keine Kosten für die Stadt entstehen. Das ist tatsächlich eine „Untere-Grenze-Diskussion“, die eine ganze Medienart mit Minus-Niveau gleichsetzt und den Standortauftrag gegen den „Unbildungeffekt “ niedriger bewertet. Felicitas Römer beschreibt in ihrem Buch „Arme Superkinder“, dass ihr ein Artikelentwurf über Stepptanz für Kinder von einer Familienzeitschrift zur Überarbeitung zurückgegeben wurde, weil sie nicht dargestellt hatte, welche feinmotorischen und rhythmischen „Kompetenzen“ mit dem Tanz generiert würden. Das wird das K.O.-Kriterium der Zukunft: Sie werden doch nicht etwa nur Spaß haben wollen? Als Bibliothekare sollten wir die Zeit bis zum Herbst nutzen und schon mal ein präventives Kompetenzenportfolio pro Medienart und -niveau zusammenstellen. Auch wenn die Sparkasse in Viersen dann vielleicht nicht mehr bürgen muss, andere Bürgschaften werden gezogen werden und die Spaßfrage wird sich wieder stellen – dann aber in einem anderem Zusammenhang. Albert Vigoleis Thelen hätte seinen Spaß daran gehabt, dass die Freunde der Wirtschaft an deren Produkten so leiden. Er hatte halt seinen ganz eigenen Humor.

  3. Nun ja, die CDU sagt ja immer wieder gerne, konservativ stünde für „Werte bewahren“ – da ist es manchmal gut, wenn man sich vorher Gedanken darüber macht, was ein bewahrungswürdiger Wert eigentlich ist. Aber in dieser Aufgabe „denken vor reden“ liegt möglicherweise die Crux für die CDU-Stadträte in Viersen? http://www.sueddeutsche.de/wissen/iq-und-politische-einstellung-konservative-sind-weniger-intelligent-1.13440
    Pardon, das ist natürlich polemisch, aber diese Steilvorlage konnte ich mir nicht entgehen lassen. jplie, in der Bibliothek Deines Institutes findest Du hoffentlich ganz viele Gegenstimmen? 😉

  4. vielleicht verweisen Sie im Herbst die CDU-Vertreter/innen einmal auf die vielen Anwendungsgebiete der Serious Games neben den allbekannten Lernspielen http://www.seriousgames-berlin.de/newsroom/archiv/2011/99/serious-games-anwendungsbereiche.html oder die Fähigkeiten, die man mit Hilfe von Computerspielen trainieren kann http://www.seriousgames-berlin.de/newsroom/archiv/2011/07-2011/lern-mit-computerspielen.html

    Darüber hinaus gibt es bereits diverse wissenschaftliche Studien, die die positive Wirkung der Konsolen-Sportspiele (wie z.B. Motivations- und, Muskelaufbau, Rehabilitation im medizinischen Bereich) belegen.

  5. Werden da etwa auch Comics (CDU-Sprache: „Schmutz und Schund“) angeboten? Und nicht auszudenken, wenn sogar CDs mit Negermusik erhältlich wären.

  6. „Das ist unser Dichter, der Herr Lalli.“ ist ein häufig genutzes Zitat einer CDU Stadträtin (und Chefarzt-Gattin) meiner Heimatstadt, das peinlicherweise unter Nennung aller Klarnamen in einem ZEIT Artikel für die Ewigkeit festgehalten wurde:
    http://www.zeit.de/1996/41/Unser_Dichter_auf_der_Couch