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Der kurioese Bibliotheksbote worinnen zu finden sind allerley newe Zeitungen

Faktisch Null Prozent Nutzung

Der Kölner FH-Professor Hermann Rösch hat auf dem 17. Thüringer Bibliothekstag in Ilmenau ziemlich hingelangt. Google und Wikipedia – so Rösch – hätten bei der Beantwortung von Informationsfragen einen großen Vorsprung, die Nutzung der Auskunft sei gleich 0 Prozent (daher das Zitat im Titel, das sich auf die Verhältnisse in den USA bezieht). Bibliotheken müssten mit ihrem Pfund wuchern, Expertenwissen bieten:

„Alleinstellungsmerkmale der Bibliotheken seien die Qualitäts-Garantie, Langzeitarchivierung, Kataloge, persönliche Beratung, kostenloser Zugang, Neutralität. „

Die Optimierung der Internetauftritte (lies: -dienstleistungen) und die Anreicherung der Kataloge bis hin zur Ergänzung mit Volltexten sei das Gebot der Stunde.
Auf der Tagung wurde auch der Thüringische Bibliothekspreis an die Stadt – und Kreisbibliothek Zella-Mehlis überreicht. [via inSüdthüringen.de]

17 Kommentare

  1. Was genau bedeutet eigentlich „Qualitätsgarantie“? Und was sind die Anknüpfungstatsachen für diese Theorie?

  2. Dazu gleich noch eine Frage: was ist „Neutralität“?

  3. Ich habe nach Abitur und Studium in Deutschland erst bei einem USA-Aufenthalt zufällig erfahren, dass man in einer Bibliothek auch etwas anderes fragen kann als „haben sie ein Buch zu…“ oder „wo steht Buch xyz“. Allgemeine „Auskunft“ war zumindest damals (1990er Jahre) in meinen Breiten völig unbekannt.

  4. Wie ist das eigentlich, wenn man einmal im Jahr so einen wunderbar wachrüttelnden kritischen Bullshit-Bingo-Buzzword-Vortrag besucht, darf man sich dann den Besuch der Christmette sparen? Oder geht es bei diesen Vorträgen noch um etwas anderes als Augenwischerei?

  5. @Susanne Drauz

    Ich wollte es auch schon so ähnlich schreiben, dachte dann aber, ich hätte den Vorrat an Meckereien für diese Woche schon verbraucht. Andererseits ist es ja genau richtig, wie Sie es schreiben.

    Bedrückend ist dabei, dass diese schwurbelnde Selbstbeweihräucherung auch nach innen betrieben wird, in den eigenen Berufsstand hinein. Nach außen könnte ich es ja ertragen, dass sich das Bibliothekarinnen und Bibliothekare auch noch ständig selbst sagen, wohl wissend (oder auch nicht), dass es größtenteils Käse ist. Dies scheint mir sehr viel dramatischer.

  6. @Susanne Drauz Sollen Bibliothekare erst der Bibliothekarischen Volksfront oder gar der Volksfront für Bibliotheken
    http://www.youtube.com/watch?v=6pwmffpugRo
    angehören müssen, um sich so etwas anhören zu dürfen? Soll Zukunft nicht mehr gedacht oder vermittelt werden, wenn keine gesicherte Praxis dahinter steht? Und bestehen die Fragen der Zukunft nicht zum Teil aus Buzzwords? Jedenfalls finde ich das nett, wenn ein Prof den ÖBs ins Gewissen redet, die Internetdienstleistungen als Dienstleistung zu begreifen und den Katalog aufzuwerten.

  7. Ein Prof redet den ÖBs in Gewissen – hat das was mit Bock zum Gärtner machen zu tun? Kommt jetzt plötzlich die Innovation des Bibliothekswesens aus der Ausbildung? Warum sagt mir das denn keiner?

    Und warum weißt mich denn niemand auf diesen wunderbaren Aufsatz hin: http://www.ifla.org/files/faife/lectures-papers/BuB-%20Roesch.pdf
    „…Weil also Bibliotheken im Kampf gegen Korruption eine hervorragende Rolle spielen, muss Bestechlichkeit auch in den eigenen Reihen strikt unterbunden
    werden. Daher wird im Manifesto on Transparency auch dieser Aspekt besonders
    hervorgehoben. Zwischen Lieferanten und Bibliothekaren darf es keine geheimen Absprachen oder irgendwelche Formen der Vorteilsnahme geben…“ Ich habe Anfang des Jahres gehört bzw. gelesen, dass man hier in diesem unserem Lande auch darüber nachdenkt, ob so ein Manifest nicht was ganz Nettes wäre…

    Noch ein Thema für die nächste Sonntags(gardinen)predigt?

  8. @Bürger In meiner Ausbildung Ende der siebziger Jahre war Auskunft(sdienst) das Zukunftsthema. An der FHB war Professor Deligdisch als Missionar tätig und schulte zusammen mit Herrn Papendiek in Info1 und Info2 ganze Jahrgänge in der Handhabung der Referenzliteratur. Offensichtlich hat es das Thema nicht in die Breite geschafft, wenn es Ihnen in den 1990ern unbekannt war.

    @Susanne Drauz Innovation aus der Ausbildung heraus? Vielleicht. Kommt hier
    http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=hPKP7Brc2zM
    jedenfalls zum Ausdruck.

  9. yep, er benutzt den Ausdruck „Lotsen“… noch so ein Ding von Bibliothekaren, man nennt sich Informationsspezialist oder noch besser information professional und damit ist man einer – cogito ergo sum für Bibliothekare? Tagging offline?

  10. @Susanne Drauz

    Jaaaa – weiter so! 🙂

    Da ich ja noch recht frisch aus der sogenannten Ausbildung komme, frage ich mich tatsächlich, wofür wir Spezialisten sein sollen. Spezialisten für gebündeltes Halbwissen gepaart mit konzentriertem und für die praktische Anwendung unnützem Lehrbuchblabla ist in etwas das, was mein Studium ergab. Das Lehrbuchblabla habe ich recht schnell vergessen (was im Bewerbungsgespräch ziemlich oft ungeschickt ist, aber auch egal, da im Ergebnis die eigenen Kompetenzen zumeist keine Rollen spielten bei der Entscheidung – ähm, abgesehen von PICA – dem Heiland aller bibliothekarischen Kompetenzfelder), und das gebündelte Halbwissen ist nur zu Fachwissen geworden, wenn man sich außerhalb des Studiums etwas angeeignet hat. Soll heißen: ich würde gerne wissen, wer überhaupt wofür Spezialist geworden sein soll im Bibliothekswesen. Ich sehe mehrheitlich nur Leute, die erkannt haben was gut wäre (was auch schon eine tolle Sache an sich ist), aber zumeist keine ernsthafte Ausbildung dafür erfahren haben, Stichwort: Vermittlung von Informationskompetenz.

  11. @Susanne Drauz Sorry, das mit der Transparenz und dem IFLA-Manifest ist hier untergegangen. Was soll man denn von einem Berufsstand verlangen, in dessen Dachverband BID ein Bibliotheksdienstleister vertreten ist?

  12. Der Herr Festredner ist erstmal FH-Prof. und beschäftigt sich mit dem Thema Transparenz – na ja, vielleicht auch nicht mehr, denn aktuell treibt er wohl eine andere Sau durchs Dorf.
    Das mit der Transparenz als Thema kommt ja auch ein bisschen ulkig beim geneigten Leser an, wenn man sich klar macht, dass die Fakultät, der der Herr Festredner angehört bis heute einen Verbindungsoffizier zu einem Dienstleister stellt. Da muss die Frage gestattet sein, ob der Herr Festredner im eigenen Haus nichts erreichen konnte oder wollte mit der Transparenz…
    Aber wenn ich das Vorlesungsverzeichnis genau studieren würde, würde ich wahrscheinlich schnell feststellen können, dass die schönen Thesen des Herrn Festredners den Studierenden an jeder Ecke vermittelt werden – er also bei seiner Festrede nur angemahnt hat, man möge sich auf den neuesten Stand der Erkenntnisse weiterbilden.
    Vielleicht hat er aber auch nur einfach einen alten Artikel in der BuB gelesen? ;-D
    Honi soit qui mal y pense

  13. Nein, er beschäftigt sich mit anderen in der Arbeitsgruppe ‚Bibliothek und Ethik‘ der BID durchaus weiter mit Fragen der Ethik. Und auf dem BIB-OPUS-Server findet man auch die Präsentation von Professor Rösch bei der Veranstaltung dieser Arbeitsgruppe auf dem letzten Bibliothekartag, aus der man auch etwas über Neutralität beim Bestandsaufbau erfahren kann.

  14. Na ja, Ethik tut ja auch nicht weh, passt doch zur Sonntagspredigt. Aber ist ja schon rührend, dass er die Sarrazin-Schlagworterei in seinem Berliner Vortrag verwurstet hat und damit man es auch merkt, hat er die Überfremdung gerötet – geändert hat sich natürlich nichts…
    Aber das Thema Transparenz iSd Manifesto on Transparency ist irgendwie wieder unter den Tisch gefallen, oder? So eine Vogel Strauß Politik hat doch irgendwie auch was für sich…

  15. 1. Die Arbeitsgruppe ‘Bibliothek und Ethik’ der BID kann man getrost vergessen. Wer es schafft einem Horst Köhler einen Ehrenpreis für außergewöhnliches Engagement für Bibliotheken zu verleihen, ohne die Vor“leistungen“ des Bundes-Horst zu beachten, wer hingegen nicht schafft auf eine harmlose Email, die fragt wie man diese Preisverleihung mit eben jenen ethischen Grundsätzen des BID zu vereinen gedenkt, überhaupt inhaltlich zu antworten, den muss man gar nicht ernst nehmen. Den muss manaber schon gar nicht ernst nehmen, wenn er dann schlau über Ethik spricht. Handeln gehört eben auch zum Leben, nicht nur reden.

    2. Gerade das Beispiel Sarrazin zeigt, dass der Ansatz wie Bibliotheken beurteilt werden längst neu diskutiert gehört. Herrn Rösch fällt nämlich nicht viel mehr ein als zu fragen, wie man denn mit bösen Nutzerkommentaren umginge, wie man „neutral“ verschlagwortet etc. Die Frage, ob eine Bibliothek eine demokratiefördernde Einrichtung ist wäre eine wesentlich interessantere, als die Art der Einschränkung durch den Berufsstand zu diskutieren. Vielleicht bräuchte es da mal neue Ansätze? Wobei, irgendwo zwischen dem Ansatz „Kunde“ und dem Ansatz partizipative Demokratie hakt es dann natürlich. Wobei, als Kunde und Kulturfolger nehme ich ja schon teil, wenn ich mir ein Buch ausleihe oder meien 5 Sterne im Katalog vergeben habe.

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